Václav Frost
Václav Frost, auch Wenzel Frost (* 4. Februar 1814 in Nosálov;[1] † 21. Juni 1865 in Prag)[2][3][4][5] war ein tschechisch-österreichischer römisch-katholischer Priester, Pädagoge und Pionier der „bimodal-biligualen Erziehung für Gehörlose“; Mitglied des Reichstags im Revolutionsjahr 1848.
Leben
Von 1826 bis 1831 besuchte er das Piaristengymnasium in Kosmonosy. Anschließend studierte er Philosophie in Prag und schließlich Theologie am Priesterseminar in Litoměřicích. Danach wurde er zum Priester geweiht. Er wurde in Deutschland geboren, lernte im Priesterseminar aber so perfekt Tschechisch, dass er sogar auf Tschechisch predigen konnte. 1837 wurde er zum Kaplan in Mšen ernannt.
Im nahegelegenen Dorf Libovice gab es mehrere gehörlose Kinder und Frost übernahm ihre Ausbildung. Er war so erfolgreich, dass man sogar im Prager Institut für Gehörlose (5. Institut dieser Art in Europa) von ihm hörte, wohin er 1840 als Lehrer berufen wurde. Nach dem Tod seines Vorgängers Mücke wurde er 1841 Direktor und Katechet dieses Instituts. Er besuchte mehrere Institute in Europa und entwickelte seine eigene Methode. Im Unterrichten der Gebärdensprache war er seiner Zeit voraus. Er führte eine Methode mit dem Namen „Frostova kombinovaná metoda“ (Frosts kombinierte Methode) ein, die auch als „metoda česká/pražská“ (Tschechische/Prager Methode) bekannt ist und ein Vorgänger der heutigen bilingualen Methode aus Skandinavien ist.[6][3] Er verwendete die Gebärdensprache im Unterricht einiger Fächer; unter anderem wurden Artikulation, Lesen und Schreiben gleichzeitig unterrichtet. Er war sich völlig bewusst, dass gehörlose Kinder beides brauchten, da sie in einer Welt sowohl gehörloser als auch hörender Menschen leben müssten.[7]
Mit der Unterstützung von Václav Frost gründete der gehörlose Lehrer Václav Josef Wilczek den ersten tschechischen Verein für Gehörlose, der den Namen „Podpůrný spolek hluchoněmých sv. Františka Saleského v Praze“ (Unterstützungsverein der Gehörlosen des Heiligen Franz von Sales in Prag) trug. Das Motto des Vereins war: „Mit dem Herzen bei Gott und mit der Hand bei der Arbeit. In Liebe und Treue vereint, um sich gegenseitig zu stützen“.
Im Revolutionsjahr 1848 engagierte er sich in der Politik. Bei den Wahlen 1848 wurde er in den verfassungsgebenden Reichstag gewählt. Er vertrat den Wahlkreis Bělá pod Bezdězem. Beruflich ist er als Priester und Direktor bekannt.[8] Er gehörte dem rechten Block im Landtag an.[9][3] Zur Zeit der Eskalation der nationalen Rivalitäten in Böhmen versuchte er, eine Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen herbeizuführen. Die Národní listy (Volkszeitung) schrieb in ihrem Nachruf, dass P. Frost sich der tschechischen Nation gegenüber stets fair erwiesen habe und während seiner Zeit im Landtag unsere deutschen Landsleute zur Versöhnung und zur Überlegung der Gleichberechtigung der tschechischen Nation aufgerufen habe.[3] Von 1861 bis 1864 war er Mitglied des Stadtältestenrates in Prag.[3]
In den Jahren 1849–1853 veröffentlichte er eine Reihe populärer pädagogischer Veröffentlichungen: Jen s pravdou ven, Hniloba národa, Český Tomáš a německý Michl a Bděte, Antichrist zde!. Gemeinsam mit Václav Koťátek gab er das tschechisch-deutsche Buch Člověk v podobenství (Der Mensch im Symbol) heraus. Für gehörlose Schüler veröffentlichte er Orbis pictus[10] und ein Deutschlehrbuch.[11] Václav Frost ließ sich in seinen pädagogischen Schriften von Franz Herrmann Czech inspirieren. Dem Titel des Werks "Orbis Pictus" zufolge kann man davon ausgehen, das er sich auch stark vom Volkslehrer Johann Amos Comenius inspirieren ließ. Für seine zahlreichen Verdienste um Gehörlose wurde Václav Frost mit dem Goldenen Verdienstkreuz mit Krone[12] ausgezeichnet und zum Ehrenverfassungsrat von Budweis ernannt wurde.
Er starb im Juni 1865 an Tuberkulose.[3][13] und wurde auf den Friedhöfe Olšany in Prag begraben.
Nach seinem Tod übernahmen andere katholische Priester seine Arbeit am Institut: Václav Koťátko und nach ihm Karel M. Kmoch. Die katholische Kirche in Böhmen spielte eine sehr wichtige Rolle in der Ausbildung von Gehörlosen. Die Kirche gründete selbst 3 Institute und war an der Leitung anderer beteiligt. Obwohl nach dem Mailänder Kongress von 1880 in Europa fast ausschließlich die deutsche Unterrichtsmethode (nur Verwendung der Lautsprache im Unterricht) populär wurde, war die Gebärdensprache weiterhin Teil des Unterrichts am Prager Institut.[14]
Im September 2014 wurde in seinem Heimatort Nosálově, in der Nähe des Heiligenhäuschen, auf dem Dorfplatz und etwa 100 Meter von seinem ehemaligen, inzwischen abgerissenen Wohnhaus entfernt, eine Gedenktafel zum 200. Geburtstag enthüllt.
Weblinks
- Nosálov – Frost Václav - pedagog český ( Ottova enc. ) ( vom 6. Juni 2014 im Internet Archive)
- Střední škola, základní škola a mateřská škola pro sluchově postižené Holečkova
- Uctění památky Václava Frosta v Nosálově
- Kalendárium neslyšících - Václav Josef Wilczek
- Kalendárium neslyšících - Milánský kongres
- Zlatý záslužný kříž s korunou
- "Orbis Pictus" od Václava Frosta
- Jména k obrazům pod názvem Orbis Pictus - vydáno rok po smrti Václava Frosta v češtině
- I. díl učebnice němčiny pro neslyšící žáky od Václava Frosta
- Franz Herrmann Czech - pedagogický spis, který inspiroval dílo Václava Frosta
Einzelnachweise
- ↑ Matriční záznam o narození a křtu
- ↑ Matriční záznam o úmrtí a pohřbu Václava Frosta farnosti při kostele sv. Apolináře na Novém Městě pražském
- ↑ a b c d e f P. Václav Frost. Nr. 109, Juni 1865, S. 3 (tschechisch, nkp.cz).
- ↑ V databázi Národní knihovny České republiky, Dostupné online. a v databázi Středočeské vědecké knihovny v Kladně, Dostupné online. ( vom 6. September 2014 im Internet Archive) je v obou případech mylně uvedeno datum narození 14. února 1814
- ↑ Frost, Václav, 1814-1865. 5. September 2014, archiviert vom am 6. September 2014 (tschechisch).
- ↑ Klára Kučerová: Bilingvální metoda ve vzdělávání sluchově postižených v České republice a ve Švédsku. Brno 2009, S. 73 (tschechisch, muni.cz [PDF]).
- ↑ Hrubý Jaroslav: Velký ilustrovaný průvodce neslyšících a nedoslýchavých po jejich vlastním osudu. SEPTIMA, 1997, ISBN 80-7216-006-0, S. 123 (tschechisch).
- ↑ Abgeordnete zum ersten Österreichischen Reichstag. 5. September 2014, archiviert vom am 3. Dezember 2010.
- ↑ Poslancové na sněmu říšském. 5. September 2014, archiviert vom am 10. Dezember 2015 (tschechisch).
- ↑ 12 A 000095. Abgerufen am 1. Oktober 2025.
- ↑ Kramerius - Volná část monografie. Abgerufen am 1. Oktober 2025.
- ↑ Záslužný kříž :: Galerie Františka Josefa I. Abgerufen am 1. Oktober 2025.
- ↑ Tak to uvádí údaj na pamětní desce V. Frosta v Lobči, Dostupné online.
- ↑ Lukáš Jambor: Specifika pastorace neslyšících a její současná podoba v České republice. Olomouc 2010, S. 118 (tschechisch, theses.cz [PDF]).