AN/SPY-6

Das AN/SPY-6 (JETDS-Bezeichnung) ist ein schiffgestütztes Multifunktionsradar, das auf Active Electronically Scanned Arrays (AESA) basiert. Hersteller ist Raytheon im US-Konzern RTX. Es dient auf Kriegsschiffen neben der Verfolgung aller Arten von Luftzielen auch dem Erfassen von ballistischen Raketen und der Raketenabwehr. Das Radarsystem ist modular aufgebaut und kann in seiner Größe für verschiedene Anwendungsgebiet und Einbausituationen skaliert werden.

Beschreibung

Die Architektur des SPY-6 basiert auf den sogenannten „Radar Modular Assemblies“ (RMAs). Jeder dieser ca. 70 cm großen Würfel ist ein in sich geschlossenes Radarkomplex mit 144 Transceivern[1], welcher sich mit einer praktisch beliebigen Anzahl weiterer RMAs zu einem noch wesentlich leistungsfähigeren Radarsystem zusammenschalten lässt. Das SPY-6 bietet mit seiner aktiven elektronischen Strahlschwenkung gegenüber klassischen Radaren und gegenüber phasengesteuerten Radaren mit passiver Strahlschwenkung (Passive Electronically Scanned Array) beträchtliche Vorteile in den Bereichen Reichweite, Störresistenz und Flexibilität.

Darüber hinaus ist es eines der ersten schiffgestützten Systeme, das im Hochfrequenzteil Halbleiterbauelemente auf Basis von Galliumnitrid im großen Maßstab einsetzt. Gegenüber dem bis dahin in AESA-Designs verwendeten Galliumarsenid ermöglichen sie eine wesentlich höhere Sendeleistung und Bandbreite. Durch diese und weitere neue Technologien konnte die Empfindlichkeit gegenüber dem Vorgängersystem AN/SPY-1 um das bis zu 30-fache erhöht werden, die Sendeleistung um das etwa 35-fache.[2][3]

Wie das Vorgängersystem SPY-1 arbeitet das SPY-6 im S-Band bei 2 – 4 GHz, wodurch hohe Reichweiten erzielt werden können und gewisse Tarnkappentechniken in ihrer Effektivität reduziert werden. Dies geschieht jedoch auf Kosten der Genauigkeit, weswegen halb-aktive Lenkwaffen wie zum Beispiel die SM-2 oder ESSM ein zusätzliches X-Band (8 – 12 GHz) Feuerleitradar für die Zielbeleuchtung im Endanflug benötigen. Neuere Lenkwaffen wie die SM-6 und ESSM Block 2 können jedoch dank ihrer bordeigenen aktiven Radarsysteme auf diese Unterstützung verzichten und rein mit dem SPY-6 ins Ziel gelenkt werden. Aufgrund der hohen Sendeleistung und Agilität der Galliumnitrid-Transmitter sind auch Anwendungen im Bereich der offensiven Elektronischen Gegenmaßnahmen mit dem SPY-6 denkbar.[4]

Rüstungspolitisch ist das unter der Bezeichnung AMDR („Air and Missile Defense Radar“) entwickelte AN/SPY-6 des Herstellers Raytheon eine Alternative zu den AN/SPY-7 (Ableger des „Long Range Discrimination Radar“) und AN/SPY-1 des Herstellers Lockheed Martin, der auch das Aegis-Kampfsystem entwickelt.[5] Die Fertigung erfolgt bei Raytheon in Andover (Massachusetts).[6]

Varianten

AN/SPY-6(V)1

Die Variante AN/SPY-6(V)1 wird als „Air and Missile Defense Radar“ (AMDR-S) bezeichnet. Es kommt in vier Phased-Array-Antennengruppen mit jeweils 37 RMAs zum Einsatz. Hierbei handelt es sich um den leistungsfähigsten Radarkomplex der SPY-6-Serie mit einer sehr großen Reichweite. Das „Air and Missile Defense Radar“ besteht aus zwei Systemen: Dem AMDR-S-Band-Radar, das als Multifunktionsradar für die Volumensuche, die Verfolgung und die Raketenerkennung zuständig ist, und dem AMDR-X-Band-Radar, das für die Horizont- und Oberflächensuche, die Zielverfolgung und die Endausleuchtung zuständig ist.[7]

Es erreichte 2023 die Initial Operating Capability und kommt auf neu gebauten Lenkwaffenzerstörern der Arleigh-Burke-Klasse der United States Navy in deren Konfiguration Flight III zum Einsatz, erstmals auf der Jack H. Lucas. Weil das AMDR-X-Band-Radar nicht rechtzeitig zur Verfügung stand, wollte die Navy die ersten zwölf Einheiten der Konfiguration Flight III stattdessen mit dem bewährten Vielzweckradar AN/SPQ-9B ausrüsten.[7]

Im Oktober 2025 wählte die deutsche Bundesregierung das SPY-6(V)1 für die geplanten Fregatten der Klasse 127 aus. Es soll vorbehaltlich der Zustimmung der US-Regierung im Programm Foreign Military Sales durch die U.S. Navy verkauft werden.[6]

AN/SPY-6(V)2

Die Variante AN/SPY-6(V)2 ist auch bekannt unter dem Namen „Enterprise Air Surveillance Radar“ (ESAR) / „Rotator Radar“. Hierbei werden 9 RMAs in einer einzigen Phased-Array-Antenne auf einer rotierenden Plattform montiert, so dass eine periodische 360-Grad-Abdeckung mit wenigen Modulen und wenig Masse bei geringen Kosten erreicht werden kann.

Dieses System soll auf allen Amphibischen Landungsschiffen der San-Antonio-Klasse der Konfiguration Flight II installiert werden, sowie auf Bougainville, dem ersten Schiff der America-Klasse der Konfiguration Flight I. Auf den Flugzeugträgern der Nimitz-Klasse soll es die AN/SPS-48E und AN/SPS-49(V)5 ersetzen.

AN/SPY-6(V)3

Die Variante AN/SPY-6(V)3 ist auch bekannt als „Enterprise Air Surveillance Radar“ (ESAR) / „Fixed Face Radar“. Dieser Komplex besteht aus drei Phased-Array-Antennengruppen mit jeweils 9 RMAs in einer festen Anordnung für eine kontinuierliche 360-Grad-Rundumabdeckung. Die verglichen mit dem AN/SPY-6(V)2 größere Masse, höhere Stromaufnahme und erforderliche Kühlleistung muss bei der Konstruktion des Schiffs berücksichtigt werden.

Es kommt bei den Flugzeugträgern der Gerald-R.-Ford-Klasse ab dem zweiten Schiff der Klasse, John F. Kennedy, zum Einsatz.

AN/SPY-6(V)4

Die Variante AN/SPY-6(V)4 wird wie die (V)1 als „Air and Missile Defense Radar“ (AMDR-S) bezeichnet, verfügt aber nur über 24 RMAs pro Phased-Array-Antennengruppe. Damit hat es eine kleinere Einbaugröße als das SPY-6(V)1 und soll bei Modernisierungen auf Zerstörern der Arleigh-Burke-Klasse in deren Konfiguration Flight IIA das vorhandene AN/SPY-1D höherwertig ersetzen.

Es gibt unklare Angaben dazu, ob die neuen Fregatten der Constellation-Klasse mit dem SPY-6(V)4 oder dem SPY-6(V)3[8] als Primärradar ausgestattet werden.

Commons: AN/SPY-6 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Capt. Okano: AN/SPY-6(V) Air & Missile Defense Radar. Naval Sea System Command, 1. Februar 2017, abgerufen am 21. Juli 2019.
  2. John Keller: Raytheon finishes development testing of SPY-6 AMDR shipboard ballistic missile defense radar. In: Military & Aerospace Electronics. 6. Februar 2019, abgerufen am 21. Juli 2019.
  3. Dmitry Filipoff: CIMSEC Interviews Captain Mark Vandroff, Program Manager DDG 51, Part 1. In: CIMSEC. 4. Mai 2016, abgerufen am 21. Juli 2019.
  4. Dave Majumdar and Sam LaGrone: Navy’s Next Generation Radar Could Have Future Electronic Attack Abilities. In: USNI News. 17. Februar 2014, abgerufen am 21. Juli 2019.
  5. Michael Fabey: NavWeek: AMDR Pulse Check. In: Ares, A Defense Technology Blog. Aviation Week, 26. April 2013, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 25. Mai 2013; abgerufen am 24. September 2022 (englisch).
  6. a b Germany selects Raytheon's SPY-6(V)1 for its F127 frigates. In: Naval News. 8. Oktober 2025, abgerufen am 13. Oktober 2025 (englisch).
  7. a b Air and Missile Defense Radar (AMDR). Center for Strategic and International Studies, 23. Juni 2021, abgerufen am 13. Oktober 2025 (englisch).
  8. https://www.dote.osd.mil/Portals/97/pub/reports/FY2024/navy/2024amdr.pdf