Vicus von Lahr

Der Vicus von Lahr-Dinglingen war eine römische dorfähnliche Siedlung (Vicus) im heutigen Dinglingen, einem Ortsteil von Lahr/Schwarzwald im Ortenaukreis in Baden-Württemberg. Der antike Ortsname ist nicht überliefert.

Siedlungsstruktur und Umgebung

Der römische Vicus von Lahr erstreckte sich beiderseits der heutigen Bundesstraße 3 über eine Länge von etwa 600 Metern und eine Breite von rund 200 Metern. Seine südliche Begrenzung lag im Bereich des heutigen „Mauerwegs“, während sich die Siedlung nach Norden mindestens bis zum Bach Schutter ausdehnte. Der südliche Siedlungsbereich war überwiegend gewerblich geprägt, mit einem Schwerpunkt auf der Töpferei. Lahrer Keramikprodukte wurden bis nach Offenburg und in die heutige Schweiz vertrieben.

Im nördlichen Teil der Siedlung befand sich ein etwa 25 × 10 Meter großes Steingebäude, das aufgrund seiner baulichen Merkmale als Horreum (römischer Getreidespeicher) interpretiert wird. Darüber hinaus sind mindestens vier Trocknungsöfen (Darren) archäologisch nachgewiesen.

Weitere Wohngebäude wurden flussaufwärts im Bereich der Geroldsecker Vorstadt festgestellt. Die Hausbreiten lagen zwischen knapp 5 und etwas über 8 Metern. Der geringe Ziegelfund deutet darauf hin, dass die Dächer vermutlich mit organischen Materialien wie Holzschindeln gedeckt waren. Charakteristisch für die Lahrer Wohnbauten scheint eine Podiumsbauweise gewesen zu sein. Insgesamt wurden bislang fünf Brunnen entdeckt, die jeweils einzelnen Parzellen zugeordnet werden können.

Ein Tempel oder ein öffentlicher Kultbezirk konnte im Vicus bislang nicht nachgewiesen werden. Es fanden sich lediglich wenige private religiöse Objekte, darunter ein Miniaturbeil und ein Rad-Amulett, die möglicherweise auf vorrömisch-keltische Kulttraditionen zurückgehen.

Nach römischem Recht durften Bestattungen nur außerhalb der Siedlung erfolgen. Für Lahr kämen hierfür insbesondere Bereiche nördlich der Schutter, östlich des Mauerwegs sowie die Flur „Schillinger“ in Betracht; diese Areale wurden bislang jedoch nicht archäologisch untersucht. Dennoch wurden innerhalb der Siedlung bereits rund 80 Gräber entdeckt. Bei 53 davon handelt es sich um Früh- oder Neugeborene, die offenbar auf den jeweiligen Grundstücken bestattet wurden. Die meisten der übrigen Brandgräber stammen aus der Spätphase des Vicus, was darauf hindeutet, dass die betroffenen Parzellen zu diesem Zeitpunkt bereits aufgegeben waren. Vereinzelt fanden sich zudem Urnenbestattungen innerhalb noch bewohnter Areale, was den römischen Bestattungsnormen widerspricht.

In der näheren Umgebung des Vicus lagen zahlreiche römische Gutshöfe. Dazu zählen Anlagen im Bereich „Burgheimer Kirchlein“, bei Sulz („Dammenmühle“), Kuhbach („Gießen“), Kippenheimweiler („Untere Breite“), Mietersheim („In der unteren und oberen Bühne“), Langenwinkel („Bruckhirsch-Kleematten“), Dinglingen („Kaltofen“, „Beim weißen Stein“, „Sauläger“) sowie Hugsweier („Im Fuchsenfeldele“, „Im äußeren Entenwäldchen“).

Forschungsgeschichte

Bereits seit dem Spätmittelalter wurden südlich des Dinglinger Ortskerns Mauer- und Ziegelreste festgestellt. Beim Bau der Schutterbrücke im Jahr 1820 kamen römische Münzen, ein bronzener Henkelgriff sowie weitere Metallgeräte zutage. Weitere Funde wurden 1892 beim Bau einer Tabakfabrik gemacht und anschließend dem Museum in Lahr übergeben.

Die erste systematische archäologische Untersuchung erfolgte 1919 durch den Altertumsforscher Otto Meyer in einem rund 30 m langen Abschnitt oberhalb des Mauerwegs. In den 1920er und 1930er Jahren führte der Lahrer Gymnasialprofessor Winfried Knausenberger gemeinsam mit seinen Schülern Ausgrabungen im Gewann „Mauerfeld“ durch. Zwischen 1950 und 1982 folgten mehrere Baustellenbeobachtungen und Notgrabungen des Landesdenkmalamts Baden-Württemberg in den Gewannen „Mauerfeld“, „Kleinfeld“, „Glockengumpen“ und „Schillinger“.

Der Freiburger Denkmalpfleger Gerhard Fingerlin verlagerte den Forschungsschwerpunkt anschließend in den südlichen Siedlungsbereich. Zwischen 1991 und 2002 konnten dabei zahlreiche Funde geborgen werden, darunter Pflanzenreste sowie Teile hölzerner Brunnenschächte.

Im Jahr 2018 wurde im Rahmen der Landesgartenschau ein Nachbau eines römischen Streifenhauses errichtet.

Siedlungsgeschichte

Ab etwa 450 v. Chr. ist am „Sandberg“ bei Mietersheim eine spätlatènezeitliche Siedlung nachweisbar. Zu den Funden zählen drei Potinmünzen, Keramik sowie Fibeln. Wie andere vergleichbare Gruppensiedlungen dieser Epoche wurde auch diese Siedlungsstelle vermutlich um 90/80 v. Chr. aufgegeben. Eine Siedlungskontinuität bis zum römischen Vicus ist daher unwahrscheinlich.

Um das Jahr 74 n. Chr. legten die Römer eine Straße von Argentorate (Straßburg) über den Vicus Offenburg in das Kinzigtal an sowie eine rechtsrheinische Fernstraße von Basel nach Mogontiacum (Mainz). Der Vicus von Lahr entstand an der Kreuzung dieser Fernstraße mit einer Nebenstraße, die durch das Schuttertal in das Kinzigtal führte. In der Nähe der Schutterbrücke wurde zunächst eine Straßenstation eingerichtet; ihr folgten Siedler, sodass sich allmählich eine dorfähnliche Siedlung entwickelte. Münzfunde deuten darauf hin, dass der Beginn der Besiedlung um 100/110 n. Chr. anzusetzen ist, weshalb eine militärische Vorgängersiedlung als unwahrscheinlich gilt. Vom Bach aus erstreckte sich das Dorf entlang der Hauptstraße nach Süden. Da diese Längsausdehnung vermutlich durch Gräberfelder im Norden und Süden begrenzt war, begann man ab etwa 120 n. Chr. mit der Bebauung der Querstraße entlang des heutigen Mauerwegs. Auf die anfänglichen Holzbauten folgten im 2. Jahrhundert Steingebäude. Gemäß den archäologischen Untersuchungen gab es wohl im Schnitt schon alle elf bis zwölf Jahre ein Neu- oder Totalumbau der Streifenhäuser.

Der Vicus von Lahr umfasste etwa 180 bis 220 Bauparzellen, was auf eine Einwohnerzahl von schätzungsweise 1.000 bis 1.800 Personen schließen lässt. Andere Berechnungen gehen hingegen von maximal 1.000 Bewohnern während der Blütezeit aus. Ab etwa 180 n. Chr. wurden die ersten Hausparzellen aufgegeben. Um 210 n. Chr. setzte eine großflächige Aufgabe der Siedlungsränder ein; diese Flächen lagen fortan brach oder wurden als Gräberfelder genutzt. Das endgültige Ende der Siedlung dürfte bereits vor 233 n. Chr. eingetreten sein, spätestens jedoch um 260 n. Chr. im Zuge des Limesfalls. Dieses offenbar frühe Siedlungsende teilt der Vicus von Lahr mit benachbarten Ortschaften entlang der rechtsrheinischen Rheintalstraße.

Erst ab der Mitte des 4. Jahrhunderts lässt sich auf der Dinglinger Gemarkung erneut menschliche Präsenz nachweisen, belegt durch einzelne Münzen, Armreife und Bronzenadeln. Diese äußerst spärlichen Funde stammen vermutlich von eingewanderten Germanen und lassen nicht auf eine kontinuierliche Besiedlung schließen.

Literatur

  • Thorsten Mietzner: Kleine Geschichte der Stadt Lahr. Lauinger Verlag, Karlsruhe 2018, ISBN 978-3-76501431-4, S. 10–18.
  • Andrea Bräuning, Alexander Heising (Hrsg.): Entlang der Fernstraße. Die römische Siedlung von Lahr-Dinglingen (= Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg. Bd. 80). Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, Esslingen 2018, ISBN 978-3-942227-37-7.