Wolfgang Haußmann
Wolfgang Haußmann (* 3. Juli 1903 in Stuttgart; † 6. März 1989 ebenda) war ein deutscher Politiker (DDP, DVP, FDP). Er war von 1946 bis 1964 Landesvorsitzender der Demokratischen Volkspartei in Württemberg-Baden bzw. der FDP/DVP Baden-Württemberg. 1946–1964 und erneut 1968–1972 war Haußmann Landtagsabgeordneter, von 1946 bis 1953 Fraktionsvorsitzender sowie von 1953 bis 1964 Justizminister des Landes Baden-Württemberg.
Leben und Beruf
Schon Haußmanns Vater und Großvater waren in der demokratischen und linksliberalen Bewegung Südwestdeutschlands aktiv. Sein Großvater Julius Haußmann nahm an der Revolution von 1848/49 teil, war danach mehrere Jahre inhaftiert und gründete später die Demokratischen Volkspartei in Württemberg mit. Sein Vater Conrad Haußmann war langjähriger Abgeordneter des württembergischen Landtags und des Reichstags, sowohl im Kaiserreich als auch in der Weimarer Republik, zunächst für die Deutsche Volkspartei, dann die Fortschrittliche Volkspartei und schließlich die Deutsche Demokratische Partei. Er wirkte 1919 maßgeblich am Zustandekommen der demokratischen Verfassungen des Volksstaats Württemberg und der ersten deutschen Republik mit. Auch sein Onkel Friedrich Haußmann war Politiker derselben Richtung.
Wolfgang Haußmann selbst besuchte das Stuttgarter Karlsgymnasium, wo er 1921 das Abitur ablegte, und studierte anschließend bis 1926 Rechtswissenschaften an den Universitäten Tübingen und München. Er war seit dem Sommersemester 1921 Mitglied der dem süddeutschen Liberalismus nahestehenden Tübinger Studentenverbindung Akademische Gesellschaft Stuttgardia.[1] Hier traf er spätere politische Weggefährten wie Eberhard Wildermuth, Karl Georg Pfleiderer, Konrad Wittwer, Reinhold Maier und Guntram Palm. Nach dem ersten juristischen Staatsexamen wurde er 1927 in Heidelberg zum Dr. jur. promoviert, Thema seiner Dissertation war „Die Durchsetzung des parlamentarischen Systems im deutschen Kaiserreich“. Er legte 1930 das zweite Staatsexamen ab und ließ sich im Jahr darauf in Stuttgart als Rechtsanwalt nieder, 1947 wurde er auch zum Notar bestellt. Gemeinsam mit dem späteren Stuttgarter Oberbürgermeister Arnulf Klett gründete er in der NS-Zeit den Widerstandskreis Rettet Stuttgart.
Wolfgang Haussmann war zweimal verheiratet und hatte zwei Söhne und eine Tochter sowie einen Stiefsohn. Er lebte bis zu seinem Tod gemeinsam mit seinem Bruder Robert und seiner Schwester Lotti in einem Haus in Stuttgart, das von seinem Vater Conrad und dessen Zwillingsbruder Friedrich erbaut worden war.[2][3]
Partei
Bereits als Schüler trat Haußmann 1920 der Demokratischen Jugend (Jugendorganisation der DDP) bei, deren Landesvorsitzender in Württemberg er wurde. Ab 1928 gehörte er dem württembergischen Landesvorstand der DDP an. Er gehörte 1929/30 zu den Verhandlungsdelegierten für eine Beteiligung seiner Partei an der Landesregierung unter Eugen Bolz. Er trat 1932 zur Landtags- und im März 1933 zur Reichstagswahl an, blieb aber jeweils ohne Erfolg.
Haußmann gehörte 1945 zu den Mitbegründern der Demokratischen Volkspartei (DVP) in Württemberg-Baden und war 1946 bis 1952 deren Landesvorsitzender. Nach Bildung des Landes Baden-Württemberg 1952 übernahm er bis 1964 den Landesvorsitz der FDP/DVP. Von 1951 bis 1966 war er Mitglied im FDP-Bundesvorstand und 1956 bis 1957 stellvertretender Bundesvorsitzender der Partei.
Im Richtungsstreit der FDP in den 1950er Jahren sprach Haußmann sich gegen die Pläne einer „nationalen Sammlung“ aus, wie sie um 1952 von den Landesverbänden Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen verfolgt wurden, und forderte die Trennung von den Nationalisten.[4] Nach der Bildung einer Koalition aus FDP/DVP, SPD und BHE unter Reinhold Maier in Baden-Württemberg beantragte der hessische FDP-Landesverband den Parteiausschluss von Haußmann und Maier sowie die Trennung der FDP von der DVP, konnte sich damit aber nicht durchsetzen. Lediglich zu einer Missbilligung der Koalition im Südweststaat konnte sich der FDP-Bundeshauptausschuss durchringen.[5]
Abgeordneter
Wolfgang Haußmann gehörte dem Länderrat des amerikanischen Besatzungsgebietes an. Er war Mitglied der Vorläufigen Volksvertretung für Württemberg-Baden, der Verfassunggebenden Landesversammlung Württemberg-Baden und des Landtages von Württemberg-Baden in beiden Wahlperioden von 1946 bis 1952. Dort war er Vorsitzender der DVP-Fraktion. Von 1952 bis 1964 vertrat er den Wahlkreis Stuttgart I und von 1968 bis 1972 den Wahlkreis Stuttgart IV im baden-württembergischen Landtag. 1952/53 war er Vorsitzender der FDP/DVP-Fraktion im Landtag. Der jeweilige Landtag wählte ihn zum Mitglied der ersten fünf Bundesversammlungen.
Unterlagen zu seiner politischen Tätigkeit für die FDP/DVP liegen im Archiv des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Gummersbach.
Öffentliche Ämter
Nach dem Zweiten Weltkrieg war Haußmann 1945/46 stellvertretender Oberbürgermeister von Stuttgart.
Von 1953 bis 1966 war er Justizminister in Baden-Württemberg, von 1960 bis 1964 zugleich Stellvertreter des Ministerpräsidenten.
In seiner Amtszeit hat er die Einrichtung der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg gegen anfängliche Widerstände von Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger durchgesetzt.
Ehrungen und Auszeichnungen
1963 wurde ihm anlässlich seines 60. Geburtstags das Bundesverdienstkreuz verliehen.[6][7]
Im Jahr 1975 wurde ihm die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg verliehen.[8] 1978 erhielt er die Bürgermedaille der Stadt Stuttgart.
Haußmann fand seine letzte Ruhestätte im Familiengrab auf dem Heslacher Friedhof in Stuttgart.
Schriften (Auswahl)
- Wege zur Demokratie. 4 Reden. Haslsteiner Verlag, Stuttgart 1945.
Literatur
- Jan Havlik: Wolfgang Haußmann. Der Fürsprech. Politische Biographie einer liberalen Persönlichkeit in Baden-Württemberg. Thorbecke, Ostfildern 2012, ISBN 978-3-7995-5568-5.
- Friedrich Henning: Die Haußmanns. Die Rolle einer schwäbischen Familie in der deutschen Politik des 19. und 20. Jahrhunderts. Bleicher Verlag, Gerlingen 1988, ISBN 3-88350-520-X (Wolfgang Haußmann zum 85. Geburtstag gewidmet).
Weblinks
- Literatur von und über Wolfgang Haußmann im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Werke von und über Wolfgang Haußmann in der Deutschen Digitalen Bibliothek
- Haußmann, Wolfgang, Dr. In: Martin Schumacher (Hrsg.): M.d.B. – Die Volksvertretung 1946–1972. – [Haack bis Huys] (= KGParl Online-Publikationen). Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien e. V., Berlin 2006, ISBN 3-7700-5224-2, S. 453–454, urn:nbn:de:101:1-2014070812574 (kgparl.de [PDF; 507 kB; abgerufen am 3. Februar 2025]).
- Wolfgang Haußmann im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
- Wolfgang Haußmann bei leo-bw, dem landeskundlichen Informationssystem Baden-Württemberg
- Online-Findbuch Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Q 1/22 Wolfgang Haußmann
Einzelnachweise
- ↑ Jürg Arnold: Stuttgardia Tübingen 1869–1994. Geschichte der Akademischen Gesellschaft Stuttgardia. Württembergischer Geschichts- und Altertumsverein, Stuttgart 1994, S. 399.
- ↑ Friedrich Henning: Die Haußmanns. Die Rolle einer schwäbischen Familie in der deutschen Politik des 19. und 20. Jahrhunderts. Bleicher Verlag, Gerlingen 1988, S. 82 und 162.
- ↑ Jan Havlik: Wolfgang Haußmann. Der Fürsprech. Politische Biographie einer liberalen Persönlichkeit in Baden-Württemberg. Thorbecke, Ostfildern 2012, S. 266.
- ↑ „Wir können nicht früh genug daran gehen, unsere Partei von allen Elementen zu säubern, die sie nur als Rahmen benutzen wollen, um ihre eigenen, uns völlig widersprechenden Anschauungen durchzusetzen.“ Aus einem Schreiben vom 26. Oktober 1951 an Willy Max Rademacher im Archiv des Liberalismus, Bestand FDP-Landesverband Hamburg, 30400/5.
- ↑ Christof Brauers: Die FDP in Hamburg 1945 bis 1953. Meidenbauer, München 2007, S. 560 und 566.
- ↑ R 5/002 D631004/502. Justizminister Wolfgang Haußmann mit dem großen Verdienstkreuz ausgezeichnet
- ↑ Justizminister Wolfgang Haußmann mit dem großen Verdienstkreuz ausgezeichnet. Abgerufen am 10. November 2025.
- ↑ Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg – Liste der Ordensträgerinnen und Ordensträger 1975–2025. (PDF; 372 kB).Staatsministerium Baden-Württemberg, 2. Juni 2025, S. 1.