Weihnachtsparade
Die Weihnachtsparade (eigentlich Santa Claus Parade, also Weihnachtsmannumzug) bezeichnet in vielen nordamerikanischen Städten eine öffentliche, festliche Straßenparade, die typischerweise im November oder frühen Dezember stattfindet. Sie gilt als offizieller Start der Weihnachts- bzw. Adventssaison. Zu der Reihe von thematischen Wagen gehören Tanz- oder Marschgruppen und Bands, die Weihnachtslieder spielen. Auf dem letzten Wagen erscheint der Weihnachtsmann in seiner typischen Kostümierung. Diese Umzüge, die ein großes Publikum anziehen, laufen in der Regel durch das Stadtzentrum und werden oft von Einzelhandelsgemeinschaften oder Kaufhäusern gesponsert.
Diese Art des Marketings ist in Nordamerika entstanden und findet mit diesem Stellenwert auch nur dort statt. Einzige Ausnahme ist Neuseeland, wo es mit der Farmers Santa Parade in Auckland seit 1933 eine Nachahmung gibt.[1] In Hamburg findet mit der Hamburger Weihnachtsparade eine ähnliche Veranstaltung statt.[2]
Geschichte
Der älteste, seitdem ununterbrochen durchgeführte Umzug entstand in Peoria, Illinois und datiert auf das Jahr 1887. Dort existieren noch vier Wagen aus den Anfangsjahren, die im Zug mitfahren.[3] Der erste Umzug stand im Zusammenhang mit dem Beschluss zum Bau der neuen Upper Free Bridge über den Illinois River.[4] Er war so erfolgreich, dass er im nächsten Jahr wiederholt wurde und sich schnell als fester Bestandteil im städtischen Jahreskalender etablierte. 1966 wurde der gemeinnützige Verein Peoria Area Community Events (PACE) gegründet, der die Organisation übernahm.[5]
Der Umzug in Toronto existiert seit 1905 und zieht jährlich 750.000 Menschen an.[6] Begann es in Toronto mit einem Wagen, der den Weihnachtsmann aufnahm und bis zum einzigen Sponsor, dem Kaufhaus Eaton fuhr, waren es 1957 derer 13. Zusätzlich gab es Fußgruppen mit 2000 Akteuren. Die Länge des Zuges betrug 6 Meilen.[7]
Mit den Ideen und den Veränderungen bei der Durchführung spiegeln sich die jeweiligen Zeitumstände. Mit der aufkommenden Luftfahrt kam Santa Air 1917 aus der Luft und in den 1930er Jahren vom Nordpol: In den Zeiten der Großen Depression versuchten Familien mit intensivem Radiohören, der Realität zu entfliehen. Der Sender des Radios Canada’s First Rogers Battery‑less (CFRB) hatte einen Monat zuvor begonnen, „dramatische Sendungen auszustrahlen, die die Reise des Weihnachtsmanns vom Nordpol nach Toronto verfolgten“. Die Parade löste das Rätsel der weiten Reise, als Santa Claus plötzlich vor den Kindern und Erwachsenen stand. So konnte der Weihnachtsmann einen Zauber und ein Geheimnis verbreiten, „das allen Hoffnung gab“.[7]
Liste der zehn größten Paraden in Nordamerika
| Parade (Stadt) | Jahr der ersten Veranstaltung* | Ungefähre Besucherzahl (letztes Jahr mit verlässlichen Zahlen) | Ungefähre Anzahl „Fußgruppen“ (Blaskapellen, Schulgruppen, Freiwilligengruppen – Durchschnitt pro Parade) | Ungefähre Anzahl Wagen (Weihnachtsmann-Schlittenwagen + Pferdewagen oder motorbetriebene Wagen – Durchschnitt) | Links |
|---|---|---|---|---|---|
| Macy’s Thanksgiving Day Parade – (New York City) | 1924 | ca. 3,5 Millionen Zuschauer (Schätzungen für 2023–2024 vom NYC Tourism Board und NBC-Pressemitteilungen) | ca. 350 Fußgruppen (ca. 300 Marschkapellen und Gemeindegruppen + ca. 50 im offiziellen Parade-Programm aufgeführte Performance-Einheiten) | ca. 30 Wagen (Weihnachtsmannschlitten + ca. 25 auf Festwagen montierte Wagen für die Präsentation von Spielzeug) | [1] |
| Hollywood Christmas Parade (Los Angeles) | 1928 – ursprünglich „Santa Claus Lane Parade“ | ca. 1.000.000 Zuschauer (historische Anmerkung: „über eine Million Zuschauer säumen die Straßen von Hollywood“ – zitiert für die 1979 erweiterte Route und immer noch als Maßstab verwendet) | ca. 250 Fußgruppen (NBC-Pressemitteilung listet „etwa 5.000 Teilnehmer“ auf | ca. 10 Wagen (das Parade-Programm umfasst den Schlitten des Weihnachtsmanns, einige Pferdewagen und „mit Spielzeug gefüllte Wagen“ – typisch für eine Veranstaltung im Hollywood-Stil) | NBC-Pressemitteilung und [2] |
| Wintrust Magnificent Mile Lights Festival (Chicago) | 1992 – erstes „Lights Festival“ (entstanden aus einer Tradition der Weihnachtsbaumbeleuchtung aus dem Jahr 1949) | > 1.000.000 Besucher | ca. 40 Fußgruppen (die Festivalbroschüre listet „über 40 beleuchtete Festwagen“ plus Blaskapellen auf; jeder Wagen befördert in der Regel eine kleine Marschgruppe, sodass es insgesamt etwa 40 Gruppen sind) | ca. 15 Wagen, die „mit Spielzeug gefüllt sind“, und einige Pferdewagen für den Weihnachtsmann – insgesamt etwa ein Dutzend) | [3] |
| 6abc (Dunkin’) Thanksgiving Day Parade (Philadelphia) | 1920 – ins Leben gerufen vom Kaufhaus Gimbels | ca. 800 000 Zuschauer | ca. 300 Fußgruppen | ca. 30 Wagen (das Parade-Programm listet „Weihnachtsmannschlitten“ sowie eine Reihe von Pferde- oder Motorwagen, die für „Weihnachtsmannwagenfahrten“ und „Feiertagswagenausstellungen“ verwendet werden) – typisch für Großstadtparaden dieser Größenordnung | [4] |
| Toronto Santa Claus Parade (Toronto, Kanada) | 1905 – erste offizielle Parade (ein einziger Festwagen); wird auch als The Original Santa Claus Parade vermarktet | ca. 750.000 Zuschauer | 200 Fußgruppen | ca. 5 Wagen (Hauptwagen des Weihnachtsmanns + eine Handvoll Pferdewagen oder Motorwagen, die für „Pferdekutschfahrten“ verwendet werden, wie in den Veranstaltungsführern erwähnt) | [5] |
| Denver Parade of Lights – (Denver) | 1998 (organisiert von Denver Parks & Recreation) | ca. 500.000 Zuschauer (2022) | ca. 90 Fußgruppen (offizielles Programm mit Blaskapellen, Schulchöre und Gemeindegruppen auf) | ca. 10 Wagen (Weihnachtsmannschlitten + ca. 9 dekorative Wagen für die Präsentation von Weihnachtsgeschenken) | [6] |
| Boston Holiday Parade – (Boston) | 1970 (organisiert von der Stadt Boston) | ca. 350.000 Zuschauer | ca. 150 Fußgruppen (140 Blaskapellen, Schulgruppen und Vereine) | ca. 8 Wagen (Weihnachtsmannschlitten + ca. 7 Themenwagen) | [7] |
| San Antonio River Walk Parade – San Antonio | 1975 | ca. 300.000 Zuschauer (2022) | ca. 120 Fußgruppen (110 Blaskapellen, Schulen und Gemeindegruppen) | ca. 5 Wagen (Weihnachtsmannschlitten + ca. 4 dekorative Wagen) | [8] |
| Seattle Holiday Parade – (Seattle) | 1975 (organisiert vom Seattle Center) | ca. 250.000 Zuschauer (2023) | ca. 120 Fußgruppen | ca. 7 Wagen (Weihnachtsmannschlitten + ca. 6 Themenwagen) | Seattle Center |
| St. Louis Holiday Parade (St. Louis) | 1995 (offiziell: St. Louis Christmas Parade) | ca. 200.000 Zuschauer (2023) | ca. 80 Fußgruppen (80 Marschkapellen und Schulgruppen und Vereine) | ca. 6 Wagen (Weihnachtsmannschlitten + 5 dekorative Wagen) | [9] |
Bedeutung und Kritik
Auch wenn die Durchführung dieser Festzüge kommerziell intendiert ist, haben sie ähnlich wie Kunstfestivals oder Straßenfeste eine große soziale Implikation, die den Zusammenhalt stärkt.[8] Sie dienen gleichzeitig als der „Startschuss“ für die Weihnachtszeit.[9] Liveübertragungen durch das nationale Fernsehprogramm erreichen ein Millionenpublikum.[10]
Von besonderer Bedeutung sind wirtschaftliche Interessen, so stellen Paraden dieser Größenordnung einen enormen Wirtschaftsfaktor dar: Zuschauerströme bringen Umsatz in die Innenstädte. 2024 stand die Stadt Toronto erstmals vor einer großen Finanzierungslücke für diese Parade: Die Veranstalter meldeten ein Defizit von rund 250.000 CAD und warnten, dass die Parade im kommenden Jahr möglicherweise nicht stattfinden könne. In Reaktion darauf stellte die Stadt Toronto sofort 100.000 CAD zur Verfügung, um die Veranstaltung vorerst zu retten. Auch Premierminister Justin Trudeau äußerte öffentlich seine Unterstützung und kündigte zusätzliche finanzielle Hilfe an, um die langjährige Tradition zu erhalten. Dennoch bleibt die Zukunft unsicher, weil steigende Inflations‑ und Betriebskosten sowie rückläufige Unternehmenssponsoren die langfristige Finanzierung der Parade gefährden.[11][12]
Vielfach wird Kritik wegen der kommerziellen Interessen[13] und des Einsatzes öffentlicher Gelder geäußert.[14] Hinzu kommen Bedenken, weil für viele Menschen die Parade nicht im Einklang mit ihrem säkularen Verständnis steht.[15] Auch werden Zweifel geäußert, dass hohes Müllaufkommen und unnötiger Energieverbrauch durch die Wagenkolonne und die massenhaft, meist individual anreisenden Zuschauer nicht mehr wertekonform mit einer nachhaltigen Wirtschaftsweise und einer gesunden Ökobilanz seien.[16]
Der Weihnachtsmann (Santa Claus) steht für ein Glücksversprechen, dem die Besucher dieser Umzüge folgen, obwohl
“the adults know there is no such creature as Santa Claus. So do most children except the very young […]. Yet everyone pretends there is a Santa Claus.”
„die Erwachsenen wissen, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Die meisten Kinder wissen das auch, außer den ganz Kleinen […]. Trotzdem tun alle so, als gäbe es ihn.“
Das Glücksempfinden ist kulturell unterschiedlich. „Japaner sind notorisch unzufrieden, Mittelamerikaner eher fröhlich. […] US-Bürger lassen sich kaum davon erschüttern, dass die Reichen schnell reicher werden, während der Rest Amerikas stagniert – weil sie an das amerikanische Versprechen glauben: Wer sich anstrengt, kommt nach oben.“ Warum dies so sei, so der ehemalige Wirtschaftsforscher Gert Georg Wagner, wisse man nicht, aber man könne dies berücksichtigen, indem man eine unterschiedliche Wirtschaftspolitik betreibe.[17]
Santa Claus steht dabei für das Glücksversprechen des American Dream. Er ist das kulturgeschichtliche Signum, das den Übergang zur konsumorientierten Weihnachtssaison markiert und damit die Erwartungen an Wohlstand, Konsumglück und soziale Teilhabe transportiert, ganz so, wie dies auch der American Dream tut. Die Einzelhandelsgeschäfte haben Santa Claus geradezu idealtypisch dafür instrumentalisiert: Forschung zur Geschichte von Kaufhaus-Santa und zu Filmen wie Das Wunder von Manhattan (Originaltitel: Miracle on 34th Street) zeigt, wie Santa in der US-Konsumkultur umgedeutet und für Werbe-/Verkaufszwecke genutzt wurde. Das schafft die Verbindung zwischen Figur und Konsumversprechen. Spätestens 1947, mit dem Erscheinen des Weihnachtsklassikers Das Wunder von Manhattan, wurde der klassische Weihnachtsmann in ein säkulares, konsumorientiertes Verständnis des amerikanischen Weihnachtsfestes transformiert. Der Film suggeriert, dass das „spirituelle“ Element von Weihnachten – der Glaube an den Weihnachtsmann – von großen Kaufhäusern bewusst gefördert wird, um Kundenloyalität und Verkaufszahlen zu steigern. Dadurch werden Kommerz und Mythos untrennbar miteinander verwoben und die Tradition des Weihnachtsmanns nachhaltig zerstört.[18]
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ History, Santa Parade, Auckland.
- ↑ Weihnachtsparade. Weihnachtlicher Umzug durch die City. Stadt Hamburg, Tourismusförderung.
- ↑ Santa Clause Parade 2024, Peoria Riverfront Association 2019.
- ↑ The Upper Free Bridge. Peoria Magazine, 2017, Internet-Archive-Erfassung vom 24. Januar 2025.
- ↑ Santa Claus Parade. November 28, 2025, Downtown Peoria. Peoria Area Community Events (PACE).
- ↑ Santa Claus Parade.
- ↑ a b The History of the Parade. The original Santa Claus Parade.
- ↑ Patricia W. Murphy, James V. Cunningham: Organizing for Community Controlled Development: Renewing Civil Society. SAGE Publications, 2003, ISBN 978-1-5063-8279-1, S. 215.
- ↑ The Santa Claus Parade, Canadian Living, 18. November 2022.
- ↑ Toronto’s Santa Claus Parade, Toronto Journey 416, 2023.
- ↑ Michael Talbot: City of Toronto chips in $100K to help keep Santa Claus parade afloat. CityNews, Toronto, 18. November 2024.
- ↑ Toronto’s Santa Claus Parade launches GoFundMe to cover costs, BlogTO, 19. November 2024.
- ↑ a b Khadijah Ali: Santa Claus In The Service Of Western Capitalism, Crescent international, 14. Dezember 2024.
- ↑ Toronto’s Santa Claus Parade turns to crowdfunding amid budget woes, Global News, 20. November 2024.
- ↑ Girl Guides won’t join Santa Claus Parade due to secular policy, True North News, 24. Oktober 2023.
- ↑ Toronto’s Santa Claus Parade faces funding crisis, Toronto Life, 15. November 2024.
- ↑ Uwe Jean Heuser, Rüdiger Jungbluth: Schneller? Reicher? Glücklicher!, Die Zeit, 5. Juli 2007 Nr. 28.
- ↑ Vaughn Joy: Selling Santa: How Miracle on 34th Street Stole (And Rebranded) Christmas. Comparative American Studies An International Journal, Volume 20, 10. Oktober 2023.