William Ratcliff (Tragödie)
| Daten | |
|---|---|
| Originaltitel: | William Ratcliff. Tragödie in einem Akte |
| Gattung: | Einakter |
| Originalsprache: | deutsch |
| Autor: | Heinrich Heine |
| Erscheinungsjahr: | 1823 |
| Ort der Uraufführung: | Die Handlung geht vor in der neuesten Zeit, im nördlichen Schottland. |
| Personen | |
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William Ratcliff ist eine Tragödie in einem Akt von Heinrich Heine, entstanden 1821 und erstmals 1823 gedruckt. Das Werk gehört zu den frühen dramatischen Arbeiten Heines und gilt als eines der wenigen bedeutenden Beispiele eines tragischen Einakters im deutschsprachigen Raum des frühen 19. Jahrhunderts. Eine Bühnenaufführung erfolgte erst postum im Jahr 1888.
Entstehung und Veröffentlichung
Heine soll William Ratcliff im Januar 1821 in Berlin in einem Zug geschrieben haben.[1] Das Drama erschien erstmals 1823 in dem Band Tragödien, nebst einem lyrischen Intermezzo im Berliner Verlag Dümmler. Während das darin enthaltene Lyrische Intermezzo bald große Popularität erlangte, blieb William Ratcliff weitgehend unbeachtet und war auch verlegerisch kein Erfolg.[2]
Zu Lebzeiten Heines kam es zu keiner Aufführung. Erst 1888,[3] mehr als dreißig Jahre nach dem Tod des Autors, wurde das Stück erstmals auf der Bühne gezeigt.
Inhalt
Die Handlung spielt im "neueren" (zeitgenössischen) nördlichen Schottland. Im Mittelpunkt steht William Ratcliff, ein von dunklen inneren Mächten getriebener Außenseiter, der jeden Mann tötet, der um die Hand der von ihm obsessiv geliebten Maria wirbt.
Maria, Tochter des schottischen Lairds Mac-Gregor, ist mit Graf Douglas verheiratet worden. Bereits zwei frühere Bräutigame waren unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. William Ratcliff, der Maria einst leidenschaftlich liebte und von ihr zurückgewiesen wurde, ist der Täter dieser Morde. Er sieht sich selbst jedoch weniger als freier Handelnder denn als Werkzeug eines schicksalhaften Zwangs.
In einer nächtlichen Begegnung am sogenannten Schwarzenstein kommt es zum Duell zwischen Ratcliff und Douglas, das Ratcliff verliert. Gedemütigt und innerlich zerrissen, dringt er später in Mac-Gregors Schloss ein. In einem Zustand zwischen Wahnsinn, Vision und Identitätsauflösung tötet er Maria und anschließend Mac-Gregor, bevor er sich selbst erschießt. Das Drama endet mit der Enthüllung der Leichen und der wahnsinnigen Amme Margarete, die die Geschehnisse in einen zyklischen Familienfluch einordnet.
Form und Stil
William Ratcliff ist in Blankversen verfasst und umfasst siebzehn Szenen, die rasch zwischen unterschiedlichen Schauplätzen wechseln. Das Stück verbindet Elemente des Schicksalsdramas, der Schauerromantik und der dramatisierten Ballade. Visionen, Doppelgängermotive, Wahnsinn und übernatürliche Erscheinungen (Nebelgestalten) strukturieren die Handlung. Heine selbst nennt die Werke Adolf Müllners als Vorbild.[4]
Die einaktige Form beschäftige Heine selbst, das Werk sei zwar, wie es in Rezensionen gelobt wird,[5] erfolgreich kompirmiert, aber "vielleicht etwas zu sehr".[6]
Auffällig ist die starke Konzentration auf psychische Extreme und innere Monologe. Die äußere Handlung tritt zugunsten einer Darstellung zwanghafter innerer Konflikte zurück.
Gattung und literarischer Kontext
Als tragischer Einakter steht William Ratcliff quer zu den gängigen Erwartungen seiner Zeit. Einakter wurden im frühen 19. Jahrhundert überwiegend als kurze, heitere Lustspiele verstanden. Tragische Stoffe galten dagegen als dramaturgisch problematisch für diese Form.[7]
Bedeutung und Rezeption
Obwohl das Drama lange kaum beachtet wurde, gilt William Ratcliff heute als der "poetische [...] Hauptertrag"[8] von Heines früher Schaffensphase im dramatischen Bereich. Heine selbst sah in dem Werk eine Verdichtung seiner biographischen, politischen und ästhetischen Konflikte, das belegt unter anderem ein Widmungsgedicht vom 12. April 1826 an seinen Hamburger Freund Friedrich Merckel:
Ich habe die süße Liebe gesucht,
Und hab’ den bittern Haß gefunden,
Ich habe geseufzt, ich habe geflucht,
Ich habe geblutet aus tausend Wunden.
Auch hab’ ich mich ehrlich Tag u Nacht,
Mit Lumpengesindel herumgetrieben,
Und als ich all’ diese Studien gemacht,
Da hab’ ich ruhig den Ratkliff geschrieben.[9]
In der Literaturwissenschaft wird das Stück häufig als Schlüsseltext für Heines frühes Denken über Schicksal, soziale Ungleichheit, Gewalt und Außenseitertum gelesen. Zugleich markiert es den Endpunkt seiner intensiveren Beschäftigung mit dem Theater. Nach dem ausbleibenden Erfolg wandte sich Heine weitgehend von der dramatischen Dichtung ab.
Ausgaben
- Heinrich Heine: William Ratcliff. Tragödie in einem Akte. In: Tragödien, nebst einem lyrischen Intermezzo. Berlin: Dümmler, 1823, S. 1–68. (Faksimile-Digitalisat)
- Transkribiertes Digitalisat bei Wikisource
Einzelnachweise
- ↑ Heinrich Heine: Säkularausgabe. Band 4. Tragödien. Frühe Prosa. 1820–1831. Kommentar. Hg. von Elke Richter. Berlin 1996, S. 93–126, hier S. 93.
- ↑ Elke Richter, Heinrich Heine. Säkularausgabe. Band 4. Tragödien – Frühe Prosa. Berlin 1996, S. 99.
- ↑ Elke Richter, Heinrich Heine. Säkularausgabe. Band 4. Tragödien – Frühe Prosa. Berlin 1996, S. 93–117.
- ↑ Heinrich Heine: Brief an Adolf Müllner in Weißenfels. Berlin, 30. Dezember 1821, Sonntag. In: Ders. Säkularausgabe. Band 20 (Briefe 1815–1831). Berlin 1970, S. 47–48.
- ↑ Richter, Heinrich Heine. Säkularausgabe. Band 4. Tragödien – Frühe Prosa 1996, S. 103.
- ↑ Heinrich Heine; Brief an Karl Immermann in Münster. Berlin, 15. April 1823, Dienstag. In: Ders. Säkularausgabe. Band 20 (Briefe 1815–1831). Berlin 1970, S. 77–80, hier S. 80. Hierzu auch vgl. Richter, Heinrich Heine. Säkularausgabe. Band 4. Tragödien – Frühe Prosa 1996, S. 100.
- ↑ Dîlan Canan Çakir: Poetische Ökonomie im Drama: Einakter im 18. und frühen 19. Jahrhundert. De Gruyter 2024.
- ↑ Richter, Heinrich Heine. Säkularausgabe. Band 4. Tragödien – Frühe Prosa 1996, S. 106.
- ↑ Heinrich Heine: Säkularausgabe. Band 1. Gedichte 1812–1827. Hg. von Hans Böhm. Berlin 1979, S. 261.