Westphalenkartell

Das Westphalenkartell war ein Zusammenschluss landsmannschaftlicher Verbindungen westfälischer Studenten an deutschen Universitäten, der ab 1799 zwischen den Hallenser, Jenaer und Erlanger Westfalen bestand. Das Kartell stellte – neben den Orden des 18. Jh. und der Allgemeinen Burschenschaft ab 1818 – den bedeutendsten Zusammenschluss waffenstudentischer Korporationen vor 1848 dar. Ziel des Kartells bei seiner Gründung war es, westfälische Neuankömmlinge vor dem Einfluss der Orden zu bewahren und zugleich den inneren Zusammenhalt zu festigen. Darüber hinaus sollten gesellige Tugenden gepflegt und echte Freundschaft gefördert werden. Farben, Zirkel und Wahlsprüche wurden vereinheitlicht, das Kartell dehnte sich bis 1810 auf weitere Universitäten aus und erreichte zwischen 1808 und Mitte der 1820er Jahre seine größte Bedeutung. Zeitweilig wurden seine Farben als Farben Westfalens wahrgenommen. Ende der 1830er-Jahre ging das Kartell schließlich ein; die westfälischen Corps gaben das Prinzip der kantonalen Rekrutierung auf und pflegten nun Kartelle zu nicht-westfälischen Verbindungen.

Frühe Korporationen der Westfalen

Vereinigungen der sogenannten „Westphälinger“ lassen sich 1586 in Heidelberg, 1617 (erneut 1623) in Rostock sowie 1664 (wieder 1683) in Königsberg nachweisen.[1] Die Rostocker Gemeinschaft ergänzte 1637 ihre Satzung um folgenden § 19: „In Bezug auf die Fremden oder anderen Landsleute, die nicht zu den eingeborenen Westphalen gehören, ist beschlossen worden, daß solche nicht in die Gemeinschaft der Westphalen auf-genommen werden sollen, denn da diese Gesetze ausschließlich für die echten Westphalen geschrieben sind, so verbieten und verhindern sie damit von selbst die Zulassung und Aufnahme Fremder.“[2]

1654 erließ der Immerwährende Reichstag in Regensburg ein generelles Verbot sämtlicher landsmannschaftlicher Zusammenschlüsse.[3] Von da an spielten die Landsmannschaften in der universitären Öffentlichkeit keine Rolle mehr.[4] 1717 gründete sich an der Universität Halle kurzfristig erneut studentische Vereinigungen, darunter auch eine westfälische Landsmannschaft. Bereits im November desselben Jahres untersagte ein königlich-preußisches Edikt deren Weiterbestehen. Ob die Landsmannschaften in Halle dennoch fortbestanden, bleibt unklar. In Göttingen bildete sich 1772 erneut eine Vereinigung der Westphälinger.[5]

Ab den 1740er Jahren kam es im Reich vermehrt zur Gründung studentischer Sozietäten, zunächst vor allem regulärer Freimaurerlogen. Bis zur Mitte des 18. Jh. traten studentische Orden hinzu, getragen von der Unzufriedenheit mit der hierarchischen Abhängigkeit innerhalb der Logen und dem Verlust an Mitbestimmungsrechten der Studenten, welche die Freimaurerlogen ursprünglich ins Leben gerufen hatten. Die Orden stützten sich auf eine außerhalb der Freimaurerei bestehende Arkankultur, bestanden neben und innerhalb der Landsmannschaften und begannen diese im Verlauf der Zeit zunehmend zu überlagern. Sie zeichneten sich durch straffe Organisation, elitäre Ausrichtung und Führungsanspruch innerhalb der Studentenschaft aus und nahmen neue Mitglieder nicht nach regionaler Herkunft, sondern nach persönlicher Qualifikation auf. Bei der feierlichen Aufnahme wurden Verschwiegenheit und lebenslange unauflösliche Freundschaft beschworen.[6]

Aus Furcht vor radikalisierenden Tendenzen im Umfeld der Französischen Revolution sowie aufgrund häufiger Auseinandersetzungen und Duelle empfahl der Regensburger Reichstag Mitte Juni 1793 schließlich, sämtliche studentische Zusammenschlüsse einschließlich der Landsmannschaften behördlich aufzulösen. Zugleich wandten sich innerhalb der Studentenschaft enge landsmannschaftliche Kreise zunehmend gegen die Ordensverbindungen – insbesondere gegen Constantisten und Unitisten –, von denen man übermäßige Agitation und aggressive Werbemethoden behauptete. Diese engeren landsmannschaftlichen Zirkel knüpften an ältere Traditionen an. Sie behielten regionale Rekrutierung bei und pflegten feste Bräuche. Zugleich übernahmen sie von den Orden geheime Zeichen, verschlüsselte Erkennungsweisen und Riten. Die ersten westfälischen Zirkel, die sich Mitte des 18. Jh. in Halle, Erlangen und Jena bildeten, standen besonders in Opposition zu den Constantisten und bemühten sich, sich vom ordensmäßigen Gefüge zu lösen.[7] Bei der Rekrutierung der Mitglieder orientierte man sich vor allem danach, ob ein Student innerhalb der Grenzen des alten Westfälischen Reichskreises geboren war; teilweise auch an den Grenzen des kurkölnischen Herzogtums Westfalen.[8]

Westfälische Landsmannschaften in Halle, Erlangen und Jena

Guestphalia Halle von 1789/90

In Halle konstituierte sich am 23. Februar 1777 eine Constantistenloge, die vornehmlich Westfalen und Pommern aufnahm. Aus inneren Konflikten ging 1789/90 ein eigenständiger westfälischer Zirkel hervor, der fortan den Orden wirksam entgegentrat; Gründungsdokumente, Mitgliederlisten bestehen nicht, auch das Gründungsdatum ist unbekannt.[9] Der Versuch der Ordensführung, diesen Zusammenschluss zu zerschlagen, blieb erfolglos; in der Folge verlor der Orden rasch an Einfluss. Neben dem westfälischen Kränzchen entstanden bald weitere landsmannschaftlich Verbindungen. Hauptziel des Kränzchens war es, neu immatrikulierte Westfalen vom Eintritt in einen Orden abzuhalten. Zugleich sollte der Kreis gesellige Tugenden pflegen und echte Freundschaft fördern. Die Aufnahme beschränkte sich auf Westfalen, die sich ehrenwörtlich verpflichteten, keinem Orden beizutreten und das Wohl des Zirkels zu unterstützen. Sie erfolgte in schlichter Form; Regelverstöße blieben selten. Als Erkennungszeichen diente die verschlungene Buchstabenformel „V.F.G.“ (Vrea Fratres Guestphali).[10]

Guestphalia Erlangen von 1794

Seit 1793 immatrikulierten sich in Erlangen zahlreiche Studenten aus dem westfälischen Reichskreis. Unter ihnen sammelte Ludwig von Vincke am 17. März 1794 seine Landsleute und regte eine geschlossene Vereinigung aller „Westphälinger“ an, um die eigene Unabhängigkeit gegenüber den Orden zu wahren und neu eintreffende Kommilitonen vor deren Einfluss zu schützen. Mit einigen Westfalen verfasste er einen Satzungsentwurf, sodass die Stiftung des westfälischen Kränzchens am 24./28. Mai 1794 vollzogen werden konnte. Kontakte zu den Hallenser Westphalen bestanden damals bereits, konkrete Kartellabsprachen sind jedoch nicht nachweisbar.[11]

Das Ansinnen des Kränzchens war nur von geringem Erfolg gekrönt; mindestens sieben der ursprünglich 16 Mitgliedern des Kränzchens verließen es alsbald wieder. Vier traten in einen Orden ein.[12]

Die im Entwurf Vinckes erhaltene Satzung betonte das Ziel eines festen Bundes zur Förderung akademischer Bildung, ehrenhaften Lebenswandels und maßvollen geselligen Umgangs. Grundlage seien Fleiß, Eintracht, würdiges Verhalten und geordnete Haushaltsführung. Ältere Mitglieder sollen jüngere beraten und unterstützen, jedoch ohne überlegenen Anspruch; Standesprivilegien werden ausdrücklich verworfen zugunsten eines Verdienstadels.[13]

Vincke und der Großteil der Gründer verließen Erlangen bis Sommer 1795. Noch vor dem preußischen Ordensedikt vom September 1795, das harte Sanktionen gegen geheime Zusammenschlüsse vorsah, löste sich Guestphalia auf; im Dezember bestand sie nicht mehr. Als Ersatz gründete Gisbert von der Leithen im Sommer 1796 eine westfälische Tischgesellschaft. Im Juni 1798 wurde Guestphalia als Gesellschaft wiedererrichtet und erstmals behördlich anerkannt; das Regionalprinzip wurde beibehalten.[14] Die „Constitution der Westphälischen Gesellschaft zu Erlangen“ von August 1802 sah vor, ehemalige Angehörige der Hallenser oder Jenaer Kreise ohne weiteres aufzunehmen, sofern sie ein Empfehlungsschreiben des dortigen Seniors über ein untadeliges Verhalten vorlegten.[15] Die Gesellschaft erlosch 1809.[16]

Guestphalia Jena von 1796

Wie in Halle entstand auch das Jenaer Kränzchen, um Füchse von den Orden – Unitisten, Constantisten und Amicisten – fernzuhalten; wahrscheinlich wurde es 1796 gestiftet, teilweise ist auch von einer früheren Stiftung ausgegangen worden. 1797 erlebte die Verbindung eine Phase der besonderen Belebung.[17]

Das Westphalenkartell von 1799

Am 12. Juli 1798 trafen sich zwölf Jenaer und zwei Erlanger Westphälinger in Weimar, mutmaßlich bereits mit Blick auf ein späteres Kartell. Schriftliche Belege fehlen; lediglich eine frühe Chronik weist darauf hin. 1799 kam es in Halle zu einer weiteren Zusammenkunft, bei dem das Kartell begründet wurde. Bis dahin führten die Westphälinger verschiedene Farben: in Halle Schwarz-Weiß, in Erlangen Grün-Weiß, in Jena Weiß-Grün. Der Vorschlag einer einheitlichen Trikolore wurde erörtert; man einigte sich auf Grün, Schwarz und Weiß, die ab 1799 in Halle, Erlangen und Jena getragen wurden und später auch an weiteren Hochschulen Verbreitung fanden. Die Einheitlichkeit bezog sich allerdings zunächst offenbar noch nicht auf die Reihenfolge der Farben. Zudem vereinheitlichte man Zirkel, Zeichen und Wahlsprüche. Als Wahlsprüche wählte man Neminem time, neminem laede (Fürchte niemanden, verletze niemanden) und Gloria virtutis comes (Der Rum ist der Begleiter der Tapferkeit).[18]

1799 legten das Hallesche Kränzchen gemeinsame „Kartell-Punkte“ fest, einschließlich klarer Rekrutierungsgebiete nach Herkunft: zugelassen wurden nun Studenten aus dem Herzogtum Westfalen, sowie aus Bremen, Hannover, Hessen, Schleswig-Holstein, Holland, Mecklenburg, Teilen des Rheinlands und der Markgrafschaft Baden.[19] Das Kartell beruhte auf einem ausgesprochen engen Kartellverständnis, das an Ordensstrukturen erinnerte und über spätere Gepflogenheiten deutlich hinausging. Die Landsmannschaften begriffen sich als ein Bund; ein Universitätswechsel führte automatisch zur Anerkennung als Mitglied der örtlichen Guestphalia ohne weitere Formalitäten.[20]

Entwicklung des Westphalenkartells ab 1799

Das Kartell erweiterte sich bis 1810 auf sechs weitere Universitätsorte. 1801 gründete Conrad August Gottwald v. Schlemm nach Studien in Jena, Erlangen und Helmstedt die Guestphalia in Göttingen; Farben und Wahlspruch entsprachen dem bestehenden Bund. 1805 folgte in Würzburg eine weitere Guestphalia, vermutlich von Erlanger Westphälingern initiiert. Mit dem Übergang des Herzogtums Westfalen an Hessen-Darmstadt 1803 öffnete sich die Universität Gießen für westfälische Studierende; Stammbucheinträge belegen dort ab März 1806 eine Guestphalia. In Marburg entstand im selben Jahr ein westfälisches Kränzchen, das sich im Juni 1807 als Landsmannschaft rekonstituierte; 1809 bildete sich zwischen Marburg und Gießen ein regionales Kartell.[21]

Im Oktober 1806 wurde die Universität Halle auf Anordnung Napoleons geschlossen. Bereits im Juli desselben Jahres hatten Westphälinger aus Halle und Göttingen in Heidelberg eine Guestphalia gegründet. Zu ihren Mitgliedern zählten Joseph von Eichendorff und später auch August von Goethe; bis 1818 verzeichnete sie 237 Angehörige. Halle fiel 1807 an das Königreich Westfalen und wurde 1808 wieder eröffnet, worauf sich 1810 erneut eine westfälische Landsmannschaft bildete; sie trat allerdings wenig in Erscheinung. Guestphalia Jena, die 1805 suspendiert worden war, eröffnete sich 1808 erneut; die Satzung bestätigte das Kartellverhältnis mit den übrigen Westfälischen Verbindungen.[22]

Nachdem Preußen durch den Vertrag von Tilsit Halle 1807 hatte abtreten müssen, gründete der Göttinger Westphälinger Haaser 1810 an der ersatzweise entstandenen Universität Berlin eine Guestphalia; zu ihren Mitgliedern gehörte u. a. Theodor Körner. 1810 erhielt das Kartell eine gemeinsame Satzung, wodurch es erhebliche Festigung erfuhr; 1811/12 erweiterten die Göttinger diese zu „Grundprinzipien der westphälischen Landsmannschaften“. Im Zuge der Freiheitskriege löste man sich von dem Prinzip der Kantonalen Rekrutierung.[23] Mit der Gründung der Provinz Westfalen 1815/16 war eines der Ziele des Kartells – die Beendigung der territorialen Zersplitterung Westfalens – verwirklicht.[24]

Das Kartell zeichnete sich durch weitgehende Einheitlichkeit der Statuten seit 1799, automatische Anerkennung beim Universitätswechsel, gemeinsame Wahlsprüche (Neminem time, neminem laede; Gloria virtutis comes; Vivant fratres intimo foedere iuncti!) und Farben aus. Zwischen 1808 und Mitte der 1820er Jahre erreichte das Kartell seine größte Ausstrahlung und stellte – nach den Orden des 18. Jh. und der Allgemeinen Burschenschaft ab 1818 – der größte und zugleich bedeutendste überregionale Zusammenschluss waffenstudentischer Verbindungen vor 1848.[25]

Die westphälischen Landsmannschaften und Corps von 1818 bis 1830

Bonn: An der 1818 gegründeten Universität Bonn dominierten zunächst burschenschaftliche Gruppen. Als Gegenpol formierten auswärtige Westphalen im Sommer 1819 eine westphälische Gesellschaft. Bis zum Wintersemester wuchs sie auf 48 Mitglieder, darunter 14 ehemalige Westphalen aus Halle, Marburg, Göttingen und Heidelberg. Daraus entstand das Corps Guestphalia Bonn. Ein Stammbucheintrag von Februar 1820 belegt bereits Namen, Zirkel, Farben und den Wahlspruch Gloria virtutis comes. Die offizielle Stiftung erfolgte Mitte März 1820; Guestphalia trat sofort dem Westphalenkartell bei.[26]

Heidelberg: Anfang Dezember 1818 gründeten zehn Heidelberger Studenten, darunter ehemalige Westphälinger aus Göttingen und Marburg, eine neue Guestphalia. Aufgrund von behördlichem Druck suspendiert, wurde sie Mitte Dezember 1821 mit Unterstützung dreier Bonner Westphälinger wiedereröffnet; 1824 lösten sich die Corps auf; nahmen jedoch rasch den Betrieb wieder auf; 1828 nahm Guestphalia geschlossen am Frankenthaler Auszug teil.[27]

Halle: 1813 lösten sich die Landsmannschaften in Halle auf. Bereits im darauffolgenden Jahr, 1814, gründete sich jedoch eine Burschenschaft Teutonia in den preußischen Farben Schwarz und Weiß, die bis Februar 1817 bestand. Ihre Nachfolgerin war eine im Januar 1818 gegründete Allgemeine Burschenschaft, die zeitweise den Namen Guestphalia führte und sich später Germania nannte. Diese Verbindung wurde bereits am 11. Februar 1819 von den Behörden aufgelöst, nachdem Mitglieder der Verbindung die Fensterscheiben eines Fleischermeisters eingeworfen hatten; der drei Tage später von der Allgemeinen Versammlung gefasste formale Auflösungsbeschluss blieb reine Formsache. Noch am selben Tag gründete sich eine neue Guestphalia als burschenschaftliche Tarnorganisation ohne irgendeine personelle Kontinuität zur vormaligen Landsmannschaft;[28] sie erlosch spätestens im Juni 1820. Eine erneute Guestphalia mit corpsähnlicher Ausrichtung wurde am 3. Februar 1825 gegründet (Farben Grün-Weiß-Schwarz) und löste sich 1834 auf.[29]

Göttingen: 1824 trat der frühere Burschenschafter Heinrich Heine der Guestphalia bei; 1829 wurde auch Wilhelm Emmanuel von Ketteler Mitglied, der später als Abgeordneter der Paulskirchenversammlung, Bischof von Mainz und Begründer der Katholischen Arbeitnehmerbewegung wurde.[30]

Erinnerungsfeste westphälischer Musensöhne, 1819–1830

Die Erinnerungsfeste von 1819–1830 bewirkte eine Stärkung des Kartells; etwa 450 Akademiker nahmen teil. Offizieller Anlass war das Gedenken an die Befreiungskriege, womit patriotische Erneuerung im Vordergrund stand, während Forderungen nach Nationalstaat und kodifizierten Rechten kaum Gewicht erhielten. Ein Drittel der Teilnehmer hatte in Halle studiert, danach folgten Göttingen, Berlin, Heidelberg, Bonn, Erlangen, Duisburg, Jena, Gießen und Marburg. Etwa zwei Drittel der Teilnehmer waren Juristen; Studenten nahmen kaum an den Festen teil.[31] Unter den Teilnehmern waren die Spitzen der Verwaltung und Gerichte der Grafschaft Mark.[32] Gefeiert wurden insgesamt zehn Feste: in Hattingen (1. Juni 1819), Schwelm (25. Mai 1820), im Solbad bei Unna (14. Juni 1821; 30. Mai 1822; 22. Mai 1823), in Dortmund (18. Juni 1824) sowie erneut im Solbad bei Unna (19. August 1825; 17. Mai 1826; 10. Juli 1828; 16. Mai 1830).[33] Mehr als die Hälfte der Teilnehmer erschien lediglich einmal zu einem der Feste. Nur ein Viertel war dreimal oder häufiger anwesend. 1822 kamen knapp 200 Personen zu dem Fest; 1830 erschienen nur noch 36 Teilnehmer; 70 hatten sich angemeldet.[34] Zwar legte man noch Termin und Ort für das Folgejahr fest, doch fand die Zusammenkunft infolge der Cholera und der politischen Verhältnisse nicht statt.[35]

Die bei den Festen geführte grün-weiß-schwarze Fahne erweckte rasch den Eindruck einer offiziellen Provinzflagge; hierzu dürfte insbesondere auch der Umstand beigetragen haben, dass der erste Oberpräsident der Provinz, Ludwig von Vincke – zugleich Gründer der 1809 endgültig eingegangenen Guestphalia Erlangen –, wiederholt als Teilnehmer in Erscheinung trat. 1834 erklärten Bonner Westphalen vor Universitätsrichtern im Zuge der Demagogenverfolgungen, ihre Bänder entsprächen den westfälischen Farben und seien ihnen als Gebürtigen vorbehalten. Rasch übernahmen auch bürgerliche Vereine die Trikolore, die auch bei offiziellen Anlässen sowie den Krönungen Friedrich Wilhelms IV. 1840 und Wilhelms I. 1861 Verwendung fand. Erst 1880 zeigte ein Gutachten auf, dass die vermeintliche Provinzflagge ursprünglich aus dem Umfeld studentischer Korporationen stammte; in der Folge wurde sie abgeschafft und die weiß-rote Fahne offiziell als Provinzfahne eingeführt.[36]

Das Ende des Westphalenkartells

In den 1830er-Jahren setzte der Niedergang des Kartells ein. Die landsmannschaftliche Herkunft bot keine tragfähige Grundlage mehr; die Corps hatten daher die landsmannschaftlichen Prinzipien aufgegeben und rekrutierten nun unabhängig von der regionalen Herkunft. Zugleich prägten zunehmend die Einzugsgebiete der Universitäten die Zusammensetzung der Verbindungen: In Bonn dominierten Rheinländer, in Marburg stammten viele Mitglieder aus Kurhessen. Mit dem Rückgang gebürtiger Westfalen verlor das Kartell seine integrative Kraft; einzelne Verbindungen erloschen. Guestphalia ging unter anderem in Berlin, Erlangen, Gießen, Jena und Würzburg ein, die Marburger Guestphalia suspendierte im Wintersemester 1833/34 und löste sich 1838 auf; eine kurzlebige Guestphalia trat 1835/36 in Halle in Erscheinung, ging jedoch aus Mitgliedermangel schon vor dem Sommersemester 1837 wieder ein. Die 1836 gegründete Guestphalia Heidelberg orientierte sich neu und pflegte nun freundschaftliche Beziehungen zu nichtkartellgebundenen Corps; die Bonner Westphalen schlossen 1839 ein Kartell mit Suevia Heidelberg.[37]

Entwicklung nach dem Ende des Kartells

Nach dem Niedergang des alten Westphalenkartells entstanden neue westfälische Corps, die jedoch keinen Bezug zu den ursprünglichen Kartellmitgliedern aufwiesen. In Tübingen bildete sich im Februar 1831 die Guestphalia aus der Verbindung Konkordia, in Greifswald entstand Anfang Juli 1837 eine Guestphalia durch den Pommern Karl Ludwig Ziegel. Eine neue Guestphalia Halle wurde im Juli 1840 ohne jede Verbindung zu älteren gleichnamigen Korporationen oder der Mitwirkung von Westfalen gegründet. In Marburg entstand Guestphalia II im Mai 1840, sie suspendierte bereits im März 1844. Guestphalia Göttingen bestand bis November 1845; in Jena wurde im März 1841 ein Corps Guestphalia gestiftet, in Berlin im Juni 1845, in Leipzig 1849 zunächst als Landsmannschaft, die 1855 als Corps in den örtlichen SC aufgenommen wurde.

In Göttingen konstituierte sich 1852 eine Verbindung Hildesia, die sich später in ein Corps umwandelte und 1854 als Hildeso-Guestphalia (lindgrün–weiß–schwarz) dem SC beitrat. Guestphalia Greifswald suspendierte 1865 und rekonstituierte sich im November 1866 als Guestfalia (mit f). In Würzburg wandelte sich die Landsmannschaft Makaria zum Corps Guestphalia (grün–weiß–schwarz) und wurde 1875 in den SC aufgenommen. In Marburg entstand Guestphalia II Ende Februar 1895. In Leipzig ging Guestphalia 1904 endgültig ein; in Erlangen wurde 1905 ein Pharmazeutenverein in eine Guestphalia umgewandelt, die 1912 eine Corpskonstitution erhielt und 1935 in den SC zu Erlangen rezipiert wurde.[38]

Literatur

  • Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88.
  • Hans Peter Hümmer: Memorabilien, Sprüche und Liedzitate aus der Zeit des Guestphalen-Kartells Jena-Halle-Erlangen 1799–1809. In: Die Vorträge der 79. deutschen Studentenhistorikertagung Jena 2019 zugleich Festschrift anlässlich des 90. Geburtstages von Klaus Gerstein, hrsg. v. Sebastian Sigler, München 2020, S. 23–56.

Anmerkungen

  1. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 73.
  2. Richard Fick: Auf Deutschlands hohen Schulen. Eine illustrierte kulturgeschichtliche Darstellung deutschen Hochschul- und Studentenwesens, Berlin 1900, S. 283.
  3. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 73.
  4. Martin Dossmann: Ein Bonner Corps in der Zeit zwischen den Karlsbader Beschlüssen und dem Ende der Weimarer Republik. Geschichte der Guestphalia Bonn 1820–1933, Göttingen 2025, S. 19.
  5. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 73.
  6. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 73; Holger Zaunstöck: Das Milieu des Verdachts. Akademische Freiheit, Politikgestaltung und die Emergenz der Denunziation in Universitätsstädten des 18. Jahrhunderts, Berlin 2010, S. 113–30.
  7. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 73f.; und ders.: Ein Bonner Corps in der Zeit zwischen den Karlsbader Beschlüssen und dem Ende der Weimarer Republik. Geschichte der Guestphalia Bonn 1820–1933, Göttingen 2025, S. 22.
  8. Martin Dossmann: Ein Bonner Corps in der Zeit zwischen den Karlsbader Beschlüssen und dem Ende der Weimarer Republik. Geschichte der Guestphalia Bonn 1820–1933, Göttingen 2025, S. 24.
  9. Hans Peter Hümmer: Wer genehmigte die Vordatierung des Corps Guestphalia Halle von 1840 auf 1789. In: Einst und Jetzt (EuJ), Bd. 49 (2004), S. 368–77, hier: S. 376f., Anm. 7.
  10. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 74.
  11. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 74f.
  12. Hans Peter Hümmer: Memorabilien, Sprüche und Liedzitate aus der Zeit des Guestphalen-Kartells Jena-Halle-Erlangen 1799–1809. In: Die Vorträge der 79. deutschen Studentenhistorikertagung Jena 2019 zugleich Festschrift anlässlich des 90. Geburtstages von Klaus Gerstein, hrsg. v. Sebastian Sigler, München 2020, S. 23–56, hier: S. 25.
  13. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 75.
  14. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 75.
  15. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 75.
  16. Hans Peter Hümmer: Memorabilien, Sprüche und Liedzitate aus der Zeit des Guestphalen-Kartells Jena-Halle-Erlangen 1799–1809. In: Die Vorträge der 79. deutschen Studentenhistorikertagung Jena 2019 zugleich Festschrift anlässlich des 90. Geburtstages von Klaus Gerstein, hrsg. v. Sebastian Sigler, München 2020, S. 23–56, hier: S. 24.
  17. Martin Dossmann: Ein Bonner Corps in der Zeit zwischen den Karlsbader Beschlüssen und dem Ende der Weimarer Republik. Geschichte der Guestphalia Bonn 1820–1933, Göttingen 2025, S. 22f.; ders.: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 75f.
  18. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 76; ders.: Ein Bonner Corps in der Zeit zwischen den Karlsbader Beschlüssen und dem Ende der Weimarer Republik. Geschichte der Guestphalia Bonn 1820–1933, Göttingen 2025, S. 24.
  19. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 76.
  20. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 76; ders.: Ein Bonner Corps in der Zeit zwischen den Karlsbader Beschlüssen und dem Ende der Weimarer Republik. Geschichte der Guestphalia Bonn 1820–1933, Göttingen 2025, S. 25f.
  21. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 76f.
  22. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 77; ders.: Ein Bonner Corps in der Zeit zwischen den Karlsbader Beschlüssen und dem Ende der Weimarer Republik. Geschichte der Guestphalia Bonn 1820–1933, Göttingen 2025, S. 25f
  23. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 77f.
  24. Rainer Assmann: „Dey Weiland Studentkes“. In: Einst und Jetzt 37 (1992), S. 313–321, hier: S. 313.
  25. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 78; ders.: Ein Bonner Corps in der Zeit zwischen den Karlsbader Beschlüssen und dem Ende der Weimarer Republik. Geschichte der Guestphalia Bonn 1820–1933, Göttingen 2025, S. 25f.
  26. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 78f.
  27. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 79.
  28. Zur frühen Hallenser Burschenschaftsgeschichte vgl. Harald Lönnecker: Die Mitglieder der Halleschen Burschenschaft 1814–ca. 1850. In: 200 Jahre burschenschaftliche Geschichte. Von Friedrich Ludwig Jahn zum Linzer Burschenschafterturm, Ausgewählte Darstellungen und Quellen, Heidelberg 2008, S. 82–311, hier: S. 82–84. Robert Soppa: Der SC zu Halle in den Jahren 1789 bis 1819. In: Die Vorträge der 77. deutschen Studentenhistorikertagung Halle an der Saale 2017, hrsg. v. Sebastian Sigler, München 2018, S. 37–58, hier: S. 53–56.
  29. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 79; Hans Peter Hümmer: Stammbuch Carl Davidis (Landsmannschaft Guestphalia Halle 1828–1830). In: Einst und Jetzt 48 (2003) S. 153–80
  30. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 79f.
  31. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 80.; für eine Übersicht über die Teilnehmer vgl. Helmut Richtering: Westfalens „Musensöhne“. In: Beiträge zur Westfälischen Familienforschung 21 (1963), S. 82–104.
  32. Rainer Assmann: „Dey Weiland Studentkes“. In: Einst und Jetzt 37 (1992), S. 313–321, hier: S. 313f.
  33. Helmut Richtering: Westfalens „Musensöhne“. In: Beiträge zur Westfälischen Familienforschung 21 (1963), S. 82–104, hier: S. 82.
  34. Helmut Richtering: Westfalens „Musensöhne“. In: Beiträge zur Westfälischen Familienforschung 21 (1963), S. 82–104, hier: S. 83; Julius Fomm: 9 Erinnerungsfeste alter westfälischer Musensöhne, gefeiert in Westfalen in den Jahren 1819/28. In: Archiv für Studenten- und Hochschul-Geschichte 9 (1935), S. 262–67, hier: S. 267.
  35. Julius Fomm: 9 Erinnerungsfeste alter westfälischer Musensöhne, gefeiert in Westfalen in den Jahren 1819/28. In: Archiv für Studenten- und Hochschul-Geschichte 9 (1935), S. 262–67, hier: S. 267.
  36. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 80; ders.: Ein Bonner Corps in der Zeit zwischen den Karlsbader Beschlüssen und dem Ende der Weimarer Republik. Geschichte der Guestphalia Bonn 1820–1933, Göttingen 2025, S. 87f; Rainer Assmann: „Dey Weiland Studentkes“. In: Einst und Jetzt 37 (1992), S. 313–321, hier: S. 314.
  37. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88, hier: S. 80f.; ders.: Ein Bonner Corps in der Zeit zwischen den Karlsbader Beschlüssen und dem Ende der Weimarer Republik. Geschichte der Guestphalia Bonn 1820–1933, Göttingen 2025, S. 115f.
  38. Martin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt 66 (2021), S. 73–88., hier: S. 81f.