Wagrain (Oberschleißheim)

Wagrain, historisch Wachrain, war eine hoch- und spätmittelalterliche Siedlung im Herzogtum Oberbayern. Die Siedlung ist durch historische Quellen bekannt und wird mit einer archäologisch aufgefundenen mittelalterlichen Siedlung auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Oberschleißheim im Landkreis München identifiziert.

Historische Quellenlage

Die Siedlung Wachrain wird in einer päpstlichen Bulle aus dem Jahr 1260 genannt, in der Papst Alexander IV. die Rechte und Besitzungen des Klosters Weihenstephan bestätigte.[1][2][3] Wachrain wird darin als Besitzung des Klosters Weihenstephan zur Pfarrei St. Katharina in Garching gezählt, wie auch die Siedlungen Freimann, Fröttmaning, Dirnismaning, Mallertshofen, Schleißheim (heute Ober- und Unterschleißheim) und Lappen (heute Groß- und Kleinlappen), deren Lage bekannt ist und die ausnahmslos in der näheren Umgebung des archäologischen Fundorts liegen. Zur Zeit des Weihenstephaner Abts Sigmar (1138–1147) wird ein Willipold erwähnt, der als Laienbruder im Kloster Weihenstephan lebte und seinen Gutshof in Wachrain dem Kloster vermachte.[4]

Bereits im Jahr 1315 erscheinen von diesen Orten Wachrain, aber auch die bis heute bestehenden Dirnismaning und Lappen, nicht mehr in der Konradinischen Matrikel.[1][5] Auch in späteren Landkarten ist Wagrain nicht verzeichnet: weder in der von Johannes Aventinus (1523), in der jedoch nur die größten Orte erscheinen,[6] noch in den Bairischen Landtafeln von Philipp Apian (1566)[7] oder dessen handschriftlichen Aufzeichnungen.[8] In den Bairischen Landtafeln von Philipp Apian sind jedoch bereits die jüngeren, unmittelbar umliegenden Siedlungen Neuherberg und Oberhochmutting eingezeichnet, Neuherberg aber südlicher als das heutige Neuherberg, auf dessen Gebiet der archäologische Fundort liegt. Die zur Umgebung Wagrains gehörige handschriftliche Vorzeichnung Apians zu seiner Großen Karte von Bayern aus dem Jahr 1563 ist ebenso wie die gesamte Große Karte von Bayern, die noch detaillierter war als seine Landtafeln, nicht erhalten.[9]

Archäologische Fundsituation

Im Frühling und Sommer 2024 wurden bei einer archäologischen Grabung Spuren einer mittelalterlichen Siedlung als Bodendenkmal gefunden, deren Übereinstimmung mit der historischen Siedlung Wagrain für wahrscheinlich gehalten wird. Die Grabungen durch das Archäologische Büro Anzenberger & Leicht fanden auf dem Gelände des geplanten Neubaus des Bundesamtes für Strahlenschutz südlich des Helmholtz Zentrums München auf der Fröttmaninger Heide im Oberschleißheimer Ortsteil Neuherberg statt. Gefunden wurden auf einer Fläche von 2,5 Hektaren Spuren einer Siedlung mit mehr als zehn Häusern, darunter Wohn-, Handwerks- und Lagergebäude, 25 Öfen sowie auf einer Fläche von 15 × 7 Metern Spuren einer Kirche mit Apsis und etwa zwanzig Gräbern außerhalb der Kirche. In manchen Gräbern wurden gut erhaltene Skelette gefunden. Eines von vier weiteren Gräbern innerhalb der Kirche (Sepultur), in dem das Skelett einer Frau gefunden wurde, wird als das einer höhergestellten Person eingeschätzt.[10] Die Zeitstellung der Siedlung wird anhand gefundener Keramiken auf das 9. bis 15. Jahrhundert geschätzt.[1] Die Ausdehnung der Siedlung scheint die Grabungsfläche im Norden, Westen und Süden zu überragen.[1] Unbekannt ist, warum die Siedlung aufgegeben wurde. Diskutiert wird ein Wegzug in das nahegelegene München, das damals bereits mehrere tausend Einwohner hatte.

Neben den mittelalterlichen Funden wurden auch Keramiken sowie ein Hausgrundriss und ein Brunnen aus vorhistorischer Zeit, wahrscheinlich aus der Bronzezeit, gefunden.[1]

Der Fund wird vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege als außergewöhnlich umfangreich und vollständig eingeschätzt.[11]

Einzelnachweise

  1. a b c d e Birgit Anzenberger: Wachrain in der Fröttmaninger Heide? Ein mittelalterliches Dorf mit Kirche bei Neuherberg. In: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege (Hrsg.), Das archäologische Jahr in Bayern 2024. Verlag Schnell & Steiner, Regensburg 2025. ISBN 978-3-7954-9030-0.
  2. Martin von Deutinger (Hrsg.), Beiträge zur Geschichte, Topographie und Statistik des Erzbistums München und Freising, 6. Band, Seite 45 (Seite 57 des Digitalisats). München, 1854.
  3. Num. VI. Privilegium Alexandri IV. P. M. (deutsch: Urkunde Nr. 6 des Papstes Alexander IV.). In: Monumenta Boica, 9. Band, Seite 504 (Seite 524 des Digitalisats). München, 1767.
  4. Monumenta Weihenstephanensia, Num VIII. Sub Abbate Sigmaro 1138–1147 (deutsch: Weihenstephaner Chronik, Kapitel 8 Unter Abt Sigmar 1138–1147). In: Monumenta Boica, 9. Band, Seite 392 (Seite 412 des Digitalisats). München, 1767.
  5. Martin von Deutinger (Hrsg.), Die älteren Matrikeln des Bisthums Freysing III (PDF-Datei), München 1850.
  6. Johannes Aventinus, Petrus Apian, Aventins Karte von Bayern MDXXIII.
  7. Philipp Apian, Tafel 18 der Bairischen Landtafeln.
  8. Nachlass von Philipp Apian (1531–1589), 2. Accurata Descriptio Bavariae Superioris hoc est Monacensis Terarchiae ac eius Praefectuarum de loco ad locum sine authore et dato. Topographie von Bayern. Rentamt München. Seite 34 des Digitalisats.
  9. Handzeichnungen des Kartografen Philipp Apian. In: Website der Bayerischen Staatsbibliothek, Handgezeichnete Karten, abgerufen am 28. November 2025.
  10. Andreas Sachse: Skelette, Kirche und Co.: Archäologen buddeln ganzes Dorf aus – „Wichtigste Grabung Südbayerns“. Artikel des Münchner Merkur vom 7. August 2024, abgerufen am 28. November 2025.
  11. Fröttmaninger Heide: Archäologen entdecken vergessene Mittelalterkirche (PDF-Datei, 481 kB). Pressemitteilung des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege vom 6. August 2024, abgerufen am 28. November 2025.

Koordinaten: 48° 13′ 8,9″ N, 11° 35′ 38″ O