Weihnachten (Ringelnatz)

Weihnachten ist ein Gedicht von Joachim Ringelnatz, das 1910 in seiner ersten Buchveröffentlichung Gedichte erschienen ist. Entstanden ist es im Jahr zuvor in München. Es gestaltet Weihnachten als ein idyllisches Fest, das im Kleinsten das Größte erfahrbar werden lässt.

Hintergrund

Titelblatt von Gedichte (1910)
Weihnachten unter Die sonnige Kinderstraße

Der Band Gedichte erschien am 28. Juli 1910 im Münchner Hans-Sachs-Verlag noch unter Ringelnatzens bürgerlichem Namen Hans Bötticher; er war damals 26 Jahre alt. Die Sammlung lyrischer Texte umfasst auf 56 Seiten 74 Gedichte und ist dem Vater, Georg Bötticher, gewidmet.[1.1] Weihnachten ist unter Die sonnige Kinderstraße angeordnet. Zwei themenverwandte Texte folgen: Der Weihnachtsbaum[2] und Weihnacht zur See.[3]

Nach Angaben Ferdinand Kahns wollte Ringelnatz mit seiner Buchveröffentlichung beweisen, „daß er auch anderes schreiben könne als Simpel-Träume und feucht-fröhliche Verse. Sorgsam wurde gewählt und gesichtet, was aufgenommen werden sollte.“[1.1] Eine Äußerung aus seinem zweiten autobiographischen Buch Mein Leben bis zum Kriege zeigt jedoch, dass der Dichter diese Texte später kritisch sah: „Ein dünner Band lyrischer Gedichte. Gedichte, wie sie von Tausenden junger Schwärmer gedichtet werden, aber in ehrlichen Stimmungen mit unbeschreiblicher Leidenschaft geschrieben.“[4]

Text

Weihnachten

Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle,
Mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit
Und ein schlichtes Glück streut auf die Schwelle
Schöne Blumen der Vergangenheit.

Hand schmiegt sich an Hand im engen Kreise
Und das alte Lied von Gott und Christ
Bebt durch Seelen und verkündet leise,
Daß die kleinste Welt die größte ist.

Form

Das Gedicht besteht aus zwei Strophen mit je vier Verszeilen, welche als trochäische Fünfheber gestaltet sind. Dabei wechseln sich klingende und stumpfe Kadenzen regelmäßig ab. Diese Gestaltung findet im Kreuzreim [ababcdcd] ihre Entsprechung. Als Subjekte fallen auf: die Weihnachtszeit (sie zieht „durch Kerzenhelle“), das Glück (es streut „Blumen der Vergangenheit“) sowie das alte Lied (es „bebt durch Seelen und verkündet leise“). Der Text bedient sich also einer bildhaften Sprache, die Personifikationen und Metaphern einschließt. Hans-Joachim Simm resümiert: „Die Form des Gedichts – seine Kürze, sein Versmaß, seine Reime – spiegelt die Idee des Großen im Kleinsten.“[5.1]

Interpretation

Als zentrale Begriffe stellt Simm Liebe, Helle, Milde und Glück heraus. Auffällig sei, dass „Liebe“ das erste Wort des Gedichts sei, der „Inbegriff des Weihnachtsfestes“,[5.2] wenn auch im partizipialen Kompositum „liebeläutend“. Das Glück werde besonders hervorgehoben: Es bringe „schöne Blumen der Vergangenheit“, sorge also für eine freudvolle Vergegenwärtigung positiver Erinnerungen. „Um dieses Glück festzuhalten, fassen sich die Feiernden an den Händen, im ›engen Kreis‹.“[5.2] In der Vorstellung von der kleinsten Welt, die zur größten Welt werde, verlasse der Text das Familienidyll. Hier komme ein geradezu pantheistisches Denken zum Ausdruck, das in die Ehrfurcht vor dem Leben insgesamt münde.[5.2]

Nachwirkung

Die einzige nachweisbare Rezension zu dem Band Gedichte erschien erst am 13. Dezember 1911 im Vorabendblatt der Münchner Neuesten Nachrichten.[1.2][6] Hans Taub erkennt darin einerseits Texte düsterer Melancholie, die er als „charakteristisches Zeichen der Gegenwart“ wertet.

„Aber auch in rein menschlicher Hinsicht wird man das Buch gerne in die Hand nehmen. Es sind echte, warme Herzenstöne, die der junge Dichter da anschlägt, und manche seiner schwermutsvollen Lieder klingen wie leise, längst entschwundene Melodien.“

Hans Taub: Weihnachtsbücherschau

Bezüge zu einzelnen Texten stellt Taub nicht her. Der Interpretation folgend, werden auch im vorliegenden Gedicht „echte, warme Herzenstöne“ hörbar.

Ringelnatz nahm jedoch keines der 74 Gedichte aus seinem Erstlingswerk in seine späteren Anthologien erneut auf.[7] Der Literaturwissenschaftler Walter Pape schlussfolgert, der Schriftsteller habe eine „zwiespältige Haltung diesen Gedichten gegenüber“ eingenommen.[1.1] Pape zufolge habe Ringelnatz erkannt, wie sehr er seine Texte in die Tradition bekannter Dichter gestellt hatte, etwa zu Joseph von Eichendorff, Emanuel Geibel, vor allem aber zu Heinrich Heine und Richard Dehmel. Deswegen galten ihm viele Texte nur als Nachahmungen und weniger als literarisch selbstständige Werke.[8][9] Noch im Oktober 1910 hatte Ringelnatz einen Verlagsvertrag für einen weiteren Gedichtband abgeschlossen. Die Schnupftabaksdose. Stumpfsinn in Versen und Bildern erschien 1912. Dieses Buch beginnt mit drei Texten in jenem Stil, für den der Dichter bekannt wurde: die titelgebende Schnupftabaksdose, Ein männlicher Briefmark erlebte und Die Ameisen.[1.3]

In der Gegenwart wird Weihnachten häufig abgedruckt. Das Gedicht findet sich in unter anderem in der Anthologie Am Weihnachtsabend der Insel-Bücherei.[10] Neben dem Weihnachtsbuch Wundervoller Weihnachtszauber. Adventsgeschichten, Bräuche und Rezepte für die ganze Familie[11] wurde es 2025 auch in kleinere Geschenkbücher aufgenommen.[12][13] Der Band Ein Weihnachtsabend mit Joachim Ringelnatz des Reclam-Verlages enthält es ebenfalls.[14] Dort leiten auf der hinteren Umschlagseite die ersten beiden Verse des Gedichts einen kurzen Klappentext ein und stehen gleichsam programmatisch für die weihnachtlichen Texte des Dichters.

Wikisource: Weihnachten – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

  1. Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk in sieben Bänden. Hrsg.: Walter Pape. 2. Auflage. Gedichte 2. Diogenes, Zürich 1994, ISBN 3-257-06042-4.
    1. a b c S. 377
    2. S. 378
    3. S. 381
  2. Seite 43–45, vgl. Der Weihnachtsbaum (Wikisource)
  3. Seite 47 f., vgl. Weihnacht zur See (Wikisource)
  4. Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk in sieben Bänden. Hrsg.: Walter Pape. 2. Auflage. Mein Leben bis zum Kriege. Diogenes, Zürich 1994, ISBN 3-257-06046-7, S. 243.
  5. Hans-Joachim Simm: Die große und die kleine Welt. In: Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Band 34. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-10-062814-5.
    1. S. 98
    2. a b c S. 97
  6. Hans Taub: Weihnachtsbücherschau. In: Vorabendblatt der Müncher Neuesten Nachrichten. 13. Dezember 1911, S. 11, abgerufen am 2. Dezember 2025.
  7. Anlässlich des 50. Geburtstages erschien im Juli 1933 der Band 103 Gedichte, in dem Ringelnatz neben neun neuen Texten 94 Gedichte aus 14 verschiedenen Ausgaben versammelt (vgl. Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk in sieben Bänden. Gedichte 2. Zürich 1994, S. 465.). Gleiches gilt für Gedichte, Gedichte von einstmals und heute, die letzte Buchveröffentlichung zu Lebzeiten vom Juni 1934, in die der Dichter neben 38 neuen Texten 68 bereits publizierte aus zwölf Ausgaben aufnahm (vgl. Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk in sieben Bänden. Gedichte 2. Zürich 1994, S. 469.).
  8. Walter Pape: Joachim Ringelnatz: Parodie und Selbstparodie in Leben und Werk. Walter de Gruyter, Berlin / New York 1974, ISBN 3-11-004483-8, S. 115.
  9. Außerdem thematisierten viele Gedichte Ringelnatzens unvorteilhaftes Äußeres (etwa Die lange Nase), ein Thema, das sich für spätere Veröffentlichungen nicht eignete (vgl. Walter Pape 1974, S. 115).
  10. Joachim Ringelnatz: Am Weihnachtsabend. Hrsg.: Paula Schmid (= Insel-Bücherei. Band 2537). Insel Verlag, Berlin 2025, ISBN 978-3-458-20537-1, S. 24.
  11. Wundervoller Weihnachtszauber. Adventsgeschichten, Bräuche und Rezepte für die ganze Familie. Groh Verlag, München 2024, ISBN 978-3-8485-0248-6, S. 37.
  12. Marjolein Bastin (Hrsg.): Die schönsten Weihnachtsgedichte. Coppenrath, Münster 2025, ISBN 978-3-649-65144-4, S. 11.
  13. Jetzt kommt die schönste Zeit: Frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr. Coppenrath, Münster 2025, ISBN 978-3-649-65156-7, S. [2].
  14. Reclam Verlag (Hrsg.): Ein Weihnachtsabend mit Joachim Ringelnatz. Reclam, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-15-014209-7, S. 35.