Anna Zemánková

Anna Zemánková (* 23. August 1908 in Hodolein, Österreich-Ungarn; † 15. Januar 1986 in Mníšek pod Brdy) war eine tschechoslowakische Zahnärztin und Malerin, die zu den weltweit bedeutendsten Künstlerinnen der Art brut gezählt wird.

Leben

Anna Zemánková wurde in Hodolein, heute ein Teil von Olmütz, in der Markgrafschaft Mähren als Tochter des Friseurs Antonín Veselý und seiner Frau Adolfa geboren. Sie wuchs mit ihren zwei jüngeren Brüdern Alois und Adolf auf, nachdem ihre ältere Schwester Adolfa im Kindesalter gestorben war. Sie wurde im Glauben der Böhmischen Brüder erzogen und besuchte ab 1914 die Grundschule. Politisch wurde sie von ihrem Vater, einem Sozialdemokraten, geprägt. Sie war künstlerisch begabt, zeichnete und malte.[1] Trotz ihrer künstlerischen Begabung studierte sie auf Wunsch ihrer Eltern ab 1924 Zahnmedizin in Olmütz und arbeitete drei Jahre in der Zahnarztpraxis von Dr. Dubový, bis sie sich 1931 mit einer eigenen Praxis als Zahntechnikerin selbstständig machte, die sie bis 1936 führte.[2] In den 1930er Jahren schuf sie Landschaftsgemälde, die bis heute erhalten sind.[3]

1933 heiratete Anna Zemánková den bei der Intendantur beschäftigten Armeeangehörigen Bohumír Zemánek (1904–1969). 1935 kam Sohn Bohumír (1935–1939) zur Welt, der im Kindesalter an Krebs starb, ein Jahr später Sohn Slavomír (1936–2013). Sie widmete sich dann hauptsächlich der Familie und Kindererziehung und gab auch ihre künstlerische Arbeit auf.[2] Sie zog mit der Familie nach Brünn, wo ihr Mann als Beamter tätig war. Dort wurde Sohn Bohumil (1942–1996) geboren. 1945 folgte der Umzug nach Kroměříž, wo Bohumír Zemánek im regionalen Versorgungskorps der wiederhergestellten tschechoslowakischen Armee arbeitete. Nach mehreren Fehlgeburten wurde 1948 Anynka (oder Anna) als Tochter in die Familie aufgenommen.[4] Als ihr Mann als Major zum Generalstab der tschechoslowakischen Streitkräfte einberufen wurde, zog Anna Zemánková mit der Familie nach Prag. In den 1950er Jahren entwickelte sie eine Depression[5][6][7] und durchlebte bis Anfang der 1960er Jahre mit dem Erwachsenwerden ihrer Kinder eine Zeit psychischer Instabilität.[3]

1960 studierte ihr Sohn Slavomír Medizin und Sohn Bohumil stand vor dem Studiumsbeginn in Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste. Nachdem sie die Gemälde ihrer Mutter im Haus in der Buzuluská-Straße im Prager Stadtteil Dejvice gefunden hatten, bestärkten sie sie, wieder künstlerisch tätig zu werden. Im Zeichnen und Malen als Autodidaktin fand Anna Zemánková einen Ausgleich und lebenslange Hauptbeschäftigung. Sie zeichnete vor der Hausarbeit täglich von vier bis sieben Uhr morgens wie in einem Trancezustand[7] und hörte dabei klassische Musik, oft von Johann Sebastian Bach oder Leoš Janáček.[1] 1969 starb ihr Mann und 1977 zog sie vom Prager Stadtteil Dejvice in eine Wohnung in Nusle. Sie war zunehmend auf die Unterstützung durch ihre Kinder angewiesen, da sich ihr Gesundheitszustand aufgrund ihrer Diabeteserkrankung so sehr verschlechterte, dass sie die Wohnung nicht mehr alleine verlassen konnte. Die Erkrankung machte 1982 die Amputation ihres ersten Beins notwendig.[5][6] Nach der Amputation auch des zweiten Beins 1983 zog sie in ein Seniorenheim in Mníšek pod Brdy, wo ihr Sohn Slavomír als Arzt arbeitete. Auch dort arbeitete Anna Zemánková bis zu ihrem Tod Anfang 1986 trotz der Erkrankung an einem Glaukom weiterhin künstlerisch, hauptsächlich an textilbasierten Miniaturen.[3]

Werk

Anna Zemánkovás detaillierte Zeichnungen sind inspiriert von der Natur und erinnern mit ihren geometrischen Spiralen und Wirbeln an botanische Zeichnungen früherer Jahrhunderte.[5] Diese exotischen Pflanzen und Blumen stehen im Mittelpunkt ihres künstlerischen Schaffens. Über ihre Bilder sagte Anna Zemánková: „Ich züchte Blumen, die nirgendwo sonst wachsen.“[6] Die Motive ihrer Kunstwerke entstanden erst im Schaffensprozess selbst.[7]

Anna Zemánkovás Œuvre umfasst „leuchtende botanische Zeichnungen, düstere geometrische Temperamalereien bis hin zu Pastellmalereien auf verschiedenen Papiersorten, die sie mit Garn bestickte, die ihren Zeichnungen einen reliefartigen Charakter verliehen, sowie einigen gefalteten Miniaturen, die sie 1986 schuf“.[1] Die Suche nach neuen Techniken, die sie befriedigten, führte zu Collagen aus Papier oder Textilien, Häkelapplikationen oder dem Aufkleben von Perlen und Pailletten. Dabei wurden Techniken, die sie zuvor zur Dekoration ihres Hauses, der Kinderzimmer und ihrer Kleidung verwendet hatte, zu einem integralen Bestandteil ihrer Arbeit.[4] Sie bezog die Textilien in ihre Arbeiten mit ein[7] und bestickte Möbelelstoffe, von denen viele nicht erhalten sind. Im Laufe der Zeit entwickelte sich ihr Werk von großen Arbeiten auf Papier zu deutlich kleineren, strukturierteren Werken.[6]

Sie arbeitete zunächst mit Wasserfarben und Tusche,[7] malte zwischen 1960 und 1963 mit Tempera und näherte sich der Pastellmalerei an. Ab 1963 bis etwa 1966 begann sie, mit Feder und Tinte, später mit Kugelschreiber, Mikrostrukturen in ihre Pastellzeichnungen zu integrieren. Außerdem arbeitete sie mit Perforationen, die sie auch für ihre Lampenschirme verwendete. 1971 entwickelte sie eine Technik, geprägte Reliefs auf handgeschöpftem Papier herzustellen. Ab 1973 fertigte sie Gemälde und Farbzeichnungen auf gestärktem Satin, die sie dann ausgeschnitten auf Papier aufklebte. Einige ihrer Bilder verzierte sie mit Stickereien, Perlen und Pailletten.[3]

Anna Zemánková ist in bedeutenden Art Brut-Sammlungen weltweit vertreten. Bereits die Sammlung von Jean Dubuffet enthält Arbeiten von ihr. Werke von ihr befinden sich unter anderem im LaM – Lille Métropole, musée d’art moderne, d’art contemporain et d’art brut, dem Arnulf-Rainer-Museum in Wien, seit 1980 in der Collection de l’Art Brut in Lausanne,[3] der Halle Saint Pierre in Paris, dem Intuit: The Center for Intuitive and Outsider Art in Chicago, dem Milwaukee Art Museum in Milwaukee, dem Musée de la Création Franche in Bègles, dem Museum Dr. Guislain in Gent, dem Museum of International Folk Art in New York, dem Museum für moderne Kunst in Olmütz,[6] der „Sammlung Hannah Rieger – Living in Art brut“, der Sammlung des Centre Georges-Pompidou in Paris,[7] dem Museum of Fine Arts, Boston[8] und dem Philadelphia Art Museum.[9]

Ausstellungen (Auswahl)

Anna Zemánková stellte ihre Werke erstmals 1964 in ihrer Prager Wohnung in einem Kreis von Freunden und Künstlern aus.[1] 1966 fand ihre erste Einzelausstellung im Divadlo Na zábradlí statt. Es folgen Gruppenausstellungen mit anderen naiven Künstlern.[3] Die Ausstellung Outsiders in der Hayward Gallery in London im Jahr 1979 begründete Anna Zemánkovás internationale Karriere.[3]

Commons: Anna Zemánková – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c d Greg Nissan: The Incandescent Botany of Overlooked Czech Artist Anna Zemánková. In: Weiss Berlin vom 18. April 2019. Abgerufen am 10. Oktober 2025
  2. a b Anna Zemánková. In: Cavin-Morris Gallery. Abgerufen am 11. Oktober 2025
  3. a b c d e f g h Curiculum - data. In: Website zu Anna Zemánková. Abgerufen am 11. Oktober 2025
  4. a b Biographie. In: Website zu Anna Zemánková. Abgerufen am 11. Oktober 2025
  5. a b c 50 Artists. In: Raw Vision: Women in Outsider Art. Ausgabe 103, Herbst 2019, S. 49
  6. a b c d e f Anna Zemánková. In outsiderartfair.com. Abgerufen am 10. Oktober 2025
  7. a b c d e f Anna Zemánková. In: Hannah Rieger – Living in Art Brut. Abgerufen am 11. Oktober 2025
  8. a b Anna Zemánková: hortus deliciarum #2. In christianberst.com. Abgerufen am 10. Oktober 2025
  9. a b c The Secret Lives of Plants. In: The Gallery Of Everything. Abgerufen am 11. Oktober 2025
  10. Anna Zemánková. In: Serpentine Gallery. Abgerufen am 11. Oktober 2025
  11. ALMA. Mediums and visionaries. In: Es Baluard Museu d’Art Contemporani de Palma. Abgerufen am 11. Oktober 2025
  12. Anna Zemánková. In: La Biennale di Venezia. Abgerufen am 11. Oktober 2025