Vita Albarti
Die Vita Albarti archiepiscopi Casellensis ist ein wohl um die Mitte des 12. Jahrhunderts von einem Regensburger Iren verfasstes, knapp gehaltenes Heiligenleben von geringem historischem Wert. Die Vita schildert das Leben des Heiligen Albert, der als Gefährte des Heiligen Erhard beschrieben wird. In England geboren, wird er Bischof von Cashel, besucht verschiedene Pilgerstätten und verstirbt schließlich in Regensburg, wo er neben seinem Gefährten bestattet wird.
Testüberlieferung
Das Heiligenleben ist in mehreren Handschriften überliefert;[1] darunter der Codex BSB Clm 14473,[2] 13. Jh., sowie die Wiener Handschrift ÖNB 336 (Historia ecclesiastica 5),[3] frühes 13. Jh., die einen Teil des Legendarium Austriacum überliefert. Diese Codices sind von Wilhelm Levison bei seine Edition herangezogen worden. Darüber hinaus ist die Vita Albarti in weiteren Handschriften desselben Überlieferungsstrangs wie die Wiener Handschrift bezeugt, namentlich im Codex Sanctae Crucis 12[4] (spätes 12. Jh.), im Codex Zwettlensis 24[5] (erstes Viertel des 13. Jh.), im Codex Admontensis 24[6] (13. Jh.), im Codex Mellicensis 492 (15. Jh.)[7] sowie im Codex BSB Clm 14186 (15. Jh.).[8] Die editio princeps der Vita Albarti wurde von Bernardus Pez in seinem Thesaurus anecdotorum novissimus, Bd. II,3, Augsburg/Graz 1721, Sp. 181–84, vorgelegt; sie beruht auf dem Codex BSB Clm 14473.[9]
Handlung
Die Legende[10] schildert das Leben des heiligen Albert, der demnach in London gelebt habe und aufgrund seines frommen Lebenswandels weithin bekannt gewesen sei. Erhard († um 715/17), in der Vita als aus Irland stammend und als Bischof von Armagh bezeichnet, sei von dort aufgebrochen, um Albert zu begegnen. Es habe sich zwischen beiden ein enges Verhältnis entwickelt, das schließlich zu einer gemeinsamen Rückkehr nach Irland geführt hätte. Dort habe Albert auf Wunsch der Bevölkerung von Cashel das Amt des Erzbischofs der Königsstadt übernommen, deren Bischofssitz zu diesem Zeitpunkt seit zwei Jahren vakant gewesen sei.
Aus Sorge um ihr Seelenheil hätten Albert und Erhard in der Folge mehrere bedeutende christliche Wallfahrtsstätten aufgesucht; in Rom habe Papst Formosus († 896) sie unterwiesen und darin bestärkt, auch weiterhin fern der Heimat zu wirken. Nach dieser Begegnung hätten sich die Wege der beiden Gefährten getrennt. Albert sei daraufhin mit sieben Begleitern über das Meer zum Grab des Herrn nach Jerusalem gereist, wo einer von ihnen verstorben und auch dort bestattet worden sei.
Anschließend habe Albert mit den verbliebenen Gefährten die Rückkehr nach Europa angetreten, wobei ein weiterer Begleiter mit dem Namen Johannes in Salzburg den Tod gefunden habe. Von Sehnsucht nach Erhard bewegt, habe Albert schließlich Regensburg aufgesucht; da dieser jedoch inzwischen verstorben gewesen sei, habe Albert sich klagend an dessen Grab niedergeworfen, Schlaf und Ruhe aufgegeben und unablässig bei Tag und Nacht im Gebet verharrt. Am 25. Mai sei er dort tot aufgefunden und in unmittelbarer Nähe seines Gefährten bestattet worden.
Quellen
Als zentrales Arbeitsmittel bei der Abfassung der Vita fungierte ohne Zweifel die Bibel – besonders das Neue Testament –, aus der eine Vielzahl von Zitaten und Anspielungen entnommen wurde. Obgleich die Ausschmückung hagiographischer Texte mit biblischen Bezügen durchaus gängig ist, drängt sich im Fall der Vita Albarti der Eindruck auf, der Autor habe die dichte Zitierpraxis eingesetzt, um das Fehlen belastbarer biographischer Details zu kaschieren. Auf ältere, eigenständige Überlieferungen zu Albert scheint er nicht zurückgegriffen zu haben; zumindest lassen sich keinerlei Spuren einer solchen Rezeption nachweisen. Diese Feststellung fügt sich schlüssig in die Annahme einer ausgeprägten Quellenknappheit.[11]
Darüber hinaus setzt der Verfasser beim intendierten Publikum eine Vertrautheit mit der Erhardtradition, insbesondere mit der Vita Erhardi, voraus, die ihm selbst bekannt gewesen sein muss. Auffällig ist dabei, dass Albert in diesem Heiligenleben keinerlei Erwähnung findet. Umso bemerkenswerter erscheint die spätere enge Verflechtung von Albertvita und Erhardlegende. Der scharfe Gegensatz zwischen der in der Vita Albarti nachdrücklich betonten Freundschaft Alberts mit Erhard und dem vollständigen Schweigen der Erhardvita in dieser Hinsicht lässt den jüngeren Text problematisch erscheinen, zumal ein überzeugendes Motiv für dieses vorherige Auslassen nicht erkennbar ist.[12]
Datierung
Die ältere Forschung datierte die Abfassung des Heiligenlebens überwiegend nach 1152, gestützt auf die Bezeichnung Cashels als Erzbistum und die überlieferte Angabe, das Pallium sei in jenem Jahr erstmals nach Cashel gelangt. Dies übersieht jedoch, dass der erzbischöfliche Sitz bereits 1111 eingerichtet wurde, auch wenn das Pallium das Bistum erst später erreichte. Ein sicherer terminus post quem ergibt sich daher aus der Errichtung des Sitzes 1111. Zu berücksichtigen ist ferner, dass sich das Schottenkloster St. Jakob zu Beginn des 12. Jh. noch in einer frühen Entwicklungsphase befand; die erste Kirchweihe erfolgte ebenfalls 1111. Zusammen mit möglichen literarischen Bezügen zur Visio Tnugdali legt dies eine Entstehung nicht zu früh im 12. Jh. nahe. Unter Berücksichtigung dieser Faktoren erscheint eine Abfassung bald nach der Mitte des 12. Jh. vertretbar, wenngleich weniger gesichert als die ältere Spätdatierung. Der terminus ante quem ergibt sich aus der Aufnahme der Vita Albarti ins Magnum Legendarium Austriacum um 1190.[13]
Zweck und mögliches historisches Vorbild
Die Vita verfolgt offensichtlich das Ziel, die Stellung der Iren in Regensburg zu stärken. In der Forschung wird Albert weitgehend als fiktive Gestalt betrachtet. Bemerkenswert ist jedoch, dass Albert erst in jüngeren Quellen als gebürtiger Ire bezeichnet wird. In der Vita selbst erscheint er hingegen als Anglus, wird Freund eines Iren, zieht nach Irland, wird Erzbischof und schließt sich der irischen peregrinatio an. Auf dem Kontinent tritt er schließlich als Scotus auf, seine englische Herkunft wird nicht mehr erwähnt. Diese Erzählstruktur, die einen Nichtiren als Iren erscheinen lässt, könnte als eine notwendige Anpassung an die vorhandenen Kenntnisse bezüglich einer historischen Person zu verstehen sein. Letztlich bleibt aber festzuhalten, dass Albert, sollte er tatsächlich existiert haben, durch die literarische Überformung der Regensburger Iren historisch nicht mehr fassbar ist. Geschichte und Legende sind hier untrennbar verschmolzen und jede Form überprüfbarer Information fehlt vollständig. Ob Albert auf einer realen Person basiert oder eine rein literarisch-hagiographische Figur darstellt, lässt sich damit nicht mehr klären. Seine „Geburt“ als Vitenheld erfolgte jedenfalls im 12. Jh. in Regensburg – unabhängig von einer möglichen historischen Existenz.[14]
Die Vita wirkte gemeinsam mit dem Recessus Erhardi prägend auf die Ausbildung der Erhardlegende, indem sie – ganz im Interesse der Regensburger Iren – die Hibernisierung der Gestalt Erhards vorantrieb. Zugleich propagiert der Text in einem fremden Umfeld das irische Konzept der peregrinatio als Lebens- und Missionsmodell auf dem Kontinent.[15] In der Stiftskirche Niedermünster wird Albert ein Grab zugeschrieben, dessen Auffindung im 12. Jh. möglicherweise Anlass für die Abfassung der Vita gewesen ist.[16]
Edition
- Wilhelm Levison: Vita Albarti archiepiscopi Casellensis. In: Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Merovingicarum (MGH SS rer. Merov.) 6, hrsg. v. dems. u. Bruno Krusch, Hannover/Leipzig 1913, S. 21–23.
Literatur
- Stefan Weber: Die Konstruktion eines fabulösen „irischen“ Heiligenlebens? Der heilige Albert, Regensburg und die Iren. In: Irische Mönche in Süddeutschland. Literarisches und kulturelles Wirken der Iren im Mittelalter, hrsg. v. Dorothea Walz/Jakobus Kaffanke, Heidelberg 2009, S. 229–304 [Übersetzung der Vita S. 297–304].
- Stefan Weber: Iren auf dem Kontinent. Das Leben des Marianus Scottus von Regensburg und die Anfänge der irischen „Schottenklöster“, Heidelberg 2010.
Anmerkungen
- ↑ Für einen Überblick über die Überlieferungsträger siehe Wilhelm Levison: Vita Albarti archiepiscopi Casellensis. In: Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Merovingicarum (MGH SS rer. Merov.) 6, hrsg. v. dems. u. Bruno Krusch, Hannover/Leipzig 1913, S. 21–23, hier: S. 21.
- ↑ München, BSB Clm 14473 (Regensburg St. Emmeram E. 96), fol. 62r–64r (Digatalisat).
- ↑ Wiener, ÖNB 336 (Historia ecclesiastica 5), fol. 218v–219r.
- ↑ Heiligenkreuz, Zisterzienserstift, Cod. 12, fol. 164r–165r (Digitalisat).
- ↑ Zwettl, Zisterzienserstift, Cod. 24, fol. 175r–176r (Digitalisat).
- ↑ Admont, Benediktinerstift, Cod. 24, fol. 129r–129v (Digitalisat).
- ↑ Melk, Benediktinerstift, Cod. 492 (675, M 5), fol. 70r–71r (Digitalisat).
- ↑ München, BSB Clm 14186, fol. 36v–37r (Digitalisat).
- ↑ Wilhelm Levison: Vita Albarti archiepiscopi Casellensis. In: Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Merovingicarum (MGH SS rer. Merov.) 6, hrsg. v. dems. u. Bruno Krusch, Hannover/Leipzig 1913, S. 21–23, hier: S. 21.
- ↑ Edition: Wilhelm Levison: Vita Albarti archiepiscopi Casellensis. In: Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Merovingicarum (MGH SS rer. Merov.) 6, hrsg. v. dems. u. Bruno Krusch, Hannover/Leipzig 1913, S. 21–23; Zusammenfassung der Handlung in: James F. Kenney: The Sources for the Early History of Ireland. Ecclesiastical, Bd. 1, New York u. a. 1929, S. 527, Nr. 332/2; und Stefan Weber: Die Konstruktion eines fabulösen „irischen“ Heiligenlebens? Der heilige Albert, Regensburg und die Iren. In: Irische Mönche in Süddeutschland. Literarisches und kulturelles Wirken der Iren im Mittelalter, hrsg. v. Dorothea Walz/Jakobus Kaffanke, Heidelberg 2009, S. 229–304, hier: S. 239f.
- ↑ Stefan Weber: Die Konstruktion eines fabulösen „irischen“ Heiligenlebens? Der heilige Albert, Regensburg und die Iren. In: Irische Mönche in Süddeutschland. Literarisches und kulturelles Wirken der Iren im Mittelalter, hrsg. v. Dorothea Walz/Jakobus Kaffanke, Heidelberg 2009, S. 229–304, hier: S. 289.
- ↑ Stefan Weber: Die Konstruktion eines fabulösen „irischen“ Heiligenlebens? Der heilige Albert, Regensburg und die Iren. In: Irische Mönche in Süddeutschland. Literarisches und kulturelles Wirken der Iren im Mittelalter, hrsg. v. Dorothea Walz/Jakobus Kaffanke, Heidelberg 2009, S. 229–304, hier: S. 289.
- ↑ Stefan Weber: Die Konstruktion eines fabulösen „irischen“ Heiligenlebens? Der heilige Albert, Regensburg und die Iren. In: Irische Mönche in Süddeutschland. Literarisches und kulturelles Wirken der Iren im Mittelalter, hrsg. v. Dorothea Walz/Jakobus Kaffanke, Heidelberg 2009, S. 229–304, hier: S. 240f.
- ↑ Stefan Weber: Die Konstruktion eines fabulösen „irischen“ Heiligenlebens? Der heilige Albert, Regensburg und die Iren. In: Irische Mönche in Süddeutschland. Literarisches und kulturelles Wirken der Iren im Mittelalter, hrsg. v. Dorothea Walz/Jakobus Kaffanke, Heidelberg 2009, S. 229–304, hier: S. 285, 293–95.
- ↑ Stefan Weber: Iren auf dem Kontinent. Das Leben des Marianus Scottus von Regensburg und die Anfänge der irischen „Schottenklöster“, Heidelberg 2010, S. 733; ders.: Die Konstruktion eines fabulösen „irischen“ Heiligenlebens? Der heilige Albert, Regensburg und die Iren. In: Irische Mönche in Süddeutschland. Literarisches und kulturelles Wirken der Iren im Mittelalter, hrsg. v. Dorothea Walz/Jakobus Kaffanke, Heidelberg 2009, S. 229–304, hier: S. 289–91.
- ↑ Stefan Weber: Die Konstruktion eines fabulösen „irischen“ Heiligenlebens? Der heilige Albert, Regensburg und die Iren. In: Irische Mönche in Süddeutschland. Literarisches und kulturelles Wirken der Iren im Mittelalter, hrsg. v. Dorothea Walz/Jakobus Kaffanke, Heidelberg 2009, S. 229–304, hier: S. 292.