Walter Nicolai (Zeichner)

Walter Nicolai (* 2. August 1896 in Dresden; † 3. April 1945 in Nordhausen) war ein deutscher Zeichner und Grafiker.

Biografie

Kindheit und Studium

Walter Nicolai wuchs als ältester Sohn einer Handschuhmacherfamilie in der Frauenstraße 6 im Zentrum Dresdens auf. Bereits in der Schule zeigte er zeichnerisches Talent, das von seinem Zeichenlehrer gefördert wurde. Von 1913 bis 1915 studierte er an der Königlich Sächsischen Kunstgewerbeschule und belegte die Fächer Freihandzeichnen, Modellieren und Kunstgeschichte.[1] Im Jahr 1915 erhielt er den Einberufungsbefehl zum Kriegsdienst. Den Ersten Weltkrieg überlebte er als Soldat im Fronteinsatz. Aus dieser Zeit sind zahlreiche Skizzen von seinen Einsatzorten erhalten. 1919 setzte er sein Studium an der Zeichenabteilung der Staatlichen Akademie für Kunstgewerbe in Dresden fort. Zu seinen Kommilitonen zählten Hans Jüchser und Albert Herold.

1921 legte er die Prüfung als Zeichenlehrer für Gewerbeschulen ab. Anschließend absolvierte er eine Lehre als Ziseleurgehilfe in der Firma Christoph Kay, Gold- und Silberschmiede D. W. H. Hamburg.

Ab Ostern 1925 besuchte er für die Dauer des Sommersemesters die Klasse für angewandte Plastik bei Karl Groß an der Kunstgewerbeschule Dresden.

Lehrtätigkeit

Er begann sein Berufsleben in den Jahren 1922 bis 1927 als Zeichen- und Gewerbelehrer an den Dresdner Innungs- und Berufsschulen sowie an den Technischen Lehranstalten der Stadt Dresden. Dort legte er auch seine Prüfung als Gewerbelehrer ab. Von 1927 bis 1945 war er als Gewerbeoberlehrer an der Gewerblichen Berufsschule in Nordhausen am Harz tätig.

Familie

Walter Nicolai heiratete am 14. April 1928 Erna Junghanns in der Dresdner Frauenkirche. Ab 1928 lebte er mit seiner Familie in Nordhausen. 1937 bezog er ein eigenes Haus, in dem er mit seiner Frau und fünf Kindern bis 1945 lebte. In dem Haus befand sich auch sein Atelier.

Tod

Beim Luftangriff auf Nordhausen am 3. April 1945 erhielt sein Wohnhaus einen direkten Treffer. Walter Nicolai, seine Frau und vier seiner Kinder starben. Nur sein zehnjähriger Sohn Thomas konnte lebend gerettet werden.[2][3] Ein Teil seiner Zeichnungen konnte aus den Trümmern geborgen werden. Für Walter Nicolai und seine Familie wurde auf dem Nordhäuser Hauptfriedhof unter der Nummer 360/361 ein staatliches Ehrenmal für Kriegsopfer errichtet.

Künstlerisches Schaffen

Walter Nicolai arbeitete freischaffend und nur selten im Auftrag, beispielsweise für das Gemeindeblatt der Jakobikirche in Dresden, die Heftreihe Hirts Deutsche Sammlung (Märchenillustrationen) und die Tageszeitung Südharzer Kurier. Darüber hinaus schuf er individuell beispielsweise Familien- und Neujahrsanzeigen sowie Exlibris. Von ihm sind zahlreiche Stadtansichten und Landschaftsbilder sowie Gebrauchsgrafik und Veranstaltungswerbung überliefert.

Er gestaltete seine Zeichnungen und Illustrationen vorwiegend mit den Techniken Tusche, Kohle, Pastell- und Ölkreide sowie Blei- und Farbstift. Daneben entstanden Aquarelle (Porträts, Landschaften), Linol- und Holzschnitte sowie Scherenschnitte.

Werke (Auswahl)

  • Illustrationen für das Kirchenblatt der Jakobikirche Dresden
    • Vor dem Arbeitsamt (Scherenschnitt) 1931
    • Das Gespenst der Arbeitslosigkeit (Zeichnung) 1931
    • Christus vor Pilatus (Scherenschnitt)
  • Illustrationen zu Stadtansichten und Veranstaltungen in Nordhausen
    • Idyllischer Mühlgraben (Kohlezeichnungen)
    • Nordhäuser Brunnenfiguren (Kohlezeichnungen)
    • Theater-Szenenbilder (Zeichnungen)
    • Frauenberger Kirche zu Nordhausen (Linolschnitt) 1935
    • Kreiskirchenmusikfest 1936 (Plakat)
  • Märchenillustrationen (Zeichnungen in Tusche)
    • Wilhelm Hauff: Die Geschichte vom Kalif Storch u. a. Märchen: Mit einem Bilde des Dichters von J. M. Holder und 15 Zeichnungen von Walter Nicolai. F. Hirt, Breslau 1932 (78 S.).
    • Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen / [Brüder Grimm] Der beherzte Flötenspieler / [Von Ludwig Bechstein]: Märchen für Schule und Haus / Mit Bildern von Walter Nicolai. F. Hirt, Breslau 1933 (16 S.).
    • Hans Christian Andersen: Der fliegende Koffer / Der standhafte Zinnsoldat: Märchen für Schule und Haus. Mit Bildern von Walter Nicolai. F. Hirt, Breslau 1933 (16 S.).
    • Hans Christian Andersen: Die Prinzessin auf der Erbse u. a. Märchen für Schule und Haus: Mit Bildern von Walter Nicolai. F. Hirt, Breslau 1933 (16 S.).
  • Individuelle Grafiken von seiner Familie
  • Bilder in verschiedenen Techniken
    • Kinderbilder (Aquarell) 1932 und 1935
    • Winter im Harz (Linolschnitt) 1935
    • Südharzer Landschaft (Ölkreide) 1937
    • Talsperre im Harz (Kohle) 1938
    • Fischerboote im Haff (Pastellkreide) 1941

Ausstellungen

  • 1944: Kunstgewerbeschule Dresden, Pinsel und Feder illustrieren Märchen und Dichtung
  • 1966: Ausstellungsräume in der Christuskirche Dresden-Strehlen, Private Gedächtnisausstellung zum 70. Geburtstag
  • 1996: Ausstellungsräume in der Christuskirche Dresden-Strehlen, Gedächtnisausstellung zum 100. Geburtstag[4]
  • 2011–2012: Bergbau- und Regionalmuseum Bannewitz bei Dresden, Märchenillustrationen

Kunstkritiken

In der Kritik zur Ausstellung 1944 von Leonore Kupke heißt es in der Dresdner Zeitung vom 15. August 1944:

„[…] denn das ist das Sympathische an Nicolai: er hat sich seine Grenzen gesteckt, die er nicht überschreitet, innerhalb derer er nun aber auch Meisterliches zu leisten vermag. Er ist ein Mensch voll Phantasie, voll stillen Humors, von jener feinen Beobachtungsgabe, die auch den verborgenen Kräften menschlichen Wesens nachzuspüren vermag. All diese Veranlagungen befähigen ihn ganz besonders gerade zum Illustrieren. Da gibt es höchst reizvolle Federzeichnungen zu Märchen von Grimm, und Andersen, zu Stifter, E. T. A. Hoffmann, Gottfried Keller – und schon mit diesen Stoffen, diesen Namen ist der Umkreis charakterisiert, in dem sich die leichte, flinke Feder Nicolais mit sicherem Strich und mit der großen Gabe zeichnerischen Nacherlebens und Nacherzählens bewegt … wie überhaupt der Künstler sich auch als Pressezeichner mit manchem gelungenen Stück ausweisen kann.“

In einem Nachruf zum Gedenken an Walter Nicolai heißt es im Sächsischen Tageblatt vom 15. August 1946:

„Im Trubel der letzten Kriegsmonate ist der Tod des Dresdner Malers Walter Nicolai kaum beachtet worden. Nicolai, einer der feinsinnigsten Grafiker Sachsens starb am 3. April 1945 mit seiner Familie als Opfer eines Fliegerangriffes in Nordhausen, wohin der geborene Dresdner in den letzten Jahren als Gewerbeoberlehrer für Kunsterziehung berufen worden war. Seine vielen Zeichnungen und besonders seine Buchillustrationen haben ihn als einen Künstler von Phantasie und sicheren Strich erwiesen. Besonders seine reizvollen Bilder aus dem Umkreis des Märchens haben Nicolai, der am 2. August seinen 50. Geburtstag hätte feiern können, viel Freunde erworben.“

Verbleib der Werke

Die erhaltenen Zeichnungen, Aquarelle, Linol- und Scherenschnitte und andere Werke befinden sich im Privatbesitz seiner Nachkommen. Die Bilder von der Stadt Nordhausen wurden im Jahr 2024 dem Stadtarchiv Nordhausen übergeben.

Commons: Walter Nicolai (illustrator) – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Hochschule für Bildende Künste Dresden – Archiv, Immatrikulationeintragungen, Auskunft vom 30. November 1982.
  2. Thomas Nicolai, überlebender des Zweiten Weltkriegs, besucht Ausstellung in der Flohburg „Orte des Erinnerns“. In: https://www.nordhausen.de/. 6. Juni 2024, abgerufen am 8. Februar 2025.
  3. Manfred Schröter: Die Zerstörung Nordhausens und das Kriegsende im Kreis Grafschaft Hohenstein 1945. In: Meyenburg-Museum Nordhausen (Hrsg.): Beiträge zur Heimatkunde aus Stadt und Kreis Nordhausen. Sonderausgabe 1988. Nordhausen 1988, S. 22/23.
  4. Genia Bleier: An die vergessene Kunst des Vaters erinnert. In: Dresdner Neueste Nachrichten vom 30. Juli 1996.