Ambroise-Auguste Liébeault

Ambroise-Auguste Liébeault (* 16. September 1823 in Favières (Meurthe-et-Moselle); † 18. Februar 1904 in Nancy) war ein französischer Arzt; er gilt als einer der Väter der Hypnotherapie und auch der Psychotherapie.[1]

Leben und Werk

Er war der Jüngste von sechs Söhnen einer Landwirtsfamilie aus Lothringen mit zwölf Kindern. Von seinen Eltern war er für den Priesterberuf bestimmt, aber mit 21 Jahren verließ er das Priesterseminar, um ab 1844 an der Universität Straßburg Medizin zu studieren. Von da an interessierte er sich für „animalischen Magnetismus“, doch seine Lehrer rieten ihm davon ab, diesen Weg weiter zu verfolgen. Nach seiner Doktorarbeit (1850) ließ er sich als Landarzt in Pont-Saint-Vincent nieder.

Sein Interesse an hypnotischer Suggestion entstand neu, als er am 27. Januar 1860 an der Akademie der Wissenschaften einen Vortrag von Alfred Armand Velpeau über die Arbeit von James Braid hörte. In seinen „Bekenntnissen eines ärztlichen Hypnotiseurs“ 1886 beschreibt er, dass er ursprünglich von den Magnetiseuren Jules du Potet de Sennevoy, genannt Baron du Potet de Sennevoy,[2] und dem Schweizer Bühnenmagnetiseur Charles Lafontaine beeinflusst gewesen sei, dann aber mehr und mehr Braids Methode übernommen habe. 1864 gab er seine Landpraxis auf, um als «ärztlicher Magnetiseur» nach Nancy zu übersiedeln. Nach seiner Niederlassung in Nancy unternahm er Therapien mittels Hypnose. Seine Kollegen verspotteten ihn, seine wohlhabende Klientel wandte sich ab und er widmete sein Leben der kostenlosen Behandlung der proletarischen Bevölkerung von Nancy. Weil auch seine Patienten „seriös“ behandelt werden wollten, d. h. nicht nur mit Hypnose, bot er ihnen an, sie gegen Honorar mit „offizieller Medizin“ oder mit Hypnose unentgeltlich zu behandeln. Vier Jahre lang hatte er nun eine Doppelpraxis, vormittags Hypnose in einer Scheune mit 50 bis 70 Patienten und nachmittags konventionelle Medizin in seiner Arztpraxis. Er, der sich damals als „Heiler“ bezeichnete, begann 1864 mit dem Schreiben seines Werks über den Schlaf und analoge Zustände, einen Versuch, die Phänomene der Hypnose experimentell zu untersuchen. Das Buch erschien 1866 und fand nur einen (!) Käufer. 1867 lehnte die Medizinisch-Psychologische Gesellschaft die Theorien des Autors ab. Während der Besetzung von Nancy durch die Deutschen 1871 wurde er kurzfristig Chefchirurg in einer Klinik. Nach dem Friedensvertrag nahm er seine Hypnosepraxis wieder auf.

Um 1880 führte er einige Heilungen an hysterischen Insassen einer Nervenheilanstalt durch und wurde dadurch in Nancy bekannt. 1882 heilte er vier Patientinnen des Medizinprofessors Hippolyte Bernheim, Professor an der Universität Nancy und erweckte dadurch dessen Interesse und unterrichtete ihn schließlich in seiner Methode. In der Folge entstand die Schule von Nancy, auch als „Suggestionsschule“ bezeichnet. Die Nancy-Schule vertrat die Ansicht, dass Hypnose ein normales, durch Suggestion hervorgerufenes Phänomen sei, dies im Gegensatz zu den früheren Denkschulen, die hypnotische Trancezustände als Manifestationen von Magnetismus, Hysterie oder psychophysiologischen Phänomenen betrachteten. Mit seinem Vorgehen stand er in Opposition zur Salpêtrière-Schule unter Jean Martin Charcot, auch „Pariser Schule“ oder „Hysterieschule“ genannt; er betonte die Rolle der verbalen Suggestion stärker als den hypnotischen Zustand, der im Mittelpunkt der Pariser Gruppe stand.

1889 besuchte Sigmund Freud Liébeault; das experimentelle Material, das dieser ihm vorlegte, soll ihn auf den Weg zu seiner späteren Forschung über Konflikte, Neurosen und das Unbewusste gebracht haben. Auch Émile Coué kam an die Schule von Nancy und wurde von Liébeault beeinflusst. Während Coué über einen längeren Zeitraum hinweg intensiv bei Liébeault und Bernheim in Nancy studierte, besuchte Freud Nancy lediglich und beobachtete Bernheim bei seiner Arbeit. Liébeault erkannte vor allem den Wert psychologischer Mittel bei der Therapie von Krankheiten, die heute als psychosomatisch bezeichnet werden.

Ehrungen/Positionen

  • 1935: Büste von Ambroise-Auguste Liébeault im Parc Olry von Nancy
  • 1906: Büste vor der «Ecole de psychologie» in Paris

Privates

Er war seit 1851 ohne eigene Kinder verheiratet mit Anne Marie Charlotte Travailleur. Das Ehepaar hatte aber eine Adoptivtochter.

Publikationen (Auswahl)

Monografien
Zeitschriftenartikel
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Literatur

  • Axel W. Bauer: Liébeault, Ambroise-Auguste. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin, 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 852.
  • Burkhard Peter: Liébeault, Auguste Ambroise. In: G. Stumm, A. Pritz, P. Gumhalter, N. Nemeskeri, & M. Voracek (Hrsg.): Personenlexikon der Psychotherapie, Springer Wien 2005, S. 289–291.
  • Burkhard Peter: Geschichte der Hypnose in Deutschland. In: Dirk Revenstorf & Burkhard Peter (Hrsg.): Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin (S. 697–737). Springer, Heidelberg 2001, ISBN 9783642545764.
  • A. W. Van Renterghem: Liébeault et son École. In: Zeitschrift für Hypnotismus, 1896, 4, S. 333–375; 1897, 5, S. 46–55, S. 95–127; 6, S. 11–44.
  • Hans Huldrych Walser: Ambroise-Auguste Liébeault (1823–1904), der Begründer der „École hypnologique de Nancy“. In: Gesnerus, 1960, 17, S. 145–162.

Einzelnachweise

  1. Léon Chertok: LIÉBEAULT AUGUSTE AMBROISE (1823-1904) auf universalis.fr, abgerufen am 26. September 2025.
  2. Anne Jeanson: De la thérapeutique au spiritualisme: le baron du Potet de Sennevoy (1796-1881), prophète du magnétisme à Paris, abgerufen am 28. September 2025.