Versöhnungsmesse

Als sogenannte Versöhnungsmesse wird eine Messfeier bezeichnet, die Alfons Nossol, der Bischof von Oppeln, am 12. November 1989 in Krzyżowa zelebrierte und an der der polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl teilnahmen. Bei der heiligen Messe konzelebrierten der Weihbischof von Breslau, Tadeusz Rybak, und der Pfarrer von Schweidnitz, Bolesław Kałuża, ferner Adalbert Kurzeja, Abt der Benediktinerabtei Maria Laach, und Paul Bocklet, Direktor des Kommissariats der deutschen Bischöfe bei der Bundesregierung. Als Vertreter der Evangelischen Kirche nahmen Bischof Heinz-Georg Binder und Waldemar Pytel, Pastor der Evangelischen Friedenskirche in Świdnica, teil.

Kohl wollte zuerst, dass eine Versöhnungsgeste an dem römisch-katholischen Wallfahrtsort auf dem schlesischen Annaberg bei Oppeln stattfinden sollte, was in Polen abgelehnt wurde. Dann wurde der damals abgewirtschaftete Gutshof Kreisau von Helmut James von Moltke, wo sich ab 1942 der Kreisauer Kreis zusammengefunden hatte, ausgewählt, obwohl dieser Ort in Polen fast unbekannt war und die Anreise über schlecht ausgebaute Landstraßen von Warschau Stunden dauerte. Die heilige Messe fand in der für den Zweck umgestalteten Scheune des Gutshofs und im Innenhof statt, wo über tausend Teilnehmer saßen.[1]

Bundeskanzler Kohl befand sich während des überraschenden Mauerfalls am 9. November 1989 in Warschau zu einem Staatsbesuch, weshalb er sofort nach Bonn und Berlin zurückkehren musste. Der Besuch in Polen wurde aber drei Tage später fortgesetzt und hatte in der schon vorher geplanten Versöhnungsmesse seinen Höhepunkt. Mit dem Austausch des Friedensgrußes durch gegenseitige Umarmung bezeugten beide Regierungschefs den symbolischen Beginn einer neuen Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern.

Die heilige Messe in Krzyżowa begann um 10.30 Uhr. Ihr kam neben der religiösen auch eine politische Bedeutung zu. Die polnischen Medien bezeichneten sie zunächst als polnisch-deutsche Feldmesse. Das Programm hingegen sprach von der „Versöhnungsmesse“ – „Aussöhnungsmesse“. Viele deutschstämmige Besucher aus Polen, von denen einige aus Oppeln angereist waren, begrüßten Kohl als „ihren Kanzler“.[2]

Für Kohl und Mazowiecki war die gemeinsame Messe mehr als nur ein symbolischer Höhepunkt eines Staatsbesuchs, insbesondere der gegenseitige Friedensgruß („Gebt einander ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung“). Einerseits war dies eine religiöse Geste von zwei römisch-katholischen Christen, die zum Ablauf der heiligen Messe gehört. Andererseits war es auch eine Geste des polnischen Ministerpräsidenten und des deutschen Kanzlers, ein Zeichen gegenseitigen Verständnisses angesichts einer gemeinsamen, konfliktreichen Geschichte. Von den damaligen Beobachtern wurde es verschieden gelesen und stieß keineswegs auf einhellige Zustimmung.

Als konkrete Maßnahmen wurden elf zweiseitige Abkommen und eine Gemeinsame Erklärung vom 14. November 1989 abgeschlossen[3], die die umfassendste politische Erklärung seit 1970 war.[4]

Einzelbelege

  1. Hans-Peter Schwarz: Helmut Kohl: eine politische Biographie. 2. Auflage. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012, ISBN 978-3-421-04458-7, S. 576.
  2. 35 Jahre nach der Versöhnungsmesse in Kreisau (Krzyżowa) - Silesia News. 14. Oktober 2024, abgerufen am 12. Oktober 2025.
  3. KAS (Hrsg.): Akt der guten Nachbarschaft. 2021, ISBN 978-83-8017-406-1, S. 13–23 (kas.de [PDF]).
  4. Ryszard Zięba: Główne kierunki polityki zagranicznej Polski po zimnej wojnie (= Stosunki Międzynarodowe : podręcznik akademicki). Wydawnictwa Akademickie i Profesjonalne, Warszawa 2010, ISBN 978-83-60807-13-2.