Anna Sophia Polak
Anna Sophia Polak (geboren 27. April 1874 in Rotterdam; gestorben 26. Februar 1943 in Auschwitz-Birkenau) war eine niederländische Feministin und Sozialreformerin.
Leben
Anna Sophia Polak wurde am 27. April 1874 in Rotterdam geboren. Ihr Vater Herman Joseph Polak (1844–1908) war Lehrer für klassische Sprachen und später Professor, ihre Mutter war Louisa Helena Stibbe (1848–1936). Sie hatte keine Geschwister und wuchs in einer intellektuell liberalen jüdischen Familie auf. Polak besuchte die fünfjährige Höhere Allgemeine Sekundarschule für Mädchen und ihr Vater, der stellvertretender Schulleiter des Erasmiaansch-Gymnasiums unterrichtete sie in Latein und Griechisch. Dadurch konnte sie 1893 die Abschlussprüfungen am Gymnasium ablegen. Eine akademische Laufbahn interessierte sie nicht, weil einzig die klassischen Sprachen für sie interessant gewesen wären und nach einem entsprechenden Studium sie nur Lehrerin hätte werden können.[1]
Frauenbewegung
Die Familie zog nach Groningen, als ihr Vater 1894 eine Professur für griechische Sprache und Literatur annahm. Anna Polak studierte im Selbststudium soziale und politische Arbeit. Zudem wurde sie zertifizierte Übersetzerin für Italienisch und engagierte sich in der Toynbee-Bewegung. Vermutlich lernte sie dabei auch Cato Pekelharing-Doijer (1858–1913) kennen, die zu den Initiatoren der Nationalen Ausstellung zur Frauenarbeit gehörte. Ab 1896 unterstützte sie diese bei der Organisation der Ausstellung. Für Anna Polak war dies der Einstieg in die Frauenbewegung. Die Ausstellung inspirierte sie auch zu ihrem Buch „Frauenarbeit in den Niederlanden“, welches 1902 erschien. Ein Kapitel in ihrem Buch widmete sie der Rede von Catharine van Tussenbroek, die einen „Mangel an Lebensenergie“ bei Mädchen beklagte. Dies führte sie auf fehlenden Ehrgeiz und Zielstrebigkeit zurück, da von ihnen nur erwartet würde, dass sie auf eine gute Heirat zu warten hätten.[1]
In ihrem Werk wurde die Vorstellung, dass Arbeit „eine der reichsten Quellen der Lebensfreude für jeden arbeitsfähigen Erwachsenen, Mann wie Frau“ sei, zu einem zentralen Thema. Arbeit, zu der auch die Hausarbeit zählte, betrachtete sie als notwendig für das Lebensglück. So stellte sie damit die vorherrschende Ansicht in Frage, dass eine Frau für ihr Glück von einem Mann abhängig sei. Ein zweiter Punkt, um glücklich zu sein, war für sie neben der Arbeit die Liebe zu einem anderen Menschen. Diese musste nicht zwingend einem Mann gelten, diese Liebe könne auch einer Mutter, Schwester Freundin, einem Adoptivkind entgegengebracht werden.[1]
Nationaler Verband für Frauenarbeit
Die Ausstellung „Nationale Tentoonstelling van Vrouwenarbeid“ von 1898 war nicht nur ein gesellschaftlicher, sondern auch ein finanzieller Erfolg und dank der im Überschuss erwirtschafteten Mittel konnte 1901 der Nationale Verband für Frauenarbeit (NVvVA) gegründet werden und das zugehörige Nationale Büro für Frauenarbeit (NBV). Das Ziel des Verbandes war es, „das Arbeitsfeld für niederländische Frauen zu erforschen, zu erweitern und zu verbessern“. Anna Polak wurde 1904 die Schatzmeisterin des Verbandes und war von 1907 bis 1908 Vorstandsmitglied der Groninger Zweigstelle der Vereinigung für das Frauenwahlrecht.[1]
Polaks Vater starb im Juni 1908 und sie wurde im September zur Direktorin des Verbandes in Den Haag ernannt. Dort trat sie die Nachfolge von Marie Jungius an. Mit ihrer Mutter zog sie nach Den Haag und 1917 konnte sie eine Wohnung über dem Büro des Verbandes beziehen. Sie war 28 Jahre für den Verband tätig und konnte gut mit der stellvertretenden Direktorin Marie Heinen zusammenarbeiten. Im Jahr 1912 gründete sie den Niederländischen Hausfrauenverband, da Hausfrauen dringend eine Vereinigung benötigten, die ihre Interessen vertrat. Polak und Heinen waren über viele Jahre die einzigen bezahlten Mitarbeiterinnen des Vereins und sie konnten auf die Hilfe zahlreicher Freiwilliger zählen, mit denen sie Studien zur Frauenarbeit durchführen, jährlich Hunderte von Informationsanfragen beantworten und auf politische Entwicklungen reagierten.[1]
Polak führte in ihren Ausführungen auch das Konzept der wirtschaftlichen Unabhängigkeit der Frau ein. Dazu entwickelte sie an der Nationalen Volkshochschule eine Berufsorientierung für Mädchen. Es wurden Dutzende von Broschüren verfasst, wie „Berufsausbildung in Mädchen-Industrieschulen und verwandten Einrichtungen“ (1911) und „Die richtige Person am richtigen Platz“ (1921) – sowie Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, unter anderem für „De Economist“, geschrieben. Als Anerkennung ihrer Expertise wurde sie im Jahr 1920 zur Vorsitzenden des Ausschusses für Berufe und Gewerbe des internationalen Frauenrats gewählt und zum Mitglied des Hohen Arbeitsrates im Jahr 1922. Für ihre Verdienste um die Frauenbewegung wurde sie 1926 zum Offizier des Ordens von Oranien-Nassau ernannt.[1]
Polak kämpfte während der Weltwirtschaftskrise gegen den zunehmenden Ausschluss von Frauen vom Arbeitsmarkt und sie nannte den königlichen Erlass von 1924, mit dem weibliche Beamte bei Heirat aus dem Dienst gewiesen wurden als „den größten Schlag, den die Frauenbewegung in diesem Land je erlitten hat“. Angesichts ihres nationalen und internationalen Ansehens hatte diese entschiedene Aussage große Wirkung. In den Niederlanden jedoch wurde diese Ausschlusspolitik fortgesetzt und der Verband geriet zunehmend in die Defensive. Vermutlich sorgte dieses politisch Klima dazu, dass sich Polak in ihren Veröffentlichungen differenzierter über Frauen auf dem Arbeitsmarkt äußerte. Sie schrieb nun über „Frauenberufe“, vermutlich in dem Bestreben, zumindest jene Arbeitsplätze zu erhalten, in denen Frauen gut vertreten waren.[1]
Im Jahr 1932 wurde Polak in das internationale Expertenkomitee für Frauenarbeit (Comité d'Experts pour le Travail Féminin) in Genf berufen. Jedoch war sie zu diesem Zeitpunkt bereits körperlich und geistig eingeschränkt. Sie wurde vom Vorstand des „Niederländischern Verband der Arbeiterinnen“ im Februar 1936 aufgefordert, sich krankzumelden. Sie selbst war nicht der Meinung, dass dies nötig wäre. Vermutlich zeigten sich bereits zu dieser Zeit erste Anzeichen einer Demenz. Im September 1936 wurde sie ehrenhaft aus dem Verband entlassen und sie legte etwa zur gleichen Zeit auch ihre anderen nationalen und internationalen Ämter nieder. Der Verband hatte ihr eine Rente zugesichert und musste innerhalb der Frauenbewegung um Unterstützung bitten, um diese aufzubringen.
Letzte Jahre
Über Anna Polaks letzten Jahre ist wenig bekannt. Kurz nachdem sie den Verband verlassen hatte, wurde sie unter Vormundschaft gestellt und konnte ihre Post nicht mehr selbst bearbeiten. Während die Niederlande deutsch besetzt waren, wurde sie 1941 in die psychiatrische Klinik Oud-Rosenburg in Den Haag eingewiesen. Anfang 1943 wurde sie mit anderen jüdischen Patienten aus der Klinik zunächst in das Durchgangslager Westerbork deportiert. Von dort wurde sie ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau transportiert und unmittelbar nach ihrer Ankunft im Zuge des Holocaust ermordet.
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g Francisca de Haan: Polak, Anna Sophie. In: Digitaal Vrouwenlexicon van Nederland. 1. September 2015, abgerufen am 29. Dezember 2025 (niederländisch).