Michaelina Woutiers
Michaelina Woutiers (* vermutlich 1614 in Mons;[1] † 1689 in Brüssel,[2] Namensvarianten: Michelina, Magdalena; Wouters, Wauters, Wautier) war eine flämische Barock-Malerin: Ihr Œuvre umfasst Werke verschiedenster Bildgattungen wie „Blumenstück“,[3] Altarbild oder Porträt sowie Genre- und Historienmalerei.
Leben
Woutiers kam aus Bergen in der Grafschaft Hennegau, allerdings ist nicht sicher, ob sie auch dort geboren ist. Sie wuchs mit elf Geschwistern in einem „intellektuell gebildeten Umfeld“ mit Beziehungen zu bedeutenden Adelsfamilien auf.[2] Nach dem Tod ihrer Eltern (Vater † 1617, Mutter † 1638) ging sie nach Brüssel, vermutlich zu ihrem fünf Jahre älteren Bruder Charles (1609–1703),[4] der möglicherweise in Italien studiert und 1642 ein Haus in Brüssel gemietet hatte[2] und 1651 der Lukasgilde von Brüssel beitrat.[5]
Von 1640 bis etwa 1660 arbeitete Woutiers in Brüssel[6] und lebte bis zu ihrem Tod bei ihrem Bruder. Während es keine zeitgenössischen Berichte zu Person oder Werk Michaelinas gibt, war Charles ein seinerzeit geschätzter Maler.[2]
Michaelina Woutiers genoss zu ihrer Zeit hohes Ansehen unter dem Schutz von Erzherzog Leopold Wilhelm von Österreich, dem Statthalter der spanischen Niederlande.[2] Er wirkte als Kunst-Mäzen und kaufte während seiner Amtszeit (1647–1656) alle wichtigen Werke von Malern wie beispielsweise Peter Paul Rubens und förderte auch Michaelina Woutiers und hatte bis 1659 vier ihrer Bilder erworben;[7] darunter zwei Bildnisse des heiligen Joachim sowie ein Bildnis des heiligen Josef, die als Original von Jungfraw Magdalena Woutiers von Mons oder Berghen, Henegaw i Niderlandt beschrieben wurden,[8] außerdem ein Bacchusgemälde.[9][10]
Charakteristisch signierte Woutiers ihre Werke mit der lateinischen Formel "invenit et fecit" (erfunden und gefertigt), die nicht nur Urheberschaft, sondern explizit künstlerische Schöpferkraft dokumentierte. Dies war für eine Frau, die in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts komplexe Historiengemälde in großen Formaten schuf, außergewöhnlich – ein Anspruch auf künstlerische Kreativität, den Frauen der Epoche üblicherweise nicht zugestanden wurde.[2]
Ihr Bild des Hl. Joachim war bis in das 18. Jhdt. Teil der kaiserlichen Galerie in der Stallburg in Wien, wo es über dem Eingang zum Schwarzen Kabinett hing. 1960 wurde das bereits stark beschädigte Werk konserviert und das vorher ovale Format zum Rechteck ergänzt; für die Herbstausstellung 2025 im Kunsthistorischen Museum in Wien wurde das Werk dann restauriert.[11]
Nach ihrem Tod geriet Michaelina Woutiers Name bald in Vergessenheit und mehrere ihrer Bilder wurden ihrem Bruder oder anderen Malern zugeschrieben. Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde sie wieder als eigenständige Malerin erwähnt. Ab den 1960er Jahren wuchs die Wahrnehmung ihrer Bedeutung und die Zahl der von ihr bekannten Werke bis zur ersten Retrospektive.[9]
Werke (Auswahl)
Insgesamt werden Michaelina Woutiers mittlerweile derer 35 zugeschrieben,[4] z. B:
- Portrait eines Mannes (1646), Öl auf Leinwand, 63 × 56,5 cm, oben rechts signiert „Michaelina Woutiers / 1646“, 1812 von den Königlichen Museen der Schönen Künste, Brüssel erworben.
- Zwei Mädchen als die Heiligen Agnes und Dorothea, Königlichen Museen der Schönen Künste, Antwerpen
- Bacchanal,[12] Öl auf Leinwand, 270 × 354 cm, Kunsthistorisches Museum Wien. Das monumentale Gemälde wurde inspiriert von den Metamorphosen des Ovid.[5] Woutiers malte dieses Meisterwerk um 1650 und porträtierte sich möglicherweise als Bacchantin, die dem Betrachter ins Gesicht schaut. Die virtuose Arbeit zeigt ihre Kenntnisse auf dem Gebiet der Anatomie.[6] Das Gemälde wurde im Inventar des Erzherzogs Leopold Wilhelm beschrieben als Original von N. Woutiers.[10]
- Die Verkündigung (1659),[13] Öl auf Leinwand, 200 × 134 cm, Musée Promenade Marly le Roi. Das Gemälde wurde früher dem französischen Maler Pierre Bedeau zugeschrieben, die Übermalung wurde jedoch während einer Restaurierung entfernt.[14] Michaelina Woutiers signierte und datierte es mit Michaelina Wautier fecit 1659. Die dominierenden Farben sind ein auffälliges Kobaltblau sowie ein tiefes Rot. Trotz des großen Formats treten die Figuren plastisch hervor.[5]
- Hl. Anna lehrt Maria Lesen, im Hintergrund Joachim (1656), Öl auf Leinwand, 147 × 124 cm, Kunsthandlung Hoogsteder & Hoogsteder, Den Haag. Das Gemälde zeigt Maria als Kind wie sie mit ihren Eltern, Joachim und Anna lesen lernt. Das Bild ist mit dramatischen clair-obscur gemalt, das an Caravaggio denken lässt.[5]
- Hl. Joachim,[15] in der Liste von Erzherzog Leopold Wilhelm als ‘Original von Jungfraw Magdalena Woutiers von Mons oder Berghen, Henegaw i Niderlandt’ beschrieben.[10]
- Hl. Josef (ca. 1657),[16] Öl auf Leinwand, 76 × 66 cm, Kunsthistorisches Museum Wien. Auch dieses Gemälde war Eigentum des Erzherzogs Leopold Wilhelm. Der heilige Josef wird mit Wärme als eine beeindruckende Persönlichkeit dargestellt.[5][17]
- Blumengirlande mit Prachtlibelle (1652),[18] Öl auf Leinwand, 41,1 × 57,4 cm, Privatbesitz.
- Blumengirlande (1652), Öl auf Holz, 42 × 57 cm.[3][19]
- Der Flötenspieler (1650), Öl auf Leinwand, 70 × 61 cm, Standort unbekannt. Der Blockflöte spielende Junge ist Teil einer Reihe von fünf Bilder, die alle Jungen darstellen. Das Gemälde wurde 1999 in Paris versteigert.[20]
Ausstellungen
- 2018, Museum aan de Stroom, Antwerpen: Erste Retrospektive[21][9]
- 30. September 2025 bis 22. Februar 2026, Kunsthistorisches Museum Wien: Michaela Wautier. Malerin. (Erste Gesamtschau)[22][23][24]
Siehe auch
Literatur
- Gerlinde Gruber, Katlijne van der Stighelen, Julien Domercq (Hrsg.): Michaelina Woutiers. Belser, Stuttgart 2025.
- Katlijne van der Stighelen (Hrsg.): Michaelina Wautier, 1604–1689: Glorifying a forgotten talent. Ausstellungskatalog Museum aan de Stroom Antwerpen, 1. Juni bis 2. September 2018. Kontich: BAI publishers 2018, ISBN 978-90-8586-762-3.
- Ilja M. Veldman: Wautier, Michaelina. In: Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker (AKL). Band 115, De Gruyter, Berlin 2022, ISBN 978-3-11-055066-5, S. 185 f.
Weblinks
- Michaeline Wautier. Eine (noch) unvollendete Geschichte. In: Kunsthistorisches Museum Wien. 2025.
- Philip McCouat: Forgotten women artists #4 Michaelina Wautier: entering the limelight after 300 years. In: Journal of Art in Society. 2019 (englisch).
- Federico Giannini, Ilaria Baratta: Michaelina Wautier, die Geschichte einer Künstlerin, die im 17. Jahrhundert in Flandern allen Vorurteilen trotzte. In: finestresullarte.info. 25. Juli 2018.
Einzelnachweise
- ↑ Andere Quellen geben 1604 als Geburtsdatum an: Michaelina Wautier. In: RKDresearch. Abgerufen am 28. September 2025.
- ↑ a b c d e f Michaeline Wautier. Eine (noch) unvollendete Geschichte. In: Kunsthistorisches Museum Wien.
- ↑ a b Stillleben und Tierstücke. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung, Hans-Joachim Raupp, Lit Verlag (2001).
- ↑ a b Philip Oltermann: Michaelina Wautier: the female Flemish artist now seen as an old master. In: theguardian.com. 28. September 2025, abgerufen am 28. September 2025 (englisch).
- ↑ a b c d e Jordi Vigué, Grote Meesters van de Westerse Schilderkunst Schilderessen, Zuid Boekproducties, 2003.
- ↑ a b Katlijne van der Stighelen, Mirjam West, u. a. (Hrsg.): Elck zijn waerom. Vrouwelijke kunstenaars in België en Nederland 1500-1955. Ludion, Gent 1999 (dbnl.org – Die Ausstellung war vom 17. Oktober 1999 bis zum 16. Januar 2000 im Königlichen Museum der Schönen Künste in Antwerpen zu sehen.).
- ↑ Katlijne Van der Stighelen: 'Prima inter pares'. Over de voorkeur van Aartshertog Leopold-Wilhelm voor Michaelina Woutiers (ca 1620-na 1682). In: Hans Vlieghe, Katlijne Van der Stighelen (Hrsg.): Sponsors of the Past: Flemish Art and Patronage 1550-1700. Proceedings of the Symposium Organized at the Katholieke Universiteit Leuven, December 14-15, 2001. Brepols Publishers, Turnhout 2005, ISBN 2-503-51500-2 (niederländisch, Rezension).
- ↑ Bildnisse Hl. Josef und Hl. Joachim
- ↑ a b c Philip McCouat: Forgotten women artists #4 Michaelina Wautier: entering the limelight after 300 years. In: Journal of Art in Society. 2019, abgerufen am 28. September 2025 (englisch).
- ↑ a b c Machteld De Schryver, Karen Geurts: Over beeldende kunstenaressen in Brussel. 2007, archiviert vom am 18. Juni 2009.
- ↑ Spendenaussendung des Kunsthistorischen Museums Oktober 2024.
- ↑ codart.nl
- ↑ musee-promenade.fr
- ↑ Mirjam Westen: Waarom? Daarom! Elck zijn Waerom. In: Museumkrant. Band 2, Nr. 1, Februar 2000, S. 4–5.
- ↑ scholarsresource.com
- ↑ scholarsresource.com
- ↑ Verzeichnis, Kunsthistorisches Museum Wien
- ↑ kunstmarkt.com
- ↑ Hinweis auf Blumengirlande in Öl auf Holz
- ↑ Nicholas S. Lander: Artists–W. In: Recorder Iconography. Abgerufen am 28. September 2025 (englisch).
- ↑ Michaelina - Baroque's leading lady. In: mas.be. Abgerufen am 28. September 2025.
- ↑ Michaelina Wautier - Malerin. Kunsthistorisches Museum Wien, abgerufen am 6. Januar 2026.
- ↑ deutschlandfunk.de: Vergessen, verdrängt, gefeiert - Die Malerin des Barock Michaelina Wautier. 1. Oktober 2025, abgerufen am 7. Oktober 2025.
- ↑ Gerhard Krispl: Vergessen, verdrängt, i: Das Kunsthistorische Museum zeigt Michaelina Wautier. In: leadersnet.at. 5. August 2025, abgerufen am 28. September 2025.