Alois Bürli
Alois Bürli (* 15. Januar 1939 in Zell LU; † 6. Oktober 2023 in Sursee) war ein Schweizer Psychologe und Heilpädagoge sowie langjähriger Direktor der Schweizerischen Zentralstelle für Heilpädagogik (SZH, heute Stiftung Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik). Er gilt als einer der prägenden Pioniere der modernen Heil- und Sonderpädagogik in der Schweiz und im internationalen Kontext.
Leben
Alois Bürli studierte ab 1958 am Heilpädagogischen Institut der Universität Freiburg (Schweiz) und erwarb 1961 das Diplom in Logopädie und Heilpädagogik. 1963 folgte das Diplom in Psychologie[1].
Anschliessend war er dort als Erziehungsberater und Logopäde an der Poliklinik des Heilpädagogischen Instituts tätig und setzte parallel seine akademische Laufbahn fort. Von 1964 bis 1965 war er Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) an der Universität Freiburg (Deutschland) mit den Schwerpunkten Psychodiagnostik und Klinische Psychologie. 1967 wurde Bürli vollamtlicher Mitarbeiter am Heilpädagogischen Institut in Freiburg (Schweiz) und promovierte im selben Jahr. Zwischen 1969 und 1972 forschte er als Stipendiat des Schweizerischen Nationalfonds an der Universität Konstanz sowie an mehreren US-amerikanischen Universitäten[1]
Leitung der Schweizerischen Zentralstelle für Heilpädagogik
Am 1. November 1972 übernahm Alois Bürli die Leitung der neu gegründeten Schweizerischen Zentralstelle für Heilpädagogik (SZH).[2] Der zentrale Auftrag bestand darin, nationale Rahmenprogramme für neue und spezialisierte Ausbildungsgänge in den heilpädagogischen Arbeitsfeldern zu schaffen.[1] Unter seiner Führung entwickelte sich die SZH von einer Koordinationsstelle für Ausbildungsfragen zu einer national und international anerkannten Fachstelle für Heil- und Sonderpädagogik.
Im Jahr 1975 wurde mit der Gründung der Vereinigung Schweizerische Zentralstelle für Heilpädagogik die Trägerschaft der Stelle breiter abgestützt. Die Finanzierung erfolgte durch Beiträge der Eidgenössischen Invalidenversicherung und der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) sowie zahlreicher privater Institutionen der Behindertenhilfe.
Unter seiner Leitung entstanden folgende zentrale Arbeitsbereiche:
- Koordination von Ausbildung, Weiterbildung und Forschung
- Aufbau von Dokumentationssystemen und Publikationsreihen
- Beratung von Bund, Kantonen und Institutionen
- Initiierung von Tagungen und Kongressen
Die SZH veröffentlichte unter Bürlis Führung zahlreiche Publikationen, darunter das Bulletin SZH/SPC, das Jahrbuch zur Schweizer Heilpädagogik, die Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik (ab 1995) und später die Revue suisse de pédagogie spécialisée. 1999 initiierte Bürli den Schweizer Heilpädagogik-Kongress, der bis heute alle zwei Jahre stattfindet.[3] Alois Bürli hat die SZH sowohl strukturell als auch inhaltlich geprägt und innovativ gestaltet, so dass die SZH bereits zu seiner Zeit weit über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannt und einflussreich war.[4] Er leitete die SZH bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2001.
Internationale Tätigkeit
Bürli engagierte sich in zahlreichen internationalen Organisationen, darunter beim Europarat, der OECD, der UNESCO und der European Agency for Special Needs and Inclusive Education. Während anfangs grenzüberschreitende Beschreibungen und Vergleiche im Zentrum standen, ging es im Zuge von Globalisierung und Internationalisierung zunehmend darum, internationale Normen und Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln. Im Rahmen von zwei grossen Studienreisen erkundete er sonderpädagogische Systeme vor Ort in Italien, England und den nordeuropäischen Staaten sowie in den USA und in Uganda. Auf dieser Grundlage veröffentlichte er vergleichende Studien zur Sonderpädagogik. Dabei rückte vor allem der weltweite Paradigmenwechsel von der Separation hin zu Integration bzw. Inklusion in den Mittelpunkt des Gedankenaustauschs. Er war im Kontext der allgemeinen Behindertenpädagogik einer der Motoren für die Beachtung internationaler Forschung.[5] Ein Höhepunkt seiner internationalen Tätigkeit war die Teilnahme als Schweizer Delegierter am UNESCO-Weltkongress in Salamanca (Spanien) im Jahr 1994.[6] Die dort verabschiedete Salamanca-Erklärung gilt als Schlüsseltext für das internationale Inklusionsverständnis im Bildungsbereich.
Publizistische Arbeit
Bürli war Autor und Herausgeber von über 200 Publikationen zur Heil- und Sonderpädagogik.[7]
Seine Schriften beinhalten Überlegungen zu heilpädagogischen Ausbildungsfragen, zur Weiterentwicklung des heilpädagogischen Systems der Schweiz, zur sonderpädagogischen Theoriebildung und zu international vergleichenden sonderpädagogischen Ansätzen.
Sein Werk Behindertenpädagogik international. Grundlagen – Perspektiven – Beispiele (Kohlhammer, Stuttgart 2020) gilt als Standardreferenz der vergleichenden Sonderpädagogik.[8]
Bürli war überzeugt, dass die Schule bestrebt sein müsse, eine möglichst wenig restriktive Umgebung zu schaffen.[9] Damit trug er wesentlich zur Verankerung von Integrations- und Inklusionskonzepten in der Schweiz aber auch im internationalen Kontext bei.
Ehrungen
- 2001: Ehrendoktorwürde der Universität Zürich für Verdienste um die Professionalisierung der Schweizer Heilpädagogik
Werke (Auswahl)
- Planungsbericht über das heilpädagogische Studium an der Universität Freiburg/Schweiz. Schweizerische Zentralstelle für Heilpädagogik, Luzern 1974.
- (Hrsg.) Sonderpädagogische Theoriebildung: vergleichende Sonderpädagogik. Referate der 13. Arbeitstagung der Dozenten für Sonderpädagogik in deutschsprachigen Ländern, Zürich. 2. Aufl. Verlag der Schweizerischen Zentralstelle für Heilpädagogik, Luzern 1981.
- Zur Integration behinderter Kinder in der Schweiz. Aspekte, Bd. 18. Verlag der Schweizerischen Zentralstelle für Heilpädagogik, Luzern 1986.
- Die Schweiz. In K. J. Klauer (Hrsg.): Vergleichende Sonderpädagogik (= Handbuch der Sonderpädagogik, Bd. 11). Ed. Marhold im Wiss.-Verl. Spiess, Düsseldorf 1987, S. 150–169.
- mit G. Bless: Aktives Leben behinderter Jugendlicher: Eingliederung in die Schule. Paris, 18.–20. September 1992. Organisation: OECD/CERI. Bundesamt für Bildung und Wissenschaft, Bern 1992.
- Grundzüge der Sonderpädagogik in der Schweiz. Aspekte, Bd. 20. 2., überarb. Aufl. Edition SZH/SPC, Luzern 1992.
- mit S. Rosenberg: UNESCO-Weltkongress über sonderpädagogischen Förderbedarf. In: Bulletin SZH/SPC, 1994 (4), S. 22–25; Behinderte, 1995 (1), S. 51–56.
- Sonderpädagogik international: Vergleiche, Tendenzen, Perspektiven. Edition SZH/SPC, Luzern 1997.
- (als Projektleiter): Heil-/Sonderpädagogik im Rahmen des schweizerischen Bildungswesens: Ausgangslage und Perspektiven. EDK, Bern 2005.
- mit F. Albrecht, A. Erdélyi, A. (Hrsg.): Internationale und vergleichende Heil- und Sonderpädagogik: aktuelle Diskussionen, Ergebnisse und Herausforderungen. Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2006.
- mit U. Strasser, A.-D. Stein (Hrsg.): Integration und Inklusion aus internationaler Sicht. Klinkhardt, Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2009.
- Behindertenpädagogik international: Grundlagen – Perspektiven – Beispiele. Kohlhammer, Stuttgart 2020.
Literatur
- A. Bürli: 10 Jahre Schweizerische Zentralstelle für Heilpädagogik – 10 années Sécretariat suisse de pédagogie curative. Verlag der Schweizerischen Zentralstelle für Heilpädagogik, Luzern 1983.
- H. Greving: Nachruf auf Alois Bürli. Berufs- und Fachverband Heilpädagogik (BHP). 2023. bhponline.de
- R. Lanners, B. Egloff, A. Bürli: 50 Jahre SZH: Von einer Vereinigung der Ausbildungsinstitute hin zum nationalen Kompetenzzentrum für inklusive Bildung. Edition SZH/CSPS, Bern 2023. edudoc.ch PDF
- G. Sturny-Bossart: Alois Bürli – ein Pionier der Schweizer Heilpädagogik hat uns für immer verlassen. In: Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 29(8), 2023, S. 53–56.
- P. Zentel, V. Munde, C. Keeley, D. L. Lutz: Komplexe Behinderungen – internationale Perspektiven. wbv, Bielefeld 2025, S. 13.
Einzelnachweise
- ↑ a b c A. Bürli, R. Lanners, B. Egloff: 50 Jahre SZH: von einer Vereinigung der Ausbildungsinstitute hin zum nationalen Kompetenzzentrum für inklusive Bildung. Edition SZH/CSPS, Bern 2023, S. 10. edudoc.ch
- ↑ A. Bürli: 10 Jahre Schweizerische Zentralstelle für Heilpädagogik – 10 années Sécretariat suisse de pédagogie curative. Verlag der Schweizerischen Zentralstelle für Heilpädagogik, Luzern 1983, S. 16
- ↑ G. Sturny-Bossart: Alois Bürli – ein Pionier der Schweizer Heilpädagogik hat uns für immer verlassen. In: Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 29(8), 2023, S. 54.
- ↑ H. Greving: Nachruf auf Alois Bürli. Berufs- und Fachverband Heilpädagogik (BHP). 31. Oktober 2023. bhponline.de
- ↑ P. Zentel, V. Munde, C. Keeley, D. L. Lutz: Komplexe Behinderungen – internationale Perspektiven. wbv, Bielefeld 2025, S. 13.
- ↑ G. Sturny-Bossart: Alois Bürli – ein Pionier der Schweizer Heilpädagogik hat uns für immer verlassen. In: Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 29(8), 2023, S. 55.
- ↑ Publikationen von Alois Bürli. In: edudoc.ch. Abgerufen am 28. Oktober 2025.
- ↑ P. Zentel, V. Munde, C. Keeley, D. L. Lutz: Komplexe Behinderungen – internationale Perspektiven. wbv, Bielefeld 2025, S. 13.
- ↑ G. Sturny-Bossart: Alois Bürli – ein Pionier der Schweizer Heilpädagogik hat uns für immer verlassen. In: Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 29(8), 2023, S. 55.