Xenia (Frauenkino)

Das Frauenkino Xenia in Zürich war ein feministisches Programmkino von Frauen für Frauen und bestand von 1988 bis 2003 auf dem Kanzleiareal im Barackenkino Xenix.[1]

Gründung

Das Frauenkino Xenia wurde im April 1988 als feministisches Programmkino von einer Gruppe Frauen ins Leben gerufen und bestand als selbstverwaltetes Kollektiv bis 2003.[2] Ab 1989 als Verein organisiert, funktionierte es jeweils donnerstags im Barackenkino Xenix auf dem Kanzleiareal in Zürich-Aussersihl als Kino und Bar. Die Programmplakate erschienen monatlich. Das Xenia wurde von Frauen aus dem Programmkino Xenix, der Frauenétage im alternativen Kulturzentrum Kanzlei und deren Umfeld gegründet. In Anlehnung an den Namen des Bruderkinos „Xenix“ („gseh nix“, „ich sehe nichts“) wurde 1988 das „Xenia“ („gsehni ja“, „sehe ich ja“) ins Leben gerufen – mit dem spezifischen Bedürfnis nach einem Frauenort und dem Wunsch, Filme von Regisseurinnen zu zeigen und bei der Programmation die Anliegen von Frauen ins Zentrum zu stellen. Die Betreiberinnen nannten sich „Xenias“.[1]

Feministisches Kino

Im Editorial des ersten Xenia-Programms von April 1988 steht programmatisch:

„Ab und zu ein Frauenfilm im Xenix – ab und zu sogar nur für Frauen, manchmal eine Woche lang nur für Frauen – dies genügt uns nicht mehr. Wir wollen eine kontinuierliche Möglichkeit schaffen, Filme nur unter Frauen zu geniessen. Kein ab und zu mehr, nur in den Zwischenräumen der tausendfachen Möglichkeiten von gemischten Veranstaltungen. Auch haben wir keine Lust mehr, im Kinoprogramm nur zwischen mehr oder weniger sexistischen Filmen wählen zu können. Ab dem 21. April nehmen wir uns aus den Zwischenräumen [...]. XENIA soll ein Treffpunkt sein, auch wenn wir keinen Filme zeigen. Es soll ein Ort sein, in dem wir ganz sind, in dem Kommunikation wieder möglich wird, auf den wir uns jeden Donnerstag freuen!“[3]

Ein im Lauf der Jahre fliessend wechselndes Kollektiv betrieb Kino und Bar und konzipierte rund 120 Monatsprogramme. Grundsätzlich galt: Alle machen alles – vom Programm übers Vorführen bis zum Barbetrieb. Die Bar war ein wichtiger Treffpunkt für Frauen und insbesondere Lesben – und war weit über Zürich hinaus bekannt.[4] Die Bareinnahmen halfen mit, das Kino querzufinanzieren. In seiner Kontinuität war das Xenia europaweit einzigartig und ein wichtiger Teil der feministischen Bewegung und der Lesbenszene im Zürich der 80er/90er-Jahre.

Im Laufe seines Bestehens wurden die Öffnungszeiten ausgedehnt, die Filmvorführungen auf zwei pro Abend erweitert, die Filme im Xenix am Samstag für alle gezeigt und Open-Air-Vorstellungen in der Badi Enge organisiert. Im Mai/Juni 1998 feierte das Xenia sein 10-Jahr-Jubiläum – mit vielen Programm-Cartes-blanches an Gruppierungen und Frauen, die für das Xenia wichtig waren.[5]

The End

Die Gründung des Xenia ging nicht nur in Minne vonstatten, wie Peter Kamber zum 10-Jahr-Jubiläum des Xenix 1990 schreibt: Er bezeichnet es als „grundsätzlichen Konflikt“.[6] Während das Xenia in all den Jahren bei einer basisdemokratischen Struktur und viel ehrenamtlicher Tätigkeit blieb, fand das Xenix zu einer kommerzielleren Organisation mit bezahlten Stellen. Als das Xenix seinen ursprünglichen Freitag-Samstag-Betrieb auf die ganze Woche ausdehnte – mit Ausnahme des Donnerstags –, wurde das Xenia mehr und mehr bedrängt. Ende 1999 angekündigt, erhielt das Frauenkino im Januar 2000 die offizielle Kündigung seitens des Xenix.

Ab April konnte das Xenia zwar noch einmal im Monat stattfinden – im Sinne einer befristeten Übergangslösung bis September 2001. Dann wurde das Xenia zum „Wanderkino“ zwischen Provitreff, Roter Fabrik und Badi Enge, ohne eine neue Location zu finden. Am 27. Februar 2003 besiegelte dann eine Schlussveranstaltung, unter dem Titel „Xenia – die letzte“, die 15-jährige Geschichte des Xenia: Mit zwei Kurzfilmprogrammen, mit „Tapas und Gratis-Cüpli“ feierten die Xenias Abschied von ihrem Projekt im angestammten Barackenkino.[7]

Programmation: Themen und Formate

Das Xenia war ein Programmkino, das sich im monatlichen Wechsel feministischen Anliegen und/oder dem Filmschaffen aus Frauenhand widmete. Die Programme umfassten eine feministisch-filmische Geschichtsaufarbeitung („Die ersten Frauen hinter der Kamera“, „Hosenrollen im Film“), Monografien von Regisseurinnen (Mai Zetterling, Marguerite Duras, Ulrike Ottinger) und Schauspielerinnen (Kathy Bates, Vanessa Redgrave, Lili Taylor), ausgewählte feministische Themen („Inszenierungen weiblicher Sexualität – eine Suche nach neuen Bildern“, „Schluss mit dem herrschaftlichen Zwang zur Heterosexualität“, „Mütter/Töchter“[8], „erotisch, aber indiskret“[9], Sexarbeit), Frauen in anderen Ländern („Frauen im Libanon“, „Cubanische Filmregisseurinnen“, „Filme aus dem Iran“) oder ausgewählte Formate – insbesondere Experimental- und Kurzfilme.[10]

Einen wichtigen Bestandteil machten die Filme zur weiblichen Homosexualität aus, denen alljährlich mindestens ein Monatsprogramm gewidmet war. Das Xenia verfolgte einen kollaborativen Ansatz, indem oft mit anderen feministischen Gruppierungen zusammengearbeitet wurde (etwa mit der Frauenétage des Kanzlei, mit Migrantinnengruppen oder Frauenfilmfestivals). Einmal im Jahr war das Motto „Cinema aperta“ – ein Monat, in dem die Betreiberinnen kein Programm machten, sondern offen waren für spontane Vorführungen von Werken ihrer Besucherinnen. Vorgeführt wurden analoge Formate. Zuerst vor allem 16 Millimeter und Super-8, dann auch 35 Millimeter. In späteren Jahren kamen verschiedene Videoformate dazu.[1]

Frauendruckerei Genopress

Die Monatsprogramme, die an die Mitfrauen verschickt und an Szeneorten aufgehängt wurden, hatten Kultstatus. Gestaltet wurden sie von den Xenias selbst, von dem Frauenkino nahe stehenden Grafikerinnen und Künstlerinnen. Allesamt wurden sie von der Frauendruckerei Genopress[11] – erst in Winterthur, ab 1997 in Zürich – gedruckt. Die Druckerei wurde Ende 70er als „Genossenschaftsdruckerei“ gegründet und 1986 zur „Frauendruckerei“. 2001 musste die Genopress – aufgrund der rasant fortschreitenden Digitalisierung, die für die kleine Druckerei grosse Investitionen bedeutet hätte – die Liquidation für das Folgejahr ankündigen – mehr oder weniger zeitgleich mit dem Ende des Xenia.[1]

Frauenfilmfestivals – Frauenfilmverleihe

Einem kollaborativen Ansatz verpflichtet, ging das Xenia im Lauf seines Bestehens immer wieder Kooperationen mit Frauengruppierungen – nebst der Frauenétage etwa auch mit der Frauenbefreiungsbewegung (FBB), der autonomen kurdisch-türkischen Frauengruppe für den Zyklus „Frauen im türkischen Film“ oder des in Berlin produzierten „Läsbisch-TV“[12]. Aber auch Frauenfilmfestivals gehörten zu den Partnerinnen: etwa die Feminale in Köln, Femme totale in Dortmund, das Frauenfilmfestival in Créteil oder Frauenfilmverleihe wie Cinemien, Bildwechsel oder Women Make Movies in New York, denen das Frauenkino auch exklusive Programme widmete.[1]

Xenia Reloaded

Aus Anlass der Buchvernissage zum Xenia fand im November 2024 ein Programm in Hommage des Frauenkinos im Filmpodium Zürich statt.[13]

Literatur

  • Doris Senn: Frauenkino Xenia - Zürich. Schüren Verlag GmbH, Marburg 2024, ISBN 978-3-7410-0479-7.

Einzelnachweise

  1. a b c d e Doris Senn: Frauenkino Xenia - Zürich. Schüren Verlag GmbH, Marburg 2024, ISBN 978-3-7410-0479-7.
  2. Frauenkino Xenia: Wo viele Frauen-Augen glühen. In: Kino im Kopf. Zehn Jahre Xenix. Cyril Thurston, Regula Bochsel, Filmclub Xenix 1990.
  3. Xenia-Programmplakat April 1988
  4. Nina Schneider: Xenia - Die Bar, die wir liebten. In: Doris Senn: Frauenkino Xenia - Zürich, Schüren 2024, S. 173–176.
  5. Xenia-Programmplakat Mai/Juni 1988.
  6. Peter Kamber: Xenix & Xenia. Eine Zürcher Saga. In: Das Magazin (Tages-Anzeiger und Berner Zeitung BZ), 7./8. September 1990, S. 12–19.
  7. Doris Senn: Au revoir, Xenia. In: FraZ: Frauenzeitung, 3/2006, S. 36–39.
  8. Brigitte Dähler: Der Zyklus „Mütter/Töchter“ 1990. In: Doris Senn: Frauenkino Xenia - Zürich, Schüren 2024, S. 151–155.
  9. Lilian Räber: Kunst, Zensur und indiskrete Erotik. In: Doris Senn: Frauenkino Xenia - Zürich, Schüren 2024, S. 157–171.
  10. Susann Wach: „Do Not Touch the Tape Inside“ - Kurzfilme von experimentell bis animiert. In: Doris Senn: Frauenkino Xenia - Zürich, Schüren 2024, S. 165–171.
  11. Barbla Just: Frauendruckerei Genopress: Tag der offenen Tür. In: die, Lesbenzeitschrift, 1997 (o.M.).
  12. LÄSBISCH-TV. In: Läsbisch-TV. Abgerufen am 29. Oktober 2025.
  13. Doris Senn: Frauenkino Xenia - Reloaded: Hommage an ein feministisches Projekt, Filmpodium Zürich, November 2024.