Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus

Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus ist ein soziologisch-zeitdiagnostisches Fachbuch von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, das im Oktober 2025 im Berliner Suhrkamp Verlag erschien.[1] Darin untersuchen sie die sozialökonomischen und sozialpsychologischen Antriebskräfte eines aufkommenden Faschismus.

Inhalt

Im Buch geht es laut Einleitung[1.1] nicht darum, dass der Faschismus als politische Gewaltherrschaft wiederkehren werde, sondern darum, dass er bereits jetzt als faschistische Fantasie in der Demokratie existiere und Anhänger habe.[1.2] Der demokratische Faschismus sei im Gegensatz zum historischen Faschismus, der die Demokratie offen bekämpfte, in der Demokratie verankert und verstehe sich als ihr Erneuerer. Gleichzeitig untergrabe er mit seiner Zerstörungslust die Demokratie und gehe mit seiner Grausamkeit und Gewaltbereitschaft über den Rechtspopulismus hinaus.[1.3]

Grund für die Entwicklung zum demokratische Faschismus sei, dass liberale Gesellschaften angesichts einer Polykrise aus Klimawandel, Kriegen, Pandemien, Inflation, weltwirtschaftlichen Verwerfungen und den von digitalen Technologien ausgehenden Veränderungen nicht länger umfassenden Fortschritt garantierten. Ungebremstes Wachstum sei kaum noch möglich – und auch nicht mehr wünschenswert. Damit falle der Mechanismus aus, mit dem Konflikte in der Vergangenheit gelöst wurden: Schaffung neuer Ressourcen und deren Verteilung. Mit dem Ende des Wachstums ändere sich zudem die Zeitwahrnehmung spätmoderner Gesellschaften. Eine fortschrittlichere Welt scheine nicht mehr möglich. Es herrsche Zukunftslosigkeit, daher kehre die Vergangenheit mit Macht zurück.[1.4]

Globalisierung und neue Informationstechnologien hätten die Industriearbeiterschaft dezimiert, die Austerität habe Angestellte im öffentlichen Dienst zutiefst verunsichert. Angehörige der Arbeiter- und der Mittelschicht blickten voller existenzieller Sorgen in die Zukunft. Vertikale Ungleichheiten würden jedoch nicht länger als Klassenkonflikte artikuliert. Horizontale Auseinandersetzungen zwischen Identitätsgruppen stünden im Vordergrund. Daraus bezögen rechte Akteure Themen für ihren Kulturkampf. Es wiederhole sich, was Theodor Geiger bereits in den 1930er-Jahren feststellte: In Zeiten höchster krisenhaften Erregung stürze man sich in die rebellische Politik der Unvernunft und wähle Politiker, die autoritär durchgreifen.[1.5]

Die Krise fortgeschrittener kapitalistischer Gesellschaften wirke sich auf die affektiven Tiefenstrukturen aus und erzeuge destruktive Mentalitäten. Das erinnert Amlinger/Nachtwey an Erich Fromms Gesellschaftsdiagnose aus dem Jahr 1941. Danach sei die moderne Individualität von einer paradoxen Grundstruktur geprägt: Statt sich frei zu entfalten, fühlten sich die Menschen durch äußere Zwänge und Hindernisse fundamental blockiert. Daraus entspringe der Wunsch, die Welt, die einem den Atem nimmt, zu zerstören.[1.6] Hinter faschistischen Fantasien und der Wahl rechtsextremer Parteien stecke meist eine destruktive Persönlichkeit. Laut Ferdinand Sutterlüty sei das eine Variante der autoritären Persönlichkeit, die sich von einem Staat hintergangen fühlt, der andere Gruppen bevorzuge und ihnen unverdiente Privilegien zugestehe.[1.7]

Um festzustellen, wie verbreitet destruktive Einstellungen in der deutschen Bevölkerung sind, führten Amlinger/Nachtwey eine Umfrage mit knapp 2.600 Teilnehmern durch. Im Ergebnis hätten sich 12,5 Prozent der Befragten als mittel- oder sogar hoch-destruktiv erwiesen. Diese Personen seien eher jung, eher männlich und eher rechts.[1.8]

Da sie außerdem mehr über Motivationen und Biographien von Menschen erfahren wollten, die in eine „destruktive Drift“ geraten seien, führten die Sozialforscher 41 problemzentrierte Interviews. Methodisch ähnlich waren sie bereits bei ihrem Buch Gekränkte Freiheit (2022) vorgegangen. In diesen Gesprächen seien drei destruktive Typen identifiziert worden:

  • „Erneuerer“, deren Ziel es sei, liberale Institutionen erschüttern, um traditionelle Hierarchien wiederaufzubauen
  • „Zerstörer“, denen der Glaube an Erneuerung fehle und die die Systemzerstörung als Selbstzweck sehen
  • „Libertär-Autoritären“, deren ideologisch motiviertes Bestreben es sei, den regulierenden Staat abzuschaffen und ihn durch autoritäre Alternativen zu ersetzen.[1.9]

Fast alle Interviewten würden sich nicht selbst als faschistisch bezeichnen – aber die Gespräche mit ihnen seien voll von faschistischen Fantasien der Zwangsdeportation, der rachsüchtigen Strafsucht, der Gewalt gegen soziale Minderheiten oder eines durchgreifenden Führers.[1.10]

In der Forschung zum historischen Faschismus unterscheide man üblicherweise zwischen dem Faschismus als Bewegung und dem Faschismus an der Macht. Amlinger/Nachtwey meinen, „dass wir uns noch in der ersten Phase befinden.“[1.11]

Der demokratische Faschismus sei weniger organisiert und zentralisiert als sein historischer Vorläufer. Es gäbe autoritäre Propheten, doch jenseits der Agitatoren sei er hochgradig polymorph, „ein Netzwerk von Netzwerken“, eine „lose Allianz der Destruktion“.[1.10] Anders als zwischen den beiden Weltkriegen wünschten die meisten nicht, in einer identitären Gemeinschaft aufzugehen und mit ihr zu verschmelzen, sondern einen national gefärbten libertären Besitzindividualismus zu praktizieren.[1.11]

Der erneuerte Faschismus zeichne sich oft durch ein lustvolles, ja frivoles Unterlaufen von Wahrheitsansprüchen aus. Das Bedürfnis, Chaos zu stiften, erstrecke sich auch auf den Raum der Ideen. Man bezeichne sich als demokratisch, um im Namen der Demokratie autoritäre Maßnahmen gegenüber politischen Gegnern zu rechtfertigen. Alternative Fakten und Verschwörungstheorien würden zum Zweck der Realitätsdestruktion eingesetzt.[1.12]

Amlinger/Nachtwey betonen in Anlehnung an den britischen Historiker Roger Griffin die Notwendigkeit methodischer Empathie. Um die soziale und politische Energie des Rechtsextremismus zu verstehen, müsse man „die ideelle Performance des Faschismus“ – das, was die Leute sagen – ernst nehmen. Methodische Empathie heiße, „dass wir die Antriebskräfte verstehen und die Ratio im scheinbar Irrationalen offenlegen wollen. Aber verstehen heißt nicht verzeihen. Im Gegenteil. Es geht uns darum, den Faschismus effektiver zu analysieren und dadurch auch besser bekämpfen zu können.“[1.11]

Rezeption

Für Peter Laudenbach (Süddeutsche Zeitung) ist eine gewisse Buntheit im Theorie-Hintergrund der Preis des essayistisch eingängigen Stils, der methodischen Beweglichkeit, des beeindruckenden Materialreichtums und der oft erhellenden Überblicksanalysen: Sehr unterschiedliche Theoriemodelle würden je nach Bedarf und relativ unverbunden herangezogen. Doch auch dank dieses breit angelegten Perspektivenreichtums gelinge es Amlinger und Nachtwey ein ebenso bedrückendes wie analytisch tiefenscharfes Bild zu zeichnen.[2]

Die Menge und Vielfalt der Theoriereferenzen sieht Oliver Weber (Frankfurter Allgemeine Zeitung) kritischer: Über viele Seiten hinweg habe man den Eindruck, „eine aus vielen Zeitdiagnosen zusammengestoppelte Meta-Zeitdiagnose zu lesen; eine Theorie-Collage, die die Autoren aus ihren Theoriehelden arrangiert haben“. Die geborgten Begriffe seien oft nur Versatzstücke, manchmal sogar nur Metaphern – „zur Klärung oder gar Argumentation tragen sie sehr selten etwas bei.“ Es entstehe der Eindruck, „die vielen Verweise füllen, was nur angedacht, aber eigentlich nicht durchdrungen ist.“ So bleibe von den versprochenen Elementen des demokratischen Faschismus nur ein Anfang übrig. Der sei immerhin gelungen.[3]

Das Theoriegebäude des Buches erinnert Stefan Reinecke (die tageszeitung) an einen Rohbau, mit ein paar Wänden und halbem Dach. Ansonsten sei Zerstörungslust ein intelligentes Buch, das flüssig und souverän Ideen, Statistiken, Deutungen mit eigenen empirischen Befragungen und Tiefeninterviews verzahne.[4]

Für Hanno Sauer ist Zerstörungslust ein empfehlenswerte Lektüre. Er notiert in der Zeit, im Buch würden viele verschiedene Erklärungsansätze für die destruktiven Energien der Gegenwart diskutiert, man könne hier viel von Amlinger und Nachtwey lernen. „Ein systematisches Gesamtbild mag sich trotzdem nicht ergeben. Wahrscheinlich gibt es auch einfach keins.“[5]

Raul Zelik (nd) erkennt im Buch eine lesenswerte Analyse der Persönlichkeitsstruktur von AfD-Wählern – eine angemessene Erklärung des Faschismus erkennt er nicht. Amlinger/Nachtwey würden ausschließlich innerhalb des Nationalstaats und seiner Sozialsysteme argumentieren und damit eine zentrale Dimension des Faschismus vernachlässigen: die Verschärfung des Rassismus als Ausdruck sich zuspitzender Ressourcenkonkurrenz innerhalb des ökonomischen Weltsystems. Stattdessen reduziere sich ihre Analyse „auf die Betrachtung unglücklicher deutscher Seelen, die nach dem Ende der Aufstiegsgesellschaft in einem Teufelskreis aus Verlustangst und Destruktivität gefangen sind.“ In dieser Hinsicht bleibe der Blick von Amlinger und Nachtwey „auf eigentümliche Weise provinziell“.[6]

Der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller kritisiert das Buch umfassend, während er den Vorgängerband Gekränkte Freiheit ausdrücklich lobt. Es illustriere schlussendlich „die Hilflosigkeit einer Theorie, die sich als Kritische versteht, ihren Gegenstand aber analytisch nicht recht zu fassen“ bekomme. Statt zu erklären, würden „Etiketten“ wie Nachmoderne oder Spätmoderne verwendet.[7] Den Begriff des demokratischen Faschismus könnten Amlinger und Nachtwey analytisch nicht scharf darstellen,[7.1] ihre Darstellung des Faschismus sei inkohärent, Theorie und Thesen passten nicht zusammen.[7.2]

Auszeichnung

Amlinger und Nachtwey wurde für ihr Buch der Geschwister-Scholl-Preis 2025 zugesprochen.[8]

Zeitschriftenbeitrag auf Basis des Buches

Ausgaben

  • Carolin Amlinger, Oliver Nachtwey: Zerstörungslust: Elemente des demokratischen Faschismus. Erste Auflage, Originalausgabe. Suhrkamp, Berlin 2025, ISBN 978-3-518-43266-2.

Einzelnachweise

  1. Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey: Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus. Suhrkamp, Berlin 2025, ISBN 978-3-518-43266-2.
    1. In der Einleitung des Buches (S. 7–26) skizzieren die Autoren den Inhalt. Daran ist auch ihr, teilweise wortgetreuer, Beitrag orientiert: Sehnsucht nach Zerstörung. Die Anziehungskraft des demokratischen Faschismus. In: Blätter für deutsche und internationale Politik, 11/25, S. 43–53.
    2. S. 11.
    3. S. 12.
    4. S. 13.
    5. S. 14.
    6. S. 16.
    7. S. 17.
    8. S. 18 f.
    9. S. 19 f.
    10. a b S. 20.
    11. a b c S. 23.
    12. S. 21.
  2. Peter Laudenbach: Das System in die Luft jagen. In: Süddeutsche Zeitung, 10. Oktober 2025.
  3. Oliver Weber: Warum die Rechten die Welt brennen sehen wollen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. Oktober 2025.
  4. Stefan Reinecke: Woher kommt die Wut? In: die tageszeitung, 15. Oktober 2025.
  5. Hanno Sauer: Wo geht’s hier zur Krise? In: Die Zeit, 22. Oktober 2025.
  6. Raul Zelik: Eigentümlich provinziell. In: nd, 23. Oktober 2025.
  7. Jan-Werner Müller: Was ist demokratisch am demokratischen Faschismus?, veröffentlicht am 31. Oktober 2025 im Berlin Review, No. 15, November 2025, S. 2.
    1. S. 6.
    2. S. 7.
  8. Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey erhalten den Geschwister-Scholl-Preis 2025. In: suhrkamp.de. 10. Oktober 2025, abgerufen am 10. Oktober 2025.