Wolfgang Helbig
Wolfgang Helbig (* 2. Februar 1839 in Dresden; † 6. Oktober 1915 in Rom) war ein deutscher Klassischer Archäologe.
Leben und Wirken
Wolfgang Helbig, Sohn des Gymnasiallehrers Gustav Helbig, absolvierte Ostern 1856 die Kreuzschule in Dresden, an der Franz Overbeck zu seinen Schulfreunden zählte. Im Anschluss begann er 1856 sein Studium der Klassischen Philologie und Klassischen Archäologie an der Universität Göttingen bei Ernst Curtius und Hermann Sauppe,[1] wechselte aber bereits 1857 an die Universität Bonn. Dort hörte er vor allem bei den Klassischen Philologen Otto Jahn und Friedrich Ritschl sowie dem Klassischen Archäologen Friedrich Gottlieb Welcker. Während seines Studiums wurde er 1856 Mitglied der Burschenschaft Hannovera Göttingen[2]. 1861 wurde er mit der Dissertation Quaestiones scaenicae[3] bei Welcker promoviert. Es folgte sein Probejahr für das höhere Lehramt, das er am Joachimsthalschen Gymnasium in Berlin absolvierte. Im Herbst 1862 begab er sich als Inhaber des Reisestipendiums des Archäologischen Instituts für zwei Jahre nach Rom.
Nach dem Weggang von Heinrich Brunn nach München wurde er bereits 1865 zum Zweiten Sekretär des Deutschen Archäologischen Instituts Rom ernannt. Größere Reisen führten ihn durch ganz Italien, nach Griechenland und Nordafrika, nach Frankreich und Russland. Zu seinem persönlichen Schutz erhielt er einen diplomatischen Status und wurde zum Legationsrat ernannt. 1887 schied er aus dem Dienst aus, was Bernard Andreae darauf zurückführt, dass er nach dem Tod von Wilhelm Henzen nicht wie von ihm erhofft dessen Nachfolger als Erster Sekretär wurde, sondern Eugen Petersen auf diese Position berufen wurde.[4] In den Folgejahren lebte er als Privatgelehrter in Rom, wobei ihm nicht zuletzt die 1866 geschlossene Ehe mit der russischen Prinzessin und Pianistin Nadejda Schachowskaja (1847–1922) finanzielle Unabhängigkeit und Zugang zu höchsten gesellschaftlichen Kreisen verschaffte. Gleichzeitig war er als Kunsthändler tätig und vermittelte viele Kunstwerke an Museen und private Sammler, unter anderem an Giovanni Barracco[5] sowie Carl Jacobsen und die von diesem 1888 gegründete Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen.[6] Deren etruskische Abteilung trägt den Namen „Helbig-Museum“.
Helbig mietete die Villa Lante al Gianicolo und widmete sich der Forschung sowie dem Kunst- und Antikenhandel. Helbig und seine Frau führten einen berühmten Salon, in dem Musiker und Schriftsteller, Adel und gekrönte Häupter Europas verkehrten. Sein Sohn, der Chemiker und General Demetrio Helbig, kaufte 1909 die Villa, die er 1950 der Republik Finnland als Sitz der Botschaft am Heiligen Stuhl und des Institutum Romanum Finlandiae verkaufte.[7] Die Tochter Lili (1868–1954) war mit dem Maler Alessandro Morani verheiratet, der für seinen Schwiegervater Kopien etruskischer Fresken anfertigte.[8]
Wissenschaftliches Werk
Zu Helbigs wichtigsten wissenschaftlichen Aktivitäten gehören seine Forschungen zur Wandmalerei in Pompeji und seine Erstpublikation der Fibula Praenestina im Jahr 1887.[9] Diese in Praeneste ausgegrabene Fibel, deren Inschrift als ältester Text in lateinischer Sprache gilt, wurde im 20. Jahrhundert zwischenzeitlich als Fälschung angesehen (und Helbig diese Fälschung vorgeworfen), mittlerweile gilt ihre Echtheit jedoch als erwiesen. Sein Hauptwerk aber ist der Führer durch die öffentlichen Sammlungen klassischer Altertümer in Rom, dessen erste Auflage 1891 erschien.[10] Eine 2. Auflage folgte 1899,[11] die 3. Auflage wurde 1912/1913 besorgt durch Walter Amelung, Emil Reisch und Fritz Weege.[12] Eine vierte, völlig neu bearbeitete Auflage von 1963 bis 1972, herausgegeben von Hermine Speier unter Mitarbeit von Helga von Heintze und zahlreichen jungen Archäologen dieser Generation, erschien unter seinem Namen und ist noch heute als „der Helbig“ ein Standardwerk.
Ehrungen
Wolfgang Helbig gehörte der Accademia Nazionale dei Lincei in Rom an. 1881 wurde er korrespondierendes Mitglied der schwedischen Kungliga Vitterhets Historie och Antikvitets Akademien,[13] 1882 korrespondierendes Mitglied der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen,[14] 1876 korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg,[15] 1893 korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften[16] und 1893 korrespondierendes Ehrenmitglied (correspondant étranger honoraire) der Société nationale des antiquaires de France[17] 1894 wurde er auswärtiges Mitglied (associé étranger) der Académie des inscriptions et belles-lettres.[18]
Im Jahr 1900 wurde er mit der Festschrift Strena Helbigiana geehrt.[19]
Schriften
Außer zahlreichen Aufsätzen und kleineren Schriften veröffentlichte Helbig folgende umfangreichere Werke:
- Wandgemälde der vom Vesuv verschütteten Städte Kampaniens. Leipzig 1868 (Digitalisate: Textteil; Tafelteil).
- Untersuchungen über die Campanische Wandmalerei. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1873 (Digitalisat).
- Die Italiker in der Po-Ebene (= Beiträge zur altitalischen Kultur- und Kunstgeschichte. Band 1). Breitkopf & Härtel, Leipzig 1879 (Digitalisat).
- Das homerische Epos, aus den Denkmälern erläutert. Teubner, Leipzig 1884 (Digitalisat). 2. Auflage 1887 (Digitalisat).
- Führer durch die öffentlichen Sammlungen klassischer Altertümer in Rom. 2 Bände, Karl Baedeker, Leipzig 1891 (Digitalisate: Band 1, Band 2).
- Zur Geschichte der hasta donatica (= Abhandlungen der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-historische Klasse. Neue Folge, Band X, Nummer 3). Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1908.
Literatur
- autobiographisch
- Wolfgang Helbig: Eine Skizze meines wissenschaftlichen Bildungsganges (1911). In: Frederik Poulsen: Das Helbig Museum der Ny Carlsberg Glyptothek. Kopenhagen 1927, S. III–XIV (Digitalisat).
- Madame Helbig (neè Princess Shahovscaia): Sketches from the Trastevere. Aberdeen 1914.
- Lili Morani-Helbig: Jugend im Abendrot. Römische Erinnerungen. Victoria-Verlag, Stuttgart 1953.
- Nachrufe
- Francesco D’Ovidio, Giulio De Petra, in: Rendiconti dell’Accademia nazionale dei Lincei, Classe di scienze morali, storiche e filologiche. Serie 5, 24, 1915, S. 633–639
- Édouard Chavannes, in: Comptes-rendus de l’Académie des inscriptions et belles-lettres. 1915, S. 366–367 (Digitalisat).
- Paul Wolters, in: Jahrbuch der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. 1916, S. 107–108 (PDF).
- Bullettino di Paletnologia Italiana. 41, Serie 5, Band 1, 1916, S. 171–174 (Digitalisat; mit Bibliographie seiner Schriften zur Vorgeschichte).
- Lexikon- und Handbucheinträge
- Werner Fuchs: Wolfgang Helbig. In: Enciclopedia dell’Arte Antica, Classica e Orientale. Band 3, Rom 1960, S. 1133–1134 (online).
- Hermine Speier: Helbig, Wolfgang. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 8. Duncker & Humblot, Berlin 1969, ISBN 3-428-00189-3, S. 459–460 (deutsche-biographie.de).
- Reinhard Lullies: Wolfgang Helbig. In: Reinhard Lullies, Wolfgang Schiering (Hrsg.): Archäologenbildnisse. Porträts und Kurzbiographien von Klassischen Archäologen deutscher Sprache. Zabern, Mainz 1988, ISBN 3-8053-0971-6, S. 71–72.
- Helbig, Wolfgang. In: Nancy Thomson de Grummond (Hrsg.): Encyclopedia of the History of Classical Archaeology. Greenwood Press, Westport CT 1996, Band 1, S. 576–578.
- Horst Blanck: Helbig, Wolfgang. In: Mario Caravale (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 61: Guglielmo Gonzaga–Jacobini. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2003.
- Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band II: Künstler. Winter, Heidelberg 2018, ISBN 978-3-8253-6813-5, S. 313–314.
- Studien
- Lothar Wickert: Beiträge zur Geschichte des Deutschen Archäologischen Instituts 1879 bis 1929 (= Das Deutsche Archäologische Institut. Geschichte und Dokumente. Band 2). Philipp von Zabern, Mainz 1979, ISBN 3-8053-0395-5, S. 50–57.
- Mette Moltesen: Wolfgang Helbig: Brygger Jacobsens agent i Rom 1887–1914. Carlsberg Glyptotek, Kopenhagen 1987, ISBN 87-7452-065-2.
- Hannes Lehmann: Wolfgang Helbig, 1839–1915. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Römische Abteilung. Band 96, 1989, S. 7–86.
- Mette Moltesen: The “Danish connection”: Wolfgang Helbig as agent for Carl Jacobsen in Copenhagen. In: Studi germanici. N.S. Band 44, 2006, S. 193–218 (PDF).
- Mette Moltesen: Wolfgang Helbig als Kunsthändler und Agent von Carl Jacobsen in Kopenhagen. In: Kölner Jahrbuch. Band 40, 2007, S. 85–97.
- Anna Maria Voci (Hrsg.): Wolfgang Helbig a Napoli, 1863–1865. Archeologia e politica dopo l’annessione (= Historica. Band 12). Editoriale Scientifica, Neapel 2007, ISBN 978-88-95152-63-9.
- Simo Örmä, Kaj Sandberg (Hrsg.): Wolfgang Helbig e la scienza dell’antichità del suo tempo. Atti del convegno internazionale in occasione del 170° compleanno di Wolfgang Helbig. Institutum Romanum Finlandiae 2.2.2009 (= Acta Instituti Romani Finlandiae. Band 37). Qasar, Rom 2011, ISBN 978-88-7140-469-1.
- Mette Moltesen: Perfect partners. The collaboration between Carl Jacobsen and his agent in Rome Wolfgang Helbig in the formation of the Ny Carlsberg Glyptotek 1887–1914. Ny Carlsberg Glyptotek, Kopenhagen 2012, ISBN 978-87-7452-330-7.
- Peter Mommsen (Hrsg.): Alte Geschichte und Archäologie im Gespräch. 34 Jahre Briefwechsel von Theodor Mommsen mit Wolfgang Helbig 1861–1895. Olms, Hildesheim 2022, ISBN 978-3-487-16189-1 (PDF).
Weblinks
- Literatur von und über Wolfgang Helbig im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Eintrag im Dictionary of Art Historians
Anmerkungen
- ↑ So Horst Blanck: Helbig, Wolfgang. In: Mario Caravale (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 61: Guglielmo Gonzaga–Jacobini. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2003.. Anders Hermine Speier: Helbig, Wolfgang. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 8. Duncker & Humblot, Berlin 1969, ISBN 3-428-00189-3, S. 459–460 (deutsche-biographie.de). Dort ist von Gustav Albert Sauppe, der aber nie Professor in Göttingen war.
- ↑ Henning Tegtmeyer: Mitgliederverzeichnis der Burschenschaft Hannovera Göttingen, 1848–1998. Düsseldorf 1998, S. 28.
- ↑ Wolfgang Helbig: Quaestiones scaenicae. Henry & Cohen, Bonn 1861 (Digitalisat).
- ↑ Bernard Andreae: Kurze Geschichte des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom dargestellt im Wirken seiner leitenden Gelehrten. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Römische Abteilung. Band 100, 1993, S. 5–41, DOI:10.11588/propylaeumdok.00001328 (Open Access), hier S. 23 f.
- ↑ Giovanni Barracco, Wolfgang Helbig, Frédéric Bruckmann: La Collection Barracco. Zwei Bände. Verlagsanstalt für Kunst und Wissenschaft, München 1893 / Forzani, Rom 1893.
- ↑ Carl Jacobsen – the great collector. Website der Ny Carlsberg Glyptotek, abgerufen am 11. März 2019.
- ↑ Geschichte des Institutum Romanum Finlandiae.
- ↑ Astrid Capoferro, Stefania Renzetti (Hrsg.): L’Etruria di Alessandro Morani. Riproduzioni di pitture etrusche dalle collezioni dell’Istituto svedese di studi classici a Roma. Edizioni Polistampa, Florenz 2017, ISBN 978-88-596-1779-2.
- ↑ Wolfgang Helbig: Sopra una fibula d’oro trovata presso Palestrina. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Römische Abteilung. Band 2, 1887, S. 37–39 (archiv.ub.uni-heidelberg.de PDF).
- ↑ Führer durch die öffentlichen Sammlungen klassischer Altertümer in Rom. 2 Bände, Karl Baedeker, Leipzig 1891 (Digitalisate: Band 1, Band 2).
- ↑ Führer durch die öffentlichen Sammlungen klassischer Altertümer in Rom. 2. Auflage. 2 Bände, Teubner, Leipzig 1899 (Digitalisate: Band 1, Band 2).
- ↑ Führer durch die öffentlichen Sammlungen klassischer Altertümer in Rom. 3. Auflage. Herausgegeben unter Mitwirkung von Walther Amelung, Emil Reisch, Fritz Weege. 2 Bände, Teubner, Leipzig 1912–1913 (Digitalisate: Band 1; Band 2).
- ↑ Kungl. Vitterhets Historie och Antiqvitets Akademiens månadsblad. 1881, S. 96.
- ↑ Holger Krahnke: Die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 1751–2001 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-Historische Klasse. Folge 3, Band 246 = Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse. Folge 3, Band 50). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-82516-1, S. 109.
- ↑ Ausländische Mitglieder der Russischen Akademie der Wissenschaften seit 1724: Wolfgang Helbig (Гельбиг Вольфганг). Russische Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 20. Januar 2017.
- ↑ Mitgliedseintrag von Wolfgang Helbig bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 17. Oktober 2025.
- ↑ Bulletin de la Société nationale des antiquaires de France. 1900, S. 9.
- ↑ Mitglieder seit 1663. Académie des inscriptions et belles-lettres, archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 19. Januar 2022; abgerufen am 15. Januar 2021. Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
- ↑ Strena Helbigiana sexagenario obtulerunt amici a.d. IIII. Non. Febr. a. 1899. Teubner, Leipzig 1900 (archive.org).