Wilhelm Bitter (Psychoanalytiker)

Wilhelm Bitter (* 18. März 1893 in Langenberg im Rheinland; † 12. Januar 1974 auf Teneriffa) war ein deutscher Nervenfacharzt, von 1949 bis 1957 zunächst Geschäftsführender Vorsitzender und anschließend Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie e.V. (DGPT) und Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Analytische Psychologie e.V. (DGAP).

Ausbildung und Studium

Wilhelm Bitter verließ zunächst mit mittlerer Reife die Schule und führte gemeinsam mit seiner Mutter ein Reformhaus, um Geld für das Studium zurück zu legen. 1915 absolvierte er als Externer das Abitur an einem Mannheimer Reformgymnasium. Nach seinem Militärdienst nahm er 1919 in Heidelberg ein Studium für Nationalökonomie und Staatsrecht sowie Soziologie auf und promovierte 1921 in Soziologie.[1] Anschließend war er für die Außenhandelskammern der Hansestädte als Lobbyist tätig. In den kommenden zehn Jahren engagierte er sich für die Aufhebung jener Klauseln des Versailler Vertrags, die die vollständige Enteignung des Auslandseigentums deutscher Firmen festgelegt hatten.[2]

Wilhelm Bitter studierte in Berlin, Jena, Zürich und Greifswald Medizin. 1939 erlangte er in Berlin seine Approbation und promovierte 1940 in Medizin.

Hinwendung zur Psychoanalytik seit den 1930er Jahren

Wilhelm Bitter begann 1934 während seines Medizinstudiums eine Lehranalyse bei Felix Boehm, die 1938 nach 1000 absolvierten Stunden endete. Ab 1938 setzte er seine Lehranalyse bei Käthe Bügler fort. Später kontrollierte er die Behandlungen bei Liesbeth Lambert, Gustav R. Heyer und C. G. Jung.

In seiner Promotion zum Dr. med. Über die Agoraphobie, Pathogenese und Therapie referierte Wilhelm Bitter ausführlich psychoanalytische Zusammenhänge. Er bediente gleichzeitig die nationalsozialistische Sprachregelung, indem er den Begriff „Psychoanalyse“ durch den Begriff „Entwicklungspsychologie“ ersetzte, verwendete aber auch ausdrückliches psychoanalytisches und tiefenpsychologisches Vokabular, indem er von Verdrängung, Unbewusstem und Triebregungen schrieb. Im Literaturverzeichnis der Dissertation sind alle zwölf Bände des Freudschen Werkes genauso wie die Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse von 1936 aufgeführt. Sein Doktorvater Max de Crinis – ein erklärter Gegner der Freudschen Psychoanalyse – bewertete Bitters Arbeit mit summa cum laude.

1943 kehrt Wilhelm Bitter, der neben der deutschen auch die Schweizer Staatsbürgerschaft hatte, von einem Urlaub in der Schweiz nicht an seinen Arbeitsplatz an der Psychiatrischen- und Nervenklinik der Humboldt Universität in Berlin zurück.[3][4]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mitbegründete Wilhelm Bitter 1948 das Stuttgarter Ausbildungsinstitut, heute Stuttgarter Akademie für Tiefenpsychologie und Psychoanalyse e. V., das er von da an bis 1953 leitete.[5] In der Folgezeit war die Existenz des Instituts aus finanziellen Gründen und auf Grund eines drohenden Berufsverbots für nicht-ärztliche Psychotherapeuten fortwährend bedroht, so dass Wilhelm Bitter sich bei der damaligen Bundesregierung in Bonn für die psychotherapeutische Ausbildung von Nicht-Medizinern einsetzte.[6]

Gründung der Deutschen Gesellschaft für Psychotherapie und Tiefenpsychologie

Auf Veranlassung der amerikanischen Behörden wurde vom 25. bis 27. März in Stuttgart eine Konferenz einberufen, um die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Psychotherapie und Tiefenpsychologie (heute: Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie e. V. (DGPT)) vorzubereiten. Am 18. September 1949 folgte die Gründung in Braunschweig.[7] Als Dachorganisation aller tiefenpsychologischen Richtungen (Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG), später auch Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV), Jungianer und Adlerianer) soll die DGPT als berufspolitischer Verhandlungspartner für Psychotherapie dienen.[8] Die Mitglieder des ehemaligen Reichsforschungsinstituts („Göring-Instituts“) wurden nur zum Teil und erst nach ihrer Entnazifizierung übernommen.[8] Wilhelm Bitter war zunächst von 1949 bis 1954 Geschäftsführender Vorsitzender, anschließend von 1954 bis 1957 Vorsitzender der DGPT.[9] Erster Vorsitzender der DGPT war Victor von Weizsäcker, auf ihn folgte Alexander Mitscherlich.

Wilhelm Bitter legte 1949 eine programmatische Schrift vor, in der er die angestrebte Rolle von Psychotherapie und Tiefenpsychologie in der neu gegründeten Bundesrepublik umriss und zentrale Probleme ihrer Etablierung benannte.[10]

Gemeinschaft Arzt und Seelsorger

1948/49 initiierte Wilhelm Bitter die Gemeinschaft Arzt und Seelsorger, in der psychotherapeutisch orientierte Ärzte und Theologen beider Konfessionen zunächst zu Aussprachen im kleineren Kreis, zu öffentlichen Abendveranstaltungen und später auch zu größeren Arbeitstagungen zusammentrafen. Zu Beginn war man nur ein kleiner Kreis von etwa 20 Interessierten, die sich in Bitters Wohnung zusammenfanden. Doch schon zur Sommertagung 1951 in Stuttgart begrüßte man 150 Teilnehmer. Schnell wuchs auch die Zahl der Mitglieder an, 1963 waren es bereits über 1.000, 1974 waren es 1.200. Zudem beschränkte man sich bald auch nicht mehr auf den geographischen Nahraum: Mitglieder gab es bald in der Bundesrepublik und dem angrenzenden westlichen Ausland. Dabei versuchte man sich interkonfessionell und interdisziplinär in Toleranz.

Von der Gemeinschaft Arzt und Seelsorger gingen wichtige Impulse für die Etablierung der Pastoralpsychologie aus. In den ersten zwanzig Jahren ihres Bestehens hielt die Arbeitsgemeinschaft beginnend mit dem Jahr 1949 circa 40 Arbeitstagungen ab. Auf ihnen standen die „Krisenprobleme der Zeit“ und deren Lösungsmöglichkeiten im Vordergrund. Die Sammelbände zu den jeweiligen Jahrestagungen fanden ein weites Echo. Allein die ersten zehn Tagungsberichte hatten bis Anfang der 1960er Jahre bereits eine Gesamtauflage von ca. 40.000 Exemplaren erreicht. Bis zu seinem Lebensende versah Wilhelm Bitter als Herausgeber die Tagungsbände der Gemeinschaft Arzt und Seelsorger mit längeren einordnenden Einleitungen. Seit Mitte der 1950er Jahre existierte zudem ein Mitteilungsblatt der Gemeinschaft, das etwa fünf bis sechsmal pro Jahr erschien und auch wichtige Referate der Aussprache-Abende enthielt. 1970 wurde die Gesellschaft in Internationale Gemeinschaft Arzt und Seelsorger umbenannt.[11]

Wilhelm Bitter-Stiftung

1937 gründete Wilhelm Bitter die gemeinnützige "Studienstiftung Dr. Wilhelm Bitter". Im Jahr 1969 gründete Wilhelm Bitter zwei weitere Stiftungen, eine davon, die Wilhelm Bitter-Stiftung, in Deutschland. Der Zweck der Wilhelm Bitter-Stiftung besteht in der Förderung der Forschung und Ausbildung auf den Gebieten der Psychotherapie, Biochemie, Rheumatologie sowie in der Förderung der Schöpfung und Wiedergabe zeitgenössischer Musik. Seit 2021 vergibt die Stiftung in Kooperation mit dem Verein für die Förderung der Psychoanalyse und der Tiefenpsychologie in Deutschland e.V. (VFPT) den Wilhelm-Bitter-Forschungspreis für die Förderung von Forschungsarbeiten des wissenschaftlichen Nachwuchses. Verliehen werden Preise in den Kategorien Master, Doktoranden und Post-Doc.[12]

Einzelnachweise

  1. Bitter, Wilhelm: Die wirtschaftliche Eroberung Mittelamerikas durch den Bananen-Trust. Organisation und imperialistische Bedeutung der United Fruit Company, Braunschweig/Hamburg: Georg Westermann 1921
  2. Bitter, Friedrich Wilhelm / Zelle, Arnold: No more war on foreign investments: a Kellogg pact for private property, Philadelphia: Dorrance 1933
  3. Corinne Holtz: Welt im Werk, Klaus Huber (1924-2017): eine Biografie. Schwabe Verlag, Basel 2024, ISBN 978-3-7965-5148-2.
  4. Charité Direktion Personalakten 378/1, Nervenklinik 79
  5. Zur Geschichte der Stuttgarter Akademie. Abgerufen am 15. Oktober 2024 (deutsch).
  6. Karl Baier: Meditation und Moderne. Zur Genese eines Kernbereichs moderner Spiritualität in der Wechselwirkung zwischen Westeuropa, Nordamerika und Asien, Bd. II, Würzburg 2009, S. 826
  7. Geschichte der DGPT. Abgerufen am 15. Oktober 2024.
  8. a b Regine Lockot: Chronik zur Geschichte der Psychotherapie und zur Psychoanalyse von 1918 bis 1975. In: Geschichte der DGPT. Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) e. V., abgerufen am 15. Oktober 2024.
  9. Vorstandsmitglieder 2021-1945. Abgerufen am 15. Oktober 2024.
  10. Bitter, Wilhelm: Psychosomatische Medizin. Aufgaben d. Psychotherapie u. Tiefenpsychologie in Deutschland, Giessen: Ärzte-Verlag 1949
  11. „25 Jahre Internationale Gemeinschaft Arzt und Seelsorger“, in: Deutsches Ärzteblatt 14 (1974), S. 985
  12. Wilhelm-Bitter-Forschungspreis. Abgerufen am 15. Oktober 2024.