Wilhelm Lange (Übersetzer)

Wilhelm Lange (* 19. Dezember 1849 in Wallen, Westfalen; † 8. Dezember 1907 in Berlin) war ein deutscher Übersetzer aus dem Norwegischen, Dänischen, Russischen, Englischen und weiteren Sprachen.

Leben und Wirken

Wilhelm Lange studierte Philologie.[1] Um 1875 begann er mit Übersetzungen aus mehreren Sprachen. Besonders erfolgreich wurden seine Übertragungen von Dramen von Henrik Ibsen. Bei diesen nahm er aber einige Veränderungen vor, so verlegte er einmal die Handlung nach Deutschland, deutschte die Vornamen von Hauptpersonen ein und erfand den Titel Nora (für Et dukkehjem) im Stile französischer Unterhaltungsstücke, gegen den ausdrücklichen Wunsch des Autors.[2] Er drängte diesen auch auf einen veränderten Schluss für die erste deutsche Bühnenaufführung, die dieser dann widerwillig vornahm. Wilhelm Lange blieb einer von dessen autorisierten Übersetzern bis 1885, als sich Ibsen von ihm abwandte, weil er ein gemeiner Kerl und geisteskrank sei.[3][4]

Unter dem Namen von Wilhelm Lange erschienen über fünfzig Übersetzungen in neun Sprachen innerhalb von wenigen Jahren. An ihnen wirkten wahrscheinlich weitere Mitarbeiter mit. Einige zeitgenössische Kritiker beklagten in diesen Ungenauigkeiten und mangelnde Kompetenz.[5][6] In weniger geläufigen Sprachen wie dem Polnischen wurden auch Übertragungen in andere Sprachen wie dem Französischen verwendet.[7] In einigen zeitgenössischen Rezensionen wurden Übersetzungen von Wilhelm Lange aber auch gelobt . Seine Übertragungen erreichten eine große Verbreitung in der billigen Reclam-Heftreihe (zu 20 Pfennig). Sie wurden auch für viele Theateraufführeungen verwendet, einige Neuausgaben erschienen in anderen Verlagen.[8]

Wilhelm Lange war verantwortlicher Redakteur der Deutschen Schriftsteller-Zeitung von 1887 bis 1889, die er zeitweise in einem kleinen eigenen Verlag herausgab.[9] 1894 übernahm er die Buchhandlung Schweitzer & Mohr in der Potsdamer Straße 36.[10] Er wohnte einige Jahre in der Steglitzer Straße 55.[11]

Übersetzungen (Auswahl)

Die Übersetzungen erschienen meistens im Verlag von Philipp Reclam jun. in Leipzig, wenn nicht anders angegeben. Es gab zahlreiche Neuauflagen, einige auch in anderen Verlagen.

Aus dem Norwegischen

  • Bjørnstjerne Bjørnson
    • Ein Fallissement, Schauspiel in vier Aufzügen, [1876]
    • Das Fischermädchen [1877]
    • Die Neuvermählten
    • Synnöve Solbakken
    • Leonarda
    • Zwischen den Schlachten
    • Thomas Rendalen, Roman, Stilke, Berlin 1886
  • Henrik Ibsen
    • Die Stützen der Gesellschaft, 1878
    • Nora oder Ein Puppenheim, 1879 (Digitalisat)
    • Der Bund der Jugend, 1881
    • Ein Volksfeind, 1883, einzige vom Verfasser autorisirte deutsche Ausgabe (Digitalisat)
    • Gespenster, Berlin 1899 (Gesammelte Werke, 1)
    • Rosmersholm, Berlin 1899 (Gesammelte Werke, 2)
    • Frau Inger von Oestrot, Quehl, Berlin-Steglitz 1906
    • Hedda Gabler
    • Die Meerfrau
    • Baumeister Solness
    • Die Wildente
  • Jonas Lie, Der Hellseher
  • Otto Wijkander, Bertha Malm

Aus dem Dänischen

  • Wilhelm Bergsöe [Vilhelm Bergsøe]
    • Gespenstergeschichten
    • Italienische Novellen, 1882
  • Skandinavisches Novellenbuch, Auerbach 1881, mit zwei dänischen Novellen
  • Herman Frederik Ewald, Blanca, 1883 (Digitalisat)
  • Otto Benzon, Surrogat, Lustspiel, 1883
  • Künstlerleben, Schwank, 1890 (ohne Verfasserangabe)
  • Henrik Hertz
    • Einquartierung
    • Die Sparkasse oder Ende gut

Aus dem Russischen

  • Iwan Turgenjeff
    • (Bücher)
    • Punin und Baburin, 1875
    • Väter und Söhne, 1876
    • Die neue Generation, Roman, 2. Auflage [1877]
    • Frühlingswogen [1877]
    • Ein König Lear der Steppe, 1878
    • Erste Liebe, 1883
    • Dunst, 1883 (Digitalisat)
    • Lieutenant Jergunoff, 1884
    • Gedichte in Prosa
    • Tagebuch eines Überflüssigen
    • (In Zeitschriften)
    • Lukerja, in Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 1875, S. 312–324
    • Sonderlinge, in Vom Fels zum Meer, 1881/1882, S. 228
    • Der Fatalist, in Vom Fels zum Meer, 1883, S. 345–360
    • Der Raufbold, Novelle, in Nord und Süd 1884, S. 283–326
  • Alexis Tolstoj, Fürst Serebräny, 1882, zweite Auflage Zar Iwan der Schreckliche, 1894

Aus dem Englischen

  • Charles Dickens, Das Heimchen am Herde, 1877, Neue Ausgaben 1927, 1952
  • Mark Twain
    • Ausgewählte Skizzen, 1878 (Digitalisat)
    • (daraus) Zeitungsschreiberei in Tennessee, in Norbert Falk (Hrsg.), Meisterbuch des Humors. Eine Auswahl bester Humoresken, Ullstein, Berlin 1908, S. 220–226
    • (daraus) Ein gehrimnisvoller Besuch, 1975
  • Bret Harte, Californische Erzählungen, mehtere Bände, um 1880, mehrere Neuauflagen[12]
  • Henry James, Eugen Pickering, Neuauflage 1921

Weitere Sprachen

Aus dem Niederländischen
Aus dem Schwedischen

Es sind nur zwei übersetzte Novellen aus dem Schwedischen bekannt

  • Skandinavisches Novellenbuch, Auerbach, Berlin 1881, auch aus dem Norwegischen und Dänischen
    • Eduard Bäckström, Die Nebenbuhler
    • Wilhelm von Braun, Ein Irrthum
Aus dem Spanischen
Aus dem Italienischen
Aus dem Polnischen

Wilhelm Lange übersetzte drei Werke aus dem Polnischen, auch mit Hilfe einer französischen Übersetzung.[13]

Aus dem Neugriechischen

Wilhelm Lange soll auch eine Erzählung aus dem Neugriechischen übersetzt haben (in Zusammenarbeit mit Wilhelm Lang?)[14]

  • Bikelas Demetrios, Lukis Laras. Eine Erzählung aus den griechischen Freiheitskriegen, 1883[15]

Literatur

Commons: Wilhelm Lange – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikisource: Wilhelm Lange – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

  1. Das literarische Echo, vom 1. Januar 1908, Sp. 523
  2. Henrik Ibsen, Nora (Ein Puppenheim), Text und Kontext, Reclam, Ditzingen 2025, Anhang S. 29; mit Details und dem veränderten Schluss
  3. Harald Kittel et al. (Hrsg.), Übersetzung. Translation. Traduction. Ein internationales Handbuch für Übersetzungsforschung, 3. Teilband, de Gruyter, Berlin/Boston 2011, S. 2543, mit einigen Details zu den Ibsen-Übersetzungen von Wilhelm Lange; Ibsen favorisierte seitdem Marie von Borch und auch Emma Klingenfeld
  4. Wilhelm Lange Henrik Ibsens Skrifter (deutsch übersetzt), mit zwei Briefen von Wilhelm Lange an Ibsen von 1879 und 1881 und Erwähnungen über ihn in einigen Briefen von anderen an Ibsen
  5. Bühne und Welt, 1903, S. 525 (kurze Auszüge), Es ist unbegreiflich, dass Ibsen diesem Massen-Übersetzer die Autorisation erteilt hat.
  6. Herbert Scherer, Bürgerlich-oppositionelle Literaten und sozualdemokratische Arbeiterbewegung nach 1890, Metzler, Stuttgart 1974, S. 240 Anm. 140, der Schriftsteller Otto Erich Hartleben kritisierte die Mängel in Wilhelm Langes Übersetzung der Volksfeinde von Ibsen und lobte dagegen ausdrücklich die genauere Übersetzung von Marie von Borch
  7. Fritz Paul et al. (Hrsg.) Europäische Komödie im übersetzerischen Transfer, Tübingen 1993, S. 236; über seine Praxis der "Übersetzung aus zweiter Hand", die der mikrotextuellen Anlage des Ausgangstextes außerordentlich fern ist (das heißt sehr ungenau ist); vgl. auch Doris Lemmermeierm, Brigitte Schultze (Hrsg.) Polnisch-deutsche Dramenübersetzung 1830–1988, Mainz 1900, S. 209, mit Biogramm von Wilhelm Lange und Kritik seiner übersetzerischen Methoden
  8. Wilhelm Lange Ibsen Stage, mit vielen Aufführungen von Ibsen-Dramen in der Übersetzung von Wilhelm Lange
  9. Thomas Dietzel, Hans-Otto Hügel, Deutsche literarische Zeitschriften 1880–1945, Band 1, K. G. Saur, München 1988, S. 304
  10. Adressbuch des Deutschen Buchhandels, 1895, S. 498
  11. Deutscher Litteratur-Kalender, 1883, S. 376, auch Berliner Adressbücher, in Berlin W, (wahrscheinlich jetzige Blissestraße in Wilmersdorf)
  12. Suche nach Californische Erzählungen. In: Deutsche Digitale Bibliothek (Digitalisate)
  13. Doris Lemmermeierm, Brigitte Schultze (Hrsg.) Polnisch-deutsche Dramenübersetzung 1830–1988, Mainz 1900, S. 209
  14. Wilhelm Lang (1832–1915) Comdeg, Online-Compendium, Wilhelm Lang hatte 1879 die erste deutsche Übersetzung dieses Buches von Wagner ausführlich rezensiert, und besaß dadurch gute Kenntnisse darüber
  15. Wilhelm Lange Comdeg, neugriechisches Online-Lexikon, im Vorwort zitiert er auch Fachliteratur zur skandinavischen und russischen Literatur, ansonsten ist keine weitere Beschäftigung von ihm mit der griechischen Sprache und Literatur bekannt