Zerbin oder Die neuere Philosophie

Zerbin oder die neuere Philosophie ist der Titel einer 1776[1] publizierten Erzählung von Jakob Michael Reinhold Lenz. Sie handelt von der, mit einem Heiratsverspechen verbundenen, Verführung des Bauernmädchen Maria durch den Magister Zerbin. Als ihr Kind tot geboren wird, klagt man die junge Frau nach der damaligen Rechtsprechung des Kindesmordes an und enthauptet sie.

Inhalt

Als Motto wählte der Autor ein Zitat des von ihm bewunderten Shakespeare: „O laß jene Städte, die vom Becher des Überflusses und von ihrem Wohlstand so reich genießen, bei ihren üppigen Fersten diese Tränen hören.“[2] Anschließend kritisiert der Erzähler, seinen Text einleitend, die „Modephilosophie“, die „an keinem Dinge außer sich mehr die geringste moralische Schönheit“ entdecken kann und sich berechtigt glaubt, beim „menschlichen Geschlecht nur die Gattung, nie die Individuen zu lieben“. Aufgabe des Dichters sei es dagegen, die verschiedenen „Arten des menschlichen Elends“ aufzugreifen und den „vertaubten Nerven des Mitleids für hundert Elende […] in seinen Mitbürgern wieder aufzureizen!“[3]

Lenz nutzt den Kunstgriff der Herausgeberfiktion und gibt seine Erzählung als eine im Nachlass des Magisters der Philosophie Zerbin gefundene Schrift aus,[4] um „auf der großen Karte menschlicher Schicksale verschiedene neue Wege [zu] entdecken, für welche zu warnen noch keinem unserer Reisebeschreiber einfallen ist, obwohl unser Held nicht der erste Schiffbrüchige darauf gewesen.“[5]

Zerbin, ein junger Mann von vornehmer Gesinnung, kann die Raffgier seines Vaters, eines Berliner Kaufmanns, der mit Zinsgeschäften ein großes Vermögen erwarb, nicht länger ertragen und beschließt, als der Vater ihn als sein Nachfolger in seine Geschäftspraktiken einweisen will, sich von ihm zu trennen und seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Er geht an die Leipziger Universität und dort entdeckt Gellert seine Begabung und fördert ihn. Als Magister der Mathematik gibt er Privatkollegs für Baukunst und Algebra. Einer seiner Studenten ist der reiche junge dänische Graf Altheim an. Zerbin wird sein Mentor und der Graf befreundet sich mit ihm und unterstützt ihn mit regelmäßigen Zahlungen.

Durch Altheim wird Zerbin in die Leipziger Gesellschaft eingeführt und dadurch entwickeln sich unglückliche Beziehungen zu zwei höheren Töchtern, die einen zumindest standesgemäßen Ehemann suchen. Zuerst verliebt er sich in Mademoiselle Renate Freundlach, die junge Schwester eines reichen Bankiers. Er fühlt sich von ihr ermutigt, sie benutzt in allerdings nur, um den sächsischen Offizier Hohendorf und den dänischen Grafen eifersüchtig zu machen. Schließlich beginnt sie eine offene Liebesbeziehung mit Altheim, die in der Stadt aufmerksam beobachtet und kommentiert wird. Zwischen Hohendorf und Altheim kommt es zum Streit, der Graf ersticht den Rivalen im Duell und verlässt schnell die Stadt. Zerbin ist über die Zurücksetzung durch Renatchen unglücklich, vernachlässigt seine Vorlesungen und verschuldet sich, zumal die Zuwendungen des Grafen ausbleiben.

Zerbin hofft nun auf eine Verbindung mit Hortensia, der Tochter seines begüterten Hauswirts. Sie würde gerne Frau Magister werden, doch er will nicht heiraten, sondern träumt von einer unbürgerlichen Liebesbeziehung und macht ihr keinen Antrag. Hortensia reagiert darauf reserviert.

In der Folge entdeckt Zerbin auf der Suche nach einer jungen Frau die gutherzige Bauerntochter Marie, die im Haus als Dienstmädchen arbeitet und die er als seine „Aufwärterin“ seit einiger Zeit nicht mehr bezahlen kann. Sie hat sich in ihn verliebt und ist bereit, ihn finanziell zu unterstützen. Ihm gefällt die „rehfüßige“, immer heitere und lustige Frau, er verführt sie und in der „Trunkenheit des Glücks“ schwinden seine hohen „Begriffe von der Heiligkeit, aufgesparten Glückseligkeit, von dem Himmel des Ehestandes“.[6] Sie würde ihn gerne heiraten und da er Schulden hat, sein Vater hat inzwischen sein Vermögen verloren, würde sie ihn gerne mit aufs Land nehmen, wo er als Bauer in die Wirtschaft ihrer Familie einsteigen könnte. Doch er strebt nach einer Professur und macht ihr seinen Plan schmackhaft, mit ihr in Berlin zusammenzuleben und sie nach dem Tod seines Vaters zu heiraten. Doch insgeheim denkt er an ein Doppelleben, mit ihr als seiner Geliebten und mit einer vermögenden Ehefrau. Er entwickelt zu dieser Lebensweise eine passende Philosophie: „Der Trieb ist allen Menschen gemein; er ist ein Naturgesetz. Die Gesellschaft kann mich von den Pflichten des Naturgesetzes nicht lossagen, als wenn diese den gesellschaftlichen Pflichten entgegenstehen. Solange sie sich damit vereinigen lassen, sind sie erlaubt – was sage ich? Sie sind Pflicht.“[7] Über diese Thematik der Moral hält Zerbin ein gut besuchtes Kollegium an der Universität.

Marie wird schwanger und als die Zeit der Geburt kommt, findet sie keine Vertrauten, die sie bei sich aufnehmen und versorgen. Sie will ihren Geliebten nicht mit ihren Sorgen belasten, sieht ihr Schicksal als Strafe Gottes für ihren Leichtsinn an und bringt ihr Kind allein in einer Scheune tot zur Welt. Die Leiche wird entdeckt, Marie verrät nicht den Namen des Vaters und wird nach den damaligen Gesetzen wegen „verhehlter Schwangerschaft“ zum Tod verurteilt und enthauptet. Zerbin ertränkt sich in trübsinniger Schwermut im Stadtgraben. In seinem Zimmer findet man seine Schrift über die Ereignisse.

Rezeption

Boie,[8] der Herausgeber der Zeitschrift Deutsches Museum, schrieb an Lenz, seine Erzählung habe „große Sensation gemacht“ und „allgemeinen Beifall gefunden“.[9] Er lobt auch die sprachliche Ausführung als vortrefflich,[10] wogegen Bürger sie als gar zu räsonnierend und deklamatorisch kritisiert.[11] Als Beispiel für die gestalterische Kraft des Autors wird die Szene im Kerker genannt, als Marie kurz vor ihrem Tode den Vater aus Liebe zu Zerbin belügt.[12]

Das Publikum dieser Zeit der Aufklärung und des Sturm und Drang interessierte sich für soziale Fragen und Lenz griff diese auf und behandelte sie in seinen Werken. V. a. die Themen des Kindesmordes[13] und der Ständeklausel berührte die Emotionen des Publikums. Im Verein mit der Kirche wurde noch in der zweiten Hälfte des 18. Jhs. nach der Halsgerichtsordnung aus dem Jahre 1532 unweigerlich der „Stab über der alleinstehenden Mutter“ gebrochen und der Kindsmord – aber auch die verhehlte Schwangerschaft und Totgeburt – mit der Todesstrafe geahndet. Ein Beispiel dafür ist die Verurteilung der Kindsmörderin Anna Maria Kirschmann 1775 in Giengen an der Brenz.[14] Nach der Veröffentlichung des Zerbin wurde das Deutsche Museum zu einem Zentrum der Diskussion um eine Strafrechtsreform. Im selben Jahr 1776 erschien Heinrich Leopold Wagners Drama Die Kindermörderin und bereits zwischen 1772 und 1775 schrieb Goethe die Gretchentragödie der frühen Faust-Fassung.

Literatur

  • Gero von Wilpert: Lexikon der Weltliteratur. Deutsche Autoren A–Z. Stuttgart 2004, S. 386.
  • Jutta Heinz: Jämmerliche Mordgeschichte, Fallstudie, Farce. In: E. Achermann und G. Stiening (Hrsg.): Vom „Theater des Schreckens“ zum „peinlichen Rechte nach der Vernunft“. Literatur und Recht, Kap. 5., S. 39–56. J. B. Metzler, Berlin, Heidelberg, 2022.

Ausgaben

Erstausgabe

Ausgaben

  • Friedrich Voit (Hrsg.): Jakob Michael Reinhold Lenz: Erzählungen. Zerbin. Der Waldbruder. Der Landprediger. S. 3–30. Reclam Stuttgart 1988 (Ausgabe 2002). Mit Anmerkungen (S. 125–141) und einem Nachwort (S. 147–165).
  • Alfred Gerz (Hrsg.): Jakob Michael Reinhold Lenz: Zerbin oder die neuere Philosophie, Rütten & Loening, Potsdam 1943.
  • Zerbin oder die neuere Philosophie. In: Helmut Richter (Hrsg.): Lenz: Werke in einem Band. 4. Auflage. Aufbau-Verlag, Berlin / Weimar 1986. Einleitung von Rosalinde Gothe. S. 269–295.

Anmerkungen

  1. von Heinrich Christian Boie in seiner Zeitschrift Deutsches Museum
  2. im engl. Original: „ O let those cities, that of plenty's cup And her prosperities so largely taste, With their superfluous riots hear these tears“. Shakespeare: Perikles, Fürst von Tyrus, 1. Akt, 4. Szene. shakespeare.mit.edu Cleon, der Governeur von Tarsus, beklagt im Gespräch mit seiner Frau Dionyza die anhaltende Hungersnot in der Stadt.
  3. Jakob Michael Reinhold Lenz: Zerbin oder Die neuere Philosophie. In: Lenz. Werke in einem Band, Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1980, S. 269.
  4. Lenz wurde zu seiner Erzählung, die Ende 1775 in Straßburg entstand, jedoch durch einen Gerichtsprozess angeregt. Jakob Michael Reinhold Lenz: Zerbin oder Die neuere Philosophie. In: Lenz. Werke in einem Band, Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1980, Anmerkungen, S. 405.
  5. Jakob Michael Reinhold Lenz: Zerbin oder Die neuere Philosophie. In: Lenz. Werke in einem Band, Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1980, S. 269.
  6. Jakob Michael Reinhold Lenz: Zerbin oder Die neuere Philosophie. In: Lenz. Werke in einem Band, Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1980, S. 284.
  7. Jakob Michael Reinhold Lenz: Zerbin oder Die neuere Philosophie. In: Lenz. Werke in einem Band, Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1980, S. 285.
  8. Lenz und seine Verleger. In: „Ich aber werde dunkel sein..“ Leben und Werk des Jakob Michael Reinhold Lenz (1751 -1792). Eine Ausstellung von Dr. Ulrich Kaufmann unter Mitarbeit von Kai Agthe. Für das Internet adaptiert von Thomas Schobert, Redaktion Rowena Bittner. j.m.r. Lenz: Lenz und seine Verleger - Leipzig 1774
  9. Jakob Michael Reinhold Lenz: Zerbin oder Die neuere Philosophie. In: Lenz. Werke in einem Band, Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1980, Anmerkungen, S. 405.
  10. Boie in seinem Brief vom 10. Januar 1776 an Lenz, zitiert in: Friedrich Voit (Hrsg.): Jakob Michael Reinhold Lenz: Erzählungen. Zerbin. Der Waldbruder. Der Landprediger. Reclam Stuttgart, 2002, S. 164.
  11. Gottfried August Bürgers Brief vom 31. März 1776 an Boie, zitiert in: Friedrich Voit (Hrsg.): Jakob Michael Reinhold Lenz: Erzählungen. Zerbin. Der Waldbruder. Der Landprediger. Reclam Stuttgart, 2002, S. 164.
  12. Friedrich Voit (Hrsg.): Jakob Michael Reinhold Lenz: Erzählungen. Zerbin. Der Waldbruder. Der Landprediger. Reclam Stuttgart, 2002, S. 165.
  13. Jutta Heinz: Jämmerliche Mordgeschichte, Fallstudie, Farce. In: E. Achermann und G. Stiening (Hrsg.): Vom „Theater des Schreckens“ zum „peinlichen Rechte nach der Vernunft“. Literatur und Recht, Kap. 5., S. 39–56. J. B. Metzler, Berlin, Heidelberg, 2022.
  14. leo-bw.de