Wolfgang Müller-Lorenz

Wolfgang Müller-Lorenz (* 24. November 1946 in Köln; † 24. Oktober 2025[1][2] in Graz, Steiermark) war ein deutscher Opernsänger, der zunächst als Lyrischer Bariton, später dann nach einem Fachwechsel als Heldentenor auftrat.

Leben

Wolfgang Müller-Lorenz, der, um Verwechslungen mit anderen Künstlern zu vermeiden, zu Beginn seiner Karriere seinem Geburtsnamen den Mädchennamen seiner Mutter hinzufügte, studierte zunächst Maschinenbau, dann Gesang an der Musikhochschule Köln.[3][4] Sein Vater war im Zweiten Weltkrieg Flugzeugtechniker gewesen und verweigerte die finanzielle Unterstützung für ein Gesangsstudium, das sich Müller-Lorenz, lediglich geringfügig von seiner Großmutter unterstützt, fortan als Werkstudent und als Regieassistent beim Westdeutschen Rundfunk finanzierte.[3] Parallel dazu absolvierte er privat ein Schauspielstudium in München. Seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte er im Dezember 1967 bei einem Adventskonzert in der Markuskirche in Köln-Porz.[3]

1972 debütierte er als lyrischer Bariton am Staatstheater Mainz, wo er in der Spielzeit 1972/73 engagiert war.[5] Es folgten Engagements am Staatstheater am Gärtnerplatz in München (1973–1977), am Opernhaus Nürnberg, am Staatstheater Karlsruhe (1977–1980), in Frankfurt am Main und in Mannheim.[6][7][8][9][10][11][12] Seine „Paraderolle“ war der Dr. Falke in der Operette Die Fledermaus von Johann Strauß, eine Rolle, die er an mehreren deutschen Theatern sang.[3]

1980 wurde er von dem damaligen Grazer Intendanten Carl Nemeth als Ensemblemitglied an die Oper Graz engagiert und debütierte dort in zwei Mozart-Partien, im März 1980 als Papageno in Die Zauberflöte und anschließend als Graf Almaviva in Die Hochzeit des Figaro.[3][13] Der Wagner-Sänger Hans Hopf hatte ihm bereits während seines Münchner Engagements den Fachwechsel zum Heldentenor empfohlen, den Wolfgang Müller-Lorenz dann unter der Obhut und Anleitung von Josef Loibl 1983 in Graz mit der Rolle des Jimmy Ackermann [= Jim Mahoney] in Kurt Weills Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny vollzog.[3][13] 1985 sang er an der Oper Graz den Assad in Die Königin von Saba von Karl Goldmark.[13] Nach seinem Fachwechsel zum Tenor erarbeitete er sich ein Repertoire von über 30 Partien des deutschen und des italienischen Helden-Fachs.[14] Wichtige Rollen waren Florestan in Fidelio, Laca in Jenůfa, Tichon in Káťa Kabanová, Dimitrij in Boris Godunow, Bacchus in Ariadne auf Naxos und der Kaiser in Die Frau ohne Schatten.[13][14][15] Im italienischen Fach sang er den Radames in Aida, Cavaradossi in Tosca, Canio in Pagliacci und die Titelrolle in Stiffelio.[14][15] In Richard Wagners Ring-Zyklus, den Christian Pöppelreiter ab 1987 in Graz inszenierte, sang er alle drei großen Tenorpartien, den Loge, den Siegmund und die beiden Siegfriede.[3][4][13] Außerdem sang er von Richard Wagner die Titelrollen in Tannhäuser, Lohengrin und Parsifal.[14][15] An der Grazer Oper übernahm er – neben seinen Wagner-Rollen – auch mehrere Partien des italienischen Repertoires, u. a. Cavaradossi, Radames, Pollione in Norma, den Calaf in Turandot und den Titelhelden in Otello.[15]

Laut ORF, Kurier und Der Standard prägte er in den 80er und 90er Jahren die Grazer Oper entscheidend mit und avancierte in Graz zum Publikumsliebling.[16][17][18]

Er wurde während seines Grazer Engagements zu zahlreichen Gastspielen eingeladen, u. a. an der Wiener Staatsoper und bei den Salzburger Festspielen. An der Wiener Staatsoper verkörperte er 1984/85 den Erik in Der fliegende Holländer, den Marquis in Lulu und den Hermann in Pique Dame. In der Spielzeit 1986/87 gastierte er als Marquis in Lulu am Gran Teatre del Liceu in Barcelona.[19] Bei den Salzburger Festspielen sang er im August 1989 in einer konzertanten Aufführung in der Felsenreitschule den Aufrührerischen in Schönbergs Die Jakobsleiter.[20] 1989 trat er am Opernhaus Zürich als Titelheld in Fra Diavolo auf. Im April 1991 sang er im Musikverein Wien das Tenor-Solo in der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven.[21] In der Spielzeit 1991/92 gastierte er am Landestheater Salzburg als Bacchus in Ariadne auf Naxos. Er trat weiters an den Opernhäusern von Marseille (als Parsifal), Wiesbaden (als Siegmund), Washington, Nantes (1995, als Siegfried in Götterdämmerung) und an der Königlichen Oper Stockholm (1996, als Parsifal) auf. 1995 sang er in Graz den Tannhäuser, 1996 den Tambourmajor in Wozzeck.[15] 1997 beendete er, als Tristan in Wagners Tristan und Isolde, seinen Vertrag mit Graz und arbeitete fortan als freischaffender Sänger.[3][15] Er trat unter anderem an der Bayerischen Staatsoper, in Paris, New York und Tokio auf. Im Juni 2001 sang er an der Bayerischen Staatsoper den Tristan und an der Staatsoper Dresden den Tannhäuser.[22][23] Mit dem Ensemble der Bayerischen Staatsoper gastierte er im September/Oktober 2001 in Japan als Florestan in Fidelio und als Tristan.[24][25] Im April 2002 sang er den Tristan am Royal Opera House Covent Garden in London.[26]

Nach einer Herzoperation im Jahr 2002, bei der ihm im Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien eine künstliche Herzklappe eingesetzt wurde, blieben weitere Opernverpflichtungen zunächst aus.[3] Er trat in dieser Zeit mit dem Chanson-Programm „Chansons da Mur“ auf und war als Schauspieler mehrere Jahre an der „Kleinen Komödie“ in Graz tätig.[3] 2003 gastierte er an der Staatsoper Dresden noch einmal als Loge in Das Rheingold.[27] 2004 übernahm er am Theater Chemnitz im Ring-Zyklus den Siegmund und den Siegfried.[28] Von 2004 bis 2006 sang er an der Bayerischen Staatsoper in insgesamt sechs Vorstellungen den Aegisth in Elektra.[29][30] 2006 gastierte er noch in drei Vorstellungen als Loge an der Staatsoper Dresden.[27] Er initiierte dann als Ideengeber und Projektleiter mit dem Komponisten Viktor Fortin die Kirchenoper Franz Jägerstätter, die im September 2007 in der Grazer Franziskanerkirche uraufgeführt wurde.[3] 2007 beendete er offiziell seine Karriere als Sänger, wirkte danach aber noch gelegentlich in komischen Rollen bei Operettenaufführungen mit. Außerdem betätigte er sich mehrfach noch als Schauspieler. Ab Mai 2009 spielte er im „Theater am Lend“ in Graz an der Seite von Margarete Tiesel einen dementen und pflegebedürftigen ehemaligen Operntenor in dem Theaterstück Geriatrischer Cocktail von Constanze Dennig.[31][32] Im Sommer 2009 wirkte er im Schlosstheater Schönbrunn unter der musikalischen Leitung von Herbert Mogg in der Operette Der Vogelhändler als Baron Weps und in einer konzertanten Aufführung der Operette Der Obersteiger als Bergdirektor Zwack mit.[33][34] Im Juli 2010 war er beim „Theater im Sensenwerk“ in Deutschfeistritz als Schauspieler in der Nestroy-Inszenierung Nagerl und Handschuh zu sehen.[35] Im August 2010 trat er im Schlosstheater Schönbrunn dann noch in der Operette Die Winzerbraut von Oskar Nedbal auf.[36]

Von 1996 bis 2000 hatte Wolfgang Müller-Lorenz an der Kunstuniversität Graz einen Lehrauftrag für Stimmbildung.[4] Er unterrichtete auch bei verschiedenen Meisterkursen.[4]

Wolfgang Müller-Lorenz war verheiratet und Vater eines Sohnes. Er starb im Oktober 2025 wenige Wochen vor seinem 79. Geburtstag.[37] Die Tageszeitung Kurier bezeichnete ihn in ihrem Nachruf als „Die Stimme von Graz“.[17] Die Trauerfeier für Müller-Lorenz fand im November 2025 in Graz statt.[38]

Literatur

  • Karl-Josef Kutsch, Leo Riemens: Großes Sängerlexikon. Band 1: Menni–Rappold. Vierte, erweiterte und aktualisierte Auflage. München 2003, ISBN 3-598-11598-9, S. 3255.
  • Karl Martyniak (Hrsg.): OPERAdat. Interpreten-Lexikon. Sängerlexikon. Mühlhardt–Myers. 2. Auflage, Düsseldorf 1998, S. 2 (mit Rollenverzeichnis).

Einzelnachweise

  1. Abschied von einem Publikumsliebling. Nachruf. Offizielle Internetpräsenz der Oper Graz. Abgerufen am 30. Oktober 2025.
  2. Wolfgang Müller-Lorenz. Traueranzeige. In: Kleine Zeitung vom 1. November 2025. Abgerufen am 4. November 2025.
  3. a b c d e f g h i j k Vom jungen Bariton zum Heldentenor: Wie Wolfgang Müller-Lorenz mit seiner Stimme ein großes Publikum begeisterte. Beitrag auf AbenteuerAlter.at vom 29. November 2019. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  4. a b c d Die Kunstuniversität Graz trauert um Wolfgang Müller-Lorenz. Nachruf. Offizielle Internetpräsenz Kunstuniversität Graz. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  5. Wolfgang Müller. In: Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (Hrsg.): Deutsches Bühnenjahrbuch 1973. Theatergeschichtliches Jahr- und Adreßbuch. Theater – Film – Funk – Fernsehen. 81. Jg., Hamburg 1973, S. 383 und S. 744 (Register).
  6. Wolfgang Müller. In: Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (Hrsg.): Deutsches Bühnenjahrbuch 1974. Theatergeschichtliches Jahr- und Adreßbuch. Theater – Film – Funk – Fernsehen. 82. Jg., Hamburg 1974, S. 427 und S. 778 (Register).
  7. Wolfgang Müller. In: Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (Hrsg.): Deutsches Bühnenjahrbuch 1975. Theatergeschichtliches Jahr- und Adreßbuch. Theater – Film – Funk – Fernsehen. 83. Jg., Hamburg 1975, S. 409 und S. 768 (Register).
  8. Wolfgang Müller-Lorenz. In: Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (Hrsg.): Deutsches Bühnenjahrbuch 1976. Theatergeschichtliches Jahr- und Adreßbuch. Theater – Film – Funk – Fernsehen. 84. Jg., Hamburg 1976, S. 283 und S. 734 (Register).
  9. Wolfgang Müller-Lorenz. In: Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (Hrsg.): Deutsches Bühnenjahrbuch 1977. Theatergeschichtliches Jahr- und Adreßbuch. Theater – Film – Funk – Fernsehen. 85. Jg., Hamburg 1977, S. 289 und S. 914 (Register).
  10. Wolfgang Müller-Lorenz. In: Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (Hrsg.): Deutsches Bühnenjahrbuch 1978. Theatergeschichtliches Jahr- und Adreßbuch. Theater – Film – Funk – Fernsehen. 86. Jg., Hamburg 1978, S. 226 und S. 937 (Register).
  11. Wolfgang Müller-Lorenz. In: Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (Hrsg.): Deutsches Bühnenjahrbuch 1979. Theatergeschichtliches Jahr- und Adreßbuch. Theater – Film – Funk – Fernsehen. 87. Jg., Hamburg 1979, S. 229 und S. 900 (Register).
  12. Wolfgang Müller-Lorenz. In: Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (Hrsg.): Deutsches Bühnenjahrbuch 1980. Theatergeschichtliches Jahr- und Adreßbuch. Theater – Film – Funk – Fernsehen. 88. Jg., Hamburg 1980, S. 240 und S. 926 (Register).
  13. a b c d e OPER GRAZ. Premieren 1980–1989. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  14. a b c d Wolfgang Müller-Lorenz. Biografie. Offizielle Internetpräsenz Bayerische Staatsoper. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  15. a b c d e f OPER GRAZ. Premieren 1990–1999. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  16. Heldentenor Wolfgang Müller-Lorenz ist tot, Nachruf des ORF vom 26. Oktober 2025. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  17. a b Die Stimme von Graz: Heldentenor Wolfgang Müller-Lorenz gestorben. In: Kurier. 26. Oktober 2025, abgerufen am 27. Oktober 2025.
  18. Heldentenor Wolfgang Müller-Lorenz gestorben. Nachruf. In: Der Standard vom 26. Oktober 2025. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  19. Wolfgang Müller-Lorenz. Besetzungsarchiv des Gran Teatre del Liceu. Abgerufen am 3. November 2025
  20. ORF-SYMPHONIEORCHESTER. Besetzungsliste. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  21. Wolfgang Müller-Lorenz. Saison 1981/82. Offizielle Internetpräsenz Singverein Wien. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  22. Tristan und Isolde (1998). Besetzung Juni 2001. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  23. Wagner: Tannhäuser (1997 ff). Besetzungsarchiv. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  24. Fidelio (1999). Besetzung Oktober 2001. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  25. Tristan und Isolde (1998). Besetzung September 2001. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  26. Wolfgang Müller-Lorenz. Besetzungsdatenbank des Royal Opera House Covent Garden. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  27. a b Wagner: Das Rheingold (2001 ff). Besetzungsarchiv. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  28. Ralf Jochen Ehresmann: Metaphysik statt Soziologie - der Ring in Chemnitz als tapferer Trendsetter gegen den Strom. Aufführungskritik. Online Musik Magazin. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  29. ELEKTRA. Besetzung November 2004. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  30. ELEKTRA. Besetzung Juli 2006. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  31. Geriatrischer Cocktail. Produktionsdetails. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  32. Gregor Schenker: Ich sah sie welken, die einst mir lachten. Aufführungskritik. In: Falter, Nr. 21/2009 vom 20. Mai 2009. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  33. Wilhelm Sinkowicz: Sommer-Operette: Rosen in Schönbrunn. Aufführungskritik. In: Die Presse vom 17. Juli 2009. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  34. "Der Obersteiger" im Radio. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  35. Nagerl und Handschuh. Produktionsdetails. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  36. Oskar Nedbal: "Die Winzerbraut". Besetzung. Abgerufen am 27. Oktober 2025.
  37. In memoriam Wolfgang Müller-Lorenz. In: Werner Huemer. 26. Oktober 2025, abgerufen am 29. Oktober 2025.
  38. Herr Wolfgang Müller – Lorenz. In: Bestattung Graz. 28. Oktober 2025, abgerufen am 5. November 2025.