Wolfram Schmitt (Mediziner)
Wolfram Schmitt (* 21. Juli 1937 in Neuenstadt am Kocher; † 7. Februar 2025 in Saarbrücken) war ein deutscher Medizinhistoriker, Professor für Geschichte der Medizin an der Universität Heidelberg, Ärztlicher Direktor der Kliniken Sonnenberg in Saarbrücken, Neurologe, Psychiater, Psychotherapeut, Philosoph und Autor.
Leben
Wolfram Schmitt ist Sohn des Studienrats Franz Xaver Schmitt und dessen Ehefrau Maria Haug. Der Vater fiel im Februar 1945 im Zweiten Weltkrieg in Ostpreußen.
Schmitt besuchte das altsprachlichen Friedrich-Schiller-Gymnasiums in Ludwigsburg und schloss im Frühjahr 1956 mit dem Abitur ab. Er begann im Sommersemester 1956 an der Eberhard Karls Universität in Tübingen mit dem Studium der Germanistik und lateinischer Philologie nach dem Vorbild seines Vaters. Dort trat er der traditionellen Burschenschaft Germania zu Tübingen bei.[1] Im Sommer 1958 setze er sein Studium an der Universität in Heidelberg fort, legte dort 1963 das Staatsexamen in Philologie ab und promovierte zum Doktor der Philosophie.
Als Studienreferendar war er in den Jahren 1963 und 1964 an den Schulen in Bietigheim und Stuttgart tätig, was ihn nicht befriedigte. Er sattelte zur Medizin um; eine Entscheidung, die ihm mit einem Stipendium der Stiftung des Volkswagenwerkes erleichtert wurde. So begann er noch im Jahr 1964 mit dem Studium der Medizin an der Universität Heidelberg. Dieses schloss er 1970 mit dem medizinischen Staatsexamen und der Promotion ab. Von 1970 bis 1977 folgte die Ausbildung zum Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsklinik in Heidelberg. Zusätzlich habilitierte er sich 1974 für Medizingeschichte. Ab 1977 arbeitete er an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg als Oberarzt und dort seit 1979 als außerordentlicher Professor.
1985 übernahm Schmitt die ärztliche Leitung der Kliniken Sonnenberg in Saarbrücken, ein psychiatrisches Fachkrankenhaus mit damals 600 Betten. Dort schaffte er deutliche Fortschritte bei der Versorgung psychisch Kranker.[2]
Im Jahr 1999 machte Schmitt sich selbständig und eröffnete in Saarbrücken eine Privatpraxis mit Belegbetten für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Neurologie. Sein Interesse galt psychische Erkrankungen von Musikern, Schriftsteller und Kunstschaffenden. Schmitt betrieb seine psychiatrische Arztpraxis bis ins Alter von 86 Jahren. Er war zweimal verheiratet und hat aus jeder Ehe eine Tochter.[3][2]
Veröffentlichungen
Schmitt widmete sich weiterhin der wissenschaftlichen Arbeit mit zahlreichen Veröffentlichungen, deren thematischen Bögen weit gespannt sind und von der Antike bis zur Gegenwart zu historischen, aktuellen, empirischen, methodischen und philosophischen Fragen der Psychiatrie und Psychotherapie reichten.
Die Theorie und Praxis der Lebenskunst war für Schmitt ein beherrschendes Thema. Er philosophierte zu Themen der Kunst, Medizingeschichte und Psychiatrie.
Aufmerksamkeit erreichte sein Werk, Gesundheitslehre und Gesundheitsregime im Mittelalter, das 2013 im Lit Verlag erschien. Dabei geht es um medizinische Ratgeber und medizinische Lebenskunst im Mittelalter, die sich mit der Balance von sechs Lebensbereichen der menschlichen Natur auseinandersetzen: Licht und Luft, Essen und Trinken, Bewegung und Ruhe, Schlafen und Wachen, Füllung und Entleerung sowie Gemütsbewegung. Schmitt kommt zu dem Ergebnis, dass diese „sex res naturales“ der antik – mittelalterliche Diätetik noch heute ihre Gültigkeit besitzen.[4]
Ehrungen
2012 veranstalten Dietrich von Engelhardt und Andreas Kick in der Universitätsklinik in Heidelberg ein Symposium zu Schmitts 75. Geburtstag unter dem Titel „Lebenslinien – Lebensziele – Lebenskunst“. Das Symposium wurde durch eine Festschrift zu seinen Ehren unter dem gleichen Titel im Jahr 2014 ergänzt.[5] Diese Festschrift enthält fünfzehn Beiträge seiner Kollegen zu diesen Themen. Darin sind auch Schmitts wissenschaftliche Veröffentlichungen – über 100 an der Zahl – verzeichnet.
Schriften (Auswahl)
- Hans Hartliebs mantische Schriften und seine Beeinflussung durch Nikolaus von Kues. - Phil. Diss. Heidelberg 1962.
- Deutsche Fachprosa des Mittelalters. Ausgewählte Texte. Herausgegeben, erläutert und mit einem Glossar versehen. - Berlin 1972 (= Kleine Texte für Vorlesungen und Ubungen, hg. v. Kurt Aland, 190).
- Theorie der Gesundheit und ‚Regimen sanitatis' im Mittelalter. - Med. Habil.-Schrift Heidelberg 1973.
- Zur Literatur der Geheimwissenschaften im späten Mittelalter. In: Gundolf Keil u. Peter Assion (Hg.): Fachprosaforschung. Acht Vorträge zur mittelalterlichen Artesliteratur. Berlin 1974, S. 167–182.
- Las notas marginales en alemán medieval. In: Luis Garcia Ballester (Hg.): De natura rerum (lib. IV–XII) por Tomás de Cantimpré. Tacuinum sanitatis.
- Codice C-67 (fols 2v – 116r) de la Biblioteca Universitaria de Granada. (Faksi-mileband) Granada 1972. Comentarios, Granada 1974, S. 45–49.
- Gesundheitstheorien in Antike und Mittelalter. In: Maria Blohmke, Heinrich Schipperges, Gustav Wagner (Hg.): Medizinische Ökologie. Aspekte und Perspektiven. Heidelberg 1979, S. 18–35.
- Karl Jaspers und die Methodenfrage in der Psychiatrie. In: Werner Janzarik (Hg.): Psychopathologie als Grundlagenwissenschaft. Stuttgart 1979, S. 74–82.
- Die Psychiatrie und der Geisteskranke im Wandel der Zeit. In: Hans Gercke, Inge Jarchov (Hg.): Die Prinzhorn-Sammlung. Bilder, Skulpturen, Texte aus Psychiatrischen Anstalten (ca. 1890–1920). Königstein/Taunus 1980, S. 44–54.
- Versöhnung als Therapieziel. Aspekte einer anthropologischen Psychotherapie. In: Hermes A. Kick, Günter Dietz (Hg.): Trauma und Versöhnung. Heilungswege in Psychotherapie, Kunst und Religion. Berlin 2010, S. 315–331.
- Goethes Doppelgänger-Erlebnis. In: Jürgen Barkhoff, Dietrich von Engelhardt (Hg.): Körperkult, Körperzwang, Körperstörung im Spiegel von Psychopathologie, Literatur und Kultur. Heidelberg 2010, S. 243–258.
- Der Wahn in der Sicht von Karl Jaspers im problemgeschichtlichen Kontext. In: Matthias Lammel, Stephan Sutarski, Steffen Lau, Michael Bauer (Hg,): Wahn und Schizophrenie. Psychopathologie und forensische Relevanz. Berlin 2011, S. 17–31.
- Schuld, Schuldgefühl und Schuldwahn. Psychologische und psychopathologische Aspekte. In: Hermes A. Kick, Wolfram Schmitt (Hg.): Schuld. Bearbeitung, Bewältigung, Lösung. Strukturelle und prozessdynamische Aspekte. Berlin 2011, S. 45–55.
- Vision, Halluzination und Melancholie. Historische und aktuelle Perspektiven. In: Annette Gerok-Reiter, Christine Walde (Hg.): Traum und Vision in der Vormoderne. Traditionen, Diskussionen, Perspektiven. Berlin 2012, S. 219–234.
- Verrat an sich selbst. Selbstentzweiung und Selbstversöhnung. In: Dietrich von Engelhardt (Hg.): Verrat. Geschichte – Medizin – Philosophie – Kunst – Literatur. Heidelberg 2012, S. 197–213.
- Wege zum inneren Frieden. Zum Begriff der Seelenruhe. In: Hermes A. Kick, Günter Dietz (Hg): Frieden als Balance in Psychotherapie und politischem Handlungsraum. Prozessdynamische Perspektiven. Berlin 2013, S. 47–60. Medizinische Lebenskunst. Gesundheitslehre und Gesundheitsregimen im Mittelalter. Berlin 2013.
- Gewalthandlungen bei Depressionen als Paradox. In Hermes A. Kick, Theo Sundermeier (Hg.): Gewalt und Macht in Psychotherapie, Gesellschaft und Kunst. Berlin 2914, S. 83–95
Einzelnachweise
- ↑ Karl Philipp: Burschenschaft Germania Tübingen. Gesamtverzeichnis der Mitglieder seit der Gründung 12. Dezember 1816. Tübingen 1989, S. 181.
- ↑ a b Wolfgang Hofmann, Bernd P. Laufs, Franz-Peter Zimmer, Nachruf Prof. Dr. Dr. Schmitt in Saarländisches Ärzteblatt, Ausgabe 5/2025, S. 42
- ↑ Volker Grub, Nachruf für Wolfram Schmitt, Bixier-Nachrichten der Philistervereinigung Germania Tübingen Nr. 136, S. 5, Juni 2025
- ↑ Wolfram Schmitt, Medizinische Lebenskunst, Gesundheitslehre und Gesundheitsregime im Mittelalter, Berlin 2013
- ↑ Dietrich von Engelhardt, Hermes Andreas Kick (Hg.), Lebenslinien-Lebensziele-Lebenskunst, Berlin, 2014