Vertrag von Gaillon

Der Vertrag von Gaillon (französisch Traité de Gaillon) war die Bestätigung eines bereits Ende 1195 in Issoudun (Berry) ausgehandelten Abkommens zwischen dem französischen König Philipp II. August und dem englischen König Richard Löwenherz. Es bestätigte die in Issoudun (Berry) Ende 1195 ausgehandelten Friedensbedingungen zwischen beiden Monarchen und regelte die Aufteilung der umkämpften Gebiete im Vexin normand und im Berry. Unterzeichnet wurde er vermutlich am 14. Januar 1196 zwischen Gaillon und Le Vaudreuil (möglicherweise bei Heudebouville) in der Normandie.[1] Das Dokument gilt als einer der letzten größeren Waffenstillstände des 12. Jahrhunderts zwischen den Reichen Frankreich und England vor der Rückeroberung der Normandie durch Philipp II. August im Jahr 1204.

Hintergrund

Das Abkommen stellte einen Waffenstillstand zwischen Richard Löwenherz, König von England, und Philipp II. August, König von Frankreich, dar, ein Zwischenergebnis im Machtkampf um die in Frankreich liegenden Teile des angevinischen Reichs zwischen dem englischen König und dem französischen König, der nach dessen Ansicht der rechtmäßige Lehnsherr war.

Der genaue Ort der Begegnung ist nicht eindeutig belegt; in der Urkunde heißt es lediglich „entre Gaillon et Le Vaudreuil“, während spätere Chronisten – unter anderem Jean Mineray – Heudebouville als wahrscheinlichen Ort anführen.

Nach dem Chronisten Rigord soll die Initiative von Richard ausgegangen sein:

„Nachdem er die Waffen niedergelegt hatte, begab er sich mit wenigen Begleitern zum König der Franken. Dort leistete er in Gegenwart aller dem König Philipp den Lehenseid für das Herzogtum Normandie und die Grafschaften Poitou und Anjou; anschließend schworen beide Könige an derselben Stelle, den Frieden zu wahren.“

Inhalt und Folgen

Der Vertrag enthielt territoriale und dynastische Bestimmungen und fiel insgesamt zugunsten Richards aus. Philipp II. August konnte lediglich einige seiner jüngsten Eroberungen im Vexin normand behaupten – darunter Vernon, Neaufles, Gisors, Gaillon, Pacy-sur-Eure und Ivry[2]. Er durfte zudem die nominelle Oberhoheit über die Auvergne behalten, die ihm bereits Heinrich II. 1189 zuerkannt hatte. Dagegen musste Philipp auf seine Eroberungen im Berry (darunter Issoudun und Graçay) und auf mehrere andere Besitzungen verzichten.

In der Auvergne verweigerte der Adel die Anerkennung dieses Vertrages. Graf Guido II. trat offen gegen Philipp II. August auf, um die Unabhängigkeit der Region zu bewahren.

Da Philipp II. August infolge des Abkommens weitgehend aus der Normandie verdrängt wurde, brach er den Waffenstillstand bereits im Frühjahr 1196, als er Aumale einnahm[3].

Überlieferung

Ein Exemplar der Urkunde, vermutlich jenes, das Richard Löwenherz am 14. Januar 1196 ausstellte und in dem er die Vertragsklauseln aufführt, befindet sich heute im Trésor des Chartes der französischen Könige. Es wird in den Archives nationales de France in Paris aufbewahrt (Signatur J/628-2, auch AE/III/1 genannt). Die originale Pergamenturkunde mit den anhängenden Siegeln ist digitalisiert und auf Wikimedia Commons unter Charte du 15 janvier 1196 einsehbar.

Weiterführende Artikel

Literatur

  • Stéphane William Gondoin: »Richard Cœur de Lion – Le diable est déchaîné«. In: Patrimoine normand, Nr. 119, Oktober–Dezember 2021, S. 63.
  • Anne-Marie Flambard Héricher: Le château de Vatteville et son environnement, de la résidence comtale au manoir de chasse royal (XI.–XVI. Jh.). Société des antiquaires de Normandie, Caen 2023, S. 61–62.
  • Emmanuel Rousseau / Gilles Désiré dit Gosset: »Le Traité de Gaillon (1196) : Édition critique et traduction«. In: Tabularia, 2002 ([Online](https://doi.org/10.4000/tabularia.2461)).
  • Jean Mineray: Récits et documents pour servir à l’histoire de Gaillon et d’alentour. Bertout, Luneray 1991, S. 27 ([Gallica](https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k33305530/f29.image)).

Einzelnachweise

  1. Stéphane William Gondoin: »Richard Cœur de Lion – Le diable est déchaîné«. In: Patrimoine normand, Nr. 119, Oktober–Dezember 2021, S. 63, ISSN 1271-6006.
  2. Anne-Marie Flambard Héricher: Le château de Vatteville et son environnement, de la résidence comtale au manoir de chasse royal (XI.–XVI. Jh.). Société des antiquaires de Normandie, Caen 2023, S. 61 f., ISBN 978-2-919026-27-2.
  3. Anne-Marie Flambard Héricher 2023, S. 62.