Wilhelmskirche (Straßburg)
Die Wilhelmskirche bzw. Wilhelmerkirche (Église Saint-Guillaume) ist ein evangelisch-lutherisches Kirchengebäude innerhalb der Protestantischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses von Elsass und Lothringen in der Stadt Straßburg im Elsass.[2] Sie ist bemerkenswert wegen ihrer Lage an der Ill, ihres „schiefen“ Äußeren sowie ihrer reichen gotischen und barocken Innenausstattung. Aufgrund ihrer guten Akustik dient sie seit Ende des 19. Jahrhunderts auch als Spielstätte von Aufführungen klassischer geistlicher Musik, insbesondere der Passionen von Johann Sebastian Bach.
Geschichte
Ritter Heinrich von Mülnheim, der einem Straßburger Patriziergeschlecht entstammte, war Ludwig IX. im siebten Kreuzzug 1270 nach Tunis gefolgt. Als die Kreuzritter dort mit unsäglichem Elend zu kämpfen hatten, gelobte er, falls er seine Heimatstadt Straßburg noch einmal wiedersieht, zum Dank eine Kirche zu stiften, welche zwischen 1298 und 1307 errichtet wurde.[3]
Das 1307 fertiggestellte, langgestreckte gotische Bauwerk war ursprünglich die Kirche eines Bettelordensklosters der Wilhelmiten, was noch an der Anlage der einschiffigen Saalkirche und der schlichten Außengestalt zu erkennen ist. Im Jahre 1331 wird „St. Wilhelm“ zur Kirche der Binnenschiffer- und Fischergilden, wie der Anker bezeugt, der die Spitze des Kirchturms ziert. 1667 wurde der asymmetrische Glockenturm über dem Haupteingang errichtet. Die schiefe Anlage des Gebäudes liegt an dem schlammigen Untergrund, auf dem es errichtet wurde, und ist auch an anderen Häusern des Viertels Krutenau festzustellen.
Von 1693 bis 1697 wirkte der Komponist und spätere Pfarrer Johann Georg Keifflin aus Diemeringen während seiner Studienzeit als Organist an der Kirche. Er verfasste hier 1696 die Motette Elevation. Aspiratio ad Christum für Sologesang, 2 Violinen, Fagott und Basso continuo,[4] die in einer Handschrift von Sébastien de Brossard erhalten ist.[5] Von 1826 bis 1837 war der Dichter Johann Jakob Jägle Pfarrer an der Wilhelmerkirche.
1895 gründete der Organist Ernst Münch den Wilhelmer-Chor, welcher sich besonders Johann Sebastian Bachs Kantaten und Passionen widmet. Anfangs übernahm Albert Schweitzer die Orgelbegleitung[6] und über die Jahre mehrere berühmte Dirigenten, wie Wilhelm Furtwängler, John Eliot Gardiner und Charles Münch, der Sohn von Ernst Münch, dessen Leitung.
Ausstattung
- Reste eines gotischen Portals in der Vorhalle
- Zahlreiche hoch- und spätgotische Bleiglasfenster, darunter mehrere von Peter Hemmel von Andlau
- Aufwendiges Doppelgrab der Brüder Philipp und Ulrich von Werd (14. Jahrhundert)
- Fragmente eines Lettners (1485)
- Bemalte Relieftafel „Heiliger Wilhelm“ aus Eichenholz (16. Jahrhundert)
- Kanzel von 1656
- Hauptaltar von 1767
- Bilder zur Ausstattung
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Kanzel
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Kanzel-Sockel
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Eingangsbereich
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Doppelgrab
Orgel
Andreas Silbermann erbaute 1728 eine Orgel mit zwei Manualen und 19 Registern für die Wilhelmerkirche, die 1734 bzw. 1754 von Johann Andreas Silbermann um je ein Register ergänzt wurde. Dieses Instrument wurde 1881 von Heinrich Koulen um ein Schwellwerk und weitere Register erweitert. Nur wenige Jahre später, 1898, wurde die Orgel durch einen Neubau von Eberhard Friedrich Walcker mit 52 Registern auf drei Manualen ersetzt.[7] Von Silbermann blieb nur das Gehäuse erhalten.
Die heutige Orgel wurde 1987 von Yves Kœnig (Sarre-Union) in Anlehnung an die Ästhetik Gottfried Silbermanns im Gehäuse von 1728 mit zwei Manualen und 30 Registern erbaut. Sie verfügt über Schleifladen mit mechanischer Spiel- und Registertraktur. Das Instrument steht außer dem Prospekt des Rückpositivs auf Rollen und kann bei Aufführungen mit Chor und Orchester elektrisch um 12 Meter nach hinten gefahren werden.[8] Die Temperierung erfolgte nach Neidhardt „Für ein Dorf“ (1724).[9]
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- Koppeln: II/I, I/P, II/P
Glocken
Das Geläut besteht aus zwei Glocken, der Töne fis' und a'. Eine dritte nicht mehr läutbare Glocke steht am Eingang der Kirche. Sie wurde 1755 von Ernst Friedrich Puffendorff gegossen. Drei kleinere Glocken dienen zum Stundenschlag.
Quellen
- Einige Nachrichten über die Pfarrkirche zu Sanct Wilhelm in Straßburg. Heitz, Straßburg 1818 (Google Books).
Literatur (chronologisch)
- Jean Martin François Théodore Lobstein: Beiträge zur Geschichte der Musik im Elsaß und besonders in Strassburg, von den ältesten bis auf die neueste Zeit. Ph. H. Dannbach, Straßburg 1840, S. 87–90 (Google Books).
- Timotheus Wilhelm Röhrich: Geschichte der Kirche St. Wilhelm in Straßburg. Schmidt, Straßburg 1856 (Google Books).
- Franz Xaver Kraus: Kunst und Alterthum in Elsass-Lothringen. Beschreibende Statistik. Band I: Unter-Elsass. Friedrich Bull, Straßburg 1876, S. 540–548 (Google Books).
- Gustav Lasch, Eugen Herrmann, Robert Will (Hrsg.): Geschichte der Wilhelmer Kirche zu Straßburg im Elsaß. Drei Beiträge. Straßburg 1914.
- Geschichte der Wilhelmer Kirche. Straßburg 1934.
- Paul Frankl: Die Glasmalereien der Wilhelmerkirche in Strassburg. Rekonstruktionen, Datierungen, Attributionen (= Studien zur deutschen Kunstgeschichte, Bd. 320). Heitz, Baden-Baden 1960.
Weblinks
- Website der Kirchengemeinde
- Die barocke, restaurierte Orgel
- Außen- und Innenansichten
- Schwarzweißfoto vom Doppelgrab der Gebrüder von Werd ( vom 22. Oktober 2007 im Internet Archive)
Einzelnachweise
- ↑ Timotheus Wilhelm Röhrich: Geschichte der Kirche St. Wilhelm in Straßburg. Schmidt, Straßburg 1856 (Google Books).
- ↑ http://www.itinerairesprotestants.fr/de/sehenswurdigkeiten/strasbourg-8
- ↑ Das alte Bethaus Allerheiligen zu Strassburg - Deutsche Digitale Bibliothek. Archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 9. November 2018; abgerufen am 8. November 2018.
- ↑ Johann Georg Keifflin, Th[eologiae] Aud[itor], 1696, canto Solo cum V. V. F. et organo Dulce Pelicani pectus; vgl. Jean-Luc Gester: La musique religieuse en Alsace au XVIIe siècle. Réception de la musique italienne en pays rhénan, Presses Universitaires de Strasbourg, Straßburg 2001, S. 196 und 251.
- ↑ Sébastien de Brossard: [Anthologie] Recueil de motets de différents autheurs [SdB recueil 27], Handschrift 2. Hälfte des 17. Jh. (Bibliothèque nationale de France; Vm 1 1266).
- ↑ Die Wilhelmskirche | Musée protestant. Abgerufen am 29. August 2023.
- ↑ Nähere Informationen zur Silbermann-Orgel, abgerufen am 7. Oktober 2025.
- ↑ https://www.saint-guillaume.org/general-6, abgerufen am 7. Oktober 2025.
- ↑ Beschreibung der Kœnig-Orgel, abgerufen am 7. Oktober 2025.
Koordinaten: 48° 34′ 55,8″ N, 7° 45′ 27″ O