Wahnwahrnehmung

Klassifikation nach ICD-11
MB26.8 Wahnwahrnehmung
ICD-11: EnglischDeutsch (Entwurf)

Eine Wahnwahrnehmung (engl. delusional misinterpretation[1]) ist ein psychopathologisches Symptom. Sie tritt also bei psychiatrischen Erkrankungen auf. Es werden realen, also richtigen Wahrnehmungen wahnhafte Bedeutungen (meist im Sinne einer Eigenbeziehung) zugewiesen. Wahnwahrnehmungen zählen zu den Symptomen ersten Ranges bei Schizophrenie.[2]

Beschreibung

Es handelt sich um einen zweigliedrigen Vorgang. Der erste Teil ist eine an sich richtige Wahrnehmung. Diese bekommt im zweiten Teil eine wahnhafte Bedeutung. Auch Personenverkennungen können, wenn sie wahnhaft interpretiert werden, als Wahnwahrnehmungen bezeichnet werden.

„Ein Kriterium für die Wahnwahrnehmung ist die ‚Bezugsunwahrscheinlichkeit‘, die Unmöglichkeit, die Beziehung zwischen Wahrnehmungsvorgang und auf das Ich gerichteter Bedeutung […] zu fassen“ (Huber 2005).[3]

Eine Besonderheit sind „mnestische Wahnwahrnehmungen“: Erinnerungen werden wahnhaft interpretiert: („Als Kind hatte ich eine Gabel, auf der eine Krone eingraviert war. Jetzt habe ich begriffen, daß ich fürstlicher Abstammung bin.“)[4]

Beispiele

„Die Zeitungen, die Nachrichten im Fernsehen, selbst Ergebnisse meiner Internet-Recherchen sind voller Anspielungen auf mich. Jeder kennt mich. Ich bin berühmt.“[4]

„Zwei Menschen in Gummimänteln sind Schiller und Goethe. An einigen Häusern sieht die Patientin Gerüste: die ganze Stadt soll abgebrochen werden. Eine Kranke sieht auf der Straße einen Mann. Sie weiss unmittelbar: Es ist ihr Geliebter auf vergangener Zeit. Er sieht zwar ganz anders aus. Er hat sich maskiert....“[5]

Der Kranke sieht in einem Café zwei Menschen sprechen, hört vielleicht auch deren Stimmen, ohne sie zu verstehen. Diese Wahrnehmung bezieht er wahnhaft auf sich: die reden über mich...[1]

Ursachen

Die Wahnwahrnehmung tritt bei psychotischen Störungen auf. Sie gilt von allen Wahnphänomenen als am charakteristischsten für Schizophrenie.[6]

Diagnostik

Das Syndrom wird in der psychiatrischen Untersuchung, im Gespräch zwischen Arzt und Patient, diagnostiziert. Es wird nicht immer ohne weiteres vom Patienten berichtet. Man kann dann z. B. folgende Fragen stellen: „Haben bestimmte Dinge in Ihrer täglichen Umgebung eine besondere Bedeutung für Sie bekommen?“ „Beobachten Sie, dass Leute Ihnen Hinweise oder Zeichen geben?“[7]

Abgrenzung (Differentialdiagnose)

Wahneinfall: Wahnhafte Überzeugung, spontan und ohne Anlass, also auch ohne vorangegangene Wahrnehmung.

Illusionen: verfälschte Wahrnehmungen. Es bestehen Wahrnehmungen, die aber inkorrekt sind.

Wahngedanken: verfestigte, länger bestehende wahnhafte Gedanken. Sie können aus Wahnwahrnehmungen entstehen.

Behandlung

Diese erfolgt im Rahmen der Behandlung der psychotischen Erkrankung. Mit dem Behandlungsfortschritt treten die Wahnwahrnehmungen wie andere psychotische Symptome zuerst in den Hintergrund und verschwinden dann allmählich.

Literatur

Einzelnachweise

  1. a b Christian Scharfetter: Allgemeine Psychopathologie. 6. Auflage. Thieme, Stuttgart New York 2017, ISBN 978-3-13-243843-9, S. 207.
  2. Uwe Henrik Peters: Lexikon Psychiatrie. 7. Auflage. Elsevier, München 2017, ISBN 978-3-437-15063-0, S. 666.
  3. Fritz Huber: Psychiatrie. 7. Auflage. Schattauer, Stuttgart New York 2005, ISBN 3-7945-2214-1, S. 309.
  4. a b Rolf-Dieter Stieglitz, Achim Haug: Das AMDP-System Manual zur Dokumentation des psychischen Befundes. 11. Auflage. hogrefe, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8017-3157-1, S. 70.
  5. Karl Jaspers: Allgemeine Psychopathologie. 4. Auflage. Springer, Berlin und Heidelberg 1946, S. 83.
  6. Dieter Ebert: Psychiatrie systematisch. 3. Auflage. Uni-Med, Bremen 1999, ISBN 3-89599-141-4, S. 33.
  7. Erdmann Fähndrich, Rolf-Dieter Stieglitz: Leitfaden zur Erfassung des psychopathologischen Befundes. 6. Auflage. hogrefe, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8017-3114-4, S. 82.