Walter Dreß

Walter Heinrich Georg Dreß (* 18. Juni 1904 in Berlin; † 6. Februar 1979 ebenda) war ein deutscher evangelischer Theologe (Kirchenhistoriker) und Pfarrer.

Leben

Dreß, ein Sohn des Kaufmanns Heinrich Dreß,[1] begann 1922 das Studium der Evangelischen Theologie an der Universität Tübingen, wo er sich der Akademischen Verbindung Igel anschloss. Dort begegnete er Dietrich Bonhoeffer, der im Sommersemester 1923 sein Theologiestudium ebenfalls in Tübingen begann. 1923 wechselte er an die Universität zu Berlin, wo sich die Freundschaft mit Bonhoeffer vertiefte.[2] Durch Bonhoeffer lernte er dessen jüngste Schwester Susanne kennen, mit der er sich 1927 (zunächst heimlich) verlobte und die er am 14. November 1929 heiratete.

Dreß´ wichtigster Lehrer war Karl Holl, auf dessen Anregung er 1926 eine Dissertation über den italienischen Humanisten Marsilio Ficino begann. 1927 wurde er zum Dr. theol. promoviert. Als Assistent von Erich Seeberg habilitierte er sich 1929 ebenfalls in Berlin mit einer Arbeit über den französischen Mystiker Jean Gerson. Anschließend wurde er Provinzialvikar beim Generalsuperintendenten Wilhelm Haendler. 1931 nahm er einen Ruf als ordentlicher Professor an der Luther-Akademie in Dorpat an, wo deutschbaltische Theologen und Evangelisten für die Mission in Russland ausgebildet wurden[3], kehrte aber schon 1932 an die Universität Berlin zurück. Ab 1933 half er als Dozent für Kirchengeschichte auch an der Universität Greifswald aus.[4] Dreß trat zum 1. Mai 1933 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 1.596.806),[5][6] war bald aber ein aktives Mitglied der Bekennenden Kirche. Am 1. April 1937 wurde er zum Dozenten für Kirchengeschichte an der von ihr getragenen Kirchlichen Hochschule Berlin berufen. Aufgrund dieses Engagements wurde ihm 1938 die venia docendi an der Universität entzogen, im selben Jahr schied er aus der Partei aus. Im Jahr zuvor hatte der überzeugte Lutheraner in seinem Buch Versuchung und Sendung. Luthers Zeugnis für die Gegenwart dem Nationalsozialismus den Spiegel vorgehalten und dessen Anschauungen zu Volk, Nation und Kultur von Luthers Theologie her kritisiert. Nach der Verhaftung Martin Niemöllers übernahm er im Sommer 1938 dessen Pfarrstelle in der Kirchengemeinde Berlin-Dahlem. Da er sich, im Gegensatz zu den entschiedenen Vertretern des Kirchlichen Notrechts, den von den Nationalsozialisten kontrollierten Kirchenbehörden unterstellte, kam es zu Spannungen mit dem von der Bekenntnisgemeinde als Nachfolger Niemöllers angestellten Helmut Gollwitzer und mit seinem Pfarrerkollegen Fritz Müller.[7] Dreß setzte aber seine Dozententätigkeit an der Kirchlichen Hochschule bis zu deren Schließung 1941 fort und betreute auch in den Kriegsjahren weiterhin seine Gemeinde, während seine Frau mit den beiden Söhnen im Ferienhaus ihrer Eltern in Friedrichsbrunn im Harz lebte.

Nach Kirchenkampf und Krieg, die auch in der Altpreußischen Union zu einer Rückbesinnung auf die lutherischen Bekenntnisschriften geführt hatten, setzte er sich gemeinsam mit Oskar Söhngen, Siegfried Knak und anderen Lutheranern für die Auflösung der Union zugunsten einer deutschlandweiten lutherischen Kirche ein.[8]

Ab 1946 übernahm Dreß die Professur für Kirchengeschichte an der wieder eröffneten Kirchlichen Hochschule Berlin. Nach der Rehabilitation an der Humboldt-Universität 1945 hatte er auch dort einen Lehrauftrag, den er aber nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 nicht mehr wahrnehmen konnte. 1965/66 amtierte er als Rektor der Kirchlichen Hochschule.

Dreß' Forschungsschwerpunkte waren die Kirchengeschichte des Spätmittelalters und der Reformationszeit.

Seine Frau Susanne und er hatten zwei Söhne: Michael (1935–1975) und Andreas (1938–2024).

Schriften (Auswahl)

  • Die Mystik des Marsilio Ficino. de Gruyter, Berlin 1929.
  • Die Theologie Gersons. Gütersloh 1931 (Nachdruck Olms, Hildesheim, New York 1977).
  • Versuchung und Sendung. Luthers Zeugnis für die Gegenwart. Brunnen, Gießen 1937 (2. Aufl. Bertelsmann, Gütersloh 1951).
  • Johann Friedrich Immanuel Tafel 1796–1863. Ein Lebensbericht. Swedenborg-Verlag, Zürich 1979.
  • Evangelisches Erbe und Weltoffenheit. Gesammelte Aufsätze. Hrsg. von Wolfgang Sommer. CZV-Verlag, Berlin 1980.

Literatur

  • Antwort aus der Geschichte. Beobachtungen und Erwägungen zum geschichtlichen Bild der Kirche. Walter Dress zum 65. Geburtstag. Hrsg. von Wolfgang Sommer. CZV-Verlag, Berlin 1969.
Commons: Walter Dreß – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Eintrag im Universitätsarchiv der Eberhard Karls Universität Tübingen.
  2. Wolfgang Seehaber: Bonhoeffer und Bethge. Das Porträt einer wunderbaren Freundschaft. Fontis – Brunnen, Basel 2016, S. 13 f.
  3. Michael Garleff: Deutschbalten, Weimarer Republik und Drittes Reich. Böhlau Verlag Köln Weimar, 2001, ISBN 978-3-412-12199-0 (google.de [abgerufen am 20. Oktober 2025]).
  4. Rudolf Hermann: Rudolf Hermann: Aufsätze, Tagebücher, Briefe. LIT Verlag Münster, 2009, ISBN 978-3-643-10205-8 (google.de [abgerufen am 20. Oktober 2025]).
  5. Bundesarchiv R 9361-VIII KARTEI/6921626
  6. Reinhart Staats, Matthias Wünsche (Hrsg.): Dietrich Bonhoeffers Abschied von der Berliner »Wintertheologie«  — Neue Funde aus seiner Spanienkorrespondenz 1928. In: Journal for the History of Modern Theology / Zeitschrift für Neuere Theologiegeschichte 1994, S. 179–200, hier. S. 181.
  7. Wolfgang Seehaber: Bonhoeffer und Bethge. Das Porträt einer wunderbaren Freundschaft. Fontis – Brunnen, Basel 2016, S. 15 f.; Friedenszentrum Martin Niemöller Haus e.V.: Tafel 22: Wer übernimmt Niemöllers Arbeit?.
  8. Dorothea Wendebourg: Jahrbuch für Schlesische Kirchengeschichte: 99/100 (2020/2021). Evangelische Verlagsanstalt, 2022, ISBN 978-3-374-07166-1, S. 271 f. (google.de [abgerufen am 20. Oktober 2025]).