Walter Groß (Politiker, 1904)
Walter Groß (* 21. Oktober 1904 in Kassel; † 25. April 1945 in Berlin) war ein deutscher Arzt, Rassenhygieniker und nationalsozialistischer Politiker. Er leitete das von ihm 1933 begründete Aufklärungsamt für Bevölkerungspolitik und Rassenpflege, das 1934 in das Rassenpolitische Amt der NSDAP (RPA) überführt wurde. Groß promovierte in Medizin (1928/1929) und wurde 1938 zum Honorarprofessor ernannt und war ein zentraler Akteur der nationalsozialistischen Rassenpropaganda.[1][2]
Werdegang
Groß besuchte evangelische Gymnasien in Posen und Göttingen. Ab 1923 studierte er in Göttingen, Tübingen und in München. Er schloss sein Studium mit dem Staatsexamen ab und promovierte 1928 oder 1929 (in der Literatur unterschiedlich angegeben).[3] Bis 1932 arbeitete er als Assistenzarzt in Braunschweig.
Am 9. März 1925 trat Groß der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 2.815)[4]. Seit 1932 gehörte er dem NS-Ärztebund an und arbeitete in der Unterabteilung „Volksgesundheit“ der Reichsleitung der NSDAP. 1933 gründete er das Aufklärungsamt für Bevölkerungspolitik und Rassenpflege, das im Mai 1934 offiziell in „Rassenpolitisches Amt der NSDAP“ umbenannt wurde, dessen Leiter Groß blieb.[5] Ab 1936 war Groß Mitglied des Reichstages. 1936 erhielt er den Dietrich-Eckart-Preis.
1937 wurde Groß Mitglied des Senats der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft.[6] 1938 erfolgte seine Ernennung zum Honorarprofessor und in der Folge hielt er Vorlesungen mit rassentheoretischem Inhalt.[7] Ab 1942 übernahm er zusätzlich das Hauptamt Wissenschaft im Amt Rosenberg.[8]
Wirkung
Als Leiter des Rassenpolitischen Amtes war Groß vor allem für die ideologische Popularisierung der nationalsozialistischen Rassenpolitik verantwortlich. Unter seiner Ägide erschienen Publikationen, Schulungsmaterialien und die verbreitete Propagandazeitschrift Neues Volk, die in Arztpraxen, Behörden und bei der Bevölkerung weite Verbreitung fand.[9] Groß veröffentlichte zahlreiche Aufsätze und Broschüren sowie Beiträge in Parteizeitungen und Sammelbänden. Seine Schriften kombinierten pseudowissenschaftliche Rassenargumentation mit massenwirksamer Propaganda und zielten auf die Verbreitung von Eugenik-, Sterilisations- und Ausgrenzungsforderungen.
Im Jahr 1933 hatte er dem Rassenbiologen und Anthropologen Walter Scheidt, der die Erstellung von erbgesundheitlichen Gutachten abgelehnt hatte, verboten, offene Kritik an der Rassenpolitik zu publizieren.[10]
Am 7. Februar 1940 vermerkte Rosenberg in seinem Tagebuch, dass er mit Groß über die Gründung eines Instituts für Biologie und Rassenkunde gesprochen habe. Dieses sollte gleichsam in engster Verbindung zur Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft stehen. Rosenberg schrieb diesbezüglich, dass Eugen Fischer, der Direktor des Instituts, „nächstens zu uns kommen“ solle.[11] Geplant wurde das Institut Biologie und Rassenkunde im Rahmen des Aufbaus der Hohen Schule der NSDAP. Als Sitz des Instituts wurde Stuttgart ausgewählt.[12]
Am 27. März 1941 hielt Groß ein Referat, in dem er die Gleichstellung von Juden und „jüdischen Mischlingen ersten Grades“ forderte. Dieses Referat trug nachweislich zur Radikalisierung administrativer Vorschläge bei, die in Verbindung mit Partei-Kanzlei und Reichssicherheitshauptamt in die Planung der Endlösung einflossen.[13] Bei den „Vierteljuden“ solle man die Vermehrung so gering wie möglich halten.[14]
Tod
Während der Schlacht um Berlin verbrannte Groß Unterlagen und beging am 25. April 1945 in Berlin-Schlachtensee Suizid.[15]
Nachwirken
Der US-amerikanische Politologe A. James Gregor versuchte seit 1958, die Aktivitäten der „International Association for the Advancement of Eugenics and Ethnology“ und des International Institute of Sociology, IIS, auf einen Nenner zu bringen. Gregor bezeichnete sich dabei selbst als Anhänger des Rassenpolitikers Walter Groß; 1958 lobte Gregor in der vom britischen Faschisten Oswald Mosley herausgegebenen Zeitschrift The Europeans das Rassenkonzept der Nationalsozialisten. Groß hatte das Konzept als einen „Keim“ für eine „Weltanschauung, die den Menschen zum Schöpfer, zum Erbauer zukünftiger Rassen“ macht, bezeichnet.
Schriften
- Der große Weltenumbruch in Mythos und Geschichte - Band 1 - Der Weltenumbruch im jüdischen Mythos - Verlag Deutsche Revolution, Düsseldorf, 1936
- Die Bevölkerungsstruktur des Gaues Oberdonau - Verlag Buchdruckerei des Reichsgaues Oberdonau, Linz, 1941
- Kleine Weltkampfbücherei - Heft 01 - Die Rassenpolitischen Voraussetzungen zur Lösung der Judenfrage - Hoheneichen-Verlag, München, 1943
- Rasse und Politik, 1934
- Rasse, Weltanschauung , Wissenschaft - Zwei Universitätsreden - Junker & Dünnhaupt Verlag, Berlin, 1936
- Schriften der Deutschen Hochschule für Politik - Heft 06 - Rassenpolitische Erziehung - Junker & Dünnhaupt Verlag, Berlin, 1934
- Schriften der Deutschen Hochschule für Politik - Heft 18 - Der Rassengedanke im neuen Geschichtsbild - Junker & Dünnhaupt Verlag, Berlin, 1936
- Schriften der Deutschen Hochschule für Politik - Heft 42 - Der deutsche Rassengedanke in der Welt - Junker & Dünnhaupt Verlag, Berlin, 1939
- Weltanschauung und Rassenhygiene - Eine Rede an die deutschen Frauen - Verlag der NS-Frauenschaft, München, um 1934
Literatur
- Roger Uhle: Neues Volk und reine Rasse. Walter Gross und das Rassenpolitische Amt der NSDAP (RPA). Diss. Aachen 1999
- Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-10-039310-4, S. 142.
- Monika Deniffel: Groß, Walter. In: Hermann Weiß: Personenlexikon 1933–1945. Tosa, Wien 2003, ISBN 3-85492-756-8, S. 166.
- Michael Grüttner: Biographisches Lexikon zur nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik (= Studien zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte. Band 6). Synchron, Heidelberg 2004, ISBN 3-935025-68-8, S. 64–65.
- Michael Wildt: Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg: Hamburger Edition, 2002.
Weblinks
- Literatur von und über Walter Groß im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Zeitungsartikel über Walter Groß in den Historischen Pressearchiven der ZBW
- Walter Groß in der Datenbank der Reichstagsabgeordneten
- SWR2 Wissen: "Asoziale" und "Berufsverbrecher" – Die verleugneten Nazi-Opfer enthält einen Link auf den O-Ton einer Rede, die Groß am 13. Februar 1940 in Linz gehalten hat.
- Niedersächsische Personen
Einzelnachweise
- ↑ Michael Grüttner: Biographisches Lexikon zur nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik. Synchron, Heidelberg 2004, S. 69–71.
- ↑ Roger Uhle: Neues Volk und reine Rasse. Walter Gross und das Rassenpolitische Amt der NSDAP (RPA). Dissertation, Aachen 1999.
- ↑ Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2001, S. 104f.
- ↑ Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/12120359
- ↑ Monika Deniffel: Groß, Walter. In: Hermann Weiß (Hrsg.): Personenlexikon 1933–1945. Wien: Tosa, 2003, S. 89.
- ↑ Michael Grüttner: Biographisches Lexikon zur nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik. Synchron, Heidelberg 2004, S. 69–71.
- ↑ Jewish Telegraphic Agency (JTA): Meldung zur Ernennung ("German Appointed Professor"), 1938.
- ↑ Roger Uhle: Neues Volk und reine Rasse. Walter Gross und das Rassenpolitische Amt der NSDAP (RPA). Dissertation, Aachen 1999.
- ↑ Artikel Neues Volk (Wikipedia), Eintrag/Übersicht zu Blatt und RPA.
- ↑ Ute Felbor: Rassenbiologie und Vererbungswissenschaft in der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg 1937–1945. Königshausen & Neumann, Würzburg 1995 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Beiheft 3; zugleich Dissertation Würzburg 1995), ISBN 3-88479-932-0, S. 97–99.
- ↑ Hans-Günther Seraphim: Das politische Tagebuch Alfred Rosenbergs. 1934/35 und 1939/40. Göttingen/Berlin/Frankfurt 1956, S. 122.
- ↑ Jan Björn Potthast: Das jüdische Zentralmuseum der SS in Prag. Gegnerforschung und Völkermord im Nationalsozialismus. Frankfurt a. M. / New York 2002, S. 179, ISBN 3-593-37060-3.
- ↑ Michael Wildt: Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Hamburg: Hamburger Edition, 2002, S. 233f.
- ↑ Peter Longerich: Hitlers Stellvertreter. Führung der NSDAP und Kontrolle des Staatsapparates durch den Stab Heß und Bormanns Partei-Kanzlei, München 1992, ISBN 3-598-11081-2, S. 221.
- ↑ Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2001, S. 104f.