Versuchsgymnasium Oslo

Versuchsgymnasium Oslo
Schulgebäude des Versuchsgymnasiums Oslo im Gründungsjahr 1967
Schulform Höhere Sekundarschule
Gründung 1967
Schließung 2004
Ort Oslo
Provinz Oslo
Staat Norwegen

Das Versuchsgymnasium Oslo (Forsøksgymnaset i Oslo, FGO) war eine Höhere Sekundarschule in Oslo für Jugendliche ab etwa 16 Jahren. Die Schule wurde 1967 als Alternative zum traditionellen norwegischen Gymnasium gegründet und bestand bis 2004.

Schulform

Das Versuchsgymnasium Oslo war eine „videregående skole“, eine Schule der Sekundarstufe II, vergleichbar mit der gymnasialen Oberstufe in Deutschland. Das Mindestalter der Schülerinnen und Schüler lag entsprechend dem norwegischen System bei etwa 16 Jahren, nach Abschluss der 10. Klasse. Es war kein Angebot für jüngere Schüler der Sekundarstufe I oder der Grundschule.

Das Versuchsgymnasium Oslo wurde als Alternative zum regulären norwegischen Gymnasium gegründet. Kennzeichnend für die Schule waren ein offenes Schuldemokratie-Modell (Demokratische Schule), ein hoher Grad an Freiwilligkeit beim Schulbesuch und eine große Auswahl an Fächern. Die Schulversammlung („Allmøte“, Vollversammlung) war das entscheidende Organ der Schule.

Geschichte

1967 – Gründung

Das Versuchsgymnasium Oslo wurde 1967 auf Initiative von drei Gymnasiasten gegründet, die mit dem öffentlichen Schulsystem und dessen „ideologischem Erbe“ unzufrieden waren. Sie verteilten Flugblätter und riefen alle Interessierten dazu auf, sich zu beteiligen. Die Schule startete in Räumen der Tøyen skole. Im selben Jahr zog sie in eigene Räume in der Akersgata 73a im Stadtteil Hammersborg um, einem Gebäude, das ursprünglich 1868 für die Oslo katedralskole errichtet worden war. Gründungsschulleiterin war Mosse Jørgensen.[1]

Ziel war es, eine Schule zu schaffen, die von den Schülern selbst mitverwaltet wurde. Demokratie war das zentrale Prinzip, „Freiheit unter Verantwortung“, wobei die Schüler nicht nur vertreten sein, sondern aktiv an allen Ebenen der Verwaltung teilnehmen sollten, einschließlich Finanzen und Haushaltsplanung. Die Vollversammlung war das höchste Entscheidungsorgan, die Teilnahme an ihr war zunächst verpflichtend. Lehrer und Schüler hatten gleiches Stimmrecht. Der „Råd“ (Rat), bestehend aus vier Lehrern und vier Schülern, wurde von der Vollversammlung gewählt und kümmerte sich um die laufenden Angelegenheiten und den Kontakt zur Schulbehörde. Ein oder zwei Lehrer wurden von allen Schulmitgliedern für ein oder zwei Jahre als Schulleiter gewählt.

Die Schule hatte kein eigenes Prüfungsrecht, die Schüler legten eine Externenprüfung („Privatisten“) ab. Sie konnten ihren eigenen Fachlehrer als Prüfer für die mündlichen Prüfungen wählen. Es wurden keine Noten für Mitarbeit oder Fehlzeiten vergeben. Das System sollte eine Atmosphäre der Gleichberechtigung zwischen Lehrern und Schülern schaffen.

1970er Jahre – Abriss der Hammersborg-Schule

Die Schule provozierte und war häufig Thema öffentlicher Debatten. Es gab Gerüchte über Drogenkonsum, Hunde im Klassenzimmer und Schüler, die in der Schule übernachteten. Kritiker bezweifelten, ob Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren vernünftige Entscheidungen treffen könnten. Trotz hoher Abbrecherzahlen wurde argumentiert, dass diese ohne das Schulangebot noch höher gewesen wären.

Mitte der 1970er Jahre beschloss das Stadtparlament den Abriss des Schulgebäudes in Hammersborg, was zu heftigen Protesten führte. Die sogenannte „Hammersborg-Aktion“ gegen die Räumung der Schule im Oktober 1976 war der größte Polizeieinsatz in Oslo seit dem Zweiten Weltkrieg. Trotz weiterer Proteste wurde das denkmalgeschützte Gebäude am 23. November 1976 abgerissen.

Die Schule zog in die Tøyenhagen skole neben der Lakkegata skole um. Dort verlor sie im Laufe der Jahre an öffentlicher Aufmerksamkeit. Die einflussreichste Zeit der Schule war die Hammersborg-Periode. In den 1970er Jahren wurde das Versuchsgymnasium Oslo zunehmend als Alternativschule anerkannt.

1980er Jahre – Neue Ausrichtung

Die Schulbehörde erlaubte der Schule weiterhin ihre individuelle Freiheit. Sie war eine Alternative für leistungsstarke, aber auch für leistungsschwache Jugendliche, die sonst die Schule abgebrochen hätten. Ab etwa 1980 wurden Schüler mit Behinderungen oder Lernschwierigkeiten integriert.

Die gesellschaftliche Entwicklung hin zu mehr Individualismus in den 1980er Jahren stand im Kontrast zu den Werten der Schule, die Gemeinschaft und demokratische Teilhabe förderte. Das demokratische System wurde zunehmend als ineffizient kritisiert.

1990–1995 – Schließungsdrohungen

Im Herbst 1990 sollte das Versuchsgymnasium Oslo aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen werden. Die Schule mobilisierte Politiker und ehemalige Schüler. Nach einem formellen Beschluss zur Schließung am 3. Januar 1990 wurde entschieden, die Schule außerhalb des Stadtzentrums wiederzueröffnen, und sie zog in die Linderud videregående skole.

1993 gab es erneut Schließungspläne. Nach einer externen Evaluation durch IMTEC (International Movement Towards Educational Change)[2] wurde jedoch beschlossen, dass die Schule als Alternative fortbestehen sollte. 1995 entschied das Stadtparlament mit knapper Mehrheit für den Fortbestand.

1995–2004 – Sinkende Schülerzahlen und Schließung

Ab Herbst 1995 wurden neue Richtlinien und Zielvorgaben eingeführt. Die Schule musste mindestens 40 Schüler pro Jahrgang und eine Abschlussquote von mindestens 50 % innerhalb von vier Jahren vorweisen – Anforderungen, die sie nicht erfüllen konnte. Sinkende Bewerberzahlen führten zu weiteren Einschränkungen. Nach mehreren Schließungsversuchen zog die Schule 2002 in die Oslo Voksenopplæring Sinsen um und wurde 2004 endgültig geschlossen. Das Angebot wurde durch eine „Privatistenklasse“ an der Elvebakken videregående skole ersetzt.

Die pädagogische Philosophie von Mosse Jørgensen lebt heute in der Nyskolen in Oslo weiter.

Schulleiter

  • 1967–1969: Mosse Jørgensen, Pädagogin
  • 1969–1971: Erik Melvold
  • 1971–1974: Niels Hertzberg
  • 1974–1977: Harald Jørgensen
  • 1977–1979: Astrid Kjær
  • 1979–1981, 1991–1992, 1999–2002 und 2003–2004: Rolf Melheim
  • 1985–1988 und 1992–1993: Ida Heiberg Solem
  • 1985–1988: Mami-Lise Bøckmann
  • 1988–1990: Helene Strand-Johannesen
  • 1988–1990 und 2003–2004: Eva Evenmo
  • 1992–1994: Kari Holter
  • 1993–1995: Per Anders Aas
  • 1995–1997: Lisen Andersen
  • 1995–1997: Michael Hopstock
  • Øystein Marmøy
  • Odd Arne Nergaard
  • Bjørn Schøyen
  • May Britt Baastø
  • Sebastian Schmidt

Ehemalige Schüler

Literatur

Commons: Tøyen skole – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Mosse Jørgensen: Schuldemokratie – keine Utopie: das Versuchsgymnasium Oslo. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1973, ISBN 3-499-16802-2, Kapitel Feuerwerk im Blechkanister, S. 9 ff.
  2. Welcome to the IMTEC Foundation! In: imtec.no. Abgerufen am 22. Juli 2025 (norwegisch).