Villa Germania (Kronberg i. Ts.)

Die Villa Germania ist eine Ende des 19. Jahrhunderts erbaute spätklassizistische Villa in Kronberg im Taunus, Königsteiner Straße 10. Sie ist als „Kulturdenkmal aus künstlerischen Gründen“ in die Denkmalliste des Landes Hessen eingetragen.[1][2] In Zweitnutzung früher von einem bedeutenden Unternehmer bewohnt, gehört die Villa Germania seit 2014 zur Route der Industriekultur Rhein-Main.[3] Die ursprünglich angegliederte große Parkanlage existiert nicht mehr; an ihrer Stelle erstreckt sich heute ein Wohngebiet.

Entstehung

Die unter Denkmalschutz stehende Villa wurde 1894–1895 als privates Wohnhaus des späteren Kronberger Ehrenbürgers Fritz Schulte (1868–1933)[4][5] nach einem Entwurf des Wiesbadener Architekten Wilhelm Bogler[6] im spätklassizistisch-italienisierenden Stil errichtet. Als Grundstück hatte Schulte einen mehr als 4 ha großen natürlichen Mischhain vor den Toren der Altstadt unweit der Kronberger Burg zwischen der Landstraße nach Königstein und dem Winkelbachtal erworben. Das weitläufige Areal ließ er unter Erhaltung markanter alter Baumsolitäre teilweise roden und hälftig als englischen Landschaftsgarten anlegen. Die andere Hälfte blieb bei bestandsregulierender Jagd landschaftlich weitgehend naturbelassen.

Architektur und Ensemblestruktur

Das historistische Wohnhaus, das der Bauherr bereits zu Beginn der Bauplanung „Villa Germania“ nannte, ist klar geschnitten und in der Hauptansicht fünfachsig gegliedert. Der mittig akzentuierte Baukörper mit rechteckigen Fenstern trägt ein Satteldach. Der über eine beidseitig geschwungene Freitreppe zu erreichende ehemalige Haupteingang ist mit einem dorischen Säulenportikus mit aufgesetztem Balkon und einem drei der insgesamt fünf Fensterachsen umspannendem, rundbogig durchfenstertem Zwerchhaus betont. Die Rückseite der Villa, deren früherer Dienstboteneingang jetzt als Haupteingang genutzt wird, ist ebenfalls von einem Zwerchhaus überlagert.[1]

Für den Betrieb der Villa wurden in ihrer Nähe kleinere, architektonisch funktional gehaltene Remisen-, Stall-, Personal- und Wirtschaftsgebäude geschaffen, von denen heute nur noch ein ehemaliges Waschküchenhaus erhalten ist.[7]

Eine im ehemaligen Hain und späteren Park gelegene traditionsreiche, u. a. von Johann Wolfgang von Goethe mehrfach besuchte und von Anton Burger im Gemälde dargestellte Apfelweinschänke[8][9] aus dem 16. Jahrhundert ließ Schulte, der sich für das von Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) entwickelte Konzept der Denkmalpflege begeisterte, sorgsam renovieren und als Schaustück bewusst in den Park integrieren. Mit dem zusätzlich neu errichteten Gärtner- und Jagdhäuschen, einem Teepavillon, einer Freiluftkegelbahn und einer stilisierten Einsiedelei (später „Haus Abendfriede“ genannt) wurde das Gesamtensemble komplettiert.[7] Selbst für die saturierten Verhältnisse der damals ganz neu entstehenden Millionär-Kolonie Kronbergs[10] stellte der private Park der Villa Germania ein außerordentliches Gartenkunstwerk dar.

Spätere Nutzungen

1920 verkaufte Fritz Schulte sein gesamtes Anwesen an Erwin Kleyer (1888–1975)[11], den kaufmännischen und Export-Direktor des in Frankfurt am Main ansässigen Unternehmens Adlerwerke vorm. Heinrich Kleyer AG, das bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs zu den wichtigsten deutschen Automobilherstellern zählte. Kleyer war ein Sohn des Unternehmensgründers Heinrich Kleyer, fuhr Auto- und Motorradrennen und galt als kunstsinniger Mäzen.

Kleyer kaufte zu dem Anwesen ein historisches verfallenes Gartenhaus hinzu, das am Rand des alten Eibenhains des Kronberger Burgareals lag und der Familie des Frankfurter Zinngießers und Ratsherrn Hermann Jacob Goethe (1697–1761; Onkel des Dichters) gehörte. Er ließ die Ruine des im Kronberger Volksmund „Goethehaus“ genannten Gartenhauses 1921 abtragen und auf dessen Fundamenten eine weitere Unterkunft für seine Gäste errichten. Nach Fertigstellung wurde eine Etage des Goethehauses für einige Jahre von dem expressionistischen Maler Robert Kleyer[12][13] bewohnt, einem Cousin Erwin Kleyers. Als Lehrer von Robert Kleyer war in dieser Zeit auch der Maler Max Beckmann (1884–1950) mehrfach in der Villa Germania zu Gast.[12]

Die ehemalige Remise an der Gartenstraße funktionierte Erwin Kleyer zur Garage um, wo er einige der von ihm mitentwickelten ersten Adler-Motorräder ebenso wie mehrere selbst gefahrenen Adler-Automobile unterbrachte, darunter zwei Sonderanfertigungen von Adler-Diplomat-Cabriolets sowie für kurze Zeit auch die berühmte aerodynamische Adler-Sport-Limousine.[11]

Ab Mitte der 1930er Jahre verlagerten Kleyer und seine Ehefrau, die Kinderbuchautorin Berthel genannt „Bert“ Kleyer,[14] ihren privaten Lebensmittelpunkt zunehmend nach Frankfurt. 1938 ließ Erwin Kleyer mehr als die Hälfte seines Kronberger Parks als Baugrundstücke parzellieren und verkaufte sie. Die Villa mit restlichem Park sowie Nebengebäuden verkaufte er an die Unternehmenserbin Marget von Frieling geb. Frey (1892–1990) und behielt für sich und seine Frau lediglich ein lebenslanges Wohnrecht für die Dachgeschosswohnung. Das Goethehaus verkaufte Kleyer an Gertrud Burkhard geb. Goethe (1913–1995) und damit letztlich wieder an die Familie des ursprünglichen Bauherrn zurück, auch wenn Gertrud Goethe nur eine weit entfernte Nachfahrin war.[7]

1975 schenkte Margret von Frieling Villa und Park dem ihr nahe stehenden Frankfurter Börsenmakler Heinrich genannt „Henny“ Manigold (1940–1985), nach dessen Privatinsolvenz 1985 sein gesamtes Vermögen inklusive der Villa Germania in die Insolvenzmasse einfloss. Auch der verbliebene Park wurde nun gänzlich in Bauland umgewidmet, parzelliert und an verschiedene Bauherren verkauft. Die historische Schänke, die nicht unter Denkmalschutz stand, wurde ebenso wie die anderen Blickfang- und Pavillongebäude des Parks abgerissen.[7] Heute erinnert mit Ausnahme von zwei auf Privatgrund stehenden mehrhundertjährigen Baumsolitären nichts mehr an die einst herausragende Landschaftsgartenanlage.

Seit 1985 ist die Villa Germania weiter in Privatbesitz und nicht öffentlich zugänglich.[3] Das ehemals zum Anwesen gehörende Goethehaus wurde nach dem Tod der letzten Goethe-Eigentümerin ebenfalls an private Käufer veräußert.

Literatur

  • Friedrich Meinecke: Die Entstehung des Historismus. Leibniz-Verlag, München 1946, S. 587 f.
  • Margret von Frieling: Zweite Heimat. Meine Jahre in Kronberg. Eine Reverenz. In: Taunus-Zeitung. 14. August 1971.
  • Helmut Bode (Hrsg.): Kronberg im Taunus. Beiträge zur Geschichte, Kultur und Kunst. Kramer, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-7829-0228-9, S. 36.
  • Reinhard Dauber: Luxuriöse Einfachheit. Exemplarisches zum privaten Wohnhaus des Spätklassizismus. In: Daidalos, Zeitschrift für Architektur, Kunst, Kultur. 16. Jahrgang 1985, S. 111–117.
  • Eva Rowedder: Hochtaunuskreis. Hrsg.: Landesamt für Denkmalpflege Hessen (= Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmäler in Hessen). Konrad Theiss Verlag, Darmstadt 2013, ISBN 978-3-8062-2905-9, S. 338 f.
  • o. V.: Kronberger Villen, ein Stück Siedlungsgeschichte. In: Taunus-Nachrichten / Kronberger Bote. 27. März 2019 (taunus-nachrichten.de, abgerufen am 9. Dezember 2025)
Commons: Königsteiner Straße 10 (Kronberg) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b Villa Germania in DenkXweb (siehe Weblinks)
  2. vergleiche auch die Liste der Kulturdenkmäler in Kronberg im Taunus
  3. a b krfrm.de (keine Karten-Anzeige abrufbar am 9. Dezember 2025)
  4. Ehrenbürger Fritz Schulte auf den Internetseiten der Stadt Kronberg, abgerufen am 9. Dezember 2025
  5. o. V.: Kronberger Geschichtsverein berichtet über Ehrenbürger Fritz Schulte. In: Taunus-Nachrichten / Kronberger Bote vom 12. Juni 2024. (online, abgerufen am 9. Dezember 2025)
  6. Birgit Funk: Der Wiesbadener Architekt Wilhelm Bogler. In: Georg Schmidt-von Rhein (Hrsg.): 175 Jahre Wiesbadener Casino-Gesellschaft 1816–1991. Schellenberg, Taunusstein 1991, ISBN 3-922027-92-X, S. 139–147.
  7. a b c d Margret von Frieling: Zweite Heimat. Meine Jahre in Kronberg. Eine Reverenz. In: Taunus-Zeitung vom 14. August 1971.
  8. Ingeborg Danzer-Erb: Neue Goethe’sche Miszelle. Des Dichters Einkehr in einer Kronberger Apfelweinschänke. In: Hessische Geschichtsblätter, 30. Jahrgang 1988, S. 114.
  9. Vor der Waldschenke (1876), Gemälde von Anton Burger auf www.bildindex.de, abgerufen am 9. Dezember 2025
  10. o. V.: Kronberger Villen, ein Stück Siedlungsgeschichte. (siehe Literatur)
  11. a b Werner Mohr: Rhein-Main-Chronik (Frankfurt - Wiesbaden - Mainz - Darmstadt), abgerufen am 9. Dezember 2025
  12. a b Robert Kleyer auf www.askart.com, abgerufen am 9. Dezember 2025
  13. In einer Vorversion waren die Lebensdaten Robert Kleyers mit „1891–1979“ angegeben, der als Quelle dazu genannte Weblink mutualart.com liefert jedoch gar keine biografischen Einzelheiten. Andere online-Belege oder Literatur-Fundstellen für diese Daten waren am 9. Dezember 2025 nicht zu ermitteln – in den einschlägigen Künstlerlexika wird Robert Kleyer nicht erwähnt.
  14. zwei Werke von Berthel Kleyer (mit wenigen biografischen Einzelheiten) in: Kinderbücher, Bilderbücher, Märchen und Sagen. XXXVIII. Katalog Nr. 82 des Antiquariats Winfried Geisenheyner, Münster 2014, S. 47 f. (geisenheyner.de PDF, ca. 4 MB).

Koordinaten: 50° 10′ 56,9″ N, 8° 30′ 13,9″ O