Victor Stănculescu
Victor Atanasie Stănculescu (* 10. Mai 1928 in Tecuci; † 19. Juni 2016)[1] war ein rumänischer Militär und Politiker. Als Zwei-Sterne-General und kommissarischer Verteidigungsminister spielte er während der Rumänischen Revolution im Dezember 1989 eine entscheidende Rolle bei der Entmachtung und Hinrichtung des Diktators Nicolae Ceaușescu. Danach war er von Februar 1990 bis April 1991 Verteidigungsminister Rumäniens.
Leben
Stănculescu arbeitete zunächst als Bauarbeiter, bevor er nach Gründung der Rumänischen Volksrepublik die Offiziersschule der Artillerie in Sibiu (bis 1949) und die Militärakademie in Bukarest (bis 1951) absolvierte. Als Hauptmann trat er Ende 1954 der Rumänischen Arbeiterpartei (PMR; ab 1965 Rumänische Kommunistische Partei, PCR) bei und wurde nach der Kandidaturzeit 1957 Vollmitglied der Partei. Ab 1955 diente er als Major, ab 1960 als Oberst im Generalstab des rumänischen Heeres.
Im Jahr 1968 wurde Stănculescu zum Generalmajor (Ein-Stern-General) befördert. In dieser Zeit marschierten Truppen der Sowjetunion und des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei ein,[2] um den Prager Frühling niederzuschlagen. Die rumänische Führung unter Nicolae Ceaușescu lehnte dies jedoch ab und wandte sich ab dieser Zeit von der sowjetischen Führungsrolle im Ostblock ab. 1979 erfolgte die Beförderung zum Generalleutnant (Zwei-Sterne-General). Ab 1981 war Stănculescu Stellvertreter, ab 1986 erster Stellvertreter des Ministers für Nationale Verteidigung.
In der Rumänischen Revolution 1989 spielte er eine zentrale Rolle. Zunächst folgte er den Befehlen des rumänischen Diktators Nicolae Ceaușescu und setzte in Timișoara den Schießbefehl um, durch den 72 Menschen getötet wurden und weitere 250 Schusswunden erlitten.[3] Nach dem Suizid des bisherigen Verteidigungsministers Vasile Milea am Morgen des 22. Dezember 1989 setzte Ceaușescu ihn als kommissarischen Verteidigungsminister ein. Noch am selben Tag entschied Stănculescu entgegen der Befehle Ceaușescus, ein motorisiertes und ein Panzerregiment, die bereits auf dem Weg zum Zentralkomitee der PCR waren, in ihre Quartiere zurückzubeordern. Das verhinderte ein weiteres Blutbad und ermöglichte es den Demonstranten, weiterhin Druck auf Ceaușescu auszuüben. Als diese begannen, in das Gebäude des Zentralkomitees einzudringen, verhalf Stănculescu dem Diktator und seiner Ehefrau Elena zur Flucht mit einem Hubschrauber aus Bukarest.[4]
Ebenfalls am 22. Dezember lud Stănculescu Ion Iliescu, einen ehemals hochrangigen PCR-Funktionär, den Ceaușescu jedoch zur Seite gedrängt hatte, ins Verteidigungsministerium ein und versprach ihm Schutz und Unterstützung. Am Nachmittag desselben Tages verkündete Iliescu in einer Liveübertragung im Fernsehen die Absetzung des Diktators und die Übernahme der Regierungsgeschäfte durch einen „Rat der Front der Nationalen Rettung“ (Consiliul Frontului Salvării Naționale, CFSN). Diesem Gremium gehörte auch Stănculescu an.[5] Auf Betreiben Stănculescus und seiner Mitstreiter im Exekutivbüro des CFSN wurde am 24. Dezember 1989 ein außerordentliches Militärtribunal organisiert, das nach einem Schauprozess am nächsten Tag das Ehepaar Nicolae und Elena Ceaușescu zum Tode verurteilte und sofort erschießen ließ.[6]
Am 28. Dezember 1989 ernannte Ion Iliescu – als Präsident des Exekutivbüros des CFSN mittlerweile Interims-Staatsoberhaupt – Stănculescu zum Dank für seine Loyalität zum Wirtschaftsminister[7] und beförderte ihn zum Generaloberst (Drei-Sterne-General). Von Februar 1990 bis zum 30. April 1991 bekleidete er das Amt des Verteidigungsministers im Kabinett Roman I. Im Mai 1991 wurde er zum Armeegeneral (Vier-Sterne-General) befördert und in die Reserve versetzt.
Am 16. Oktober 2008 wurden Stănculescu und ein weiterer hochrangiger General, der frühere Innenminister Mihai Chițac, im Zusammenhang mit der Erschießung von Demonstranten in Timișoara während der rumänischen Revolution 1989 in letzter Instanz vom Obersten Gericht Rumäniens wegen schweren Totschlags zu 15 Jahren Haft verurteilt.[8] Nach fünf Jahren, einem Drittel der Haftstrafe, wurde Stănculescu am 20. Mai 2014 auf Bewährung entlassen.[9] Am 24. März 2015 wies der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Beschwerde Stănculescus und der Witwe des 2010 verstorbenen Chițac wegen unangemessener Länge des Verfahrens als unzulässig ab.[3]
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Generalul Victor Atanasie Stănculescu a murit într-un azil. In: România TV vom 19. Juni 2016 (rumänisch), abgerufen am 24. Juni 2016
- ↑ Fostul general Victor Atanasie Stanculescu, condamnat pentru reprimarea Revolutiei de la Timisoara, a murit la varsta de 88 de ani. In: HotNews.ro vom 19. Juni 2016 (rumänisch), abgerufen am 24. Juni 2016
- ↑ a b Entscheidung des EGMR über die Anträge Victor Atanase STĂNCULESCU gegen Rumänien u. Mihai CHIŢAC gegen Rumänien. In: Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte vom 16. April 2015 (englisch).
- ↑ Florin Abraham: Romania Since the Second World War. A Political, Social and Economic History. Bloomsbury Academic, London/New York 2017, S. 111.
- ↑ Florin Abraham: Romania Since the Second World War. A Political, Social and Economic History. Bloomsbury Academic, London/New York 2017, S. 112–114.
- ↑ Ceausescu execution ‘avoided mob lynching’. In: BBC vom 25. Dezember 2009 (englisch), abgerufen am 30. März 2013
- ↑ Gregor Clemens Scholz: Die Systemkorruption in Rumänien S. 71
- ↑ Romanian Ex-General Mihai Chitac Dies After Long Illness. In: Media Fax vom 1. November 2010 (englisch)
- ↑ Victor Stănculescu, eliberat din închisoare: Istoria va lămuri ce s-a întâmplat la Timişoara. In: România liberă vom 21. Mai 2014 (rumänisch), abgerufen am 22. Juni 2016.