Allbeton
Die Allbetonbauweise ist eine Sonderform des Plattenbaus, bei der Betonfertigteile mit vor Ort gegossenen Betonkonstruktionen kombiniert werden. Als „Plattenbauweise nach dem Vorfertigungssystem Allbeton“ bezeichnete das Verfahren der Referent für Denkmalerfassung im Landesdenkmalamt Berlin, Dr. Bernhard Kohlenbach.[1] Das System stammt aus Schweden und die schwedische Schreibweise ist Allbetong.[2]
Definition
Im Archiv der New York University befindet sich ein öffentlich zugängliches Dokument der Firma Schälerbau, welches Allbeton folgendermaßen definiert:
„ALLBETON ist eine Stahlbetonbauweise nach dem Schottenwandprinzip. Grundlage des Systems ist der monolithische Baukörper, welcher für alle tragenden Teile – Fundamente, Schottenwände, Geschossdecken – in Ortbeton hergestellt wird. Raumlange und geschosshohe Spezialwandschalungen sowie raumgrosse Deckenschalungen (Deckenschalwagen) gewährleisten in Verbindung mit gutem Beton eine Oberfläche, die keines Putzes bedarf. Die Fassadenflächen bestehen aus Stahlbetonfertigbauteilen mit hochwertiger Isolierung und einer Aussenhaut aus Waschbeton, Keramik oder ähnlichem. [...] Die gesamte Aussenhaut für ALLBETON-Bauten besteht aus Stahlbetonfertigbauteilen, die raumbreit und geschosshoch sind.“[3]
Bei industriellen Bauweise mit Stahlbeton werden in den meisten Fällen einzelne Betonteile in einem Werk vorproduziert und dann auf der Baustelle montiert. Bei Großtafelbauweisen mit reinem Montagebau lassen sich nahezu alle Bauteile vorproduzieren. Bei der Allbetonbauweise handelt es sich auch um eine Form des industriellen Bauens mit einem hohen Vorfertigungsgrad. Der wesentliche Unterschied zum reinen Montagebau besteht darin, dass bei der Allbetonbauweise vor allem die Schalungselemente – aber auch Betonplatten – industriell in einer Fabrik vorproduziert werden. Auf der Baustelle werden die tragenden Bauteile mithilfe von vorgefertigten Schaltafeln vor Ort gegossen und mit vorproduzierten Fertigteilelementen kombiniert.[4]
Entwicklung in Schweden
Das schwedische Bauunternehmen Aktiebolaget Skånska Cementgjuteriet entwickelte zu Beginn der 1950er Jahre ein Verfahren für Betonkonstruktionen, bei dem die Schalungen vorgefertigt und wiederverwendbar sind – genannt „Allbetongmetoden“.[5] Maßgeblich bei der Konstruktion war die Zusammenarbeit mit den Architekten Fritz Jaenecke und Sten Samuelson bei dem Experimentalgebäude Bornholm in Malmö.[6] Das „Allbetonghuset“ befindet sich im Malmöer Stadtteil Rönneholm.[7]
Die Arbeit an dem Gebäude dauerte von 1950 bis 1952, wobei die Allbetonbauweise auf 1952 datiert ist.[8] (Fritz Jaenecke und Sten Samuelson beteiligten sich auch bei der internationalen Bauausstellung Interbau im Hansaviertel in Berlin. Ihr Gebäude wurde jedoch nicht in Allbetonbauweise errichtet, sondern als Betonskelettkonstruktion. Dafür war es so gestaltet, dass es nach Allbetonbauweise aussieht, obwohl es keine ist.[9]) Eine besondere Rolle spiele die Allbetonbauweise bei der Umsetzung des sogenannten Millionenprogramms.[10]
Schottenwandprinzip
Die typische Verwendung der Allbetonbauweise sind Schottenwandkonstruktionen, bei denen nur die innenliegenden Wände tragende Bauteile sind. Mit den vorgefertigten Schalungen werden die Schottenwände aus Ortbeton gegossen. Die Außenwände bestehen aus komplett vorproduzierten Betonfertigteilen. Je nach Bauweise werden zuerst alle Schottenwände aller Geschosse gegossen und dann in einem zweiten Schritt mit Außenwänden versehen. Beim Errichten von Hochhäusern kann es so ablaufen, dass in den unteres Geschossen bereits die Außenwandelemente montiert werden, während weiter oben noch die Schotten und Decken betoniert werden.
„Oft bieten Mischsysteme von Montage- und Ortbetonbauweisen Kostenvorteile. Beim System Allbeton (Schweden) z.B. werden alle tragenden und aussteifenden Querwände und Decken in vorgefertigter Schalung geschüttet, während die Außenwand als nicht tragendes mehrschaliges Fertigteil geschoßweise vorgehängt wird.“[11]
Hierin unterscheidet sich die Schottenbauweise Allbeton von anderen Plattenbauverfahren wie etwa WBS 70 oder System Camus.[12] Bei diesen handelt es sich um Schachtelbauweisen, bei denen auch die Außenwände tragend sind.[12]
Anwendung und Weiterentwicklung in Deutschland
Im Verlauf der 1950er Jahre lizenzierten mehrere deutsche Bauunternehmen das patentierte Verfahren und entwickelten es weiter. Bei der internationalen Bauausstellung Interbau im Hansaviertel in Berlin wurde das sogenannte Giraffe-Hochhaus mit Allbetonbauweise errichtet.[13] Dieses Projekt – Architekten Klaus Müller-Rehm und Gerhard Siegmann – wurde 1955 begonnen und war mit Beginn der Bauausstellung fertiggestellt und bezogen.[13]
In den 1960er Jahren wurde es beispielsweise beim Bau der Siedlungen Berlin-Märkisches Viertel[14] und Kiel-Mettenhof[4] eingesetzt. Auch in der DDR lizenzierte man die Allbetonbauweise.[15] So errichtete Bauten entstanden in Halle-Neustadt[16] und in Quedlinburg.[17] Ein bekanntes Beispiel ist das denkmalgeschützte Gropiushaus in Berlin-Gropiusstadt.[1] Ein wichtiger Lizenznehmer war die Firma Schälerbau in Berlin.[14] Schälerbau war 1954 der erste Lizenznehmer der Allbetonbauweise und bot die Durchführung schlüsselfertiger Bauaufträge für Wohnungs‑, Wohnheim- und Hotelhochbau an.[18]
Eine Weiterentwicklung der Allbetonbauweise ist die Verwendung herausziehbarerer Schaltische („Deckenschalwagen“[3]) für die Geschossdecken. Nach dem Aushärten des Betons der Geschossdecken kann das fahrbare Schalungsgerüst waagerecht herausgezogen werden und ein Stockwerk höher wieder verwendet werden.[4] Diese Form des industriellen Bauens ist ähnlich schnell wie reiner Montagebau, insbesondere mit dem Einsatz der waagerecht herausziehbaren und mitkletternden Stahltunnelschalungen.
Einzelnachweise
- ↑ a b Bernhard Kohlenbach: Berlin – Walter Gropius‘ späte Siedlungsarchitektur. In: Eckhard Herrel (Hrsg.): Maybrief. Nr. 43. Ernst-May-Gesellschaft e.V., April 2016, ISSN 2367-3141, S. 6 (ernst-may-gesellschaft.de [PDF]): „Dr. Bernhard Kohlenbach arbeitet seit 1993 beim Landesdenkmalamt Berlin, wo er unter anderem für die Berliner Denkmaltopographien, die flächendeckende Erfassung von Denkmalen und Wissensmanagement zuständig ist. Einen Schwerpunkt bilden momentan die Großprojekte der 1960er bis 1980er Jahre.“
- ↑ allbetong AB - www.allbetong.se. Abgerufen am 2. Oktober 2025 (sv-SE).
- ↑ a b Hermann Schäler Bauunternehmen: Appendix B (for the agreement between Heftziba & Shiler Bawn). Berlin November 1969 (nyu.edu [PDF]): „Die Aussenhaut dieser Elemente kann als Sichtbeton, Waschbeton oder mit Keramikbelag hergestellt werden. Waschbeton hat sich bisher als wirtschaftlichste Ausführung erwiesen. Die Fenster werden im Werk in die Fassadenelemente einbetoniert, sie sind malermässig so weit vorbehandelt, dass nach Montage der Fassadenelemente nur noch die letzte Lackierung der Fenster vorzunehmen ist. Bei Verwendung von Zargen (MONZA, Stahl-Schanz oder dergl.) werden anstelle der Fenster diese Zargen im Werk in die Elemente einbetoniert. Sämtliche Fugen zwischen den Fassadenplatten erhalten eine innere und äussere Dichtung. Innere Dichtung: Vertikalfugen – PVC-Fugenband in Nuten, Horizontalfugen – Dichtungsband Bostik, Hanno, Compri o. ä. mit entsprechendem Querschnitt. Äussere Dichtung: Sämtliche Fugen werden mit dauerelastischem Dichtungsmaterial auf Zweikomponentenbasis (Thiokol) gedichtet. Loggien- oder Balkonbrüstungen sowie Attiken werden ebenfalls in Sichtbeton, Waschbeton oder mit Keramikbelag hergestellt.“
- ↑ a b c Silke Langenberg: Von konventionell bis rationell – zur Bautechnik der neuen Heimat. In: Andres Lepik, Hilde Stribl (Hrsg.): Die Neue Heimat (1950–1982) – eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten. Zweite Auflage. Edition DETAIL, München 2020, ISBN 978-3-95553-476-9, S. 60: „Zur Erstellung des 25-stöckigen, die Siedlung weithin überragenden Hochhauses in Mettenhof kam das in Schweden entwickelte und seit 1955 auch in Deutschland erprobte ,Allbeton‘-Verfahren mit einer Stahltunnelschalung zum Einsatz, wobei Ortbetonverfahren und Vorfertigung miteinander kombiniert wurden. Hierbei sind zunächst die tragenden Zwischenwände mithilfe zusammenschraubbarer Schalungselementen betoniert worden. Die Schottenbauweise, bei der alle Innenwände und die Fassaden nicht tragend sind, ermöglicht den Einsatz eines fahrbaren Schalungsgerüsts, welches nach dem Betonieren der Decken von einem Kran wieder herausgezogen und versetzt wird. Schalungselemente und Kran klettern stockweise in die Höhe.“
- ↑ Historien om Skanska. Abgerufen am 2. Oktober 2025 (sv-SE): „Pa 1950-talet lanserade Skänska Cementgjuteriet en metod som skulle revolutionera husbyggandet. Allbetongmetoden handlade om prefabricerade betongelement som tillverkades i fabrik och sedan sattes ihop till bostäder.“
- ↑ Silke Haps: „Moderne Form – neue Baustoffe“: Das Fortschrittsversprechen „Fertighaus“ des Stahlunternehmens Hoesch in den 1960er-Jahren (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum. Nr. 263). De Gruyter Oldenbourg, München Wien 2025, ISBN 978-3-11-138434-4, S. 31 (oapen.org [PDF; abgerufen am 2. Oktober 2025]).
- ↑ Rönneholm. In: malmbrohamn.se. Bostadsrättsföreningen Malmbrohamn, 2019, abgerufen am 4. Oktober 2025 (schwedisch): „Mot Rönneholmsparken ligger ett av Malmös historiskt mest intressanta hus. Det är det så kallade ,Allbetonghuset‘. Det ritades av Fritz Jaenecke & Sten Samuelson 1952 och uppfördes i samarbete med Skånska Cementgjuteriet.“
- ↑ Skanska AB -- Company History. Abgerufen am 2. Oktober 2025.
- ↑ Gabi Dolff-Bonekämper, Franziska Schmidt: Das Hansaviertel – internationale Nachkriegsmoderne in Berlin. Verl. Bauwesen, Berlin 1999, ISBN 978-3-345-00639-5, S. 120.
- ↑ Historien om Skanska. Abgerufen am 2. Oktober 2025 (sv-SE): „Under miljonprogrammet 1965 till 1974 skulle bostadsbristen i Sverige byggas bort. Där blev betong och cement, i kombination med industrialiserade byggmetoder, avgörande för att planerna skulle lyckas. Under den här perioden byggde vi 10 000 nya bostäder varje är!“
- ↑ Heinrich Schmitt: Hochbau Konstruktion – Die Bauteile und das Baugefüge – Grundlagen des heutigen Bauens. Sechste, durchgesehene und überarbeitete Auflage. Vieweg + Teubner, Wiesbaden 1977, ISBN 978-3-663-00220-8, S. 415 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche [abgerufen am 3. Oktober 2025]).
- ↑ a b Fritz Rafeiner: Hochhäuser – Planung, Kosten, Bauausführung. Bauverlag, Wiesbaden, Berlin 1968, S. 43: „Für das Camus-System ist die totale Vorfabrikation aller Wände und Decken mit Fenstern, Türen, Installationen charakteristisch. Alle Gebäudewände, auch Fassaden, übernehmen tragende Funktionen. Alle diese Schachtelbauweisen haben folgende Vorteile: Zur Aufnahme von Windkräften stehen viele Wandscheiben zur Verfügung.“
- ↑ a b Klopstockstraße 2 K. Müller-Rehm – G. Siegmann, Giraffe. Abgerufen am 3. Oktober 2025.
- ↑ a b Alexander Wilde: Das Märkische Viertel. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1989, ISBN 978-3-87584-288-3, S. 64: „Die unter anderem den ersten Bauabschnitt am Dannenwalder Weg errichtende Firma Schälerbau arbeitete nach dem ,Allbeton-Verfahren‘, bei dem man fertige Decken- und Außenwandelemente auf Tiefladern herbeibrachte und zusammenmontierte. Die Innenwände errichtete man zügig an Ort und Stelle, indem zwischen großen Holzplatten die notwendigen Wasserleitungen und elektrischen Kabel befestigt und die Hohlräume dann mit der schnell härtenden Allbetonmischung ausgegossen wurden.“
- ↑ BAUWELT - Neustädter Passage. Abgerufen am 2. Oktober 2025: „In Schweden werden Lizenzen für die von der Firma Skånska Cementgjuteriet entwickelte Allbeton-Bauweise erworben. Das Betonkombinat Halle entwickelt diese Schotten-Mischbauweise, bei der die tragenden Wände und Decken vor Ort gegossen und die Fassadenelemente lediglich vorgehängt werden, zur Halleschen Monolithbauweise weiter.“
- ↑ Allbeton - Halle (Saale) - Lexikon. 2023, abgerufen am 2. Oktober 2025.
- ↑ Andreas W. Putz: Housing Paul and Paula – Building Repair and Urban Renewal in the German Democratic Republic. In: Architectural Histories. Band 7, Nr. 1, 2019, S. 8, 10 (eahn.org).
- ↑ HISTORIE. In: HEGEMANN-REINERS GRUPPE. Abgerufen am 2. Oktober 2025 (deutsch): „1954: Die technische Entwicklung im Bauwesen und insbesondere auf dem Gebiet der Vorfertigung schritt voran: SCHÄLERBAU wurde damals weltweit der erste Lizenznehmer der ,Allbeton‘-Bauweise nach dem Schottenwand-Prinzip. Dadurch wurde dem schlüsselfertigen Bauen die Tore geöffnet und die dringend notwendige Schaffung von neuem Wohnraum war nun in erheblich verkürzter Bauzeit möglich. 1950 / 60er Jahre: Übernahme etlicher schlüsselfertiger Bauaufträge insbesondere im Wohnungs‑, Wohnheim- und Hotelhochbau im In- und Ausland mit eigenen technischen Abteilungen und Fertigteilwerken in ,Allbeton‘-Bauweise.“