Wachstumsschmerzen

Als Wachstumsschmerzen werden bei Kindern meist nächtlich auftretende und kurzzeitig anhaltende Schmerzen bezeichnet, die vorwiegend in den Beinen lokalisiert werden und von selbst wieder aufhören. Erkrankungen des Bewegungsapparates (des muskuloskelettalen Systems) müssen ausgeschlossen werden. Die Ursache der Schmerzen ist unbekannt, normales Wachstum verursacht jedoch keine Schmerzen.

Epidemiologie

Die berichtete Häufigkeit von Wachstumsschmerzen variiert je nach Definition und Erhebungsmethode deutlich: In der Literatur finden sich Prävalenzangaben von etwa 3 % bis 49 %; in einer dänischen Vorschul-Kohorte lag die Prävalenz – je nach angewandten Kriterien – zwischen 24 % und 43 %.[1] Die große Spannbreite spiegelt vor allem die uneinheitlichen Diagnosekriterien wider, da es keine klare, konsensuale Definition gibt und wesentliche Merkmale (z. B. Alter, Muster, Beziehung zur Aktivität) uneinheitlich berichtet werden.[2] In der dänischen Kohorte stieg die Prävalenz mit dem Alter leicht an; hinsichtlich Geschlecht zeigten sich nur geringe Unterschiede (25 % bei Jungen und 23 % bei Mädchen), die statistisch nicht signifikant waren. Die Autorinnen berichten zudem, dass andere Arbeiten (meist mit älteren Stichproben und nicht spezifisch auf Wachstumsschmerzen fokussiert) häufiger höhere Raten bei Mädchen finden, was die Heterogenität der Befundlage unterstreicht.[1]

Ursachen

Die Ursache von Wachstumsschmerzen ist bislang unklar und wird in der Literatur als multifaktoriell beschrieben. Verschiedene Hypothesen werden diskutiert und teils durch Studien gestützt.

Niedrige Schmerzschwelle

Kinder mit Wachstumsschmerzen zeigen eine signifikant niedrigere Druckschmerzschwelle im Vergleich zu gesunden Kontrollgruppen, was auf eine generalisierte Schmerzverarbeitungssensitivität hinweist. Diese Beobachtung wird als Hinweis darauf interpretiert, dass nicht nur lokale mechanische Faktoren, sondern auch zentrale Schmerzverarbeitungsprozesse eine Rolle spielen könnten.[3]

Knochenfestigkeit und Überlastung

In einer Studie wurden bei betroffenen Kindern mittels Ultraschallmessungen niedrigere Werte der Knochenleitgeschwindigkeit festgestellt, was auf eine geringere Knochenfestigkeit hindeuten könnte und eine Rolle mechanischer Überlastung nahelegt. Die Autoren weisen darauf hin, dass diese strukturellen Unterschiede zusammen mit alltäglicher körperlicher Belastung die Schmerzepisoden begünstigen können.[4]

Gelenkhypermobilität und biomechanische Faktoren

Kinder mit Hypermobilität berichten häufiger über Wachstumsschmerzen; dies stützt die Annahme, dass Gelenkbeweglichkeit und muskuläre Ermüdung zur Entstehung beitragen können. Besonders auffällig ist dabei, dass Kinder mit ausgeprägter Hypermobilität häufiger eine familiäre Häufung von Beschwerden zeigen.[5]

Assoziationen mit anderen Schmerzen

In einem Teil der Fälle treten Wachstumsschmerzen zusammen mit wiederkehrenden Kopf- oder Bauchschmerzen auf, was in Studien als Hinweis auf gemeinsame Mechanismen oder familiäre Schmerzsyndrome diskutiert wird. Solche Begleitbeschwerden werden von den Autoren als Teil eines funktionellen Schmerzsyndroms verstanden, das mehrere Organsysteme betreffen kann.[3]

Weitere Hypothesen

Diskutiert werden zudem vaskuläre Durchblutungsstörungen, ein Zusammenhang mit dem Restless-Legs-Syndrom, psychosoziale Faktoren oder eine erhöhte Ermüdbarkeit (Fatigue). Die Fachliteratur betont, dass keine dieser Hypothesen bisher durch ausreichende Evidenz belegt ist, jedoch im Zusammenspiel möglicher Faktoren zur Erklärung beitragen könnten.[3]

Krankheitsbild

Trotz einer fehlenden Definition des Syndroms mit der hieraus sich ergebenden Folge, dass in Studien zu Wachstumsschmerzen je nach verwendeter Definition unterschiedliche Populationen untersucht werden, sind in der medizinischen Literatur folgende Charakteristika angegeben: Die Schmerzen treten vorwiegend beidseitig in den Beinen auf, häufig in Oberschenkeln, Waden oder hinter dem Knie.[3][2] Gelegentlich werden auch in den Armen Schmerzen angegeben. Meist treten die Schmerzen nachts plötzlich auf und wecken das Kind aus dem Schlaf, lassen aber spontan wieder nach. Massage, Wärme, sowie beruhigende Zuwendung werden von den Kindern als erleichternd empfunden.[3] Während und auch nach dem Auftreten der Schmerzen zeigen sich bei körperlichen Untersuchungen keine Auffälligkeiten. Die Kinder behalten ihre normale Aktivität bei und bieten keine Hinweise für ein krankhaftes Geschehen am Bewegungsapparat.[2] Die Beschwerden können über mehrere Jahre bestehen bleiben.[6]

Diagnose

Die Diagnose von Wachstumsschmerzen ist eine Ausschlussdiagnose. Erkrankungen des muskuloskelettalen Systems, die ebenfalls Schmerzen verursachen können, müssen ausgeschlossen werden, bevor von Wachstumsschmerzen gesprochen werden darf. Als behandelbare Ursachen kommen Verletzungen, Tumoren, Infektionen, rheumatologische Erkrankungen, Osteoidosteome und viele weitere Krankheiten in Frage. Der Ausschluss dieser Krankheiten erfolgt über die Bewertung des Krankheitsbildes sowie gegebenenfalls mithilfe zusätzlicher diagnostischer Prozeduren wie Blutuntersuchungen und Röntgenaufnahmen.[6][4]

Behandlung

Die Aufklärung von Eltern und Kind über den günstigen Verlauf der Beschwerden gilt als zentrale Maßnahme nach gesicherter Diagnose.[3] Während akuter Schmerzepisoden werden Massagen, Wärme oder beruhigendes Reiben sowie – falls nötig – analgetische Medikamente (z. B. Paracetamol oder Ibuprofen) empfohlen.[6] Auch Dehnübungen können zur Linderung beitragen.[7] In einigen Studien wurde zudem ein Zusammenhang zwischen Wachstumsschmerzen und Vitamin-D-Mangel beschrieben; nach Supplementierung kam es zu einer deutlichen Besserung der Symptomatik.[8] Eine dauerhafte Einnahme von Schmerzmitteln wird dagegen nicht empfohlen.

Literatur

  • T. Lehman, R. Feigin, M. Kim, R. Sundel: Growing pains. In: B. D. Rose (Hrsg.): UpToDate. UpToDate, Waltham MA 2008.
  • F. Goodyear-Smith, B. Arroll: Growing pains. In: BMJ, 2006 Sep 2, 333(7566), S. 456–457. PMID 16946319. Volltext (englisch), abgerufen am 11. Juni 2008.
  • Y. Uziel, P. J. Hashkes: Growing pains in children. In: Pediatr Rheumatol Online J., 2007 Apr 19, 5, S. 5. PMID 17550631, PMC 1869025 (freier Volltext) (englisch), abgerufen am 11. Juni 2008.

Einzelnachweise

  1. a b L. Hestbæk, A. Lücking, S. T. Jensen: Growing pains in Danish preschool children: a descriptive study. In: Scientific Reports. 2024, abgerufen am 3. Oktober 2025 (englisch).
  2. a b c M. O’Keeffe, S. J. Kamper, L. Montgomery, A. Williams, A. Martiniuk, B. Lucas, A. B. Dario, M. S. Rathleff, L. Hestbaek, C. M. Williams: Defining Growing Pains: A Scoping Review. In: Pediatrics. 1. August 2022, abgerufen am 3. Oktober 2025 (englisch).
  3. a b c d e f Y. Uziel, P. J. Hashkes: Growing pains in children. In: Pediatric Rheumatology Online Journal. 19. April 2007, abgerufen am 3. Oktober 2025 (englisch).
  4. a b V. Pavone, A. Vescio, F. Valenti, M. Sapienza, G. Sessa, G. Testa: Growing pains: What do we know about etiology? A systematic review. In: World Journal of Orthopaedics. 18. April 2019, abgerufen am 3. Oktober 2025 (englisch).
  5. V. Viswanathan, R. P. Khubchandani: Joint hypermobility and growing pains in school children. In: Clinical and Experimental Rheumatology. 2008, abgerufen am 3. Oktober 2025 (englisch).
  6. a b c P. J. Lehman, R. L. Carl: Growing Pains: When to Be Concerned. In: Sports Health. 8. Februar 2017, abgerufen am 3. Oktober 2025 (englisch).
  7. D. K.-Y. Pang, S.-Y. Ng: The treatability of growing pains in children – a mini review. In: Pediatric Dimensions. 9. Juni 2016, abgerufen am 3. Oktober 2025 (englisch).
  8. A. Vehapoglu, O. Turel, S. Turkmen, B. B. Inal, T. Aksoy, G. Ozgurhan, M. Ersoy: Are Growing Pains Related to Vitamin D Deficiency? Efficacy of Vitamin D Therapy for Resolution of Symptoms. In: Medical Principles and Practice. 27. Mai 2015, abgerufen am 3. Oktober 2025 (englisch).