Vollmer Werke
| Vollmer Werke Maschinenfabrik GmbH
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|---|---|
| Rechtsform | GmbH |
| Gründung | 1909 |
| Sitz | Biberach an der Riß, Deutschland |
| Leitung |
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| Mitarbeiterzahl | 722 (2021) |
| Umsatz | 120,3 Mio. Euro (2021) |
| Branche | Maschinenbau |
| Website | https://www.vollmer-group.com/de/ |
| Stand: 31. Dezember 2021 | |
Die Vollmer Werke Maschinenfabrik GmbH (Eigenschreibweise: VOLLMER WERKE) ist ein weltweit tätiges Maschinenbauunternehmen mit Sitz in Biberach an der Riß.
Das Produktprogramm umfasst Schärfmaschinen für die holz- und metallverarbeitende Industrie. In diesem Bereich der Schärf- und Erodiermaschinen gilt Vollmer als Weltmarktführer.
Der Entwicklungsstandort befindet sich ebenfalls in Biberach an der Riß. Weitere Niederlassungen, die in der Vollmer-Gruppe zusammengefasst sind, finden sich in Mörlenbach (Odenwald) und in Österreich, Großbritannien, Frankreich, Italien, Polen, Spanien, Schweden, den USA, Brasilien, Japan, China, Südkorea, Indien, Russland sowie Thailand.[1]
Das Unternehmen befindet sich zu 80 % im Besitz der Sieglinde Vollmer Stiftung. Die restlichen 20 % befinden sich im Familienbesitz.
Produkte
Als Spezialist für Schärfmaschinen hat das Unternehmen rund 60 Modelle an Schleif- und Erodiermaschinen entwickelt. Die Schleifmaschinen werden in erster Linie für Bandsägeblätter sowie Kreissägeblätter aus Hartmetall (HM) oder HSS (High Speed Steel) eingesetzt. Mit den Erodiermaschinen, die auf dem Prinzip des Funkenerodierens basieren, werden Diamant-Werkzeuge (polykristalliner Diamant) unterschiedlicher Art geschärft.[2] Zu den Kunden gehören Werkzeughersteller, Schärfdienste und Sägewerke.
Geschichte
1909 konstruierte der aus Altdorf bei Nürtingen stammende schwäbische Erfinder Heinrich Vollmer (1885–1961) einen Apparat zum Schränken von Sägen[3] und gründete im selben Jahr, zunächst in Ebingen, ab 1910 in Biberach an der Riß die Vollmer Werke. Dort werden Schleif-, Feil- und Schränkmaschinen für die Sägeblattherstellung gefertigt.
1927 erhielt er ein Patent für die Vollmer-MPi, ein Vorläufer der Erma EMP und der späteren Standardmaschinenpistolen der Wehrmacht, der MP38 und MP40.
Die Vollmer-Werke waren ein Maschinenbauunternehmen, das in den 1930er- und 1940er-Jahren zunehmend in die NS-Aufrüstung und ab 1940 in die Rüstungsproduktion eingebunden wurde.[4] Während des Zweiten Weltkriegs setzte der Betrieb neben deutschen Beschäftigten auch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiterinnen ein. Die Unterbringung sowjetischer Arbeiterinnen erfolgte in Biberach im sogenannten „Pflugkeller“.
Einbindung in Aufrüstung und Rüstungsproduktion (1933–1945)
Nach der Weltwirtschaftskrise stabilisierte sich die Lage der Vollmer-Werke ab 1933 schrittweise. In dieser Phase übernahm das Unternehmen u. a. die Fertigung von Stahlbügeln für Feldbetten des Reichsarbeitsdienstes. Die Beschäftigtenzahl stieg bis 1939 auf 220.[5] Mit Kriegsbeginn konnte Vollmer zunächst weiterhin Schärfmaschinen herstellen, da Spezialausführungen für Pioniereinheiten benötigt wurden. Zusätzlich wurden Maschinen auch in den besetzten Ostgebieten eingesetzt. Ab 1940 übernahm der Betrieb waffenrelevante Rüstungsaufträge.
Nach Angaben aus der landesgeschichtlichen Biografie fertigten die Vollmer-Werke u. a. Kammern und Kornhalter für die Maschinenpistole 38, später außerdem Verbindungsstücke für das Sturmgewehr 44. Als wichtigstes Produkt wird der "Kurvenhalter" für das MG 42 genannt, dessen Abnahme im Werk durch Heeresoffiziere begleitet worden sei. Im Zeitraum Frühjahr bis Herbst 1942 seien monatlich 600–900 Kurvenhalter ausgeliefert worden. 1942 erhielt Heinrich Vollmer das Kriegsverdienstkreuz für wirtschaftliche Leistungen.[6]
Arbeitskräftepolitik und Zwangsarbeit
Die Belegschaft wuchs im Krieg auf etwa 500 Personen an. Belegt sind dabei auch Kriegsgefangene (u. a. Franzosen) und polnische Arbeitskräfte. Im Jahr 1942 kamen sowjetische Zivilarbeiterinnen ("Ostarbeiterinnen") nach Biberach.[7]
Heinrich Vollmer soll nicht Mitglied der NSDAP gewesen sein, obwohl lokaler politischer Druck bestanden habe. Der Betrieb war aber "seit den 1930er-Jahren" wirtschaftlich von der Aufrüstung abhängig bzw. könnte die Rüstungsproduktion betriebswirtschaftlich als Ausweg aus einem engen Nischenmarkt interpretiert werden.[4]
Kriegsende und unmittelbare Nachkriegsfolgen (1945–1948)
Beim Einmarsch der französischen Besatzung am 23. April 1945 wird berichtet, französische Kriegsgefangene aus dem Betrieb hätten einen Aushang angebracht, der um Schonung des Werks bat. Teile des Verwaltungsgebäudes seien beschlagnahmt worden. Bereits am 2. Mai 1945 sei die Arbeit wieder aufgenommen worden.[8]
Wegen der Rüstungsproduktion wurde der Betrieb nach Kriegsende auf eine Demontageliste gesetzt. Eine Totaldemontage sei u. a. durch Fürsprache verhindert worden. Belegt sind außerdem Abtransporte/Requirierungen von Werkzeugmaschinen (u. a. 1945 und 1948).
1952 entwickelte das Unternehmen für die aufkommenden hartmetall-bestückten Kreissägeblätter ein spezielles Schärfmaschinenprogramm. Dieses Geschäftsfeld gewann durch ständige Neu- und Weiterentwicklungen in den folgenden Jahrzehnten eine wichtige Bedeutung. Nach dem Tod des Firmengründers übernahm 1964 dessen Tochter Sieglinde Vollmer gemeinsam mit ihrem Bruder Udo die Geschäftsführung.[9] 1988 entwickelte das Unternehmen ein Maschinenprogramm zum Erodieren von diamantbestückten Werkzeugen für die holzverarbeitende Industrie. 1998 präsentierte das Unternehmen eine neue Drahterodiermaschine und stieg mit dieser Technologie in die metallverarbeitende Industrie ein.
2006 übernahm das Unternehmen die Loroch GmbH in Mörlenbach, mit der bereits seit 1994 eine Vertriebskooperation bestand, und erweiterte damit das Produktportfolio um Schärfmaschinen für die Bearbeitung von HSS-bestückten Kreissägeblättern.[10]
2009 weihte das Unternehmen ein Technologie- und Dienstleistungszentrum ein.
Nach Recherchen des SWR liefert das Unternehmen auch nach der Invasion Russlands in die Ukraine große Maschinen wahrscheinlich über Zwischenhändler, z. B. in der Türkei, nach Russland.[11] Die Firma hält weiterhin eine russischsprachige Version ihrer Webseite aufrecht.[12]
Siehe auch
Weblinks
- Offizielle Website
- Firmendetails in der Biografie des Gründers Heinrich Vollmer
Einzelnachweise
- ↑ Vollmer mit neuer Niederlassung in Thailand. Abgerufen am 24. November 2022.
- ↑ EMO 2011: Vollmer Gruppe – Vollmer schärft sein Profil für die Metaller. In: Allgemein, 27. Juli 2011. Auf Zerspanungstechnik.de, abgerufen am 8. November 2020.
- ↑ Frank Brunecker: Vollmer, Heinrich – Biografie. In: Baden-Württembergische Biographien, Band 6, S. 492–495. Auf Leo-BW.de, abgerufen am 8. November 2020.
- ↑ a b Frank Brunecker: Biberacher Industriegeschichte.
- ↑ Vollmer Heinrich - Detailseite - LEO-BW. Abgerufen am 28. Dezember 2025.
- ↑ Vollmer Heinrich - Detailseite - LEO-BW. Abgerufen am 28. Dezember 2025.
- ↑ Stadt Biberach: Vera Teluschkina, geb. Latuschkina (1925 – 2004), Zwangsarbeiterin von 1942 bis 1945.
- ↑ Vollmer Heinrich - Detailseite - LEO-BW. Abgerufen am 28. Dezember 2025.
- ↑ Gerd Mägerle: In der Männerwelt ging sie ihren Weg: „Fräulein Vollmer“ ist mit 100 Jahren gestorben. In: Schwäbische Zeitung. 30. Januar 2025, abgerufen am 30. Januar 2025.
- ↑ Vollmer und Loroch erweitern Vertriebskooperation. 17. Juli 2006. Auf Pressebox.de, abgerufen am 8. November 2020.
- ↑ Deutsche Maschinen für Russlands Militär. In: tagesschau.de. 10. Oktober 2024, abgerufen am 12. Oktober 2024.
- ↑ Firmenwebseite der Vollmer-Gruppe siehe www.vollmer-group.com/ru, abgerufen am 12. Oktober 2024.
Koordinaten: 48° 6′ 12″ N, 9° 47′ 13″ O