William Richards Castle junior

William Richards Castle Jr. (* 19. Juni 1878 in Honolulu, Königreich Hawaiʻi; † 13. Oktober 1963 in Washington, D.C.) war ein US-amerikanischer Diplomat und Schriftsteller, der unter anderem von 1929 bis 1930 Botschafter in Japan und zwischen 1931 und 1933 United States Under Secretary of State war. Er stieg rasch in die höchsten Ränge des US-Außenministeriums auf und interessierte sich stark für pazifische Angelegenheiten, nicht zuletzt aufgrund der hawaiianischen Wurzeln seiner Familie. Castle wurde als einer der ersten Karrierediplomaten zum Unterstaatssekretär ernannt – ein Amt, das üblicherweise politisch besetzt wurde. Er spielte eine wichtige Rolle als Vermittler zwischen US-Präsident Herbert Hoover sowie Außenminister Henry L. Stimson und trug dazu bei, die außenpolitischen Ansichten des temperamentvollen Außenministers zu mäßigen. Castles Einfluss auf die amerikanische Diplomatie beruhte weniger auf innovativer Politikgestaltung als vielmehr auf seinem Ruf als profunder Kenner der Außenpolitik und seiner Fähigkeit, seine persönlichen Beziehungen innerhalb der Bürokratie des Außenministeriums und des Weißen Hauses optimal zu nutzen. Obwohl Stimson das Vertrauen in ihn verlor, wurde dies durch seinen weithin anerkannten Einfluss auf Kellogg und später Hoover mehr als wettgemacht. 1932 wurde er Mitglied der American Academy of Arts and Sciences.

Leben

William Richards Castle Jr. war der ältere von zwei Söhnen des Unternehmers und Politikers William Richards Castle (1849–1935),[1] der unter anderem unter dem König von Hawaiʻi Kalākaua Generalstaatsanwalt und Mitglied der Legislativversammlung war, und von Ida Beatrice Lowrey Castle (1854–1926). Bereits sein Großvater Samuel Northrup Castle (1808–1894) und seine Großmutter Mary Tenney Castle (1819–1907) waren bekannte Unternehmer und Philanthropen im Königreich Hawaiʻii. Seine beiden Geschwister waren Alfred Lowrey Castle (1884–1972),[2] ein Direktor des Unternehmens Alexander & Baldwin sowie Mitglied der Legislativversammlung von Hawaii, und Alice Beatrice Castle Newcomb (1888–1931). William Richards Castle Jr. absolvierte ein Studium am Harvard College, das er 1900 mit einem Bachelor of Arts (AB) beendete. Er wurde von dem Literaturwissenschaftler und Anglisten Barrett Wendell[3] gefördert und war zunächst von 1906 bis 1913 stellvertretender Dekan, ehe er 1913 zum Dekan des Harvard College ernannt wurde. In dieser Zeit begann er seine schriftstellerische Laufbahn und veröffentlichte zwei Romane „The Green Vase“ (Die grüne Vase, 1912) und „The Pillar of Sand“ (Die Sandsäule, 1914), einen beschreibenden Band „Hawaii Past and Present“ (Hawaii, Vergangenheit und Gegenwart, 1913) sowie „Wake up, America: a plea for the recognition of our individual and national responsibilities“, ein Sachbuch, in dem er für die militärische Bereitschaft plädierte. 1915 gab Castle die Position des Dekans auf, um Herausgeber des Harvard Alumni Bulletin zu werden. 1917 wurde er zum Direktor des Kommunikationsbüros des Amerikanischen Roten Kreuzes in Washington, D.C. ernannt.

1919 trat Castle als Sonderassistent in der Abteilung für Westeuropa (Division of Western European Affairs) in den Dienst des Außenministeriums. 1921 übernahm er die Leitung dieser Abteilung und bekleidete dieses Amt bis zum 26. Februar 1927, als er zum Assistant Secretary of State befördert wurde[4] und die Zuständigkeit für Westeuropa, Osteuropa und den Nahen Osten übernahm. Zu dieser Zeit entwickelte Castle seine Überzeugungen in Bezug auf Realismus und Nichteinmischung in der Außenpolitik (Non-interventionism). Er hielt wenig von dem Ständigen Internationalen Gerichtshof des Völkerbunds und sah wenig praktischen Nutzen in Vermittlungs- und Schiedsverträgen. Er hielt den Briand-Kellogg-Pakt[5][6] vom 27. August 1928 für nichts anderes als ein PR-Instrument und war besorgt, dass Außenminister Frank Billings Kellogg[7] den Pakt ernst nahm.

Am 11. Dezember 1929 wurde William Richards Castle Jr. zum außerordentlichen und bevollmächtigten Botschafter im Japanischen Kaiserreich ernannt und überreichte dort seine Akkreditierung am 24. Januar 1930 als Nachfolger von Charles MacVeagh,[8] der bereits am 6. Dezember 1928 als Botschafter abberufen wurde. Er selbst verblieb auf diesem diplomatischen Posten in Tokio bis zum 27. Mai 1930 und wurde von William Cameron Forbes[9] abgelöst.[10] Seine Ernennung zum Botschafter in Japan diente einzig und allein dazu, den Vereinigten Staaten während der Londoner Flottenkonferenz 1930[11] einen Botschafter in Japan zu sichern. Während seines Aufenthalts in Tokio entwickelte Castle eine positive Haltung gegenüber Japan. Er sah die Position Japans im Fernen Osten als vergleichbar mit der der Vereinigten Staaten in der westlichen Hemisphäre. Nach seiner Rückkehr fungierte er zwischen dem 1. Juli 1930 und dem 1. April 1931 abermals als Assistant Secretary of State.

US-Präsident Herbert Hoover[12] ernannte Castle am 1. April 1931 als Nachfolger des am 10. März 1931 im Amt verstorbenen Joseph P. Cotton[13] zum Staatssekretär (United States Under Secretary of State) und berief ihn damit auf die zweithöchste Position im Außenministerium – eine Ernennung, die, wie sich herausstellte, die Spannungen zwischen dem Präsidenten und seinem Außenminister Henry L. Stimson[14] erheblich verschärfte. Da sich Hoovers pazifistischere Ansichten zunehmend von Stimsons aktivistischeren Positionen entfernten, wuchs Stimsons Groll gegen Castle, der Hoover persönlich und philosophisch näherstand. Der Höhepunkt dieser angespannten Beziehung wurde im Mai 1932 erreicht, als Castle, während Stimson in Europa weilte, auf Hoovers Geheiß eine Rede hielt, in der er erklärte, die Politik der Vereinigten Staaten gegenüber Japan während der Mandschurei-Krise werde nicht über eine Erklärung der Nichtanerkennung hinausgehen. Wirtschaftliche Sanktionen wie Boykotte seien nicht vorgesehen. Diese Rede, die als offizielle US-Politik verstanden wurde, untergrub Stimsons Bestrebungen, eine entschiedenere Politik gegenüber Japan zu verfolgen. Der Außenminister war außer sich, insbesondere als Castle die Doktrin der Nichtanerkennung als Hoover-Doktrin und nicht als Stimson-Doktrin, wie sie allgemein bekannt ist, bezeichnete. Die Mandschurei-Krise war das bedeutendste diplomatische Ereignis in Castles Amtszeit als Staatssekretär.[15] In dieser Krise standen Castles generell japanfreundliche Ansichten im Gegensatz zu denen von Stanley Hornbeck,[16] dem Leiter der Abteilung für Angelegenheiten des Fernen Ostens und führenden Befürworter von Wirtschaftssanktionen gegen Japan im Außenministerium. Castles Einwände gegen Sanktionen basierten auf der Befürchtung, sie könnten der von der Weltwirtschaftskrise geplagten Weltwirtschaft schaden, sowie auf seiner inzwischen gefestigten Überzeugung, dass Japan ein „nützlicher Freund im Orient“ („useful friend in the Orient“) und der Eckpfeiler für die Stabilität Fernostasiens sein könne, wenn man es richtig angehe. Letztlich unterstützte Castle die Idee der Nichtanerkennung und deren Verknüpfung mit dem Neun-Mächte-Vertrag (1922)[17] und dem Briand-Kellogg-Pakt, höchstwahrscheinlich aufgrund seiner Überzeugung, dass solche Erklärungen wenig praktischen Nutzen hätten und Japan in seinem Bestreben, Stabilität im Fernen Osten zu schaffen, nicht abschrecken würden. Noch im Oktober 1940 war Castles Sympathie für Japan tief verwurzelt. In einem Artikel in der ZeitschriftAtlantic Monthly“ forderte er die Vereinigten Staaten auf, eine japanische Monroe-Doktrin zu akzeptieren, die es jeder Nation untersagte, Territorium im Fernen Osten zu erwerben oder abzutreten. Dies, so argumentierte er, würde die Freundschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Japan festigen und Japan helfen, der Bedrohung durch deutsche Militärabenteuer zu begegnen. Diese Haltung gegenüber Japan wurzelte ebenso sehr in Castles genereller Überzeugung vom Isolationismus wie in seinen pro-japanischen Sympathien. Obwohl Castle 1933 nach dem Amtsantritt von Präsident Franklin D. Roosevelt am 5. März 1933 das Außenministerium verlassen hatte und als Under Secretary of State von William Phillips[18] abgelöst wurde, blieb er dennoch als häufiger Redner und Autor von Zeitschriftenartikeln zu aktuellen Ereignissen in der Öffentlichkeit präsent.[19] 1932 wurde er Mitglied der American Academy of Arts and Sciences. Er lehnte den New Deal Roosevelts aus verfassungsrechtlichen und geldpolitischen Gründen ab, bedauerte den Verzicht auf Interventionen in Lateinamerika und forderte die Regierung auf, sich aus den sich entwickelnden Problemen in Europa herauszuhalten, indem sie jegliche Hilfe für Großbritannien verweigerte. Castle lehnte auch die Anerkennung der Sowjetunion ab, bis er sich davon überzeugt hatte, dass eine formelle diplomatische Anerkennung nicht zwangsläufig eine Billigung der anerkannten Regierung bedeutete. Er war von 1945 bis 1952 Präsident des Garfield Memorial Hospital in Washington, D.C.

Aus seiner am 3. Juni 1902 geschlossenen Ehe mit Margaret Farlow Castle (1880–1970) ging eine Tochter hervor. Nach seinem Tode wurde er auf dem Oak Hill Cemetery in Washington, D.C., beigesetzt.

Veröffentlichungen

  • The Green Vase, Kessinger Publishing, LLC. 1912, Nachdruck 2008, ISBN 978-1-4374-1299-4.
  • The Pillar of Sand, Kessinger Publishing, LLC. 1914, Nachdruck 2008, ISBN 978-1-4373-2669-7.
  • Hawaii Past and Present Dodd, Mead and Company, 1915, 1917
  • Wake up, America: a plea for the recognition of our individual and national responsibilities, Dodd, Mead and Company 1916
  • Golden years. A sonnet sequence, 1924
  • Essays in memory of Barrett Wendell, Mitautor Paul Kaufman, Harvard University Press 1926
  • Propaganda. An address delivered by Mr. William Richards Castle, jr., chief of the Division of western European affairs, Department of state, Washington, D.C., before the Episcopalian club of Massachusetts, April 2, 1925, 1926
  • Life of Samuel Northrup Castle, Hawaiian Historical Society and Samuel N. and Mary Castle Foundation 1960

Literatur

  • Alfred L. Castle: Diplomatic realism. William R. Castle, Jr., and American foreign policy, 1919–1953, Samuel N. & Mary Castle Foundation, Honolulu, ISBN 0824-8-2009-6
Commons: William Richards Castle junior – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. William Richards Castle. Prabook, abgerufen am 11. Dezember 2025 (englisch).
  2. Alfred Lowrey Castle. Prabook, abgerufen am 11. Dezember 2025 (englisch).
  3. Barrett Wendell. Prabook, abgerufen am 11. Dezember 2025 (englisch).
  4. Assistant Secretaries of State. US State Department Office of the Historian, abgerufen am 11. Dezember 2025 (englisch).
  5. The Kellogg-Briand Pact, 1928. US State Department Office of the Historian, abgerufen am 11. Dezember 2025 (englisch).
  6. Treaty Between the United States and Other Powers, Signed at Paris, August 27, 1928 (Kellogg-Briand Pact). US State Department Office of the Historian, abgerufen am 11. Dezember 2025 (englisch).
  7. Biographies of the Secretaries of State: Frank Billings Kellogg (1856–1937). US State Department Office of the Historian, abgerufen am 11. Dezember 2025 (englisch).
  8. Charles MacVeagh (1860–1931). US State Department Office of the Historian, abgerufen am 11. Dezember 2025 (englisch).
  9. William Cameron Forbes (1870–1959). US State Department Office of the Historian, abgerufen am 11. Dezember 2025 (englisch).
  10. Chiefs of Mission: Japan. US State Department Office of the Historian, abgerufen am 11. Dezember 2025 (englisch).
  11. The London Naval Conference, 1930. US State Department Office of the Historian, abgerufen am 11. Dezember 2025 (englisch).
  12. Hoover, Herbert (Clark). rulers.org, abgerufen am 11. Dezember 2025 (englisch).
  13. Joseph Potter Cotton (1875–1931). US State Department Office of the Historian, abgerufen am 11. Dezember 2025 (englisch).
  14. Biographies of the Secretaries of State: Henry Lewis Stimson (1867–1950). US State Department Office of the Historian, abgerufen am 11. Dezember 2025 (englisch).
  15. The Mukden Incident of 1931 and the Stimson Doctrine. US State Department Office of the Historian, abgerufen am 11. Dezember 2025 (englisch).
  16. Stanley Kuhl Hornbeck (1883–1966). US State Department Office of the Historian, abgerufen am 11. Dezember 2025 (englisch).
  17. Treaty between the United States of America, Belgium, the British Empire, China, France, Italy, Japan, the Netherlands, and Portugal, Signed at Washington February 6, 1922 (Nine-Power Treaty). US State Department Office of the Historian, abgerufen am 11. Dezember 2025 (englisch).
  18. William Phillips (1878–1968). US State Department Office of the Historian, abgerufen am 11. Dezember 2025 (englisch).
  19. Under Secretaries of State. US State Department Office of the Historian, abgerufen am 11. Dezember 2025 (englisch).