Vox Christi

Als Vox Christi (lat. ‚Stimme Christi‘) werden in einer Kirchenkantate, einem Oratorium oder einer Passion Solopassagen bezeichnet, in denen Jesus Christus in der Ich-Form zu Wort kommt. Gemäß bereits mittelalterlicher Tradition werden diese Passagen einem Bass anvertraut. Bei der Wiedergabe in der Messe war dies ursprünglich die Aufgabe des Priesters. Älteste Form ist der rezitativische Vortrag des Bibeltextes im Wortlaut, wobei der Part des Evangelisten (Erzählers) vom Tenor übernommen wird. In der Musikpraxis des Barock, vor allem im Werk Johann Sebastian Bachs, finden sich darüber hinaus Ariosi und Arien, denen als Text ein Christuswort zu Grunde liegt, sowie freie madrigalische Dichtungen, die Christus in den Mund gelegt werden, oft im Rahmen von Dialogen mit der Seele, deren Part vom Sopran gesungen wird.

Vox Christi in Bachkantaten

Die Vox Christi kommt in einer Reihe von Bachkantaten vor:

1714

  • In Himmelskönig, sei willkommen (25. März 1714), Bachs erster Kantate in Weimar, für Palmsonntag, der in dem Jahr mit der Verkündigung des Herrn, werden Psalmverse behandelt, als spräche Jesus sie. Das einzige Rezitativ der Kantate erweitert sich zum Arioso: „Siehe, ich komme, im Buch ist von mir geschrieben“ Ps 40,7-8 .
  • In Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten! (20. Mai 1714) für Pfingsten singt der Bass die Jesus-Worte aus dem Evangelium, „Wer mich liebet, der wird mein Wort halten“, Joh 14,23 .
  • In Nun komm, der Heiden Heiland, BWV 61 (2. Dezember 1714) singt der Bass die Worte Christi aus Offb 3,20 : „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. So jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich eingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“

1715

1723

1724

  • In Schau, lieber Gott, wie meine Feind, BWV 153 (2. Januar 1724) singt der Bass das Bibelwort „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir“ (Jes 41,10 ), als ob Jesus es selbst sagte.
  • In Mein liebster Jesus ist verloren (9. Januar 1724) singt der Bass in einem Arioso die Antwort des zwölfjährigen Jesus auf die Frage seiner verzweifelten Eltern: „Wisset ihr nicht, daß ich sein muß in dem, das meines Vaters ist?“, (Lk 2,49 ).
  • In Jesus schläft, was soll ich hoffen? (BWV 81, 30. Januar 1724) singt der Bass im zentralen Arioso der Kantate „Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam?“ (Mt 8,26 )
  • Die Kantate Wo gehest du hin? (BWV 166, 7. Mai 1724) wird eröffnet vom Bass mit einem Zitat aus der dritten Abschiedsrede, die auch als eine Frage nach der grundsätzlichen Richtung des Lebensweges zu verstehen ist.
  • In Wahrlich, wahrlich, ich sage euch (BWV 86, 14. Mai 1724) singt der Bass im ersten Satz das Versprechen aus einer Abschiedsrede Jesu, (Joh 16,23 ).
  • In Jesu, der du meine Seele, BWV 78 (10. September 1724) wird das Bass-Rezitativ „Die Wunden, Nägel, Kron und Grab“ von Streichern begleitet wie die Vox Christi in Bachs Matthäus-Passion.
  • Die Kantate Selig ist der Mann, BWV 57 (26. Dezember 1724) ist ein Dialog zwischen Jesus und der Anima (Seele).

1725

1726

1731

1732? In der Choralkantate Es ist das Heil uns kommen her, BWV 9[3] können drei Bass-Rezitative, Umdichtungen von vielen Strophen des gleichnamigen Chorals, als lutherische Predigt über Themen aus der Bergpredigt aufgefasst werden.

Sänger

Einige Bässe und Baritone sind besonders für ihre Gestaltung der Jesus-Worte in den Passionen bekannt, darunter:

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. John Eliot Gardiner: Cantatas for the Twenty-second Sunday after Trinity All Saints, Tooting. (PDF) In: solideogloria.co.uk. 2010, S. 5 ff., archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 5. Oktober 2011; abgerufen am 5. November 2010 (englisch).
  2. a b Alfred Dürr: Die Kantaten von Johann Sebastian Bach. Bärenreiter 1999, ISBN 3-7618-1476-3.
  3. Es ist das Heil uns kommen her. Bach Cantatas Website, Texte und Übersetzungen (englisch).