Verfolgung der Sinti und Roma in Recklinghausen

Die Verfolgung der Sinti und Roma in Recklinghausen in der Zeit des Nationalsozialismus ist Teil der Geschichte der Stadt Recklinghausen.

Geschichte

Zum Zeitpunkt der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 lebten etwa 30.000 Roma und Sinti in Deutschland. Nach der herrschenden Meinung zählten sie sowohl zu den „Artfremden“ (Blutschutzgesetz, Ehegesundheitsgesetz 1935) als auch zu den „Asozialen“, die sich jeder Arbeitsdisziplin entzögen und die Einordnung in feste Verhältnisse ablehnten. Die Rassenhygienische und bevölkerungsbiologische Forschungsstelle wurde beauftragt, die Zigeuner administrativ zu erfassen.[1] Heinrich Himmler, Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei, verschärfte die Verfolgungspolitik weiter. Im Oktober 1939 erließ das Reichssicherheitshauptamt in Berlin eine Anordnung, wonach „Zigeuner und Zigeunermischlinge“ ihren Wohnsitz oder Aufenthaltsort „bis auf weiteres“ nicht verlassen durften. Sie wurden in Sammellagern untergebracht. Bei Nichtbefolgung dieser Anordnung drohte die Einweisung in ein Konzentrationslager.[2]

Die Betroffenen wurden in zwei Sammellagern in Form von Lagerplätzen für pferdegezogene Kastenwagen an der Emscherstraße 9 und 20 in Recklinghausen-Süd untergebracht. Sie bestanden von 1939 bis 1943.[2]

Einer der Bewohner, Wilhelm Adam, schrieb am 16. August 1940 an das „Reichskriminalamt Berlin - Zigeunerstelle“. Er bat um die Erlaubnis, nach Essen zurückziehen zu dürfen, wo er Arbeit und eine Wohnung bekommen könnte: „Es ist mir nicht möglich, noch einmal mit meiner Familie einen Winter im Wohnwagen verbringen zu müssen, da ich den ganzen Winter hindurch sehr unter den Erkrankungen meiner Kinder und meiner Frau zu leiden gehabt habe.“ Die Kriminalpolizeistelle Essen lehnte im Oktober 1940 das Umzugsgesuch ab. Es verwies auf den Erlass Himmlers vom 8. Dezember 1938 betreffs „Zigeunerfrage“, der bestimmte, dass „Zigeuner von und in der Nähe von Großstädten fernzuhalten“ seien.[2]

Als Auschwitz-Erlass wird der Erlass des Reichsführers SS Heinrich Himmler vom 16. Dezember 1942 bezeichnet, der die Internierung der Roma und Sinti in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau vorsah. Die Stadtverwaltung berichtete im März 1943 über die Situation in Recklinghausen: „In den sogen. Wohnwagen, die sich … durchweg in einem äußerst schlechten Zustand befinden, hausen teilweise bis zu 8 Personen. Wohnfläche eines Wagens 6 qm. Durch Dächer, Seitenwänden und Böden der Wagen haben Wind und Wetter freien Einzug. Die Leute klagen auch über Kälte, trotzdem Zigeuner nicht verweichlicht sind. Es wurde festgestellt, dass ein etwa 2 Jahre altes Kind erfrorene Füße hatte.“ Unter den Bewohnern waren zu diesem Zeitpunkt etwa 50 Kinder.[2] Der Vorschlag, hier Baracken zu errichten, wurde von den maßgebenden Stellen abgelehnt.[2] Die Ausführungsbestimmungen des Reichssicherheitshauptamtes bestimmten für März 1943 die Konzentration der „zigeunerischen Personen“ in Auschwitz-Birkenau. „Reinrassige“ Sinti sowie „im zigeunerischen Sinne gute Mischlinge“ sollten nicht nach Auschwitz verbracht werden, diese sollten zwangssterilisiert werden. Das Amtes für Wohnungswirtschaft vermerkte: „Die bisher im Stadtgebiet – Emscherstraße – ansässig gewesenen Zigeunerfamilien sind am 10.3.1943 durch die hiesige Kriminalpolizei mit unbekanntem Ziel abgeschoben worden. Dadurch hat die Angelegenheit bezüglich des Barackenbaus ihre Erledigung gefunden.“[2]

Aus Recklinghausen wurden etwa 60 Erwachsene und Kinder in das Zigeunerlager Auschwitz deportiert und dort am 12. und 13. März 1943 im „Hauptbuch des Zigeunerlagers“ verzeichnet.[2] Nach anderen Angaben wurden 106 Personen deportiert.[3]

Etwa 70 Prozent der Insassen kamen durch Hunger, Krankheit und Gewalt um. Im Mai 1944 wurde beschlossen, die dort etwa 6.000 verbliebenen Menschen zu liquidieren. Die Arbeitsfähigen wurden nach und nach in andere Lager geschickt. Die in Birkenau verbliebenen Menschen, zumeist Schwache, Alte, Frauen und Kinder, wurden am 2. August 1944 vergast.[4]

Literatur

  • Helmut Geck, Georg Möllers und Jürgen Pohl: Wo du gehst und stehst…Stätten der Herrschaft, der Verfolgung und des Widerstandes in Recklinghausen 1933 bis 1945. Verlag Rudolf Winkelmann, 2002. S. 145
  • Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Herausgegeben vom Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg, München, London, New York, Paris 1993.
  • Hauptbuch des Zigeunerlagers im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Band 1 (Frauen) und Band 2 (Männer), Gedenkbuch.
  • Zimmermann, Michael: Emscherstraße 9 und Emscherstraße 20. Zwei Zigeunerplätze in Recklinghausen 1939 bis 1943. In: Vestische Zeitschrift (Zeitschrift der Vereine für Orts- und Heimatkunde im Vest Recklinghausen), Bd. 90/91 (1991/92), S. 243–267
  • Karola Fings, Ulrich Friedrich Opfermann: Zigeunerverfolgung im Rheinland und in Westfalen 1933-1945. Geschichte, Aufarbeitung und Erinnerung. 2012

Quellen

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Rassenhygienische Forschungsstelle - Findbuch
  2. a b c d e f g Ruhrfestspiele: Die Ermordung der Roma und Sinti.
  3. Jürgen Pohl: Die vergessenen NS-Opfer 106 Roma aus Recklinghausen wurden 1943 nach Auschwitz deportiert. Recklinghäuser Zeitung, 29. Januar 2024
  4. Gesamtschule Recklinghausen-Suderich: Willy Blum – Ein Sinto-Junge wird Opfer des NS-Regimes .

Koordinaten: 51° 33′ 47,4″ N, 7° 12′ 44,4″ O