152-mm-Kanone M1910/30

152-mm-Kanone M1910/30


152-mm-Kanone M1910/30 im Artilleriemuseum Hämeenlinna

Allgemeine Angaben
Militärische Bezeichnung 152 mm Pushka obr. 1910/30 g
Produktionszeit 1930 bis 1935
Stückzahl ca. 130
Modellvarianten Stahlräder / Luftbereifung
Waffenkategorie Kanone
Technische Daten
Gesamtlänge x,x m
Rohrlänge 4260 mm
Kaliber 15,24 cm
Kaliberlänge L/32
Kadenz 2 bis 3 Schuss/min
Höhenrichtbereich −7° bis +37 Winkelgrad
Seitenrichtbereich 4°30'

Die 152-mm-Kanone M1910/30 (russisch: 152-мм пушка образца 1910/30) ist ein schweres sowjetisches Geschütz, das aus dem 152-mm-Belagerungsgeschütz M1910 in den 1930er Jahren entwickelt und in der Roten Armee eingesetzt wurde.

Entwicklung

Nachdem der französische Rüstungskonzern Schneider zu Beginn des Jahrhunderts viele Geschütze für die russische Armee geliefert hatte, standen diese nach dem Ende des Bürgerkriegs in größerer Zahl für die neu aufgestellte Rote Armee zur Verfügung. Hierzu zählte eine Belagerungskanone im Kaliber 152-mm aus dem Modelljahr 1910.[1]

Die Modernisierung des Artillerieparks wurde von der sowjetischen Führung als wichtige Aufgabe gesehen. Das Konstruktionsbüro der Artilleriedirektion der Roten Armee (Артиллерийское управление РККА) übernahm die Entwicklung einer neuen 152-mm-Kanone auf Basis des Modells 1910. Wichtigste Vorgabe für die Entwicklung war die Steigerung der maximalen Reichweite auf 18.000 Meter.

Der Ladungsraum wurde vergrößert, indem dieser aufgebohrt wurde. Das Rohr erhielt zur Verminderung des stärkeren Rückstoßs eine Mündungsbremse. Der Rücklauf wurde von 1000 mm auf 950 mm verringert und der Pivotbolzen um 50 mm nach vorn versetzt. Die Kastenlafette wurde auf eine Länge von 2000 mm verlängert.

Das Rohr Kanone bestand aus dem Seelenrohr, dem Mantelrohr, der Kupplungsmutter und der Mündungsbremse. Die Kanone war mit einem Kolbenverschluss, einer hydraulischen Rückstoßbremse und einem hydropneumatischen Rohrvorholer ausgestattet. Die Lafette war einarmig und mit Metallscheibenrädern bestückt. Die Kanone wurde separat transportiert, dazu wurde das Rohr von der Lafette abgenommen und auf einer separaten Protze transportiert. Die Umrüstzeit von der Fahr- zur Feuerstellung betrug 10–15 Minuten, von der Feuerstellung zurück in die Fahrstellung bis zu 23 Minuten. Die Kanone besaß einen 7 mm dicken Schild. Neben der Lafette mit ungefederten Metallscheibenrädern wurden einige Geschütze auch auf Lafetten mit gefederten Lkw-Rädern gesetzt. Mit der ungefederten Lafette war die Geschwindigkeit auf 7 km/h begrenzt.

Der Höhenrichtbereich von fast +40° entsprach nahezu jenem einer Feldhaubitze, so dass dieses Geschütz als ein Vorläufer der späteren sowjetischen Kanonenhaubitzen angesehen werden kann.

Mit der Kanone konnte das gesamte Spektrum der in der Sowjetunion vorhandenen 152-mm-Munition verschossen werden. Darunter war auch die Hohlladungsgranate BP-540 (БП-540), die bei einem Auftreffwinkel von 90° 250 mm Panzerung durchschlagen konnte. Aufgrund der mangelhaften Eignung der Kanone zur Panzerabwehr kam es jedoch nicht zum Einsatz. Mit Splittersprenggranaten lag die maximale Kampfentfernung je nach Typ der Granate bei 12.800 bis 16.800 m.

Die offizielle Einführung des Geschützes erfolgte als 152-mm-Kanone Modell 1910/30 im Jahr 1930, dabei bezieht sich Modell 1910 auf das Jahr der Entwicklung der ursprünglichen Waffe und /30 auf das Jahr der Modernisierung.

Produktion

Die Modernisierung der Geschütze begann im Jahr 1930 im Werk Krasny Putilovets im damaligen Leningrad. Nach dem Beginn der Fertigung wurde entsprechend der Pläne auch in den Werken Barrikady im damaligen Stalingrad und Bolschewiki in Leningrad gefertigt. Neben der Modernisierung wurden auch alte 152-mm-Belagerungsgeschütze instand gesetzt. Bis zum 1. November 1936 waren alle verfügbaren 152-mm-Belagerungskanonen auf den Stand 1910/30 gebracht worden. Das Problem der unzureichenden taktischen Beweglichkeit des Geschützes war jedoch durch die Modernisierung der Kanone nicht gelöst worden. Daher folge schon nach wenigen Jahren eine weitere Modernisierung zur 152-mm-Kanone M 1910/34. In verschiedenen Quellen werden Stückzahlen zwischen 130 und 152 modernisierten Geschützen angegeben.

Bewertung

Die ballistischen Leistungen der Waffe galten auch noch in den 1930er und 1940er Jahren als durchaus zufriedenstellen. Unzureichend war die durch den getrennten Transport von Rohr und Lafette und das ungefederte Fahrgestell bedingte geringe Beweglichkeit des Geschützes. Aufgrund der Verwendung einer Einholmlafette war der Seitenrichtbereich der Kanone begrenzt. Insgesamt entsprach die Waffe nicht mehr den Anforderungen eines modernen Gefechtes, was eine weitere Modernisierung der Kanonen erforderlich machte.

Einsatz

Eingesetzt wurde die Waffe in der Korpsartillerie der Artilleriereserve des Obekommandos der Roten Armee (Артиллерия резерва Верховного Главнокомандования) in gemischten Regimentern zusammen mit der 152-mm-Kanonenhaubitze ML-20. Zu Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges verfügte die Artilleriereserve zusätzlich noch über Kanonenregimenter mit je 24 152-mm-Kanonen.

Vermutlich wurde die Waffe bereits im Sowjetisch-Finnischen Krieg eingesetzt, genaue Informationen dazu liegen nicht vor. Zu Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges verfügte die Rote Armee über 121 dieser Geschütze. Aufgrund der geringen Stückzahl sind bis auf wenige Ausnahmen keine Details über den Einsatz der Kanonen bekannt.[2]

Port Dickson

In der russischen Geschichtsschreibung spielen zwei dieser Geschütze eine bedeutsame Rolle. Im Rahmen des Unternehmens Wunderland hatte der Kreuzer Admiral Scheer als größere Überwassereinheit die Aufgabe erhalten, Konvois im Nordmeer und deren begleitende Eisbrecher zu stellen und zu versenken. Durch das Zusammentreffen mit dem Eismeerfrachter Aleksander Sibirjakow und die folgende Versenkung dieses Schiffs am 25. August 1942 waren jedoch weitere gegnerische Schiffseinheiten im Nordmeer und der sowjetische Marinehauptstützpunkt Port Dickson (Krasnojarsk) gewarnt. Daraufhin lief die Admiral Scheer Port Dickson an, um den zentralen Kommunikationspunkt, bei dem Daten vieler Wetterstationen zusammenliefen, anzugreifen und im besten Fall auch wichtige Unterlagen und Kartenmaterial zu erbeuten. Ein Problem stellte das verfügbare eigene Kartenmaterial dar, sehr alte britische Seekarten im Maßstab 1:200.000 erlaubten keine starke Annäherung an den Hafen, da mögliche Untiefen nicht zu erkennen waren. Zwei sowjetische Hilfsschiffe, mit Artilleriegeschützen bestückt, konnten nicht versenkt werden, und Zweifel, ob überhaupt Karten und Daten erbeutet werden könnten, hielten den Kommandanten davon ab, Barkassen für eine Landung mit den verfügbaren 260 Mann einzusetzen. Die Besatzung des Stützpunktes bestand aus nur etwa 60 Soldaten und zwei 152-mm-Kanonen M1910/30, mit denen erst am Vortag die sowjetische Küstenbatterie 659 unter der Führung von Leutnant N.M. Kornjakow aufgestellt worden war. Da die Batterie nur zu 50 % personell aufgefüllt war, rekrutierte Kornjakow örtliche Zivilisten zum Laden der Geschütze. Gegen 00:45 Uhr (CET) begannen die beiden Geschütze die Admiral Scheer unter Feuer zu nehmen. Die Einschläge lagen zwischen 500 und 2.000 m vom Schiff entfernt und man vermutete ein Kaliber von ca. 130 mm. Tatsächlich feuerten die Kanoniere, unerfahren im Beschuss von Oberflächenzielen, ohne Entfernungsmesser auf eine Entfernung von etwa 30 Kabellängen (6 km). Die Admiral Scheer war nicht in der Lage, die Geschütze zu lokalisieren.
Sowjetische Quellen berichten, die Batterie hätte zunächst 43 Granaten verschossen und trotz schwieriger Sichtbedingungen später weitere 4 Schuss. Obwohl die Admiral Scheer keine Treffer erhielt, wurde aufgrund des großen Risikos, auf Unterwasserhindernisse aufzulaufen, des geringen Nutzens eines riskanten Landangriffes und wegen des ständigen Beschusses von Land und den beiden Hilfsschiffen der Einsatz abgebrochen.[3]

15,2-cm-Kanone 438 (r)

Mit Beginn des Angriffskrieges gegen die Sowjetunion, dem Unternehmen Barbarossa, erbeutete die Wehrmacht bei dem schnellen Vormarsch eine große Zahl sowjetischer Geschütze. Diese waren in den Kennblättern fremden Geräts mit Kennnummern versehen worden. Die 152-mm-Kanone M1910/30 wird dabei als 15,2-cm-Kanone 438 (r) geführt. Angesichts der schlechten Transporteigenschaften dieser Waffe ist davon auszugehen, dass dieses Geschütz, wenn überhaupt, bei ortsfesten Batterien zum Einsatz kam.

Finnische Streitkräfte

Im Winterkrieg erbeuteten die finnischen Streitkräfte mindestens ein Exemplar dieses Geschützes, welches heute im Finnischen Artilleriemuseum in Hämeenlinna ausgestellt ist.

Siehe auch

Literatur

  • Terry Gander, Peter Chamberlain: Enzyklopädie deutscher Waffen: 1939–1945. Handwaffen, Artillerie, Beutewaffen, Sonderwaffen. 1. Auflage. Motorbuchverlag, Stuttgart 1999, ISBN 3-613-01975-2 (Originaltitel: Small arms; artillery and special weapons of the Third Reich. 1978. Übersetzt von Herbert Jäger).
  • А. Б. Широкорад: Энциклопедия отечественной артиллерии. Харвест, Минск 2000, ISBN 985-433-703-0 (russisch).
  • А. Иванов: Артиллерия СССР во Второй мировой войне. Нева, Санкт-Петербург 2003, ISBN 5-7654-2731-6 (russisch).
  • В. Н. Шунков: Оружие Красной армии. Харвест, Минск 1999, ISBN 985-433-469-4 (russisch).
  • Victor Schunkow: Die Waffen der Roten Armee – Infanterie – Artillerie 1939–1945. 1. Auflage. Motorbuch Verlag, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-613-04217-9.

Einzelnachweise

  1. Gander/Chamberlain: Enzyklopädie dt. Waffen 1999 S. 223
  2. Игорь Иванович Ивлев: Обеспеченность Красной Армии артиллерийскими орудиями на 22 июня 1941 г. In: солдат.ru. Abgerufen am 14. November 2025 (russisch).
  3. Мирослав Морозов: Операция "Вундерланд". Abgerufen am 14. November 2025 (russisch).