Villa Luboldt

Die Villa Luboldt in der Goethestraße 4 in der Villenstadt Gera gehört zu dem Ensemble denkmalgeschützter Villen, die das Stadtbild von Gera prägen. Erbaut wurde sie im Jahr 1903 von dem Architekten Carl Zaenker (1859–1932) auf einem 2205 m² großen Eckgrundstück Goethestraße/Kaiser Wilhelmstraße (jetzt Berliner-Straße). 2005 wurde die Villa unter Denkmalschutz gestellt.[1]

Architektur

Das dreigeschossige Gebäude hat ein Sockelgeschoss, in dem sich früher eine Küche und Wirtschaftsräume, ein Bad für das Personal sowie ein kleiner, als Probierstube eingerichteter Rotweinkeller befanden. Das Erdgeschoss mit seinen repräsentativen Räumen betrat man durch eine große Diele mit Holzverkleidungen und einem schönen Kamin. Daran schloss sich das Musikzimmer mit einem Konzertflügel und ein Wintergarten mit Springbrunnen an. Von einem anderen Zimmer aus führte eine Wendeltreppe herunter in die Wirtschaftsräume. Noch erhalten sind die Kassettendecken in einem der Zimmer und einige eingebaute Wandschränke mit Jugendstil-Verzierungen. Im Obergeschoss (Beletage) und im ausgebauten Dachgeschoss befanden sich Wohnräume.

Der Garten

Die Schellische Anlage wurde mit dem Garten um 1904 fertiggestellt, wie auf einem Zementpfeiler an der Brücke im Garten über dem Bachlauf vermerkt war. Der Garten war mit einem Schmiedeeisen-Zaun im Ost- und Nordteil abgegrenzt. Im unteren Teil der Goethestraße befand sich Ziegelmauerwerk mit einem Eisentor.

Es waren angelegt: ein Zierteich, ca. 8 Quadratmeter groß mit einem Bachlauf, der aus einem kleineren Teich unterhalb einer künstlichen Felsgrotte gespeist wurde. Der Garten war bepflanzt mit Birken, Platanen, Kastanien, Rhododendren, Magnolien, Rosenbeeten, Ahorn, Pappeln und kleinen Kiefern. Durch den Garten führten mit Kies bestreute Wege, eingefasst mit Bandstreifen.

Geschichte

1902 kaufte das Ehepaar Marie und Paul Schellig das Grundstück. Marie Schellig (1871–1960) war die Tochter des Begründers der großen Weberei Alfred Münch AG Mechanische Kammgarnspinnerei in Gera, die seit Anfang des 19. Jahrhunderts bereits mit Wollwaren handelte. Ihr Mann Paul Schellig war in der Firma Münch zunächst Prokurist, später dann Gesellschafter.

Das Baugrundstück war ein Feld. 1903 erfolgte die Grundsteinlegung mit einer eingemauerter Zeitung und einer Goldmünze. Der Architekt Zaenker entwarf und erbaute eine Villa, die den damaligen technischen Errungenschaften gerecht wurde. Eine Zimmertelefonanlage verband nahezu alle Räume miteinander. Ein Telefonanschluss war u. a. direkt am Tischbein im Speisezimmer befestigt. Das Kabel führte von dort durch die Decke in die Küche. Die Kamine im Haus wurden mit Gas betrieben, ebenso eine Warmwasser-Zentralheizung. Die Kosten für die Villa betrugen 350.000 Goldmark (bei 1 Goldmark= 7 DM ca. 2,45 Mio. DM). 1904 zogen Marie und Paul Schellig mit ihren beiden Kindern in die Villa ein.

Nach dem Krieg, in den frühen 1920er Jahren, musste das Dachgeschoss vermietet werden. 1921 starb Paul Schellig.

Gerda Schellig (1899–1955), die Tochter des Ehepaars Schellig, bezog nach der Hochzeit mit Hermann Luboldt (1892–1962), einem Direktor der Weberei,[2] im Jahr 1921 die Villa. Die Situation verschlechterte sich, als nach der Weltwirtschaftskrise 1928 die Firma Alfred Münch stillgelegt werden musste. Während des Zweiten Weltkrieges wurden Flüchtlinge aus dem Saarland, Schlesien, Ostpreußen und Ostsachsen einquartiert. Im April 1945 wurde die Villa durch Amerikaner besetzt. Nach Kriegsende wohnten in der Villa auch Angehörige der amerikanischen und sowjetischen Besatzungsmacht. Dass die Villa nicht für den ersten sowjetischen Stadtkommandanten geräumt werden musste, ist einem glücklichen Umstand zu verdanken. Bei der Hausbesichtigung lud Hermann Luboldt den Oberst aus Sibirien zu einer russischen Teestunde ein und verblüffte den Gast mit seinen guten Russischkenntnissen, die er in russischer Gefangenschaft erworben hatte. Die Familie konnte daraufhin mit weiteren Mietern im Haus wohnen und auch dessen Besitzer bleiben.

In den 1970er Jahren wurde die Villa von der Deutschen Demokratischen Republik enteignet. 1974 hatten Werner Luboldt und seine Frau erstmals wieder Zugang zum Haus, 1992 wurde die Villa an die Luboldts zurückgegeben.

Einzelnachweise

  1. Denkmalliste. (Suche „Stadt Gera, Goethestraße 4“). Freistaat Thüringen – Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, abgerufen am 24. September 2025.
  2. Andrè Lütge (Hrsg.): Hermann Luboldt. In: untermhaus.de

Koordinaten: 50° 52′ 55,4″ N, 12° 4′ 59,3″ O