Walther Schoenenberger
Walther Schoenenberger (* 7. Juni 1901 in Altstetten bei Zürich; † 1982)[1] war ein Apotheker mit Schweizer Staatsbürgerschaft, aber in Deutschland als Lebensreformer, Pionier der Reformhaus-Bewegung und Firmengründer eines Unternehmens für „Frischpflanzensäfte“ auf Heilkräuterbasis tätig und wohnhaft. Er war schon vor und während der NS-Zeit ein dem Regime verbundener führender Ernährungsreformer und Reformwarenunternehmer gewesen und konnte seine Karriere nach dem Krieg bruchlos fortsetzen.
Leben
Schoenenberger, der sein Leben lang Schweizer Staatsbürger blieb, kam schon als Kind nach Deutschland und studierte nach seinem Schulbesuch an der Universität München Pharmazie. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er Mitglied des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes, legte 1925 sein Staatsexamen in Pharmazie ab und eröffnete im schwäbischen Cannstatt eine Apotheke. Er heiratete 1928 eine Deutsche und gründete im gleichen Jahr in Magstadt bei Stuttgart sein nach ihm benanntes Unternehmen für „Frischpflanzensäfte“. 1930 war Schoenenberger einer der Gründer der Einheitsgenossenschaft Neuform, die auf den Ideen der von Lebensreform geprägten Reformhausbewegung basierte und einen Zusammenschluss der Reformhäuser in Deutschland darstellte. Zum 1. Mai 1933 trat Schoenenberger der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 2.925.359)[2] und gehörte auch der SA als Obertruppführer an. 1937 gelangte Schoenenberger in den „Führerrat“ der „Deutschen Lebensreformbewegung“, wo er nach eigenen Angaben vom 21. Juni 1937 die Zuständigkeit für „alle Wirtschaftsfragen der Bewegung“ innehatte.[3] Zudem wurde Schoenenberger 1937 Leiter der „Werbegemeinschaft der Reform-Unternehmen“ (WDR), welche zunehmend den Vorrang der Einheitsgenossenschaft Neuform im Bereich der Werbemaßnahmen für die Reformwarenunternehmen ablöste, so dass in der zweiten Jahreshälfte 1937 schon 60 Prozent der entsprechenden „Förderungsbeiträge“ der Unternehmen an die WDR gingen.[4] 1938 erhielt sein Pflanzensaftwerk das „Gaudiplom für hervorragende Leistungen“. Im April 1941 wurde er beschuldigt, gegen devisenrechtliche Bestimmungen verstoßen zu haben, wurde drei Monate in Untersuchungshaft genommen und aus der NSDAP ausgeschlossen. Obwohl sich die Vorwürfe nicht bestätigten und trotz seines Einspruchs gegen den Parteiausschluss wurde er nicht wieder in die NSDAP aufgenommen, weil er Schweizer Staatsbürger war und der NSDAP nur Reichsdeutsche angehören durften. Erst zu diesem Zeitpunkt fiel auf, dass seine Staatsangehörigkeit bei seinem Parteieintritt 1933 nicht überprüft worden war.[5]
Auch im Zweiten Weltkrieg gedieh sein Pflanzensaftwerk. Hier kam Schoenenberger zugute, dass sein Unternehmen als „kriegswichtig“ eingestuft wurde und auch Dörrobst für die Wehrmachtsverpflegung herstellte. Hierbei wurden Sinti und Roma, Polen, Sowjetbürger und Niederländer zur Zwangsarbeit herangezogen.[6]
Nach 1945 setzte sich Walther Schoenenbergers Karriere in der Bundesrepublik Deutschland bruchlos fort. Er war unter anderem in der „Arbeitsgemeinschaft der Reformwarenhersteller“ (ADR), deren Vorsitzender er 1950 wurde und als Verwaltungsratsmitglied der „Förderungsgesellschaft der Reformwarenwirtschaft“ (F.d.R.) als Funktionär der Reformhaus-Bewegung tätig.[7] Mit Walther Schoenenberger übernahm ein Unternehmer den Vorsitz der ADR, so die Historikerin Florentine Fritzen, der „auch schon vor dem Krieg auf Herstellerseite der wichtigste Branchenvertreter gewesen war.“[8]
Von 1954 bis 1957 betrieb Schoenenberger als Pächter die Bewirtschaftung des ehemaligen „Kräutergartens“ des KZ Dachau einschließlich sämtlicher Gebäude und Grundstücke mit einer Fläche von über 89 Hektar. Er nutzte nun die Anlage zur Erprobung von geeigneten Pflanzen als Heilkräuter für sein „Pflanzensaftwerk Walther Schoenenberger“, das seine Säfte auch als Arzneimittelsäfte anbot. Dafür behielt er nach dem 1. April 1954 die damals noch 19 Arbeitskräfte, darunter mindestens ein ehemaliger KZ-Häftling.[9]
Die hauseigene Firmengeschichte der „Walther Schoenenberger Pflanzensaftwerk GmbH und Co. KG“ betont in ihrer Darstellung bis heute: „Zu seinen [Schoenenbergers] größten Erfolgen zählte 1961 die Aufnahme der ‚Presssäfte aus frischen Pflanzen‘ als freiverkäufliche Arzneimittel in das Arzneimittelgesetz“.[10] Anfang der 1970er Jahre erhielt Schoenenberger das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse im Deutschen Generalkonsulat in Basel verliehen, da er immer noch Schweizer Staatsbürger war. Zehn Jahre nach seinem Tod 1981 wurde die Firma Schoenenberger 1991 der „Salus-Schönenberger-Gruppe“ zugeordnet. Das Unternehmen unterhält eigene Bio-Anbau-Projekte und stellt mehrere Millionen Flaschen Frischpflanzensäfte im Jahr her.[11]
Schriften (Auswahl)
- Schlank durch Schoenenbergers Pflanzensaft-Diätkur. [Werbeschrift] Magstadt 1939.
- Gesund durch natürliche Säfte. Möglichkeiten und Erfolge der Frischpflanzentherapie. Econ. Düsseldorf 1976, ISBN 978-3-430-18028-3.
- Taschenbuchausgabe Gesund durch natürliche Säfte bei Moewig, Rastatt 1988, ISBN 978-3-8118-3372-2.
- 25 [Fünfundzwanzig] Jahre Verband der Reformwarenhersteller (VRH) e.V., 50 [fünfzig] Jahre Zusammenschlüsse von Reformwarenherstellern. Ein Beitrag zur Geschichte der Reformwarenindustrie. Herausgegeben vom Verband der Reformwarenhersteller. VRH. Bad Homburg 1977.
Literatur
- Florentine Fritzen: Gesünder leben: Die Lebensreformbewegung im 20. Jahrhundert. Franz Steiner, Stuttgart 2006, ISBN 3-515-08790-7. (Zugleich Dissertation 2004/2005 am Historischen Seminar der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main)
- Gabriele Hammermann: Vergessen – verfallen – überbaut, Der Umgang mit dem ehemaligen „Kräutergarten“ des KZ Dachau und Überlegungen für eine Nutzung durch die KZ-Gedenkstätte. In: Gabriele Hammermann und Dirk Riedel (Hrsg.): Sanierung – Rekonstruktion – Neugestaltung. Zum Umgang mit historischen Bauten in Gedenkstätten. Wallstein-Verlag, Göttingen 2014, ISBN 978-3-8353-1451-1
- Anne Sudrow: Saat der Gewalt. Der „Kräutergarten“ in Dachau seit 1945. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2025, ISBN 978-3525-31170-7.
Einzelnachweise
- ↑ Anne Sudrow: Saat der Gewalt. Der „Kräutergarten“ in Dachau seit 1945. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2025, S. 73; ebenso die Firmenhomepage https://www.schoenenberger.com/ueber-schoenenberger/geschichte/ abgerufen am 21. Dezember 2025; um ein Jahr abweichende Lebensdaten (1900–1981) bei Florentine Fritzen: Gesünder leben: Die Lebensreformbewegung im 20. Jahrhundert. Franz Steiner, Stuttgart 2006, S. 143 u. S. 153.
- ↑ Bundesarchiv R 9361-VIII KARTEI/20660867
- ↑ Florentine Fritzen: Gesünder leben: Die Lebensreformbewegung im 20. Jahrhundert. Franz Steiner, Stuttgart 2006, S. 69 (Zitat aus einem Brief Schoenenbergers vom 31. Juni 1937 an Ulrich Sabarth von der Reform-Würz-Diät K.-G., Berlin-Halensee) u. 153f.
- ↑ Florentine Fritzen: Gesünder leben: Die Lebensreformbewegung im 20. Jahrhundert. Franz Steiner, Stuttgart 2006, S. 91.
- ↑ Florentine Fritzen: Gesünder leben: Die Lebensreformbewegung im 20. Jahrhundert. Franz Steiner, Stuttgart 2006, S. 154.
- ↑ Gabriele Hammermann: Vergessen – verfallen – überbaut, Der Umgang mit dem ehemaligen „Kräutergarten“ des KZ Dachau und Überlegungen für eine Nutzung durch die KZ-Gedenkstätte. In: Gabriele Hammermann und Dirk Riedel (Hrsg.): Sanierung – Rekonstruktion – Neugestaltung. Zum Umgang mit historischen Bauten in Gedenkstätten. Wallstein-Verlag, Göttingen 2014, S. 19 – 31, hier S. 22.
- ↑ Florentine Fritzen: Gesünder leben: Die Lebensreformbewegung im 20. Jahrhundert. Franz Steiner, Stuttgart 2006, S. 110 u. 154.
- ↑ Florentine Fritzen: Gesünder leben: Die Lebensreformbewegung im 20. Jahrhundert. Franz Steiner, Stuttgart 2006, S. 110.
- ↑ Anne Sudrow: Saat der Gewalt. Der „Kräutergarten“ in Dachau seit 1945. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2025, S. 73–76; Gabriele Hammermann: Vergessen – verfallen – überbaut, Der Umgang mit dem ehemaligen „Kräutergarten“ des KZ Dachau und Überlegungen für eine Nutzung durch die KZ-Gedenkstätte, S. 22.
- ↑ https://www.schoenenberger.com/ueber-schoenenberger/geschichte/ abgerufen am 17. Dezember 2025
- ↑ Florentine Fritzen: Gesünder leben: Die Lebensreformbewegung im 20. Jahrhundert. Franz Steiner, Stuttgart 2006, S. 154f.