Villa 31 (Tirana)
Die Villa 31 (albanisch Vila 31), auch als Hoxha-Villa bezeichnet, war das Wohnhaus des albanischen Diktators Enver Hoxha in der Hauptstadt Tirana.
Geschichte
In den 1930er Jahren, als sich die junge Hauptstadt rasch entwickelte, wurde das Gebiet südlich der Lana in die Stadtplanung einbezogen und allmählich erschlossen.[1] Im Gebiet, das später als Blloku bekannt werden sollte, wurden vor allem Villen errichtet, in denen die Elite des Landes ein Zuhause fand.[2][3] Diese Entwicklung setzte sich fort, als Albanien von 1939 bis 1943 italienisch besetzt war.
Der ehemalige Parlamentsabgeordnete Hamit Myftiu (1947 von den Kommunisten hingerichtet) verpachtete 1940 ein Grundstück im Neubauviertel für 99 Jahre an den italienischen Unternehmer Vittorio Ercole Belloti[Anmerkung 1]. Innerhalb von zwei Jahren baute die Italienerin Velleda Lucia Costa aus Genua ein Haus im Italienisierenden Stil auf dem Grundstück. 1942 wurde schließlich der Pachtvertrag aufgehoben und Haus sowie Grundstück an Costa verkauft. Trotz der veränderten Besitzverhältnisse lebte Belloni weiterhin darin.
Nach dem Einmarsch der Kommunisten in Tirana im November 1944 bezog der kommunistische Machthaber Hoxha zuerst im Hotel Dajti Quartier. Die meisten Bewohner des Villenviertels hatten zu diesem Zeitpunkt Albanien verlassen. Koçi Xoxe ließ sie beschlagnahmen. Hoxha interessierte sich für die „Belloni-Villa“, die er schließlich bezog. In dessen unmittelbarer Nachbarschaft befand sich die Residenz seines Vertrauten Koçi Xoxe, in der bis 1944 Ibrahim Biçakçiu gelebt hatte. Der Stadtteil Blloku, in dem sich die Gebäude befanden, wurde zum abgesperrten Wohngebiet für die Staatsführung Albaniens – ähnlich zu Wandlitz bei Berlin. Die Öffentlichkeit hatte keinen Zutritt zu diesem von Soldaten abgeschirmten Stadtteil im Herzen Tiranas. Einzig die Nomenklatura der Sozialistischen Volksrepublik verkehrte hier.
Nach Xoxes Hinrichtung 1949 bezog Hoxha gemeinsam mit seiner Frau Nexhmije Hoxha auch dessen Villa, sodass er und seine Kinder – teilweise mit Ehepartnern und Enkeln – schließlich in beiden Häusern lebten. Die Platzverhältnisse waren trotzdem recht beengt, und als sich Hoxhas Gesundheit Anfang der 1970er-Jahre deutlich verschlechtert hatte, wurde entschieden, das Anwesen mit einem Anbau zu erweitern, der der eingeschränkten Mobilität und den Pflegebedürfnissen von Hoxha gerecht wurde. Die Renovierung und der Anbau wurden vom albanischen Architekten Sokrat Mosko durchgeführt, der von der chinesischen Architektur inspiriert war. In den 1960er- und 1970er-Jahren pflegte das albanische Regime enge Verbindungen zur Volksrepublik China. 1974 waren die Arbeiten abgeschlossen.
Anfang der 1980er-Jahre wurde das Haus erweitert und große Glasfenster eingebaut. In der Villa 31 verbrachte Hoxha seine letzten zehn Lebensjahre, bis er 1985 verstarb. Zum Zeitpunkt von Hoxhas Tod wohnten neun Erwachsene und sieben Kinder in der Residenz.
Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1990 in Albanien musste Nexhmije Hoxha mit ihren Kindern und deren Familien das Haus verlassen und Möbel, Gemälde und viele Bücher zurücklassen: Die Residenzen galten als Staatseigentum.
Die neue Regierung beschlagnahmte das Gebäude und ließ das Innere vollständig unversehrt. Ab 1991 wurde die Villa gelegentlich für Empfänge der albanischen Regierung und als Gästehaus der Regierung genutzt. In der angrenzenden Xoxe-Villa sind ein Café, eine Sprachschule und andere Unternehmen untergebracht.
2024 wurde die Villa 31 von der französischen Stiftung Art Explora zu Künstlerresidenzen umgebaut. Seit 2025 dürfen Künstler mit Stipendium für jeweils drei Monate in der Villa wohnen.
Beschreibung des Gebäudes
Die Hauptvilla mit Anbau, der als die eigentliche Villa 31 bezeichnet wird, besteht aus drei Stockwerken sowie Untergeschoss und bietet eine Wohnfläche von 3400 Quadratmetern. Hoxha, seine Frau Nexhmije, die drei Kinder und Hoxhas ledige Schwester Sanije verfügten je über eigene Wohnungen im Gebäude. Durch einen Korridor verbunden ist die zweite Villa, die nach 1974 primär für Hoxhas Büchersammlung genutzt wurde.
Die Villa umfasst geräumige Wohn- und Arbeitsbereiche. Das Erdgeschoss diente mit großen Saal, Wohn- und Esszimmern auch nicht-privaten Zwecken und konnte für Anlässe wie Empfänge oder Treffen des Politbüros genutzt werden. Neben den Wohnräumen in den Obergeschossen fanden sich in der Villa zwei Treppenhäuser, zwei Aufzüge (Hoxha hatte im Alter Mühe mit dem Treppensteigen), ein Kino, ein Schwimmbad, Küchen und mehrere zusätzliche Räume für das Personal.
Fliesen für die Bäder und Küchen, Möbel und Einrichtungsgegenstände stammten mehrheitlich aus dem Ausland. Einige Sonderanfertigungen wurden im Möbelkombinat in Tirana hergestellt. An den Wänden wurden Kunstwerke des sozialistischen Realismus angebracht.
„Da die […] staatlichen Ressourcen begrenzt waren, wurde das Haus zu großen Teilen mit internationaler […] Katalogware ausgestattet. Teppiche wurden in italienischen Billigmärkten organisiert […].“
Der große Garten umfasst Spazierwege, Teiche, Brunnen, Skulpturengruppen sowie Pflanzen, Sträucher und Bäume.
Ein Tunnel im Untergeschoss hätte ermöglicht, im Notfall schnell zu fliehen. Wo der Tunnel endet, lässt sich heute nicht mit Gewissheit sagen.[5]
Anmerkungen
- ↑ In gewissen Quellen (wie Funke), die nur seinen Nachnamen nennen, wird er auch „Belloni“ genannt.
Literatur
- Philipp Funke: A Dictator’s Home. Inside Enver Hoxha’s Vila 31. Revolver Publishing, Berlin 2025, ISBN 978-3-95763-550-1.
Weblinks
- Vila 31 [former residence of Enver Hoxha] - Architecture Fund in Albania. In: tiranatriennale.com. 27. Oktober 2024, abgerufen am 4. Januar 2026 (englisch).
- Matthias Meisner: Künstlerresidenzen in Hoxha-Villa: Die Badezimmerkacheln des Diktators. In: taz.de. 1. April 2025, abgerufen am 4. Januar 2026.
- Tirana: Künstler erobern die Villa des Diktators Enver Hoxha. In: 3sat.de. 26. November 2025, abgerufen am 4. Januar 2026.
- Elidor Mëhilli: Inside Hoxha’s villa - Elidor Mehilli. In: kosovotwopointzero.com. 6. Mai 2025, abgerufen am 4. Januar 2026 (englisch).
- Julia Rothhaas: Tirana: Neue Nutzung für die Enver-Hoxha-Villa. In: sueddeutsche.de. 25. September 2025, abgerufen am 4. Januar 2026.
- Tom Seymour: Albanian dictator’s fortress-like palace becomes ‘hub for artistic experimentation’. In: theartnewspaper.com. 9. Juni 2025, abgerufen am 4. Januar 2026 (englisch).
- Villa Hoxha in Tirana. In: travellingalbania.com. 4. März 2022, abgerufen am 4. Januar 2026 (niederländisch).
Einzelnachweise
- ↑ Besnik Aliaj, Keida Lulo, Genc Myftiu: Tirana – The Challenge of Urban Development. Tirana 2003, ISBN 99927-880-0-3.
- ↑ Orientalizmat: Who’s who: Tirana’s political Elite in the 1930. In: Medium. 27. November 2023, abgerufen am 27. November 2023 (englisch).
- ↑ ABC Story (ABC News): Si u grabiten villat e bllokut auf YouTube, 27. Januar 2016, abgerufen am 25. November 2018.
- ↑ Funke (2025), S. 37.
- ↑ Funke (2025) schreibt, dass sich die vielen Gerüchte nicht überprüfen lassen, da der Tunnel überflutet und nicht begehbar sei.
Koordinaten: 41° 19′ 15,9″ N, 19° 49′ 2,2″ O