Zwölf-Apostel-Kirche (Hildesheim)
Die Zwölf-Apostel-Kirche ist eine 1964–1967 erbaute evangelisch-lutherische Kirche in Hildesheim. Die Kirche liegt im Stadtteil Moritzberg am Hang des Rottsbergs und ist Teil eines ensembleartig angelegten Gemeindezentrums. Die Kirchengemeinde umfasst den Godehardikamp und das Gebiet „hinter der Waldquelle“.
Geschichte
Die Zwölf-Apostel-Kirche war ursprünglich die zweite Kirche der evangelisch-lutherischen Christuskirchengemeinde, die bis Ende der 1960er Jahre von Himmelsthür bis zum Birnbaumskamp reichte. Bis 1957 fanden wegen der Entfernung zur Christuskirche bis Bibelstunden in einer Privatwohnung am Wolfstieg statt, danach bis 1967 Andachten in einem angemieteten Kellerraum Im Krummen Felde.[1]
Die ab Mitte der 1950er Jahre beginnende weitere Bebauung des Kurzen Anger und die Errichtung der Godehardikamp-Siedlung ab 1961 machten einen Kirch- und Gemeindezentrumsbau immer dringlicher. Das passende Baugrundstück war bereits im November 1954 von der Klosterkammer erworben worden. 1962 wurde ein Architekturwettbewerb durchgeführt, den der Architekt und Hochschullehrer Dieter Oesterlen gewann, der auch den Auftrag zur Ausführung und Bauleitung erhielt. Am 1. April 1964 war Arbeitsbeginn auf der Baustelle, 1965 erfolgte die Grundsteinlegung[2], und am 15. Oktober 1967 wurde der fertiggestellte Kirchenbau eingeweiht. Schon kurz vorher waren in rascher Folge die Pfarr- und Küsterhäuser mit dem Gemeindebüro sowie der Kindergarten an die Kirchengemeinde übergeben worden.[3] Zwei Tage vor ihrer Einweihung stand die Kirche in Flammen, weil ein Handwerker mit seiner brennenden Zigarette den mit Nitroverdünnung bestrichenen Kirchenboden in Brand gesetzt hatte.[4] Am 1. Januar 1968 wurde die Zwölf-Apostel-Gemeinde selbständig. Der bereits in der ursprünglichen Planung vorgesehene Gemeindesaal folgte in einem zweiten Bauabschnitt und konnte am 9. Februar 1975 fertiggestellt werden.[3]
Seit 2008 besteht ein Pfarrverband mit der evangelisch-lutherischen St.-Cosmae-und-Damian-Kirchengemeinde Marienrode. 2017 wurde das fünfzigjährige Jubiläum der Kirchenweihe gefeiert.[5]
Architektur
Kirche, Pfarr- und Küsterhaus, Kindergarten und Gemeindezentrum wurden als Sichtbetonbauten errichtet und sind architekturgeschichtlich ein Beispiel des organischen Bauens. Oesterlens baukünstlerische Entwurfsidee war die Aneinanderreihung von Einzelbauten mit dem Ziel, ein „Gemeindezentrum von lockerer Geschlossenheit“ (Alexander Koch[6]) zu bilden.[3]
Der Komplex des Gemeindezentrums liegt wie eine moderne Burganlage auf einem Hangsporn über der benachbarten Wohnbebauung. Die Gebäude der in einem Dreiviertelrund geschlossenen Anlage folgen keiner einheitlichen geometrischen Grundform, sondern sind asymmetrisch und polygon angeordnet. Innerhalb der Gebäudegruppe ist die Kirche der unübersehbar wichtigste Bau, der mit seinem Turm den Höhepunkt darstellt. Die Kirche selbst ist architektonisch ganz nach innen gerichtet; Ausblicke spielen anders als bei den Nebengebäuden kaum eine Rolle. Sie ist mit ihrem flexiblen Grundriss nicht in traditioneller Kreuzform ausgeführt, sondern als „ein Kreissegment, das an beiden Enden schräg abgeschnitten ist. Der Grundriss des Turms zeigt dieselbe Form und die Turmabschlüsse erscheinen als dreidimensional abgeschrägte Kreissegmente.“[1] Eine versenkbare Trennwand kann die Turmkapelle zum Kirchenraum öffnen. Die fast vollständig aus der Bauzeit erhaltene Originalausstattung wurde ebenfalls von Oesterlen entworfen. Weitere wichtige Ausstattungsstücke wie Betonglasfenster, Beton-Wandrelief, Altar und Kreuz stammen von dem Darmstädter Künstler Helmut Lander.[3]
Oesterlens Entwurf für das Zwölf-Apostel-Gemeindezentrum zeigt gestalterische Parallelen zu dem von ihm kurz zuvor entworfenen Deutschen Soldatenfriedhof auf dem italienischen Futapass in Italien[3], der etwa gleichzeitig ausgeführt wurde.
Das Ensemble des Gemeindezentrums mit der Zwölf-Apostel-Kirche steht unter Denkmalschutz. 2020 standen die ehemaligen Wohnungen von Pfarrer und Küster leer, nachdem sie zwischenzeitlich von einer Familienbildungsstätte genutzt wurden. Der von der Kirchengemeinde erwogene Verkauf einzelner Gebäude gefährdet die gestalterische Einheit des Ensembles.[3][7] Im November 2025 wurde der Kirchenraum wegen möglicher baustatischer Mängel der Dachkonstruktion bis auf Weiteres gesperrt.[8]
Siehe auch
Literatur
- Alexander Koch: Dieter Oesterlen. Bauten und Planungen 1946–1963. Koch, Stuttgart 1964, S. 208–211.
- Dietrich Kunze: Die Zwölf-Apostel-Kirche in Hildesheim. Hrsg. Kirchenvorstand der ev.-luth. Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde. Hildesheim 1987.
- Dieter Oesterlen: Bauten und Texte 1946–1991. Wasmuth, Tübingen 1992, ISBN 9783803001535, S. 72–77.
- Frank Dengler: Bauen in historischer Umgebung. Die Architekten Dieter Oesterlen, Gottfried Böhm und Karljosef Schattner (= Studien zur Kunstgeschichte. Band 151). Olms, Hildesheim 2003, ISBN 3-487-11882-3.
- 40 Jahre Zwölf-Apostel. In: Moritz vom Berge, Stadtteilzeitung Hildesheim West, Nr. 177 (Oktober 2007).
- Anne Schmedding: Dieter Oesterlen (1911–1994). Tradition und zeitgemäßer Raum. Wasmuth, Tübingen / Berlin 2011, ISBN 9783803007445, S. 108–112, S. 304–305.
- Die Zwölf-Apostel-Kirche und die Zwölf-Apostel-Gemeinde in Hildesheim. Festschrift zur 50. Wiederkehr der Einweihung der Kirche 1967–2017. Hildesheim 2017. (Digitalisat)
- Eckart Rüsch: „Lockere Geschlossenheit“. Das ab 1964 erbaute evangelische Gemeindezentrum Zwölf-Apostel-Kirche in Hildesheim. In: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen, 40. Jahrgang 2020, Heft 4, S. 75–79.
Weblinks
- Website der Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde
- Hildesheim, Zwölf Apostel, auf kirchengemeindelexikon.de
- Hildesheim, Zwölf Aposteln, auf moderne-regional.de
Einzelnachweise
- ↑ a b (sbr): 40 Jahre Zwölf-Apostel. In: Moritz vom Berge. Stadtteilzeitung Hildesheim West. 2007, abgerufen am 26. Dezember 2020.
- ↑ Karin Dzionara: Glaubensbotschaften aus Beton. In: KirchenZeitung – Die Woche im Bistum Hildesheim, Jahrgang 2021, Ausgabe 34 (vom 29. August 2021), S. 16.
- ↑ a b c d e f Eckart Rüsch: „Lockere Geschlossenheit“ – Das ab 1964 erbaute evangelische Gemeindezentrum Zwölf-Apostel-Kirche in Hildesheim. In: Denkmalpflege, Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen. Band 40, Nr. 4. Niemeyer Verlag, Hameln 2020, S. 74–79.
- ↑ Mit Schwung durch 40 Jahre Gemeindegeschichte. In: Moritz vom Berge, Stadtteilzeitung Hildesheim West, Nr. 178 (November 2007).
- ↑ 50 Jahre Zwölf-Apostel-Kirche. Zwölf-Apostel-Gemeinde Hildesheim, 2017, abgerufen am 26. Dezember 2020.
- ↑ Alexander Koch: Dieter Oesterlen. Bauten und Planungen 1946–1964. Koch, Stuttgart 1964, S. 208–211.
- ↑ Annemarie Voß: Moderne Nachkriegskirchen. Potentiale entdecken. Perspektiven schaffen. Eine Studie am Beispiel der Zwölf-Apostel-Kirche in Hildesheim. In: Schriftenreihe Bau- und Immobilienmanagement. Band 33. Bauhaus Universitätsverlag, Weimar 2018, ISBN 978-3-95773-260-6.
- ↑ Kirchraum der Zwölf-Apostel-Kirche in Hildesheim bleibt vorerst geschlossen. In: hildesheimer-presse.de. 31. Oktober 2025, abgerufen am 2. November 2025.
Koordinaten: 52° 8′ 19,5″ N, 9° 55′ 20,6″ O