Vertrag von Punakha
Der Vertrag von Punakha (englisch Treaty of Punakha, Dzongkha: སྤུ་ན་ཁའི་ཆིངས་ཡིག། - spu na kha'i chings yig) war ein Vertrag zwischen dem erst kürzlich konsolidierten Königreich Bhutan und Britisch-Indien. Er wurde am 8. Januar 1910 im Punakha Dzong unterzeichnet. Der Vertrag ist dabei kein Einzeldokument, sondern stellt eine Anpassung des Vertrags von Sinchula (Treaty of Sinchula) von 1865 dar, der davor als Arbeitsabkommens zwischen Bhutan und Britisch-Indien diente.[1] Als solches ist der Vertrag von Punakha eine Ergänzung, deren Text alle anderen Aspekte des Vertrags von Sinchula durch Verweise einbezieht.
Im Vertrag von Punakha garantierte Großbritannien die Unabhängigkeit Bhutans, gewährte der bhutanischen königlichen Regierung ein erhöhtes Stipendium und übernahm die Kontrolle über die bhutanischen Außenbeziehungen. Obwohl dieser Vertrag die Praxis einleitete, die bhutanischen Außenbeziehungen an einen anderen Oberherrn zu delegieren, bekräftigte er auch die Unabhängigkeit Bhutans als eines der wenigen asiatischen Königreiche, die nie von einer regionalen oder kolonialen Macht erobert wurden.[2][3]
Hintergrund und Inkrafttreten
Fünf Monate lang, zwischen 1864 und 1865, führten Bhutan und Britisch-Indien den Duar-Krieg, den Bhutan verlor. Infolgedessen verlor Bhutan einen Teil seines souveränen Territoriums und musste weitere, zuvor besetzte Gebiete abtreten. Gemäß dem Vertrag von Sinchula vom 11. November 1865 trat Bhutan Gebiete in den Assam- und Bengal-Duars (दुआर) sowie das 83 km² große Gebiet von Dewangiri im Südosten Bhutans ab und erhielt im Gegenzug eine jährliche Subvention von 50.000 Rupien.[4]
Um die Jahrhundertwende führten die anhaltenden geopolitischen Entwicklungen zur Frage eines neuen Vertrags. Ugyen Wangchuck hatte seine Macht als Penlop von Trongsa gefestigt und war erst zwei Jahre zuvor, im Dezember 1907, von Regierungs- und Religionskadern einstimmig zum Monarchen gewählt worden.[5]
Der Vertrag wurde am 8. Januar 1910 durch die Unterzeichnung in Punakha durch den politischen Offizier von Sikkim, Charles Alfred Bell, und den ersten Druk Gyalpo (König von Bhutan), Maharadscha Ugyen Wangchuck, in Kraft gesetzt.
Folgen und Aufhebung
Der Vertrag von Punakha schuf einen Präzedenzfall für Vertragsänderungen und ausländische Oberhoheit und bestätigte die Praxis der ausländischen Subventionierung der königlichen Regierung.[6] Die Zahlungen und Ländereien, die Gegenstand des Vertrags von Punakha waren, wurden von mehreren zeitgenössischen und späteren Abkommen begleitet, von denen einige die Änderungen von Punakha letztendlich aufhoben.[7][8][9]
Der Vertrag von Punakha war Teil anderer zeitgenössischer Abkommen, welche die Gewinne aus der Elefantenjagd ungleichmäßig zu Gunsten Großbritanniens verteilten;[1] So wurden Land in Motithang (Provinz Thimphu) und ein Bergort zwischen Chukha und Thimphu an die Briten abgetreten; außerdem wurde ein Teil des britischen Kalimpong an Bhutan übertragen, das später zu Bhutan House wurde und sich im Besitz der Familie Dorji befand.[10] Das Land um das Anwesen Kalimpong war zuvor nach dem Ende des Bhutan-Krieges und als Bedingung des Vertrags von Sinchula im Jahr 1865 von Bhutan an Britisch-Indien abgetreten worden.[11][12] Kazi Ugyen Dorji aus der Familie Dorji besiedelte das Land und nutzte die lukrativen Handelsrouten durch Kalimpong. Ab 1898 fungierte er als Handelsagent und Vermittler zwischen dem Britischen Empire und Tibet.[13]
Am 8. August 1949 wurde die Unabhängigkeit Bhutans von Indien anerkannt. Am 23. April 1948 leitete Sonam Topgay Dorji, ebenfalls aus der Dorji-Familie, die bhutanische Delegation im kurz zuvor unabhängig gewordenen Indien und traf dort Premierminister Jawaharlal Nehru. Topgay und Nehru knüpften diplomatische Beziehungen zwischen Bhutan und Indien, motiviert durch die wachsende Sicherheitsbedenken hinsichtlich des kommunistischen Chinas. Die bilateralen Verhandlungen dauerten bis zum 8. August 1949 und mündeten im indisch-bhutanischen Vertrag. Gemäß diesem Abkommen gab Indien das Land um Deothang zurück, das im Anglo-Bhutanischen Krieg von 1865 teilweise umstritten gewesen war.[8][14]
Im Februar 2007 unterzeichnete der fünfte König Jigme Khesar Namgyal Wangchuck einen Freundschaftsvertrag mit Indien, welcher den Vertrag von 1949 ablöste.[15]
Text
Der volle Text des Vertrags von Punakha lautet:
„Da es wünschenswert ist, die Artikel IV und VIII des am 11. November 1865 in Sinchula, entsprechend dem Bhutia-Jahr Sing Lang, dem 24. Tag des 9. Monats, zwischen der britischen Regierung und der Regierung von Bhutan geschlossenen Vertrags zu ändern, werden die nachstehenden Änderungen einerseits von Herrn C. A. Bell, Politischer Offizier in Sikkim, aufgrund der ihm von dem Hochwürdigen Sir Gilbert John Elliot-Murray-Kynynmound, PC, GMSI, GMIE, GCMG, Earl of Minto, Vizekönig und Generalgouverneur von Indien im Rat, übertragenen Vollmachten und andererseits von Seiner Hoheit Sir Ugyen Wangchuck, KCIE, Maharaja von Bhutan, vereinbart.
Dem Artikel IV. des Sinchula-Vertrags von 1865 wurde folgende Ergänzung hinzugefügt.
„Die britische Regierung hat die jährliche Zuwendung an die Regierung von Bhutan mit Wirkung vom 10. Januar 1910 von fünfzigtausend Rupien (Rs. 50.000) auf einhunderttausend Rupien (Rs. 100.000) erhöht.“
Artikel VIII des Sinchula-Vertrags von 1865 wurde überarbeitet und lautet wie folgt:
–„Die britische Regierung verpflichtet sich, sich nicht in die inneren Angelegenheiten Bhutans einzumischen. Die bhutanische Regierung ihrerseits verpflichtet sich, sich in ihren Außenbeziehungen von den Empfehlungen der britischen Regierung leiten zu lassen. Im Falle von Streitigkeiten oder Beschwerden gegen die Maharadschas von Sikkim und Cooch Behar werden diese Angelegenheiten der britischen Regierung zur Schlichtung vorgelegt, die sie nach Maßgabe der Gerechtigkeit entscheiden und auf die Einhaltung ihrer Entscheidung durch die genannten Maharadschas bestehen wird.“
Ausgeführt in vierfacher Ausfertigung in Punakha, Bhutan, am achten Tag des Januars im Jahr unseres Herrn eintausendneunhundertzehn, entsprechend dem Bhutia-Datum, dem 27. Tag des 11. Monats des Erdvogel-Jahres (Sa-ja).
CA Bell, Politischer Beamter in Sikkim.
Achter Januar neunzehnhundertzehn (8. Januar 1910).
(Siegel)
Siegel des politischen Beamten in Sikkim.
Siegel des Dharma Raja. [Siegel]
Siegel Seiner Hoheit des Maharadschas von Bhutan. (Siegel)
Siegel der Tatsang Lamas. (Siegel)
Siegel von Tongsa Penlop. (Siegel)
Siegel von Paro Penlop. (Siegel)
Siegel von Zhung Dronyer. (Siegel)
Siegel von Timbu Jongpen. (Siegel)
Siegel von Punaka Jongpen. (Siegel)
Siegel von Wangdu Potang Jongpen. (Siegel)
Siegel von Taka Penlop. (Siegel)
Siegel von Deb Zimpon. (Siegel)
MINTO,
Vizekönig und Generalgouverneur von Indien.
Dieser Vertrag wurde vom Vizekönig und Generalgouverneur von Indien im Rat in Fort William am vierundzwanzigsten März 1910 (24. März 1910) ratifiziert.
SH BUTLER,
Sekretär des
Außenministeriums der indischen Regierung.
— Vertrag von Punakha“[16]
Einzelnachweise
- ↑ a b Neil Fraser, Anima Bhattacharya, Bimalendu Bhattacharya: Geography of a Himalayan kingdom: Bhutan Concept Publishing Company 2001: S. 17. ISBN 81-7022-887-5 Google Books
- ↑ „[T]here can be no doubt that since at least the tenth century no external power has controlled Bhutan, although there have been periods when various of its neighbors have been able to exert a strong cultural and/or political influence there.“ Leo E. Rose: The Politics of Bhutan. Cornell University Press, Ithaca 1977: S. 24. ISBN 0-8014-0909-8
- ↑ „[Bhutan was] peripheral to the great empire of power and faith [i.e., Tibet], yet never subjugated to it.“ Michael Aris: The Raven Crown: The Origins of Buddhist Monarchy in Bhutan. Serindia Publications, Chicago 2005: S. 15. ISBN 1-932476-21-0
- ↑ Nagendra Singh: Bhutan: a Kingdom in the Himalayas: a study of the land, its people, and their government. Appendix VII – The Treaty of Sinchula. Thomson Press Publication Division 1978: S. 243. Google Books
- ↑ Nagendra Singh: Bhutan: a Kingdom in the Himalayas: a study of the land, its people, and their government. Thomson Press Publication Division 1978: S. 52. Google Books
- ↑ Christian Schicklgruber: Bhutan: mountain fortress of the gods. Shambhala 1998. ISBN 978-0-906026-44-1 Google Books
- ↑ Robert L. Worden: Foreign Relations – India. In: Andrea Matles Savada (hg.): Country study: Bhutan. bt, September 1991.
- ↑ a b K. Warikoo: Himalayan Frontiers of India: Historical, Geo-political and Strategic Perspectives. vol. 13. Routledge contemporary South Asia series. Taylor & Francis US 2009: S. 139. ISBN 978-0-415-46839-8 Google Books
- ↑ Indo-Bhutan Friendship Treaty. Carnegie Endowment for International Peace, 8. August 1949, abgerufen am 12. August 2011 (englisch).
- ↑ Awadhesh Coomar Sinha: Himalayan kingdom Bhutan: tradition, transition, and transformation. Indus Publishing 2001. Google Books ISBN 81-7387-119-1
- ↑ Deb Shova Kansakar Hilker Vajra: Syamukapu: The Lhasa Newars of Kalimpong and Kathmandu. Publications 2005. Google Books ISBN 99946-644-6-8
- ↑ Arts of Asia. vol. 17. Arts of Asia Publications 1987: S. 107 googl books
- ↑ Khandu-Om Dorji: A Brief History of Bhutan House in Kalimpong. 2002, archiviert vom am 5. Januar 2012; abgerufen am 12. August 2011 (englisch).
- ↑ Indo-Bhutan Friendship Treaty. Carnegie Endowment for International Peace, 8. August 1949, abgerufen am 12. August 2011 (englisch).
- ↑ Bhutan and India sign new treaty. BBC, 8. Februar 2007, abgerufen am 6. November 2008 (englisch).
- ↑ Whereas it is desirable to amend Articles IV. and VIII. of the Treaty concluded at Sinchula on the 11th day of November, 1865, corresponding with the Bhutia year Sing Lang, 24th day of the 9th month, between the British Government and the Government of Bhutan, the undermentioned amendments are agreed to on the one part by Mr. C. A. Bell, Political Officer in Sikkim, in virtue of full powers to that effect vested in him by the Right Honourable Sir Gilbert John Elliot-Murray-Kynynmound, P.C., G.M.S.I., G.M.I.E., G.C.M.G., Earl of Minto, Viceroy and Governor-General of India in council, and on the other part by His Highness Sir Ugyen Wangchuck, K.C.I.E., Maharaja of Bhutan.
The following addition has been made to Article IV. of the Sinchula Treaty of 1865.
:“The British Government has increased the annual allowance to the Government of Bhutan from fifty thousand rupees (Rs. 50,000) to one hundred thousand rupees (Rs. 100,000) with effect from the 10th January, 1910.”
Article VIII. of the Sinchula Treaty of 1865 has been revised and the revised Article runs as follows: –:“The British Government undertakes to exercise no interference in the internal administration of Bhutan. On its part, the Bhutanese Government agrees to be guided by the advice of the British Government in regard to its external relations. In the event of disputes with or causes of complaint against the Maharajas of Sikkim and Cooch Behar, such matters will be referred for arbitration to the British Government which will settle them in such manner as justice may require, and insist upon the observance of its decision by the Maharajas named.”
Done in quadruplicate at Punakha, Bhutan, this eighth day of January in the year of our Lord one thousand nine hundred and ten, corresponding with the Bhutia date, the 27th day of the 11th month of the Earth-Bird (Sa-ja) year.
C. A. Bell, Political officer in Sikkim.
Eighth January, nineteen hundred and ten
(8 January 1910).
(seal)
Seal of Political officer in Sikkim.
Seal of Dharma Raja. [seal]
Seal of His Highness the Maharaja of Bhutan. (seal)
Seal of Tatsang Lamas. (seal)
Seal of Tongsa Penlop. (seal)
Seal of Paro Penlop. (seal)
Seal of Zhung Dronyer. (seal)
Seal of Timbu Jongpen. (seal)
Seal of Punaka Jongpen. (seal)
Seal of Wangdu Potang Jongpen. (seal)
Seal of Taka Penlop. (seal)
Seal of Deb Zimpon. (seal)
MINTO,
Viceroy and Governor-General of India.
This treaty was ratified by the Viceroy and Governor-General of India in Council at Fort William, on the twenty-fourth day of March, A.D. one thousand nine hundred and ten (24 March 1910).
S. H. BUTLER,
Secretary to the Government of India,
Foreign Department.
East India (Tibet): Papers relating to Tibet. vol. 2–4. Foreign and Commonwealth Office. Great Britain Foreign Office, India Printed for H. M. Stationery Off., by Darling 1904 Google Books Die Bezeichnung „Bhutia“ in diesem Text bezieht sich nicht auf das moderne Bhutia, sondern auf die Bhutaner.
Literatur
- Matteo Miele: Chinese Shadows on Bhutanese Independence after the Treaty of Punakha. The Tibetan Buddhist Connection and the British Diplomatic Action. In: Seiji Kumagai (hg.): Buddhism, Culture and Society in Bhutan. Vajra Publications, Kathmandu 2018: S. 215–239.