Wytynanky

Wytynanky (ukrainisch витина́нки) ist eine slawische Version des Scherenschnitts, die nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Polen als Wycinanki und in Belarus als Wyzinanki (belarussisch выцінанкі) bekannt ist und deren wichtigstes Prinzip vertikale Symmetrie ist.[1]

Belarus

In den 1980er Jahren begannen professionelle Künstler, die Scherenschnittkunst wiederzubeleben. Unter ihnen war der belarussische Künstler, Schriftsteller und Fotograf Viačaslaŭ Dubinka (1941–2010) eine der Schlüsselfiguren.[2] Der moderne belarussische Scherenschnitt hat sich zu einer gängigen Form der dekorativen und angewandten Kunst entwickelt.[3] 2024 wurde belarussische Vytsinanka als immaterielles Kulturerbe anerkannt.[4]

Polen

Polnische Scherenschnitte sind besonders in der Region Masowien und ihrer Umgebung verbreitet. Die Scherenschnitte aus dem Gebiet um Garwolin und Kołbiel gelten als die ältesten und schlichtesten Varianten. Typisch sind solche Motive wie kleine Bäumchen oder menschliche Figuren sowie runde oder hornförmige Sterne. Bei den Kurpie-Scherenschnitten sind besonders einfarbige „leluje“ beliebt, die den Lebensbaum symbolisieren.[5] Im Gegenteil zu den ukrainischen und belarussischen Scherenschnitten sind polnische Wycinanki oft bunt und polychrom.[6]

Im 20. Jahrhundert wurde Scherenschnittkunst im sowjetischen Polen vom Künstler Andrzej Milwicz popularisiert, dessen dekorativen Stoffe von Wycinanki-Motiven inspiriert wurden.[7]

Ukraine

Die Herstellung von Vytynanky begann in der Ukraine bereits Ende des 15. bis Anfang des 16. Jahrhunderts. Es dauerte jedoch eine Weile, bis sie zu einem wichtigen Bestandteil der dekorativen Kunst wurde. Erst im 19. Jahrhundert verbreiteten sich dekorative Papierschnitte, die mit einem Messer oder einer Schere aus weißem oder farbigem Papier ausgeschnitten werden, in der gesamten Ukraine. Für die Herstellung von Papierschnitten wurden normalerweise geometrische oder florale Motive verwendet, manchmal auch Abbildungen von Tieren, Menschen oder Gebäuden. Das Papier wurde zwei- bis achtmal gefaltet, deswegen sind Vytynanky symmetrisch.[8]

In den 1960er und 1970er Jahren wurden die Vytynanky durch bunte Stoffe, Teppiche und andere dekorative Gegenstände verdrängt. Daher wurden sie nur noch gelegentlich als Schneeflocken-Schmuck für Fenster und Weihnachtsbäume verwendet.[8]

Allerdings wird die Tradition immer noch von modernen ukrainischen Künstlerinnen und Künstlern bewahrt und lebendig erhalten. Zu den bekanntesten zeitgenössischen ukrainischen Scherenschnittkünstlerinnen gehört Darija Aljoschkina, die riesige, vorhangartige Vytynanky anfertigt. 2018 illustrierte sie den Roman „Dona Flor und ihre zwei Ehemänner“ von Jorge Amado mit ihren Papierschnitten, der im Verlag „Wydawnyztwo Starogo Lewa“ (ukrainisch Видавництво Старого Лева ‚Verlag des alten Löwen‘) erschien.[8]

Commons: Vytynanky – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. «Борьба пера и ножниц». In: inший Kyiv. 16. Juli 2019, abgerufen am 5. November 2025 (russisch).
  2. Вячаслаў Дубінка:Выцінанка лічылася дурыкамі, а не мастацтвам” • СлуцкГазета «Інфа-Курер». In: СлуцкГазета «Інфа-Курер». 12. Mai 2010 (belarussisch, kurjer.info [abgerufen am 5. November 2025]).
  3. Main page - Papercutting. 7. November 2021, abgerufen am 2. November 2025 (britisches Englisch).
  4. Vytsinanka, traditional art of paper cutting in Belarus - UNESCO Intangible Cultural Heritage. Archiviert vom Original am 6. August 2025; abgerufen am 2. November 2025 (englisch).
  5. Hanna Kaniasta. Polnische Scherenschnitte, 2013.
  6. The Expressive Lives of Elders: Folklore, Art, and Aging. Indiana University Press, 2018, doi:10.2307/j.ctv6mtfk3, JSTOR:j.ctv6mtfk3.
  7. David Crowley: Stalinism and Modernist Craft in Poland. In: Journal of Design History. Band 11, Nr. 1, 1998, ISSN 0952-4649, S. 71–83, JSTOR:1316164.
  8. a b c ukrainer.net: Витинанка: від традицій до сучасних інтер’єрів. In: Ukraїner. 27. Januar 2019, abgerufen am 2. November 2025 (ukrainisch).