Verdeutschung

Verdeutschung (Verb: verdeutschen) bezeichnet das Einbeziehen eines fremden Objekts in die Kultur des deutschen Sprachraums, etwa die Bibelübersetzung Martin Luthers. Sprachwissenschaftlich geschieht dies mittels des Ersetzens von Fremdwörtern durch deutsche Begriffe oder Lehnübersetzungen (z. B. Datenverarbeitung statt englisch data processing).

Davon zu unterscheiden ist die Eindeutschung (auch Germanisierung): Politisch als Form der kulturellen Überformung fremder Gebiete und Bevölkerungen; sprachwissenschaftlich als Angleichung der Schreibweise von Fremdwörtern an die deutsche Laut-Buchstaben-Zuordnung (z. B. Königgrätz statt tschechisch Hradec Králové).[1][2][3]

Sprachlicher Aspekt

Mit dem deutschen Renaissancehumanismus bedeutete die Verdeutschung zunächst die allgemeine deutsche Übersetzung von Texten aus den klassischen Sprachen. Der Begriff wurde im 16. Jahrhundert populär durch den Buchtitel von Martin Luthers Bibelübersetzung ins Deutsche (Biblia: Dat ys De gantze Hillige Schrifft / Vordüdeschet dorch D. Mart. Luth.).[4]

Im 17. Jahrhundert erfand Philipp von Zesen zahlreiche noch heute gebräuchliche Verdeutschungen. Joachim Heinrich Campe entwickelte im 18./19. Jahrhundert ebenfalls eine ganze Reihe erfolgreicher Verdeutschungsvorschläge. Im 20. Jahrhundert suchte Martin Buber mit seinem Bibelübersetzungprojekt Die Schrift. Verdeutscht. einen Kontrapunkt zur allgemeinen Übersetzungspraxis, indem er durch Festhalten an inneren Sprachstrukturen des Hebräischen als fremder Sprache auch im Deutschen das besondere und zu respektierende einer heiligen Schrift eine deutsche Fassung eigenen Charakters nachschuf.

Sprachwissenschaftlich versteht man unter Verdeutschen das bewusste Ersetzen von Fremdwörtern durch inhaltlich entsprechende deutsche Begriffe bzw. Begriffskombinationen oder Lehnübersetzungen in der deutschen Umgangssprache. Dieses erfolgt im Spannungsfeld zwischen Sprachpurismus und sprachlicher Überfremdung.[5] Hinsichtlich der heutigen deutschen Sprachentwicklung bemühen sich Sprachpflegevereine um die Verdeutschung von Anglizismen.

Soziokultureller Aspekt

Der Begriff wird ebenfalls im soziokulturellen Bereich verwendet, wenn es um die Unterwerfung (Germanisierung) fremder Gebiete und Bevölkerungen unter die deutsche Kultur geht, der Zwangsassimilierung.

Literatur

  • Jürgen Schiewe: Joachim Heinrich Campes Verdeutschungsprogramm. In: Deutsche Sprache. Jg. 16, Heft 1, 1988, ISSN 0340-9341, S. 17–33.
  • Wolf Schneider: Speak German! – Warum Deutsch manchmal besser ist. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, ISBN 978-3-498-06393-1.

Quellen

  1. Eindeutschung, eindeutschenDuden, Bibliographisches Institut, 2019; im erstgenannten Eintrag mit Verweis auf den Zweitgenannten und im zweitgenannten Eintrag u. a. auch mit „der deutschen Sprache angleichen, anpassen“
  2. Eindeutschung, eindeutschenDWDS, 2020; im erstgenannten Eintrag mit Verweis auf den Zweitgenannten und im zweitgenannten Eintrag, zur Bedeutung, u. a. auch mit „etw. deutsch machen“ sowie, in der dortigen Synonymgruppe, mit „germanisieren“, „ins Deutsche übersetzen“ und „verdeutschen“
  3. eindeutschen, germanisierenWissen.de
  4. Magdeburg: Michael Lotter, 1554. aus der Niedersächsischen Landesbibliothek Hannover; Signatur CIM 8/9106
  5. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/propaganda/verdeutschung/
Wiktionary: Verdeutschung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen