World-Café

Bürgerbeteiligung (→ Übersichten)
World-Café
Ziel / Funktion Einflussnahme auf Öffentlichkeit und Gesellschaft
typische Themen vielseitig einsetzbar
Kontext Fragen auf lokaler bis transnationaler Ebene, organisations- bzw. betriebsinterne Fragen
typische Auftraggeber Verwaltungen, Behörden, Vereine, Kirchen, Bildungseinrichtungen, Unternehmen etc.
Dauer mehrere Gesprächsrunden à 20–30 Minuten
Teilnehmer (Anzahl und Auswahl) 12–1.200 Personen; Selbstselektion
wichtige Akteure, Entwickler, Rechteinhaber Conversation Café
geographische Verbreitung v. a. USA, Großbritannien, auch andere europäische Staaten

Das World-Café ist eine Workshop-Methode. Sie wurde von den US-amerikanischen Unternehmensberatern Juanita Brown und David Isaacs seit 1995 entwickelt[1] und eignet sich für Gruppengrößen ab zwölf und für bis zu 2000 Teilnehmern (Großgruppenmoderation). Neben seiner Verwendung in Organisationen und Gemeinden wird World-Café in der neueren Literatur auch als explorative, partizipative Methode der qualitativen Sozialforschung beschrieben, mit der in kurzer Zeit reichhaltige Daten erhoben und unterschiedliche Blickwinkel auf ein Thema zusammengeführt werden können.[2]

Sinn der Methode

Mit einem World-Café eröffnen die Einladenden den Gästen mit relativ geringem Aufwand und wenig professioneller Anleitung einen sicheren Raum, in dem sie die verschiedenen Sichtweisen auf ein Thema und verschiedene Herangehensweisen dazu voneinander kennenlernen, Muster entdecken und Ziele und Zusammenhänge erkennen, neue Umgangsformen kennenlernen, kooperativ werden, genau hinhören, hinterfragen, konstruktiv diskutieren und so gemeinsam Probleme lösen können. Auch sind die Einladenden bemüht, den Gästen zu ermöglichen, über das Treffen hinaus kooperativ zu bleiben. Die Methode zielt auf die systematische Nutzung des „Wissens der Vielen“, indem mehrere Gesprächsrunden mit wechselnder Tischbesetzung durchgeführt werden, sodass Ideen und Argumente zirkulieren und miteinander verknüpft werden.[2]

Zu Themen, die für die Teilnehmer relevant sind, wird mit passenden Fragen versucht, die Menschen in ein konstruktives Gespräch zu bringen. Klatt und ihre Koautoren unterscheiden dabei zwischen analytischen Fragen, die etwa nach Ursachen, Problemen oder Wissensständen fragen, und gestaltungsorientierten Fragen, die auf mögliche Lösungen oder Verbesserungen („Wie können wir…?“) zielen.[2]

Es geht darum, dass möglichst alle Beteiligten zu Wort kommen und dass sie gemeinsame Ziele und Strategien finden, wodurch ihre Bereitschaft zur Mitwirkung an entsprechenden Veränderungsprozessen geweckt wird. Im Unterschied zu klassischen Interview- oder Fokusgruppenverfahren werden die Teilnehmenden im World-Café nicht befragt, sondern gestalten den Austausch selbstorganisiert; interviewende Personen treten zugunsten einer dialogischen, dynamischen Gesprächssituation in den Hintergrund.[2]

World-Café unterstützt Gruppen ebenfalls bei gemeinsamer Planung, fördert so Selbstentwicklung, Selbststeuerung und Selbstorganisation der Gäste und macht den Leistungsvorteil der Gruppe sichtbar und die Stärke der Gruppe erlebbar. In der Forschung wird World-Café deshalb vor allem eingesetzt, wenn kollektive Expertise zu komplexen Fragestellungen mit vielen Blickwinkel benötigt wird oder gemeinsam Lösungen entwickelt werden sollen, etwa im Rahmen von Design-Science-Projekten.[2] Im Vergleich zu herkömmlichen qualitativen Verfahren wie Delphi-Studien oder Fokusgruppen gilt die Methode als zeitsparend, weil sie Datensammlung und Elemente des Forschungsdesigns (z. B. Reflexion und Verdichtung) in einem kompakten Format verbindet.[2]

Ablauf

Ein World-Café dauert etwa 45 Minuten bis drei Stunden. Die Teilnehmer stehen oder sitzen im Raum verteilt an kleinen Tischen mit idealerweise vier, maximal fünf Personen[3]. Neuere methodische Arbeiten empfehlen für Forschungs-World-Cafés hingegen fünf bis sechs Teilnehmende pro Tisch, da sich in dieser Größe erfahrungsgemäß ein ausgeglichenes Verhältnis von Vielfalt und Gesprächsbeteiligung ergibt.[2] Die Tische sind mit bunten Tischdecken, Blumen, beschreibbaren Papier-Platzmatten und Stiften bzw. Markern ausgestattet. Typischerweise werden drei Gesprächsrunden durchgeführt, wobei die ersten beiden jeweils etwa 30 Minuten und die dritte etwa 20 Minuten dauern; einschließlich Begrüßung und Ergebnissicherung ergibt sich so eine Gesamtzeit von rund zwei Stunden.[2]

Durch die bunten Tischdecken (z. B. mit rot-weißem Schachbrettmuster) und die Blumen soll ein Café-Gefühl hervorgerufen werden, daher sollte auch Verpflegung, zumindest Kaffee, Tee und Wasser frei verfügbar sein. Ein Moderator führt in die Arbeitsweise ein, erläutert den Ablauf und weist auf die Verhaltensregeln, die World-Café-Etikette, hin.[4] Sofern mit Gastgebern an den Tischen gearbeitet wird, sorgen diese für die inhaltliche Verknüpfung der Erkenntnisse aus den unterschiedlichen Diskussionsrunden. Die Frage der Sitzwechsel kann dabei frei (selbstgewählte Tische) oder geplant (feste Rotationspläne) organisiert werden; insbesondere bei sehr großen Gruppen wird aus Gründen der Übersichtlichkeit eine vorher festgelegte Sitzordnung empfohlen.[2]

Im Verlauf werden die gleichen oder verschiedene Fragen in aufeinander folgenden Gesprächsrunden von 15 bis 30 Minuten an allen Tischen gleichzeitig bearbeitet. Zwischen den Gesprächsrunden mischen sich die Gruppen neu, ggf. bleibt je ein Gastgeber an jedem Tisch zurück.[5] Sie begrüßen neue Gäste, resümieren kurz das vorhergehende Gespräch und bringen den Diskurs erneut in Gang. Zwischen den einzelnen Runden wird ein kurzer Zeitraum von etwa fünf Minuten für den Tischwechsel empfohlen; längere Pausen während der Datenerhebung gelten als problematisch, weil sie informelle, nicht dokumentierte Diskussionen begünstigen können.[2] Das World-Café schließt mit einer gemeinsamen Reflexionsphase ab[6]. In forschungsorientierten World-Cafés verfassen die Gastgeber im Anschluss an die Tischrunden zusätzliche strukturierte schriftliche Zusammenfassungen, in denen zentrale Argumente, Beobachtungen zum Gruppenverhalten und offene Punkte festgehalten werden; auf dieser Grundlage werden die Ergebnisse im Plenum vorgestellt.[2]

Klatt und ihre Koautoren schlagen zur genaueren Planung eine Unterteilung der Methode in Planungs-, Durchführungs- und Auswertungsphase und jeweils konkrete Schritte vor – etwa die Auswahl und Schulung der Gastgeber, die Gestaltung von Raum und Material, die Datenauswertung sowie die Vorstellung der Ergebnisse.[2]

Entwicklung der Fragestellungen

Die richtigen Fragen sind wesentlicher Erfolgsfaktor für ein World-Café. Deshalb wird der Entwicklung dieser Fragen in der Planungsgruppe – gebildet aus einem repräsentativen Querschnitt der zu erwartenden Teilnehmer – besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Die Fragen sollen Interesse wecken. Sie sind einfach formuliert, offen gestellt, haben einladenden Charakter und sollen auf den Dialog neugierig machen.

In der Praxis bauen die Fragen inhaltlich und dramaturgisch oftmals aufeinander auf. Bei der Entwicklung von Handlungsplänen und Strategien hat sich beispielsweise folgende Fragedramaturgie bewährt:

  • Die erste Frage hat öffnenden/sammelnden bzw. analytischen Charakter, um alle Informationen und Ideen zu einem Themenfeld zusammentragen,
  • die zweite Frage ist dann eher engführend und handlungsorientiert gestellt, z. B. „Was müssten wir heute beschließen, um xy zu erreichen?“

In der methodischen Literatur werden drei Grundvarianten unterschieden, wie Fragen in einem World-Café verteilt werden können: (1) Alle Tische bearbeiten in allen Runden dieselbe Frage, sodass unterschiedliche Personen nacheinander ihre Blickwinkel zu genau einer Fragestellung einbringen; (2) alle Tische bearbeiten pro Runde dieselbe, aber von Runde zu Runde wechselnde Frage, was eine klar strukturierte Abfolge von Analyse-, Ideen- und Umsetzungsfragen ermöglicht; (3) an jedem Tisch liegt eine unterschiedliche Frage, die über alle Runden hinweg gleich bleibt, während sich nur die Tischgruppen verändern.[2] Die maximale Anzahl von Fragen wird dadurch meist durch die Zahl der Tische bestimmt; bei forschungsorientierten Anwendungen wird zur Nutzung der „Weisheit der Gruppe“ auf die Diskussion jeder Frage in mindestens zwei Runden geachtet.[2]

Auswertung der Ergebnisse

In den Tischdiskussionen entstehen eine Vielzahl von Ideen, Erkenntnissen und Vorschlägen. Um diese Vielfalt wieder zusammenzuführen, gibt es mehrere bewährte Vorgehensweisen, beispielsweise:

  • „Reporter“ der Diskussionstische fassen die wichtigsten Ergebnisse ihres Tisches zum Schluss stichwortartig zusammen
  • Aushängen aller Tischdecken in einer „Ergebnisgalerie“ und Priorisierung der wichtigsten Aussagen mit Klebepunkten
  • Honoratioren bzw. Vertreter der Einladenden sichten und kommentieren die Ergebnisse
  • Tische schreiben in der letzten Diskussionsrunde ihre „Top 3 Handlungsempfehlungen“ (in Bezug auf die zentrale Fragestellung) auf Moderationskarten; anschließendes Gruppieren der Ergebnisse auf einer Pinnwand

In der wissenschaftlichen Praxis werden die auf Tischdecken, Moderationskarten oder Papierunterlagen festgehaltenen Beiträge zusammen mit den schriftlichen Gastgeberzusammenfassungen häufig als qualitatives Datenkorpus behandelt, das im Anschluss systematisch strukturiert, geclustert und kodiert wird, etwa mithilfe qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring.[2] Zudem wird zur Vermeidung von Missverständnisse und Verkürzungen die Spiegelung der aus den Daten abgeleiteten Kategorien oder Deutungen mit den Gastgebern empfohlen.[2] Klatt und ihre Koautoren ordnen diese Auswertungsschritte einer eigenen Auswertungsphase zu, in der zwischen Datenexploration (Erkennen von Mustern), Datenexploitation (Verdichtung und Theorienbildung) und Datenpräsentation (z. B. nach unterschiedlichen „Linsen“ oder Bedürfnissen) unterschieden wird.[2]

Rolle der Gastgeber an den Tischen

Die Gastgeber, die sich freiwillig melden sollen, haben im World-Café eine besondere Bedeutung. Sie achten darauf, dass eine offene, klare und freundliche Atmosphäre entsteht. Die Gastgeber bleiben in der Standardvariante nur für eine Dialog-Runde an ihrem Tisch und verabschieden in den Übergängen die Gäste, begrüßen die Neuankömmlinge und fassen die Kerngedanken und wichtigsten Erkenntnisse der vorherigen Runde kurz zusammen[7]. Im Verlauf des Gesprächs sorgen sie dafür, dass sich alle Beteiligten kennen und dass wichtige Gedanken, Ideen und Verbindungen von allen auf die Tischdecken geschrieben und gezeichnet werden. Der Gastgeber für die nächste Runde sollte am Ende der aktuellen Runde festgelegt werden[8]. Empirische und methodische Arbeiten zum Forschungs-World-Café zeigen, dass Verhalten und Kompetenz der Gastgeber maßgeblich über Qualität und Vertrauenswürdigkeit der erhobenen Daten entscheiden.[2]

Die Gastgeber sollten die Tischgespräche nicht moderieren. Eine Moderation ist vor allem dann nicht notwendig, wenn die Fragestellung klar und interessant genug für alle Teilnehmer ist und die Gruppengröße an den Tischen 5–6 Personen nicht übersteigt. Klatt und ihre Koautoren empfehlen eine gestufte Vorbereitung der Gastgeber mit schriftlichen Unterlagen mehrere Wochen vor der Veranstaltung, einem mündlichen Briefing, in dem Rollenverständnis, Ablauf und ethische Aspekte erläutert werden, sowie kurzen „Dos-and-Don'ts“ direkt vor Beginn des World-Cafés.[2] Neben der Begleitung der Gespräche verfassen die Gastgeber nach den Runden standardisierte Kurzprotokolle, in denen sie zentrale Argumente, Beobachtungen zum Gruppenverhalten sowie auffällige Dynamiken festhalten; auf Audio- oder Videoaufzeichnungen wird in forschungsorientierten Konzepten bewusst verzichtet, um die ungezwungene Caféatmosphäre nicht zu stören.[2]

Einsatzmöglichkeiten

World-Cafés finden in internationalen Konzernen, politischen Organisationen, Gemeinden, Städten, Verbänden etc. statt. Die Methode ist besonders wirkungsvoll bei heterogenen, durchmischten Teilnehmergruppen, die gemeinsam von einem Thema betroffen sind. Sie eignet sich gut, um

  • unterschiedliche Sichtweisen zu einem Thema zusammenzuführen,
  • innerhalb kurzer Zeit einen Handlungsplan zu entwerfen,
  • gemeinsam Strategien zu entwickeln
  • Feedback und Resonanz zu bereits erarbeiteten Vorschlägen zu geben und ggf. Verbesserungsvorschläge zu erarbeiten
  • im Rahmen von Projektauswertungen oder Erhebung von Zwischenständen

Obwohl World-Cafés mit sehr kleinen (ab etwa zwölf Personen) und sehr großen Gruppen (bis zu etwa 1. 000 Teilnehmenden) durchgeführt werden können, gilt die Zahl der Personen pro Tisch – und nicht die Gesamtgröße – als entscheidend für die Gesprächsqualität.[2] In der Forschungsliteratur wird World-Café inzwischen in vielen Disziplinen eingesetzt, unter anderem im Gesundheitswesen, in der Hochschulbildung, in der Gemeinwesenarbeit, in der Unternehmens- und Strategieforschung, meist als exploratives oder partizipatives Bewertungsinstrument.[2] Für Forschungs-World-Cafés lassen sich zwei grundlegende Teilnehmertypen unterscheiden: Personen, die direkt vom Thema betroffen sind (z. B. Beschäftigte oder Anwohner), und Experten, die ihr Fachwissen einbringen, ohne selbst betroffen zu sein; je nach Fragestellung können beide Gruppen kombiniert werden.[2]

Zudem werden vier Grundformen des Formats unterschieden, je nachdem ob es als eigenständige Veranstaltung oder eingebettet in andere Events (z. B. Tagungen) stattfindet und ob die Teilnahme freiwillig oder verpflichtend ist; diese Ausgestaltung beeinflusst Rekrutierung, Motivation und Planbarkeit der Gruppe.[2] Da Forschungs- und Praxisakteure im gleichen Setting zusammenkommen, wird die Methode auch zur Überbrückung der häufig diskutierten Kluft zwischen Forschung und Praxis genutzt.[2] Ein regelmäßiger Nebeneffekt ist die Vernetzung der Teilnehmenden, die durch die interaktiven Diskussionsrunden quasi „nebenbei“ passiert.

Abgrenzung zum Knowledge-Café

Das hier beschriebene World-Café unterscheidet sich vom damit verwandten Knowledge-Café: Das Knowledge-Café ist ein Instrument des Wissensmanagements. Es ist stark strukturiert durch festgelegte Themen und eine gesetzte Moderation. Die Teilnehmer arbeiten in der Regel alle Themen ab, so dass hier das Lernen und Lehren im Vordergrund steht.

Literatur

  • Juanita Brown, David Isaacs: The World Café. Shaping Our Futures Through Conversations That Matter, McGraw-Hill Professional, 2005, ISBN 978-1-57675-258-6.
    Deutsch: Juanita Brown und David Isaacs: Das World Café. Kreative Zukunftsgestaltung in Organisationen und Gesellschaft, Carl-Auer Verlag, ISBN 978-3-89670-588-4.
  • Holger Scholz, Roswitha Vesper, Martin Haussmann: Lernlandkarte Nr. 2 – World Café. Neuland, ISBN 978-3-940315-02-1.
  • Patrizia Nanz, Miriam Fritsche: Handbuch Bürgerbeteiligung: Verfahren und Akteure, Chancen und Grenzen, bpb (Bd. 1200), 2012 (PDF 1,37 MB), 2012, S. 86–87.
  • Annika Klatt, Eveline van Zeeland, Jörg Henseler: How to Run a World Café: A Comprehensive Guide Using a Three-Phase Blueprint. In: International Journal of Market Research, 2025, doi:10.1177/14707853251404269.

Einzelbelege

  1. World-Cafè History
  2. a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y Klatt, A., van Zeeland, E., & Henseler, J. (2025). How to run a World Café: A comprehensive guide using a three-phase blueprint. International Journal of Market Research, 0(0), 1–16. https://doi.org/10.1177/14707853251404269.
  3. World-Cafè Cafe-To-Go
  4. World-Cafè Community
  5. World Cafe Method. In: The World Cafe. 4. Juli 2015, abgerufen am 11. November 2023 (amerikanisches Englisch).
  6. World-Cafè Cafe-To-Go
  7. World-Cafè Cafe-To-Go
  8. World-Cafè Cafe-To-Go