Viviane Sassen

Viviane Sassen (geboren am 5. Juli 1972 in Amsterdam) ist eine niederländische Modefotografin und Fotokünstlerin. Sie arbeitet häufig mit absurden Bildinszenierungen, Collagen, Elementen aus der bildenden Kunst und Körperabstraktionen.[1] Ihre Werke werden als surrelistisch beschrieben.[2] Sie wurde zweimal mit dem Deutschen Fotobuchpreis ausgezeichnet, 2007 erhielt sie den Niederländischen Prix de Rome[3] und 2011 den Infinity Award des International Center of Photography in New York.[4]

Leben

Viviane Sassen lebte als Kind einige Jahre mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf in Kenia, Nyabondo, in der Nähe des Victoriasees,[5] da ihr Vater dort die örtliche Polioklinik leitete.[6] Sie hat zwei Brüder, die dort geboren wurden.[7] Als sie fünf war, kehrten ihre Eltern in die Niederlande zurück, nach Zutphen.[8] Ihr Vater starb durch Suizid, als sie 22 war.[7] Sie begann 1990 ein Modedesign-Studium an der ArtEZ hogeschool voor de kunsten, der Kunsthochschule in Arnhem,[9] wechselte jedoch 1992 an die Kunsthochschule nach Utrecht, wo sie Fotografie und Kunst studierte. Das Studium schloss sie 1997 mit einem Master of Fine Arts ab.[10]

Seit 1992 arbeitet sie als freie Fotografin,[11] ihr Atelier befindet sich in Amsterdam, unweit der Prinsengracht.[5] Ihre erste Beziehung hatte sie mit dem niederländischen Schriftsteller Tommy Wieringa.[7] Sie ist mit einem Niederländer verheiratet, das Paar hat einen Sohn, der 2008 geboren wurde.[7]

Werk

Viviane Sassen hat ihren Schwerpunkt in der künstlerischen und der Modefotografie. In einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit gab sie an, dass eine Tätigkeit als Model während ihres Modestudiums sie dazu gebracht habe, selbst die Kamera in die Hand zu nehmen, im Verlangen nach einer Art von Selbstermächtigung.[7] Um die Jahrtausendwende begann sie Freundinnen und Kollegen als Subjekte in Fotografien einzubeziehen, die sich zu der Zeit mit Körperakten und der „Erforschung weiblicher Sexualität“ befassten. Die Bildstrecken wurden in Magazinen wie Purple und Dazed & Confused veröffentlicht.[12]

Sie arbeitet oft mit Collagen und Abstraktionen ineinander verschlungener Körper, bei denen die Gesichter der Fotografierten nicht zu erkennen sind.[13] Der menschliche Körper erscheint in ihren Fotografien oft fragmentiert und neu zusammengesetzt, in einem beinahe skulpturalen Verständnis von Fotografie.[2] Sowohl während der Aufnahmen als auch in der anschließenden Bildbearbeitung spielt sie mit Farbfiltern, farbigen Kompositionen und geometrischen Formen im Bildkontext, die sowohl im Umgebungsraum durch Alltagsgegenstände entstehen als auch als Objekt von ihr für die Aufnahme ins Bild gesetzt werden oder anschließend durch Übermalung und Collagierung erzeugt werden.

Als Stilmittel nutzt sie helles Mittagslicht in ihren Aufnahmen, was in der Fotografie eher unüblich ist.[5] In ihren frühen Arbeiten entwarf sie Bildinszenierungen zunächst in Skizzenbüchern und setzte sie dann mittels analoger Fotografie um, heute arbeitet sie ausschließlich digital mit einer Mittelformatkamera des Herstellers Phase One.

Im Jahr 2001, im Alter von 29 Jahren, kehrte sie zum ersten Mal seit ihrer Kindheit auf den afrikanischen Kontinent zurück, was sich im 2008 erschienenen Fotoband Flamboya spiegelt, der assoziativ Porträtfotos von Zufallsbegegnungen collagiert.[14] Auch die Fotografien zum Buch Parasomnia (2011) sind in Afrika entstanden, an unterschiedlichen Schauplätzen. Sassen versteht die Bilder als eine künstlerische Auseinandersetzung mit ihren Kindheitserinnerungen an die Zeit in Kenia.[8] Das Buch enthält neben ihren Bildern eine Kurzgeschichte des ugandischen Schriftstellers Moses Isegawa.

Das Buch Umbra (2015) und die dafür entstandenen Werke entstanden als Auseinandersetzung mit den Depressionen und dem Tod ihres Vaters. Sie spielt darin mit Variationen von Dunkelheit und Schatten.[7] Für die Ausstellung Umbra im Nederlands Fotomuseum gelangte Sassen auf die Shortlist des Deutsche Börse Photography Foundation Prize 2015.[14]

Sie fotografierte zahlreiche Bildstrecken für internationale Magazine und Zeitungen und ist auch in der Werbefotografie tätig.[15] So fotografierte sie etwa für Bottega Veneta Mica Argañaraz und Sven de Vries im Kröller-Müller Museum für die Frühjahrs-/Sommer-Kollektion 2016 und Natalie Portman und Yara Shahidi für Dior im Jahr 2022.

2018 gestaltete sie für ein Jahr lang eine Fotokolumne für das Zeit-Magazin, in deren Rahmen Kurzlyrik der Dichterin Maria Barnas, mit der sie seit vielen Jahren bekannt ist, zu ihren Bildern gestellt wurden.[16]

Viviane Sassen wird international von der in Südafrika ansässigen Stevenson Gallery vertreten, die Niederlassungen in Johannesburg und Kapstadt unterhält.[7] Werke von ihr befinden sich unter anderem in der Mercedes-Benz Art Collection,[17] im Museum of Modern Art in New York, im San Francisco Museum of Modern Art, im Museum Arnhem[18] und im Nederlands Fotomuseum in Rotterdam.

Publikationen (Auswahl)

  • Flamboya. Contrasto, Amsterdam 2008, ISBN 978-88-6965-139-7.
  • Sol & Luna. Libraryman, Hägersten 2009, ISBN 978-91-86269-24-1.
  • Sketches. Polaroids made in Africa. 1. Auflage. Kominek, Berlin 2010. (2. Auflage 2015)
  • Parasomnia. Prestel Verlag, München 2011, ISBN 978-3-7913-4521-5.
  • Die Son Sien Alles. Libraryman, Hägersten 2011, ISBN 978-91-86269-19-7.
  • Roxane. Oodee, London und Paris 2012, ISBN 978-0-9570389-1-2.
  • In and Out of Fashion. Prestel, München 2012, ISBN 978-3-7913-4828-5.
  • Etan & Me. Odee, London und Paris 2013, ISBN 978-0-9570389-4-3.
  • Lexicon. Art Beat, Tokio 2014, ISBN 978-4-902080-48-3.
  • Pikin Slee. Prestel, München 2014, ISBN 978-3-7913-4953-4.
  • Umbra. Prestel, München 2015, ISBN 978-3-7913-8160-2.
  • Roxane II. Odee, London und Paris 2017, ISBN 978-0-9570389-9-8.
  • Shigeo Goto, Sawako Fukai (Hrsg.): Of Mud And Lotus. Art Beat, Tokio 2017, ISBN 978-4-902080-63-6.
  • Heliotrope. TBW Books, Oakland 2018, ISBN 978-1-942953-33-3.
  • Hot Mirror. Prestel, München 2018, ISBN 978-3-7913-8476-4.

Ausstellungen (Auswahl)

Einzelausstellungen

  • 2001: I see you gorgeous blossom special, Fotofestival Naarden
  • 2005: mit Emmeline de Mooij: Realm, Motive Gallery, Amsterdam
  • 2006: Die son sien alles, Motive Gallery, Amsterdam
  • 2007: As the crow flies, Museum Jan Cunen, Oss
  • 2008: Flamboya, FOAM Fotografiemuseum, Amsterdam
  • 2008: Flamboya, De Gang, Haarlem
  • 2010: Moshi, Stevenson Gallery, Kapstadt
  • 2010: Sketches & Flamboya, Kominek Galerie, Berlin
  • 2011: Sketches & Flamboya, Fotohof, Salzburg
  • 2011: Parasomnia, Motive Gallery, Amsterdam
  • 2012: Youth Code, Photo Biennale Daegu, Südkorea
  • 2012: There There, Crawford Gallery, Cork, Irland
  • 2013: In and Out of Fashion, Rencontres d’Arles[14]
  • 2013: In and Out of Fashion, Scottish National Portrait Gallery, Edinburgh
  • 2013: Three Magi, Kunstverein Arnsberg
  • 2014: Umbra, Nederlands Fotomuseum, Rotterdam[19]
  • 2014: Analemma: Fashion Photography 1992–2012, The Photographers’ Gallery, London[10]
  • 2014: In and Out of Fashion, Fotomuseum Winterthur
  • 2014: In and Out of Fashion, Fotografie Forum Frankfurt
  • 2014: Lexicon, Moontower Foundation (Rebecca Horn)
  • 2015: Pikin Slee, Etan & Me, Museum Hilversum
  • 2015: Pikin Slee, Centre PasquArt, Biel
  • 2015: Pikin Slee, Institute of Contemporary Arts, London
  • 2016: Lexicon, Hordaland Kunstsenter, Bergen
  • 2017: Of Mud and Lotus, Stevenson Gallery, Johannesburg
  • 2017: Umbra, Fotografiska, Stockholm
  • 2017: Umbra, Deichtorhallen, Hamburg
  • 2017: Umbra, Museum of Contemporary Photography, Chicago
  • 2018: Hot Mirror, Hepworth Wakefield
  • 2019: Visible/Invisible, Grand Trianon im Schloss Versailles, Frankreich
  • 2020: Venus & Mercury, Huis Marseille Museum für Fotografie, Amsterdam
  • 2022: Stanze, Foto Forum Bolzano
  • 2022: Venus and Mercury, Museum of Contemporary Art Zagreb
  • 2023: Phosphor – Art & Fashion, Maison Européenne de la Photographie, Paris
  • 2023: Fabulous Monsters, Dat Bolwerck, Zutphen
  • 2024: Phosphor – Art & Fashion, Fotografiemuseum Amsterdam
  • 2024: Phosphor – Art & Fashion, Fotografiska, Shanghai
  • 2024: Phosphor – Art & Fashion, 12th Kyotographie Festival, Japan
  • 2025: This Body Made of Stardust, Collezione Maramotti, Reggio Emilia[13]
  • 2025: The Body as Sculpture, Fotografiska Berlin[20]

Gruppenausstellungen

  • 2000: Kinship, Amsterdam Centrum voor Fotografie, Amsterdam
  • 2003: Rotterdam Design Prijs, Museum Booijmans van Beuningen, Rotterdam
  • 2006: Die Liebe zum Licht, Städtische Galerie Delmenhorst
  • 2006: Die Liebe zum Licht, Robert Simon Stiftung, Celle
  • 2007: Festival International de Mode et de Photographie, Villa Noailles, Hyères
  • 2007: Dutch Fantasy – Nouvelles images de mode Néerlandaises, Institut Néerlandais, Paris
  • 2010: Flamboya, Brighton Photo Biennial, kuratiert von Martin Parr, Brighton
  • 2011: New Photography 2011, Museum of Modern Art, New York, mit Moyra Davey, Zhang Dali, George Georgiou, Deana Lawson und Doug Rickard[21]
  • 2011: No fashion, please!, Kunsthalle Wien
  • 2012: The Youth Code, im Rahmen der Daegu Photo Biennale, Südkorea, mit Anouk Kruithof, Ryan McGinley und Willem Popelier[14]
  • 2012: Young People, Fotomuseum Winterthur
  • 2012: Six Yards: Guaranteed Dutch Design, Museum for Modern Art, Arnhem
  • 2013: The Encyclopedic Palace, 55. Biennale di Venezia
  • 2013: Art and Textile: Fabric as Material and Concept in Modern Art from Klimt to the Present, Kunstmuseum Wolfsburg
  • 2013: Oranje, Schlifka-Molina Gallery, Buenos Aires
  • 2013: 43 Salón (inter) Naçional de Artistas, Museo de Antioquia, Medellín
  • 2014: Where there’s smoke, Fraenkel Gallery, San Francisco
  • 2014: Kunst & Textil, Staatsgalerie Stuttgart
  • 2015: Umbra, Deutsche Börse Photography Foundation Prize, Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main
  • 2015: Umbra, Deutsche Börse Photography Foundation Prize, TPG London
  • 2015: Ray DE 2015, Museum für Angewandte Kunst, Frankfurt am Main
  • 2015: When I give, I give myself, Van Gogh Museum, Amsterdam
  • 2016: Freundschaftsspiel Istanbul-Freiburg, Museum für Neue Kunst Freiburg
  • 2017: Blue Black, Pulitzer Arts Foundation, St. Louis, USA
  • 2017: Blurred Lines: A Matter of Attitude, Ulster Museum, Belfast
  • 2017: Sea Views, Rijksmuseum Amsterdam

Preise und Auszeichnungen

Einzelnachweise

  1. Nora Uitterlinden: Language of forms: An interview with Viviane Sassen. In: x-publishers (Hrsg.): gupmagazine.com. 13. Dezember 2012 (gupmagazine.com [abgerufen am 9. Januar 2026]).
  2. a b Petra Gerwers: Viviane Sassen – The Body As Sculpture. In: profifoto.de. 18. Februar 2025, abgerufen am 9. Januar 2026.
  3. a b Huis Marseille: In and Out of Fashion – Photographs by Viviane Sassen. In: lensculture.com. Abgerufen am 9. Januar 2026 (englisch).
  4. Past Recipients. In: icp.org. International Center of Photography, abgerufen am 9. Januar 2026 (englisch).
  5. a b c Camilla Péus: Viviane Sassen: Surreal, aber Sensibel. In: ideat.de. Good Life Publishing Hamburg, abgerufen am 9. Januar 2026.
  6. Viviane Sassen: Flamboya. In: stevenson.info. Abgerufen am 1. Januar 2026 (englisch).
  7. a b c d e f g Sascha Chaimowicz: Viviane Sassen: "Als Model sah ich mich als schüchterne Exhibitionistin". In: Die Zeit. 28. Dezember 2017, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 9. Januar 2026]).
  8. a b Alexander Krex: Auf der Suche nach dem afrikanischen Licht. In: Die Zeit. 24. November 2011, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 9. Januar 2026]).
  9. Catherine Somzé: Viviane Sassen: As the crow flies. Interview. In: cameralittera.org. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 27. September 2018; abgerufen am 9. Januar 2026 (englisch).
  10. a b Sean O’Hagan: Fashion photographer Viviane Sassen: a different take. In: The Guardian. 12. Oktober 2013, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 9. Januar 2026]).
  11. a b c Preisträgerin 2015: Viviane Sassen. In: dfa.photography. Deutsche Fotografische Akademie, 25. April 2015, abgerufen am 31. Dezember 2025.
  12. Hortense Pisano: Verbergen ist eine Kunst. In: taz.de. 16. Juni 2014, abgerufen am 9. Januar 2026.
  13. a b Hanno Rauterberg: Viviane Sassen: Hier schläft das Glück. In: Die Zeit. 18. Mai 2025, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 9. Januar 2026]).
  14. a b c d Ann Binlot: Viviane Sassen: In and Out of Fashion. In: wmagazine.com. 20. Februar 2014, abgerufen am 9. Januar 2026 (englisch).
  15. Moritz Scheper: Fotografie und Mode: Welt zwischen Wachen und Träumen. In: Die Tageszeitung: taz. 17. Mai 2013, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 9. Januar 2026]).
  16. Viviane Sassen, Maria Barnas: Was ist weiblich? In: zeit.de. 29. September 2018, abgerufen am 9. Januar 2026.
  17. Viviane Sassen. In: Mercedes-Benz Art Collection. Abgerufen am 9. Januar 2026 (deutsch).
  18. Zonder titel (Affiche van MODE 5ODE). In: collectiegelderland.nl. Abgerufen am 9. Januar 2026 (niederländisch).
  19. a b Publications. Viviane Sassen: Umbra. In: stevenson.info. Abgerufen am 9. Januar 2026 (englisch).
  20. Ramona Nickl: Ausstellungstipp in Berlin 2025: „The Body As Sculpture“. In: harpersbazaar.de. 8. März 2025, abgerufen am 9. Januar 2026.
  21. New Photography 2011: Moyra Davey, George Georgiou, Deana Lawson, Doug Rickard, Viviane Sassen, Zhang Dali. In: moma.org. Museum of Modern Art New York, abgerufen am 10. Januar 2026 (englisch).
  22. Kees Scherer prijs toegekend aan Niels Stomps. In: fotoexpositie.nl. 26. Mai 2009, abgerufen am 9. Januar 2026 (niederländisch).
  23. Künstlerin: Viviane Sassen. In: Der blaue Reiter. Identität. Nr. 55. Verlag für Philosophie, Hannover 2025, ISBN 978-3-933722-95-9 (derblauereiter.de [abgerufen am 31. Dezember 2025]).
  24. thoMas: Ausgezeichnete Fotobücher: Deutscher Fotobuchpreis 2013. In: photoscala.de. 16. November 2012, abgerufen am 9. Januar 2026.
  25. Drie nominaties voor Kees Scherer Prijs. In: photoq.nl. 11. Dezember 2013, abgerufen am 9. Januar 2026 (niederländisch).
  26. Viviane Sassen: Umbra. In: mocp.org. Museum of Contemporary Photography at Columbia College Chicago, abgerufen am 9. Januar 2026 (englisch).