William Leo Guttsman
William Leo Guttsman (geboren als Wilhelm Leo Guttsmann 23. August 1920 in Berlin; gestorben 13. Februar 1998 in Norwich) war ein britischer Politischer Soziologe und Bibliothekar.
Leben
Wilhelm Leo Guttsmann war ein Sohn des Ingenieurs Walter Johann Guttsmann und der Lehrerin Helene Kamerase, er hatte eine Schwester. Sein Vater arbeitete als Ingenieur und seit 1927 als Prokurist bei der AEG, er wurde nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten als Jude entlassen. Die Familie zog von Berlin nach Werder, wo sein Vater ein kleines technisches Büro eröffnete. Guttsmann wurde an eine jüdische Schule verwiesen, die er mit sechzehn Jahren verlassen musste. In der Reichspogromnacht 1938 wurde die Wohnung der Familie verwüstet, und Guttsmann wurde für sechs Wochen im KZ Buchenwald inhaftiert. Die Schwester rettete sich 1939 mit der Jugend-Alijah nach Palästina, die Eltern zogen wieder nach Berlin und bereiteten ihre Emigration vor, die nach Kriegsausbruch 1939 aber nicht mehr möglich war. Sie wurden 1942 in das besetzte Polen deportiert und im Zwangsghetto in Piaski Opfer des Holocaust.
Guttsmann gelang im Februar 1939 die Flucht nach England, wo er sich als Landarbeiter durchschlug. Er wurde 1940 als Enemy Alien inhaftiert und mit dem Schiff Dunera nach Australien deportiert. 1942 kam er zurück nach England und studierte als Werkstudent Ökonomie und Soziologie am Birkbeck College. Er heiratete im Juli 1942 die im April 1939 aus dem deutsch besetzten Protektorat Böhmen und Mähren nach England geflohene Valerie Lichtigova (1918–), ihre Tochter Janet Guttsman wurde Reuters-Bürochefin in Kanada[1]. Valerie Guttsman, OBE wurde Sozialarbeiterin und engagierte sich als Labour Party-Mitglied in der Kommunalpolitik. sie war 1979/1980 Oberbürgermeisterin von Norwich.
Im Jahr 1945 machte Guttsman einen M.Sc. an der London School of Economics (LSE) und arbeitete ab 1946 als Bibliotheksgehilfe an der British Library of Political and Economic Science. 1952 wurde er als Abteilungsleiter-Einkauf Nachfolger von Eduard Rosenbaum. Im Jahr 1962 wechselte er als Bibliotheksdirektor an die neugegründete University of East Anglia in Norwich, wo er Neuerungen im Organisationsaufbau britischer Bibliotheken einführte. Er ging 1985 in Pension.
Neben seiner Tätigkeit als Bibliotheksdirektor publizierte Guttsman eine Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten zu soziologischen und historischen Themen. Dazu gehörten größere Studien über die politischen Eliten in Großbritannien, zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland und zur Kulturpolitik in der Weimarer Republik.
Schriften (Auswahl)
- The British Political Elite. London: MacGibbon & Kee, 1963.
- The German Social Democratic Party 1875–1933 : from ghetto to government. London: Allen and Unwin, 1981.
- Workers’ Culture in Weimar Germany. Between Tradition and Commitment. New York: Berg, 1990.
- Art for the Workers. Ideology and the visual arts in Weimar Germany. Manchester: Manchester Univ. Press, 1997.
Literatur
- A. H. Halsey: Guttsman, William Leo, in: Oxford Dictionary of National Biography, Vol. 24, Oxford 2004, S. 326 f.
- Guttsman, Valerie, in: Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. München: Saur, 1980, ISBN 3-598-10087-6, S. 257.
- Peter Lasko: Obituary: W. L. Guttsman, Independent, 25. März 1998.
- David Baker (Hrsg.): Studies for Elizabeth Fudakowska : written to commemorate her retirement in September 1994. Norwich: Solen Press, 1994.
Weblinks
- Literatur von und über Guttsman, Wilhelm L. im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Familie Guttsmann, bei Jüdische Schicksale Werder
Einzelnachweise
- ↑ Janet Guttsman: Reuters needs a few more women bureau chiefs, The Baron, 6. Dezember 2013